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14.11.2011
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Freiwillige in der Dialyse

Mit Wattebäuschen gegen Blutüberschwemmung

Von Veronika Widmann
SPIEGEL ONLINE

Blut bringt Charlotte, 18, nicht aus dem Konzept. Für neun Monate arbeitet die Abiturientin als Freiwillige in einer Dialysestation, überwacht die Blutwäsche und macht alles sauber, was danebengeht. Während die Patienten an ihrer Maschine hängend dösen, träumt Charlotte von ihrem großen Ziel.

Ein Schlauch führt aus John Mensah-Oseis Arm zum Dialysegerät. Dunkelrotes Blut fließt hindurch, die Leitung zuckt im Rhythmus der Pumpe. Mensah-Osei liegt seit drei Stunden in einem Bett des Dialysezentrums.

Regelmäßig misst Charlotte Rippin, 18, seinen Blutdruck. Charlotte bindet ihm dazu die Manschette um den Arm. "Noch fester", sagt der wuchtige Mann aus Ghana, lacht und tönt: "Ich bin hier der Bürgermeister der Dialyse." Charlotte schmunzelt und zieht seine Manschette fester, dann notiert sie den Blutdruck in der Patientenakte.

Seit Anfang September arbeitet Charlotte als Bundesfreiwillige in einem Hamburger Dialysezentrum. Menschen, deren Nieren nicht richtig funktionieren, bekommen hier jeden zweiten Tag maschinell ihr Blut gereinigt und liegen dazu mehrere Stunden in einem Krankenbett. "Manche sind richtig gut gelaunt und begrüßen jede Schwester mit Namen", sagt Charlotte. "Ich finde das irre! Ich weiß nicht, wie ich drauf wäre, wenn ich jeden zweiten Tag vier Stunden hier rumliegen müsste."

Fenster auf und nicht so genau hinsehen

Durch die Station hallen nur die Schlürfgeräusche der Pumpen, als Charlotte mit dem Blutdruckmessgerät weiterzieht. Viele Patienten nutzen die Zeit, um zu schlafen, schließlich müssen sie schon früh am Morgen da sein. So fröhlich wie Mensah-Osei sind nur wenige. Bei einem älteren Herrn misst Charlotte einen kritischen Blutdruckwert, er ist zu niedrig, deshalb muss sie eine Schwester rufen.

Freiwilligendienste
In weißer Hose und mit weißem Kittel ist Charlotte nicht von den ausgebildeten Pflegekräften zu unterscheiden, und auch ihr Job ist der einer normalen Stationsangestellten. Sie teilt Frühstück und Mittagessen aus, schenkt Getränke nach, räumt benutztes Geschirr ab, bereitet die Maschinen vor und macht Botengänge ins Labor. Nach dem Blutdruckmessen legt sie Bettwäsche zusammen und füllt an den einzelnen Betten Utensilien nach. Wattebäusche sind besonders wichtig: "Wenn man die Patienten an- oder abschließt, blutet es manchmal stark, dann ist der Tupferverbrauch hoch", sagt Charlotte.

Noch keine Unterschrift vom Amt

Blut zu sehen macht ihr nichts aus. Einmal verrutschte bei einer Patientin das Abdrückband, das nach der Dialyse den Blutfluss stoppt. "Da gab es dann eine ziemliche Blutüberschwemmung", sagt Charlotte. Sie musste danach das Bett neu beziehen, und es wurde ihr ein wenig mulmig. "Ich dachte: 'Hoffentlich passiert mir jetzt nichts.' Aber dann habe ich das Fenster aufgemacht und nicht ganz so genau hingeschaut", sagt sie.

Charlotte, die im Frühjahr ihr Abitur gemacht hat, will später Medizin studieren. Mit neun Monaten Bundesfreiwilligendienst im Dialysezentrum will sie auch testen, ob ihr die Arbeit mit Kranken liegt. Außerdem kann sie sich später zwei Wartesemester anrechnen lassen und ihre Chancen auf einen Studienplatz erhöhen. Ihre Kollegin Melanie, 25, hat da ganz andere Gründe. Sie hat Hotelfach gelernt, fand aber nach einer Babypause keinen Job. "Der Freiwilligendienst ist ein Weg, um wieder reinzukommen", sagt sie.

Den beiden macht die Arbeit Spaß, doch von den fünf Plätzen für Freiwillige des Dialysezentrums konnten mangels Nachfrage im Sommer nur zwei besetzt werden.

Um 10 Uhr am Vormittag ist die erste Patientin fertig und wird von der Maschine abgeschlossen. Charlotte streift sich ein Paar blaue Gummihandschuhe über und zieht das Bett ab. Mit Desinfektionsmittel reibt sie den Schutzbezug der Matratze, das Bettgestell und den Beistelltisch ab, dann zieht sie mit routinierten Griffen ein neues Laken über. Der nächste Schwung Patienten kann kommen.

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