17.02.2012
Junge Mexikaner
Generation Drogenkrieg
Aus Mexiko berichten Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl
Chris: "Ich muss mein Kreuz jedes Mal wieder nach Hause schleppen"
Eigentlich arbeitet der schmächtige junge Mexikaner als Schlosser, versucht nebenbei, sich ein bisschen weiterzubilden. Muñoz kommt aus Iztapalapa, einem ärmlichen Viertel von Mexiko-Stadt - mit hoher Kriminalitätsrate, viel Armut und wenig Perspektiven, der Drogenhandel floriert, Touristen verirren sich selten hierher.
Doch an Ostern locken die Passionsspiele, die zu den größten und bekanntesten in Mexiko gehören, mehr als zwei Millionen Besucher nach Iztapalapa. Bis zu 1500 Laienschauspieler stellen die Geschichte des Leidens und Sterbens von Jesus nach. Gute Zeiten für Gottes Sohn - denn in Iztapalapa ist Jesus dann mindestens so beliebt wie Justin Bieber. Teenager lassen sich Jesus-Tattoos auf die Wangen malen, manche tragen T-Shirts mit seinem Konterfei oder Jesus-Sprüchen.
Und wer Jesus Christus spielen darf, ist in Itztapalapa der Superstar: Die jungen Männer, die von einer lokalen Jury ausgewählt werden, sind stolz auf ihren religiösen Auftrag - aber auch auf den Ruhm. Doch die Auflagen beim Christus-Casting sind streng: "Nicht jeder kann Jesus werden", sagt Chris Muñoz. Die Kandidaten müssen glaubensfest sein, dürfen keine Straftat begangen haben und müssen genug Geld haben für das teure Kostüm.
Abstinent, gesetzestreu, brav - wie ein Nachwuchs-Heiliger sein muss
Der Jesus-Anwärter darf keine Tattoos und Piercings tragen, nicht trinken, nicht rauchen, auch Frauen und Partys sind eine Zeitlang tabu. Wer die Rolle tatsächlich bekommt, muss schon Monate vor den Passionsspielen täglich trainieren, denn er muss das Holzkreuz während der Prozession stundenlang schleppen können.
Nichts Neues für Chris Muñoz: Denn er hat mit zwölf Jahren zum ersten Mal ein Kreuz bei den Passionsspielen getragen. Jedes Jahr hofft er auf die Hauptrolle und macht viel Sport, um für die Passionsspiele fit zu sein - doch bisher ist er nur immer einer der über hundert sogenannten Nazarener gewesen, die aussehen wie eine kleine Jesus-Armee.
In aufwendigen, langen lila Gewändern nehmen die jungen Männer den religiösen Marathon ohne den Ruhm auf sich und schleppen ihr Kreuz bei 30 Grad durch Iztapalapa, bis auf einen staubigen Berg - manche mit Dornenkrone auf dem Kopf, alle mit blutigen Füßen.
Hätten seine Freunde und seine Familie Chris Muñoz nicht unterstützt und sein Kreuz manchmal gestützt, er wäre im vergangenen Jahr zusammengebrochen: Sechs Kilometer weit hat er sein 80 Kilo schweres und sieben Meter langes Holzkreuz durch die Hitze gezerrt, die letzten Meter schienen unerreichbar. Wieder und wieder musste er das Kreuz abstellen, sich mit seinem lila Gewand den Schweiß von der Stirn abwischen, doch aufgeben wollte er nicht.
Für den Jesus-Hauptdarsteller von Iztapalapa ist die Qual vorbei, wenn er voller Kunstblut an seinem Kreuz auf dem Berg hängt. "Aber ich muss mein Kreuz jedes Mal wieder nach Hause schleppen", sagt Muñoz. Dann wickelt er seine schmerzenden Füße, die nicht einmal mehr in Sandalen passen, aus den dreckigen Bandagen und legt sich ins Bett.
Ein Triumph bleibt ihm trotzdem, auch wenn er weiter warten muss auf die ersehnte Jesus-Rolle: Denn sein schwarzes Kreuz wiegt 80 Kilogramm. "Das Kreuz von Jesus wiegt 90 Kilo", rechnet er. "Also bin ich fast schon Jesus."