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17.02.2012
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Junge Mexikaner

Generation Drogenkrieg

Aus Mexiko berichten Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl

4. Teil: Der Fromme - Chris Muñoz, 22: "Alle wollen Jesus werden"

Chris: "Ich muss mein Kreuz jedes Mal wieder nach Hause schleppen"
Sonja Peteranderl

Chris: "Ich muss mein Kreuz jedes Mal wieder nach Hause schleppen"

Einmal im Leben Jesus sein, das ist für die Jungen von Iztapalapa so, wie die Heldenrolle in einem Hollywood-Film zu ergattern. "Jesus ist der Größte", sagt Chris Muñoz. "Alle wollen Jesus werden - ich auch."

Eigentlich arbeitet der schmächtige junge Mexikaner als Schlosser, versucht nebenbei, sich ein bisschen weiterzubilden. Muñoz kommt aus Iztapalapa, einem ärmlichen Viertel von Mexiko-Stadt - mit hoher Kriminalitätsrate, viel Armut und wenig Perspektiven, der Drogenhandel floriert, Touristen verirren sich selten hierher.

Doch an Ostern locken die Passionsspiele, die zu den größten und bekanntesten in Mexiko gehören, mehr als zwei Millionen Besucher nach Iztapalapa. Bis zu 1500 Laienschauspieler stellen die Geschichte des Leidens und Sterbens von Jesus nach. Gute Zeiten für Gottes Sohn - denn in Iztapalapa ist Jesus dann mindestens so beliebt wie Justin Bieber. Teenager lassen sich Jesus-Tattoos auf die Wangen malen, manche tragen T-Shirts mit seinem Konterfei oder Jesus-Sprüchen.

Und wer Jesus Christus spielen darf, ist in Itztapalapa der Superstar: Die jungen Männer, die von einer lokalen Jury ausgewählt werden, sind stolz auf ihren religiösen Auftrag - aber auch auf den Ruhm. Doch die Auflagen beim Christus-Casting sind streng: "Nicht jeder kann Jesus werden", sagt Chris Muñoz. Die Kandidaten müssen glaubensfest sein, dürfen keine Straftat begangen haben und müssen genug Geld haben für das teure Kostüm.

Abstinent, gesetzestreu, brav - wie ein Nachwuchs-Heiliger sein muss

Der Jesus-Anwärter darf keine Tattoos und Piercings tragen, nicht trinken, nicht rauchen, auch Frauen und Partys sind eine Zeitlang tabu. Wer die Rolle tatsächlich bekommt, muss schon Monate vor den Passionsspielen täglich trainieren, denn er muss das Holzkreuz während der Prozession stundenlang schleppen können.

Nichts Neues für Chris Muñoz: Denn er hat mit zwölf Jahren zum ersten Mal ein Kreuz bei den Passionsspielen getragen. Jedes Jahr hofft er auf die Hauptrolle und macht viel Sport, um für die Passionsspiele fit zu sein - doch bisher ist er nur immer einer der über hundert sogenannten Nazarener gewesen, die aussehen wie eine kleine Jesus-Armee.

FOTOSTRECKE

Mexikanische Träume: Wrestler, Heiliger, Klippenspringerin
In aufwendigen, langen lila Gewändern nehmen die jungen Männer den religiösen Marathon ohne den Ruhm auf sich und schleppen ihr Kreuz bei 30 Grad durch Iztapalapa, bis auf einen staubigen Berg - manche mit Dornenkrone auf dem Kopf, alle mit blutigen Füßen.

Hätten seine Freunde und seine Familie Chris Muñoz nicht unterstützt und sein Kreuz manchmal gestützt, er wäre im vergangenen Jahr zusammengebrochen: Sechs Kilometer weit hat er sein 80 Kilo schweres und sieben Meter langes Holzkreuz durch die Hitze gezerrt, die letzten Meter schienen unerreichbar. Wieder und wieder musste er das Kreuz abstellen, sich mit seinem lila Gewand den Schweiß von der Stirn abwischen, doch aufgeben wollte er nicht.

Für den Jesus-Hauptdarsteller von Iztapalapa ist die Qual vorbei, wenn er voller Kunstblut an seinem Kreuz auf dem Berg hängt. "Aber ich muss mein Kreuz jedes Mal wieder nach Hause schleppen", sagt Muñoz. Dann wickelt er seine schmerzenden Füße, die nicht einmal mehr in Sandalen passen, aus den dreckigen Bandagen und legt sich ins Bett.

Ein Triumph bleibt ihm trotzdem, auch wenn er weiter warten muss auf die ersehnte Jesus-Rolle: Denn sein schwarzes Kreuz wiegt 80 Kilogramm. "Das Kreuz von Jesus wiegt 90 Kilo", rechnet er. "Also bin ich fast schon Jesus."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
1.
Nadadora 17.02.2012
Traurig. Wie wäre es mit einer einfachen schulischen Laufbahn, die zu einer Ausübung eines Normalo-Berufes führt?
Zitat von sysopWaffen, Morde, Gewalt: Die Jugendlichen Mexikos wachsen auf mit dem Drogenkrieg - doch die meisten kämpfen für Karrieren jenseits der Kriminalität. Drei erzählen im SchulSPIEGEL, was sie auf sich nehmen, um als Klippenspringerin, Wrestler und Jesus-Darsteller Erfolg zu haben. Junge Mexikaner: Generation Drogenkrieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,812949,00.html)
Traurig. Wie wäre es mit einer einfachen schulischen Laufbahn, die zu einer Ausübung eines Normalo-Berufes führt?
2. .
Guadalajara 17.02.2012
Michtnichten! Das wäre langweilig für die kurzweilige Leserschaft. Wir brauchen Bilder, Bilder, Bilder. Zudem zeigen die Geschichtchen doch exemplarisch, dass der Kapitalismus es jedem ermöglicht, sich zu verändern, so er nur [...]
Zitat von NadadoraTraurig. Wie wäre es mit einer einfachen schulischen Laufbahn, die zu einer Ausübung eines Normalo-Berufes führt?
Michtnichten! Das wäre langweilig für die kurzweilige Leserschaft. Wir brauchen Bilder, Bilder, Bilder. Zudem zeigen die Geschichtchen doch exemplarisch, dass der Kapitalismus es jedem ermöglicht, sich zu verändern, so er nur über sich hinauszuwachsen versteht. Lebe Deinen Traum!
3.
May 17.02.2012
Hier sieht man erneut, wie unsere Drogenpolitik im Westen ganze Staaten in den Abgrund zieht. Es geht zu wie zu Zeiten der Prohibition in den USA, nur das wir die Gewalt in Zweit- und Drittweltstaaten ausgelagert haben.
Zitat von sysopWaffen, Morde, Gewalt: Die Jugendlichen Mexikos wachsen auf mit dem Drogenkrieg - doch die meisten kämpfen für Karrieren jenseits der Kriminalität. Drei erzählen im SchulSPIEGEL, was sie auf sich nehmen, um als Klippenspringerin, Wrestler und Jesus-Darsteller Erfolg zu haben. Junge Mexikaner: Generation Drogenkrieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,812949,00.html)
Hier sieht man erneut, wie unsere Drogenpolitik im Westen ganze Staaten in den Abgrund zieht. Es geht zu wie zu Zeiten der Prohibition in den USA, nur das wir die Gewalt in Zweit- und Drittweltstaaten ausgelagert haben.
4. Klar
gracie 17.02.2012
Dass die meisten jungen Mexikaner keine Dealer, Killer oder Betrüger werden wollen ist klar. Man spricht immer nur vom Negativen und kaum vom Positiven. Allerdings finde ich es sehr traurig, dass die meisten Menschen kaum [...]
Zitat von sysopWaffen, Morde, Gewalt: Die Jugendlichen Mexikos wachsen auf mit dem Drogenkrieg - doch die meisten kämpfen für Karrieren jenseits der Kriminalität. Drei erzählen im SchulSPIEGEL, was sie auf sich nehmen, um als Klippenspringerin, Wrestler und Jesus-Darsteller Erfolg zu haben. Junge Mexikaner: Generation Drogenkrieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,812949,00.html)
Dass die meisten jungen Mexikaner keine Dealer, Killer oder Betrüger werden wollen ist klar. Man spricht immer nur vom Negativen und kaum vom Positiven. Allerdings finde ich es sehr traurig, dass die meisten Menschen kaum eine Auswahl an Karrieren haben und die paar die in diesem Artikel vorgestellt wurden sind wohl kaum erstrebenswert ! Ich wünsche der mexikanischen Jugend viel Glück, Mut, Geduld und viel Resignationsvermögen, denn ihre Zukunft sieht nicht sehr rosig aus. Mir tut vor allem der Jesusdarsteller leid....
5. Usa
gracie 17.02.2012
Solange man mit dem grössten Drogenkonsumenten (USA) der Welt, die Drogenpolitik à la USA (die auch bei uns einfach übernommen wird), als Nachbar leben muss, wird der Drogenkrieg noch Jahrzehnte andauern. Die Profite sind [...]
Zitat von MayHier sieht man erneut, wie unsere Drogenpolitik im Westen ganze Staaten in den Abgrund zieht. Es geht zu wie zu Zeiten der Prohibition in den USA, nur das wir die Gewalt in Zweit- und Drittweltstaaten ausgelagert haben.
Solange man mit dem grössten Drogenkonsumenten (USA) der Welt, die Drogenpolitik à la USA (die auch bei uns einfach übernommen wird), als Nachbar leben muss, wird der Drogenkrieg noch Jahrzehnte andauern. Die Profite sind einfach zu riesig und so "streiten" sich alle um die Uebernahme des monumentalen Marktes, die Bullen und Staat inklusive..........

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