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07.11.2012
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Arbeit im Hospiz

Freiwillig bei den Sterbenden

Von Arnd Zickgraf
dapd

Jeden Tag sieht sie Menschen, die bald sterben werden. Sophia Üffing, 19, hat sich das so ausgesucht: Sie arbeitet als Freiwillige in einem Hospiz. Ihr gefällt es, anderen zu helfen - auch wenn der Tod sie manchmal überrumpelt.

Am Ende des Flurs bleibt Sophia Üffing, 19, mit ihrem Tablett stehen. Die Hühnersuppe dampft. Sie klopft an die Tür von Zimmer 1 des Johannes-Nepomuk-Hauses, eines Kölner Hospizes. Sie wartet kurz, dann tritt sie ein. Auf der Bettkante sitzt eine weißhaarige Frau in Jogginganzug. Familienfotos von Inge Kaiser* hängen an der Wand oder stehen auf Tischen: der Sohn, die Schwiegertochter, die Enkelin. "Ich bin nicht ansteckend, auch wenn ich bald sterben werde", sagt die 64-Jährige.

Sophia stellt das Tablett auf den Tisch. Für eine Frau, deren Tage gezählt sind, wirkt Kaiser munter. Ohne Hilfe kann sie essen oder mit dem Rollator zur Toilette gehen. Kaiser nimmt nur wenige Löffel zu sich. Sie erzählt der jungen Frau lieber, wie sie im Sommer mit heftigen Bauchschmerzen einen Arzt aufgesucht hatte. Nach der Untersuchung sagte er: "Sie haben Leberkrebs im Endstadium - inoperabel."

Es ist 17.30 Uhr, Sophia Üffing arbeitet im Spätdienst, also heute bis 21.30 Uhr. Sie hat eine von rund 35.000 Stellen im Bundesfreiwilligendienst, der seit 2011 den Zivildienst ersetzt. Weil sie erst seit einem Monat im Hospiz arbeitet, kümmert sie sich um die geistig noch fitten Patienten. Das Pflegeteam will sie nicht überfordern. "Sophia fängt mit kleinen Tätigkeiten an: Mahlzeiten vorbereiten und servieren, kleinere Einkäufe für Patienten erledigen und hauswirtschaftlichen Arbeiten", sagt Nico Blei, 32, stellvertretender Hospizleiter.

Wenn es ihr zu viel wird, kann sie gehen

Sophia will ein Jahr lang bleiben. Sie darf jederzeit das Zimmer eines Patienten verlassen, wenn es ihr zu viel wird. Als sie einmal zusammen mit einer Schwester bei einem Patienten war, der heftigen Stuhlgang hatte, hielt sie den Geruch nicht aus. Sie ging raus.

Um 18 Uhr leistet sie Inge Kaiser immer noch Gesellschaft. Im Hospiz erholt sich die Frau von den Strapazen in der Klinik. Sie habe nun keine Schmerzen mehr, weil sie Morphium bekomme. Man merkt Sophia nicht an, ob ihr die Geschichte der Patientin zusetzt, sie bleibt freundlich und zugewandt. "Hier versucht man das Sterben so angenehm wie möglich zu machen", sagt Sophia.

Im Durchschnitt bleiben Bewohner 20 Tage im Hospiz, sagt ein Sprecher des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV). Manche leben nur wenige Tage in der Einrichtung, andere Wochen oder auch mal Monate. Während ihres Dienstes wird Sophia vermutlich mehr als hundert Patienten kommen und sterben sehen. Nicht alle sind alt, manche erst 30 oder 40 Jahre. "Es gibt Leute, die sagen, dass sie sterben wollen, weil sie nicht mehr leiden möchten", sagt Sophia. Bei solchen Sätzen fühle sie sich überrumpelt und unwohl, weil sie nichts tun kann.

Mit ihren Kollegen spricht Sophia über Belastendes, aber auch über alltägliche Dinge: das neueste Handy, gutes Essen, Filme. Wenn Sophia nicht weiß, wie sie mit einem Patienten umgehen soll, wendet sie sich an die Kollegen. "Ich kann mit allen im Team reden, auch über schwierige Gefühle", sagt Sophia.

Während andere Leute einen Bogen um schwerstkranke Menschen machen, will Sophia helfen. Sie mag es nicht, wenn Menschen leiden. Das Soziale, sagt sie, liege in der Familie, ihre Mutter arbeitet als Tagesmutter. Ihre Freunde hingegen meinten, sie könnten das nicht - jemandem helfen, der bald sterben müsse.

"Ich war erschlagen, weil es so plötzlich kam"

Sophia bekommt dafür ein Taschengeld von 300 Euro im Monat. Das Jahr als Freiwillige nutzt sie auch, um der westfälischen Kleinstadt Recke zu entkommen, in der sie aufwuchs. Jetzt wohnt sie mit drei Frauen in einer WG mitten in Köln.

Ihre erste Patientin war eine 80-jährige Frau. Sophia ging oft zu ihr aufs Zimmer. "Sie war immer gut drauf." Die Rentnerin erzählte vom Krieg und von Bombenangriffen. Und dass heute alles teurer geworden sei. Zwei Wochen, nachdem Sophia den Freiwilligendienst angetreten war, verschlechterte sich der Zustand der Dame. Und ausgerechnet dann musste Sophia eins der fünftägigen Pflichtseminare des Bundesfreiwilligendienstes besuchen.

Als Sophia zurückkam, machte die Rentnerin kaum noch die Augen auf. "Ich habe mit ihr geredet, aber es kam nichts mehr zurück." Kurz darauf starb sie. "Zuerst war ich erschlagen, weil es so plötzlich kam", sagt Sophia. Sie ging ein letztes Mal in ihr Zimmer, um sich zu verabschieden. Vier oder fünf Tote hat sie schon gesehen, sie habe es nicht so schlimm gefunden.

Sophia räumt die letzten Tabletts in den Essenswagen zurück. Sie schiebt ihn durch den Flur, vorbei an einem Baum mit vielen Ästen und über hundert grünen Blättern aus Papier - der "Lebensbaum". Auf den Blättern stehen die Namen und Todestage der Patienten, die seit vergangenem November gestorben sind. Es sei ein komisches Gefühl zu wissen, dass schon so viele Menschen in diesem Haus gestorben sind, sagt Sophia. Aber beängstigend findet sie es nicht. "Ich kann es nicht beschreiben."

Mitte November lädt das Hospiz zu einem Gedenkgottesdienst ein, bei dem die Namen all derer vorgelesen werden, die inzwischen gestorben sind. Danach können die Angehörigen die Blätter mit den Namen ihrer Lieben mit nach Hause nehmen. Inge Kaiser weiß, dass sie bald auch auf einem Blatt stehen wird. Und sie sagt: "Ich will keine lebensrettenden Maßnahmen, ich wünsche mir einfach, menschlich behandelt zu werden." Dabei sieht sie Sophia lange an. Die lächelt.

* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung: Inge Kaiser ist inzwischen gestorben. Ihren 65. Geburtstag Anfang November hat sie nicht mehr erlebt.

Forum

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insgesamt 19 Beiträge
1. schon
martin-z. 07.11.2012
interessant, 1 jahr nachdem deutsche männer nichtmehr gezwungen werden entweder das töten zu lernen oder beim sterben im altersheim zuzuschauen, werden frauen, die das machen als helden gefeiert....
Zitat von sysopJeden Tag sieht sie Menschen, die bald sterben werden. Sophia Üffing, 19, hat sich das so ausgesucht: Sie arbeitet als Freiwillige in einem Hospiz. Ihr gefällt es, anderen zu helfen - auch wenn der Tod sie manchmal überrumpelt. Freiwilligendienst im Hospiz: Bufdi betreut Sterbende und Kranke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/freiwilligendienst-im-hospiz-bufdi-betreut-sterbende-und-kranke-a-864807.html)
interessant, 1 jahr nachdem deutsche männer nichtmehr gezwungen werden entweder das töten zu lernen oder beim sterben im altersheim zuzuschauen, werden frauen, die das machen als helden gefeiert....
2. respekt
PARANRW 07.11.2012
Respekt vor den Menschen, welche Sterbenden auf dem letzten Weg begleiten, nicht aus Gier, aus Profilierungsneurosen oder anderen gesellschaftlich anerkannten Motiven. Einfach aus einer Menschlichkeit heraus. Es sind nicht die [...]
Respekt vor den Menschen, welche Sterbenden auf dem letzten Weg begleiten, nicht aus Gier, aus Profilierungsneurosen oder anderen gesellschaftlich anerkannten Motiven. Einfach aus einer Menschlichkeit heraus. Es sind nicht die grossen Dinge, die uns zu Menschen werden ließen, es sind die vermeintlich kleinen Dinge, der Umgang mit uns selbst, krank oder sterbend, wie gehen wir mit uns Menschen um. Sicher hat dafür die Wirtschaft oder gar die Politik keine Antenne, fehlt doch die Wertschöpfung.
3. Na ja
wire-less 07.11.2012
Deutsche Männer waren nicht gezwungen in ein Hospiz zu gehen. Ich hab' Hochachtung vor jedem/r der sich dieser Aufgabe stellt. Ich könnte es nicht weil ich sicher bin da physisch dauerhaft drunter zu leiden. Sich tagtäglich mit [...]
Zitat von martin-z.interessant, 1 jahr nachdem deutsche männer nichtmehr gezwungen werden entweder das töten zu lernen oder beim sterben im altersheim zuzuschauen, werden frauen, die das machen als helden gefeiert....
Deutsche Männer waren nicht gezwungen in ein Hospiz zu gehen. Ich hab' Hochachtung vor jedem/r der sich dieser Aufgabe stellt. Ich könnte es nicht weil ich sicher bin da physisch dauerhaft drunter zu leiden. Sich tagtäglich mit dem Sterben und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit auseinanderzusetzen würde mir als nicht Gläubigem de Hoffnung nehmen.
4. Respekt, und Unverständnis
habmeinemeinung 07.11.2012
Höchsten Respekt - davor, dass jemand diese Arbeit machen will. Unverständnis - dass man dafür nicht bezahlt werden will. Erschüttert - dass man die Gutmüdigkeit dieser Frau derart unverschämt ausnutzt.
Höchsten Respekt - davor, dass jemand diese Arbeit machen will. Unverständnis - dass man dafür nicht bezahlt werden will. Erschüttert - dass man die Gutmüdigkeit dieser Frau derart unverschämt ausnutzt.
5.
Plasmabruzzler 07.11.2012
Sie blenden offenbar den Kern der Aussage des Vorkommentators aus. Nebenbei: wer verweigert hat und innerhalb kürzester Zeit keine Zivi-Stelle gefunden hatte, dem hat das Bundesamt für den Zivildienst eine Stelle zugeteilt - [...]
Zitat von wire-lessDeutsche Männer waren nicht gezwungen in ein Hospiz zu gehen.
Sie blenden offenbar den Kern der Aussage des Vorkommentators aus. Nebenbei: wer verweigert hat und innerhalb kürzester Zeit keine Zivi-Stelle gefunden hatte, dem hat das Bundesamt für den Zivildienst eine Stelle zugeteilt - diese konnte auch in einem Hospiz sein. . Ob als Wehr- oder Ersatzdienstleistender hatte man ähnliche Erfahrungen zu machen. Ein damaliger Zivi-Kollege sollte auf einer Station (Allgemeinchirurgie) seinen Dienst leisten und durfte an seinem ersten Arbeitstag eine Patientin aus der Onkologie in die Pathologie bringen. Was er bis dahin nicht wusste: die Patientin war erst 9 Jahre alt und und lag unter einer Abdeckung regungslos auf einem Kinderbett - sie war tot. Da hat ihn niemand als Held gefeiert oder einen Artikel über ihn verfasst. Was ich damit sagen möchte: wer in einem Hospiz anfängt (ob als Beruf oder auf Freiwilligenbasis) weiß, was sie/ihn erwartet. Wer als Zivi "normalen" Stationsdienst machen soll und plötzlich eine Kinderleiche durchs Krankenhaus schieben soll, den trifft es unerwartet.

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