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21.12.2012
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Stasi-Streit auf Hiddensee

Bürgermeister contra Schülerzeitung

Von Frauke Lüpke-Narberhaus
Fotos
Inselgörn

Eigentlich wollte Elisa Skott, 16, nur wissen, ob die Gerüchte stimmen: Hat der Bürgermeister von Hiddensee für die Stasi gearbeitet? Also interviewte sie ihn für die Schülerzeitung. Nun eskaliert auf der Insel ein Streit, der schon lange schwelt, und die Schülerin fragt sich: Was habe ich falsch gemacht?

Lange arbeitet sie noch nicht als Chefredakteurin, ein paar Monate nur. Manche Schülerzeitungen schreiben über die Schulheizung oder drucken Keksrezepte ab. Elisa Skott sagt, sie wollte über das berichten, was sie interessiert. Und sie wollte nun mal wissen, ob ihr Bürgermeister wirklich bei der Stasi gearbeitet hat und warum seine Unterschrift fehlt auf einem Brief gegen Rechtsextremismus.

Sie habe sich gedacht, dass dem Bürgermeister Thomas Gens das Interview nicht gefallen wird, sagt Elisa. Aber dass er so reagieren würde, nein, damit habe sie nicht gerechnet.

Elisa Skott, 16, besucht die zehnte Klasse der Inselschule Hiddensee, rund 50 Schüler zählt die Schule, einige hundert Bewohner die Insel. Die Insulaner haben sich in zwei Lager gespalten: für und gegen den Bürgermeister. Selbst der Pastor warnt inzwischen vor einem vergifteten Klima auf der Insel, berichtet die "Ostsee Zeitung".

Daran hat die Schülerin Elisa keine Schuld. Trotzdem zeigt sich an dem Interview, das sie für die Schülerzeitung, 18 Seiten, 50 Exemplare, 50 Cent, geführt hat, wie sehr der Streit allmählich eskaliert. Es ist ein lokaler, ein verworrener Konflikt auf einer kleinen Insel in Mecklenburg-Vorpommern, in dem es um die ganz großen deutschen Themen geht: um Stasi und Rechtsextremismus, um einen Brief des Bürgermeisters, um Drohanrufe und Strafanzeigen. Und mittendrin die Schülerzeitung "Inselgörn" und Elisa, die Fragen gestellt hat, weil sie die Politik nicht versteht.

Das Interview

Elisa führte das Interview mit ihrer Schwester und einem Mitschüler bereits für die Oktoberausgabe. Der Bürgermeister erzählte vom Hubschrauberlandeplatz, von der Schule, von der Reederei und ein bisschen aus seiner Vergangenheit - weil Elisa danach fragte.

Elisa sagt, sie habe immer wieder von diesen Vorwürfen gehört und gelesen: Gens soll als junger Mann für die Stasi gearbeitet haben. Bei seiner Bürgermeister-Kandidatur habe er das nicht angegeben und deswegen arglistig getäuscht, berichtete die "Ostsee Zeitung". Sie zitierte damit aus dem vertraulichen Papier einer Kommission, die hatte sich mit Gens' Fall befasst und dafür seine Akte vorliegen. Es hieß, er könne seinen Posten verlieren. Gens weist die Vorwürfe zurück.

Elisa sagt, sie habe sich trotzdem gefragt: Stimmt das? Warum ist er noch im Amt? Oder sind das nur Gerüchte? Und warum unterschrieb er diese Erklärung gegen Rechtsextremismus nicht? Was ist mit seiner früheren Mitarbeit in der rechtsextremen Partei DVU?

Als Gens CDU-Kandidat für die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern war, hatte der NDR berichtet, dass er im Jahr 2000 DVU-Kreisvorsitzender war. Als der Sender Gens damit konfrontierte, sagte der: Ja, er habe Kontakt zur DVU gehabt und auch zu den Linken. Ihm sei es damals wichtig gewesen, sich politisch zu orientieren. Als die CDU davon erfuhr, schloss sie ihn aus der Partei aus.

Elisa tat, was ein Journalist tun muss: Sie hat aus dem Gespräch das Interessanteste ausgewählt. Das gedruckte Interview handelt also nicht vom Hubschrauberlandeplatz, sondern von Stasi und Rechtsextremismus. Deswegen hat der Bürgermeister einen Brief an die Schule geschrieben. Darüber berichteten auch die örtlichen "Inselnachrichten": "Maulkorb für Schülerzeitung", titelten sie.

Der Brief

Das Anliegen in dem Brief kennen viele Journalisten: Immer wieder versuchen Politiker, Berichte zu beeinflussen. Der Ton in dem Brief überrascht dennoch, richtet er sich doch an Schüler, die sich mit ihrer Zeitung in Demokratie und Meinungsbildung üben.

Eigentlich ist der Brief nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, die politischen Gegner haben ihn ins Netz gestellt. Gens schreibt darin: Elisa Skott habe sich nicht an die Absprache gehalten, er habe das Interview nicht vorher gelesen, deswegen untersage er "ausdrücklich" dessen Verbreitung. Er werde "nicht dulden", wie Elisa Skott in der Schülerzeitung über ihn berichte, es handele sich um persönliche Anfeindungen, sie habe Fragen und Antworten eigenmächtig ausgewählt.

Im Impressum, bemängelt er, fehlten "ladungsfähige" Adressen der verantwortlichen Schüler. Zudem äußert er sich zu den Themen der kommenden Ausgabe, Islam, Selbstmordattentäter, World Trade Center: Das seien wichtige Themen, räumt er ein. "Aber für den Stern oder professionelle Journalisten!"

Elisa hat für die Zeitung ein Foto des Bürgermeisters verwendet, das sie im Internet heruntergeladen hatte, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten, und hat damit Urheberrechte verletzt. Dazu stellt Gens fest: Er behalte sich vor, "nachträglich Lizenzgebühren zu verlangen und die verantwortliche Elisa Skott kostenpflichtig abzumahnen". Immerhin: Die "zuständigen Stellen für die Überwachung des Telemediengesetzes und des Presserechtes" werde er vorerst nicht informieren.

Der Bürgermeister sagt, er habe vor dem Brief das Gespräch gesucht - vergeblich. Er habe kein Kind in die Enge treiben wollen.

Nachdem Elisa den Brief gelesen hat, hat sie geweint und sich gefragt: Was habe ich falsch gemacht? Sie habe aufgeschrieben, was er gesagt hat, das könne sie beweisen: Sie habe alles auf Band. Er windet sich etwas in dem Interview und weist eine Zusammenarbeit mit der Stasi zurück. Er sagt: "Ich habe nie mit diesem System zusammengearbeitet, und wer meine Familie kennt, der weiß, dass sie unter diesem System gelitten haben."

Elisa sagt, sie habe ihm das Interview gezeigt, sie habe alle Fragen und Antworten mit Bleistift aufgeschrieben, fünf Seiten seien das gewesen, sie sei zu ihm gegangen, er sei im Stress gewesen und habe kurz draufgeschaut. Gens sagt: "Das ist definitiv gelogen." Elisas Eltern sagten: Jetzt übernehmen wir.

Das Nachspiel

Und ab jetzt wird es undurchsichtig: Wer hat was gesagt? Wer hat angefangen? Wird hier jemand manipuliert?

Schon vor dem Interview haben sich die Bewohner gestritten. Schon vor dem Interview hat sich der Bürgermeister gegen diverse Vorwürfe gewehrt und ist juristisch gegen Medien vorgegangen, gegen die "Ostsee-Zeitung" und den NDR. Aber vor dem Interview waren keine Kinder involviert, die von ihren Eltern beschützt werden wollen.

Die Schule empfing den Bürgermeister zum Gespräch, die Mutter antwortete schriftlich, auch der Brief steht im Netz. Sie spricht von einem "jämmerlichen" und "unmenschlichen" Schreiben, von einem "belehrenden" und "diktatorischen" Tonfall. Elisas Stiefvater hat dem Bürgermeister in einer SMS geschrieben, dass er ihn verachte und dass er sich schämen würde an seiner Stelle. Der Stiefvater habe viele SMS geschrieben, auch angerufen habe er, sagt der Bürgermeister. Deswegen habe er ihn angezeigt.

Auch der Stiefvater ist zur Polizei gegangen: Einmal habe er den Bürgermeister wegen Verleumdung angezeigt, sagt der Stiefvater, weil der Bürgermeister behaupte, er würde die Kinder manipulieren und für seine Zwecke einsetzen. Einmal erstattete er Anzeige, weil er Drohanrufe bekommen habe, der Anrufer habe auf seine Mailbox gesprochen: Wenn er sich weiter in die Geschehnisse im Dorf einmische, dann werde er bald ein zweites Holzbein haben.

Und Elisa?

Elisa wird noch ein halbes Jahr auf Hiddensee zur Schule gehen, dann verlässt sie die Insel und wechselt aufs Gymnasium. Spätestens dann wird sie von dem Streit nicht mehr so viel mitbekommen.

Sie sagt, richtig wohl sei ihr nicht, jetzt wo sie sehe, wie der Streit eskaliert. Sie wisse nun, was ein Text auslösen könne und welche Verantwortung sie als Journalistin übernehme. Sie werde in Zukunft auch ganz sicher kein Foto mehr ohne Erlaubnis abdrucken. "Das Interview", sagt sie, "würde ich aber trotzdem genauso noch mal führen."

Ende der Woche ist die nächste Schülerzeitung in den Verkauf gegangen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
1.
osis1980 21.12.2012
Ich drücke der jungen Dame die Daumen. Und als 16-Jährige hat sie alle richtig gemacht. Irgendwie ist der Dreck unter dem Teppich halt zu hoch und kommt zum Vorschein...
Zitat von sysopEigentlich wollte Elisa Skott, 16, nur wissen, ob die Gerüchte stimmen: Hat der Bürgermeister von Hiddensee für die Stasi gearbeitet? Also interviewte sie ihn für die Schülerzeitung. Nun eskaliert auf der Insel ein Streit, der schon lange schwelt, und die Schülerin fragt sich: Was habe ich falsch gemacht? Hiddensee: Bürgermeister Thomas Gens streitet mit Schülerzeitung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/hiddensee-buergermeister-thomas-gens-streitet-mit-schuelerzeitung-a-873767.html)
Ich drücke der jungen Dame die Daumen. Und als 16-Jährige hat sie alle richtig gemacht. Irgendwie ist der Dreck unter dem Teppich halt zu hoch und kommt zum Vorschein...
2. hihi
merlinberlin 21.12.2012
Demokratieverständnis in MeckPom
Demokratieverständnis in MeckPom
3.
de-be 21.12.2012
... die Reaktion des Bürgermeisters beweist doch, wer hier was falsch gemacht hat. Eins ist sicher, die Schülerin wars nicht! Viel Glück Elisa!
Zitat von sysop..., und die Schülerin fragt sich: Was habe ich falsch gemacht?
... die Reaktion des Bürgermeisters beweist doch, wer hier was falsch gemacht hat. Eins ist sicher, die Schülerin wars nicht! Viel Glück Elisa!
4. und so sei es
CHANGE-WECHSEL 21.12.2012
Irgendwann behauptet auch mal jemand, dass Kindergartenkinder mit der Stasi zusammengearbeitet haben, weil sie in einem staatlichen Hort waren.
Zitat von sysopEigentlich wollte Elisa Skott, 16, nur wissen, ob die Gerüchte stimmen: Hat der Bürgermeister von Hiddensee für die Stasi gearbeitet? Also interviewte sie ihn für die Schülerzeitung. Nun eskaliert auf der Insel ein Streit, der schon lange schwelt, und die Schülerin fragt sich: Was habe ich falsch gemacht? Hiddensee: Bürgermeister Thomas Gens streitet mit Schülerzeitung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/hiddensee-buergermeister-thomas-gens-streitet-mit-schuelerzeitung-a-873767.html)
Irgendwann behauptet auch mal jemand, dass Kindergartenkinder mit der Stasi zusammengearbeitet haben, weil sie in einem staatlichen Hort waren.
5. Erst Stasi dann DVU
tiit 21.12.2012
Nationalsozialisten, Sozialisten und Kommunisten wollen Systeme, die sich eigentlich sehr gleichen. Daher ist es nur stimming, wenn er erst für die Stasi gearbeitet hat und dann in der DVU aktiv war. Und die Art der Reaktion [...]
Nationalsozialisten, Sozialisten und Kommunisten wollen Systeme, die sich eigentlich sehr gleichen. Daher ist es nur stimming, wenn er erst für die Stasi gearbeitet hat und dann in der DVU aktiv war. Und die Art der Reaktion zeigt auch sein Wesen und Denkweise.

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