10.04.2012
Freiwilliges Öko-Jahr
Im Schatten des großen Bruders
Von Marian SchäferJonas will nicht. Sie können rufen soviel sie wollen, wenn es um Ärzte und Spritzen geht, hört der Spaß auf. "Hier, hier", schreit Marc über die Wiese und versucht zusammen mit seinem Kollegen Jasper, Jonas in die Falle zu locken. Jonas ist ein Heckrind, ein stolzer Zuchtbulle, rund 600 Kilo schwer, fast eineinhalb Meter Schulterhöhe.
Die erste Etappe war einfach, da haben die beiden das Rondell und die Futterkrippe aufgebaut. Da wollte Jonas noch, jetzt weigert er sich, schüttelt nur mit dem Kopf und seinen zwei 60 Zentimeter langen Hörnern.
Wenn es gelingt, dieses Riesenvieh in den Fang zu locken, um Blut abzunehmen oder zu impfen, kann es passieren, dass Jonas mit dem Stahlgitter spazieren geht. "Ich fange deshalb lieber Kälber", sagt Jasper und zieht das Gattertor hinter sich zu, nachdem alles erledigt ist.
Marc Schmidt und Jasper Sanders sind 18 und 17 Jahre alt, seit August 2011 machen sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Sie arbeiten in den Rieselfeldern Münster, einem bedeutenden Vogelschutzgebiet, 430 Hektar groß, mit flachen Wasserstellen, Schlammbänken, Brachen, Feucht- und Streuobstwiesen. Allein 130 bedrohte Vogelarten leben hier - und Jonas, das Heckrind, mit seiner Herde.
FÖ - was?
Marc fährt mit dem Trecker vor, Jasper steigt zu, es geht weiter. Sie haben einen neuen Lehrpfad angelegt, jetzt stehen die Endarbeiten an einer Art Forum an, im Halbrund gestellte Bänke, die die beiden aus Holz gezimmert haben. "Nach dem Realschulabschluss wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte", sagt Marc. Jasper erzählt, er sei davon ausgegangen, nach der Mittleren Reife einen Ausbildungsplatz im Garten- und Landschaftsbau sicher zu haben. Doch dann meldete sich die Firma nicht mehr.
"Die Zeit hier", sagt Jasper, "hat mir gezeigt, dass das wirklich etwas für mich ist." In den vergangenen zwei Wochen hatte er Vorstellungsgespräche, gleich drei Firmen wollen ihm jetzt einen Ausbildungsplatz geben. Eine Folge des FÖJ-Engagements? "Eher nicht. Die meisten wussten nicht, was das überhaupt ist", sagt er.
42.000 FSJler, 35.000 "Bufdis" - und 2500 FÖJler
Dirk Hennig kennt dieses Problem. "Das FÖJ ist in der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt", sagt der Vorsitzende des Bundesarbeitskreises aller FÖJ-Träger in Deutschland. Bei den Zahlen, die Hennig nennt, wird deutlich, dass das Freiwillige Ökologische Jahr eine Art Schattendasein fristet im Kosmos der Freiwilligendienste: Marc und Jasper sind zwei von derzeit 2588 FÖJlern in Deutschland. Im Vergleich: Beim Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) sind es etwa 42.000 und beim Bundesfreiwilligendienst, 2011 gegründet, etwa 35.000.
Und obwohl ökologische Themen in der Vergangenheit wichtiger geworden sind, ist der Anstieg bei den FÖJ-Stellen kaum spürbar: Vor sieben Jahren gab es etwa 2000, während es beim Sozialen Jahr zu der Zeit etwa 12.500 waren.
Dass das Öko-Jahr im Schatten des großen Bruders steht, liegt kaum an einem Mangel an Interessenten, denn es gibt wesentlich mehr Bewerber als Stellen. Es fehle am Geld, sagt Dirk Hennig. Der Bund gibt für das Ökologische Jahr genauso viel wie für das Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst, nämlich 200 Euro pro Teilnehmer und Monat. Die Unterstützung der Länder allerdings fällt verschieden hoch aus.
Der große Unterschied liegt bei den Trägern: "Beim FSJ gibt es große Verbände, die Geld geben können", sagt Hennig. Und auch Hartmut Brombach, Vorsitzender des FSJ-Bundesarbeitskreises, erklärt, dass es beim Sozialen Jahr oft leichter ist, die Stellen refinanzieren können.
Es liegt nahe, dass Krankenhäuser, an denen beispielsweise das Deutsche Rote Kreuz jährlich Tausende Freiwillige einsetzt, dazu eher in der Lage sind als die Biologische Station in den Münsterschen Rieselfeldern. Und die Arbeit, nebenbei bemerkt, nicht selten besser vergütet wird.
Dabei bekommen die ökologischen Freiwilligen genauso wie die sozialen Freiwilligen keinen Lohn, sondern eine Aufwandsentschädigung in Form von Taschengeld. Für das gibt es rechtlich gesehen nach unten keine Grenze, nach oben aber schon: Sie liegt zurzeit bei 330 Euro monatlich. "Das Problem ist", sagt Dirk Hennig, "dass ein höheres Taschengeld bei vielen unserer Träger zu weniger Stellen führen würde."
Und das will Dirk Hennig natürlich nicht. Zumal der Überschuss an Interessenten zeigt, dass die Bezahlung nicht abschreckt. Man mache es ja auch nicht des Geldes wegen, sagen Marc und Jasper, die jetzt auf einer ihrer selbst gebauten Bänke sitzen und die Nachmittagssonne genießen, die die Rieselfelder in weiches Licht taucht. Sie beschweren sich nicht darüber, dass sie für ihren Vollzeitjob 154 Euro Taschengeld bekommen - auch wenn beide es besser fänden, alle Freiwilligen bekämen gleich viel Geld.
"Ich kann ein FÖJ nur empfehlen", sagt Marc schließlich, der weiter zur Schule gehen und Abitur machen will, während Jasper eine Ausbildung machen wird. Beide haben Klarheit darüber gewonnen, was sie wollen - was letztlich unbezahlbar ist.

