22.04.2010
Junge Informatikerin
Filmkulissen aus dem Computer
Nach neun Semestern Informatik ist Fatma Batur noch ganz Frau. Ihre Augenlider sind geschminkt, die Brauen gezupft, in ihrer Freizeit geht sie gern zum Bauchtanz. Fatma Batur studiert an der Universität Münster. Frauen und Technik, das sei bei ihr zu Hause sowieso nie ein Problem gewesen, erzählt sie: "Meine Eltern wollten, dass ihre Kinder so viel wie möglich lernen und erreichen." Ihre Eltern stammen aus der Türkei, die 24-Jährige ist die älteste von vier Töchtern. Sie sind alle in Deutschland geboren.
In der 8. Klasse kam Fatma Batur erstmals mit Informatik in Berührung. Das sei nicht selbstverständlich, sagt Marco Thomas. "Informatik ist in Nordrhein-Westfalen kein Pflichtfach", bedauert der Professor der Universität Münster. Es gebe nur wenige Mädchen, die sich für diese Disziplin entscheiden, sei es in der Schule, an der Uni oder später im Beruf.
Die Statistik gibt dem Wissenschaftler Recht: Seit das Fach an deutschen Hochschulen angeboten wird, ist der Frauenanteil bundesweit nie über 25 Prozent hinausgekommen. Bei Fatma Batur hat der Freund den Ausschlag für die Studienwahl gegeben. "Er hat Wirtschaftsinformatik studiert und mir zu Informatik geraten", sagt Batur.
Mittlerweile hat sie den Bachelor-Abschluss in der Tasche und arbeitet im Projekt "Informatik für Frauen" (IFF) mit. Das hat Hochschullehrer Marco Thomas, ebenfalls Informatiker, 2007 ins Leben gerufen. Seit Anfang dieses Jahres wenden er und Batur sich damit direkt an Schulen, um Mädchen ihr Fachgebiet schmackhaft zu machen. "Viele Mädchen denken, dass Informatik langweilig ist", sagt die Studentin.
Gute Mädchen kommen überall hin, sogar ins Technikstudium
Bei den Schülerinnen stoße sie immer wieder auf dieselben Vorurteile. Etwa, dass Informatiker den ganzen Tag vor dem Computer hocken, auf den Bildschirm starrten und sich auch sonst ein wenig sonderbar bis verhaltensauffällig benehmen - nerdig eben. "Informatik findet nicht nur am Computer statt", wende sie dann ein.
Und dennoch: Wenn Batur an eine Schule kommt, werden erst einmal die Rechner hochgefahren. Dann überrascht sie die Schülerinnen jedoch mit einer Aufgabe, die beim ersten Hinhören wenig mit Informatik zu tun hat: "Sie müssen sich eine Geschichte für einen Film oder ein Comic ausdenken", erzählt Batur. Erst wenn es um Kulisse und Protagonisten geht, kommt der Computer ins Spiel. Batur stellt den Schülerinnen ein Programm vor, mit dem sie sich die Welt, in der ihre Geschichte spielen soll, selbst erschaffen können.
Im Studium sind die Themen ernster und viel komplexer. Batur etwa hat für ihre Bachelor-Arbeit eine Software programmiert, die Kanten und Formen auf einem zweidimensionalen Bild erkennen und markieren kann. Da sei neben Programmierkünsten auch konzeptionelles Denken gefragt, sagt sie und ergänzt mit Blick auf das IFF- Projekt: "Für die Mädchen ist es eine gute Übung, wenn sie zunächst mal ein Storyboard schreiben."
Batur selbst steuert auf den Master-Abschluss zu. Vorher will sie aber noch ein Auslandssemester in den USA absolvieren. Ihre Laufbahn ist ungewöhnlich - nur acht Prozent der Studenten an deutschen Hochschulen kommen aus Einwandererfamilien, und dass aus dieser Gruppe Frauen Ingenieursdisziplinen studieren, kommt noch seltener vor. Zu diesen Ausnahmestudentinnen zählt auch eine Schwester von Batur. Sie studiert Elektrotechnik: ebenfalls ein Fach mit wenigen Frauen.
Von Michael Billig, dpa

