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08.02.2013
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Nebenjob Spendensammlerin

"Ich sollte das Vertrauen der Opfer gewinnen"

Stefanie Heider

Wie schwatze ich Passanten Verträge, Pardon, "Mitmachblätter" auf? Studentin Viviane Cismak, 21, hat es als Spendensammlerin ausprobiert. Die Tricks, die sie als professionelle Anquatscherin anwenden musste, sind perfide.

"Wir Werber sind wahrscheinlich die am meisten gehassten Leute in Deutschland", mutmaßte Marlon. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich seine Aussage noch nicht genau einordnen. Wenig später dafür umso mehr.

Da stand ich nun an der Berliner Friedrichstraße mit meinem Team. Der Teamleiter gab strikte Anweisungen: immer in Bewegung bleiben, nicht stehen bleiben, immer freundlich sein und aufgeschlossen auf die Leute zugehen.

Auf keinen Fall durften wir jemals den potentiellen Spendern gegenüber das Wort "Vertrag" erwähnen. Das war streng verboten. Vielmehr sollte der Vertrag als "Mitmachblatt" beschrieben werden, was natürlich am Vertragscharakter nicht viel änderte.

Das Vertrauen der Opfer gewinnen

Es gab einen Leitfaden, der anscheinend streng nach psychologischen Erkenntnissen entworfen worden war. Echte Fragen durften wir nicht stellen, dafür aber Suggestivfragen. "Dass Millionen Menschen auf der Welt hungern müssen, ist schlimm. Dass jedoch die Hauptleidtragenden die Kinder sind, finde ich besonders schrecklich. Das siehst du doch auch so?"

Ich sollte das Vertrauen meiner Opfer gewinnen. "Wie heißt du?" und "Was machst du beruflich?" waren die Fragen, mit denen ich eine persönliche Ebene aufbauen sollte. Schwer wurde es natürlich, wenn ich die Antworten gleich wieder vergaß. Das passierte oft.

Wenn man nun alles über die Organisation, für die man warb, erzählt hatte, kam zur Sprache, dass ich eigentlich eine Spende von der Person wollte. Das war der Punkt, an dem mich wieder ein Großteil der Leute stehen ließ, die sich noch bis zum Stand hatten mitnehmen lassen.

"Sieh mal, ich bin ja auch nur Studentin und habe nicht viel Geld, aber ich bin so von der Sache überzeugt, dass ich jeden Monat einen ganz kleinen Betrag spende", behauptete ich in Anlehnung an den Leitfaden. "Was würdest du denn schätzen, wie viel das jeden Monat ist?" "1 Euro vielleicht", kam häufig als Antwort. "Nein, es sind tatsächlich 5 Euro. Aber das ist ungefähr 1 Euro pro Woche. Das ist echt nicht viel. Ein Kaffee wöchentlich weniger. Kaffee ist sowieso nicht gesund."

So wirklich konnte das die Leute nicht überzeugen. Noch viel blöder wurde es, wenn sie ernsthaft wissen wollten, was ich studierte. Natürlich nichts. Ich ging ja noch in die Schule, war minderjährig und durfte folglich nicht so einfach einen Spendenvertrag unterzeichnen. Mein Lügengerüst fiel also wie ein kleines Kartenhaus in sich zusammen.

Fremden Leuten Befehle erteilen

Ohnehin tat ich mich schwer damit, mich einfach vor die Leute hinzustellen und "Einmal kurz stehen geblieben!" zu sagen. Es war sehr ungewohnt, fremden Leuten auf der Straße Befehle zu erteilen.

Frederik wollte mir das austreiben. Immer wenn ich einen Passanten anzulabern versuchte, stand er in Hörweite. "Wollen Sie mal kurz stehen bleiben?", sprach ich einen jungen Mann an. Aus dem Augenwinkel sah ich Frederik den Kopf schütteln. Der Mann ging an mir vorüber und beachtete mich gar nicht.

"Scheiße, schon wieder eine Frage!", ärgerte ich mich laut. Zu laut, denn der junge Mann drehte sich verwirrt um. Das Team lachte. Ab da wurde meine Bemerkung zum Running Gag.

Der Tag verging. Viele machten schon einen riesigen Bogen, wenn sie mich nur sahen. Der Rest verstand angeblich kein Deutsch. "Ich nix verstehen" war eine typische Antwort, die mir doch ziemlich deutsch vorkamen.

Dann fing es an zu regnen. Das heißt, es schüttete. Und zwar so stark, dass man in kürzester Zeit platschnass war. Aber unser Teamleiter billigte es nur äußerst widerwillig, dass wir uns im Bahnhof Friedrichstraße unterstellten. Nach unserer kurzen "Regenpause" scheuchte er uns wieder hinaus. Dass sich auf der Straße fast keine Menschen befanden, die wir hätten bequatschen können, schien ihn nicht sonderlich zu stören.

Die Wassermassen schafften es in wenigen Minuten, mir jegliche innere Überzeugung auszutreiben, die eventuell mal vorhanden gewesen war. Die Rolle des überzeugten Aktivisten kaufte mir nun niemand mehr ab. Vielleicht wäre ich um einiges enthusiastischer gewesen, hätte ich nicht in der Gewissheit arbeiten müssen, nach acht Stunden nur 30 Euro zu erhalten.

Nach wenigen Tagen hatte ich keine Lust mehr. Besser gesagt, taten mir alle Knochen weh und ich konnte einfach nicht mehr. Ich sagte meinem Chef, dass ich nicht wiederkommen würde. Ob ich es denn nicht noch einmal versuchen wolle, kam prompt als Antwort zurück. Eindeutig nein! Da war ich mir vollkommen sicher.

Dies ist ein gekürzter und redaktionell bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Einsatz am Wurstregal" von Viviane Cismak, erschienen im Verlag "Schwarzkopf & Schwarzkopf".

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Zur Person

  • Stefanie Heider
    Viviane Cismak, Jahrgang 1991, zog mit 17 nach Berlin und begann, neben der Schule zu jobben. So verteilte sie Flyer, verkaufte Kaffee und räumte Regale im Supermarkt ein. Inzwischen studiert sie Jura an der FU Berlin.

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