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08.02.2012
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Austausch-Log Russland

Kalt? Kommt mal nach Klin!

Tanja Hausdorf

Nach fünf Monaten Russland hört Tanja Hausdorf, 17, nur noch Kritik und kein Lob mehr - das gefällt ihr aber. Auch den Winter findet sie nicht schlimm, bis auf die gefrorene Nase. Deswegen bleibt sie lieber im Haus. Eine ungewöhnliche Beschäftigungstherapie vertreibt ihr dort die Langeweile.

Es ist Halbzeit in meinem Austauschjahr. Russland ist nicht mehr nur ein zehnmonatiger Schüleraustausch, sondern mein Leben geworden. Ich verstehe Russisch, die Mentalität, kenne die Leute. Ich sehe inzwischen alles realistisch und nicht mehr verträumt wie im Anfangs-Freudentaumel. Deswegen war die Zeit um Weihnachten wahrscheinlich für alle Austauschschüler, egal wo sie sind, am härtesten. Ich habe meine Freunde, meine Familie und ja, sogar die Schule, am meisten vermisst.

Jetzt fallen mir nur noch Russland-Extrembeispiele auf, und jedes Mal wünsche ich mir, meinen Fotoapparat dabei zu haben. Der Mann, den ich auf dem Heimweg von der Schule auf einer Bank sitzen gesehen habe. In der rechten Jackentasche eine Bierflasche, in der linken Speiseöl. Die eine Flasche gegen den Durst, die andere vielleicht gegen den Hunger.

Die Blicke der Leute, wenn ich im Bus Englisch oder gar Deutsch rede. Aber so ergeben sich auch immer wieder interessante Bekanntschaften, die Russen sind da weniger scheu als die Deutschen.

Wie ich es schon geahnt habe, habe ich natürlich zugenommen. Wie viel kann ich nicht sagen, weil wir keine Waage haben. Ist vielleicht auch besser so. Einiges habe ich schon wieder abgenommen, vermutlich weil ich angefangen habe zu joggen. Deswegen habe ich mir schon viele seltsame Blicke eingefangen - kein Wunder bei Eis, Schnee und Minusgraden.

An meiner Schule bin ich immer noch ein Star

Im Januar musste ich damit auch schon wieder aufhören. Es ist einfach zu kalt. Gerade haben wir in Klin, in der Nähe von Moskau, um die minus 25 Grad. Alle versuchen jetzt, so wenig wie möglich draußen zu sein. Um den Schulweg komme ich aber nicht drum herum. Einzige Ausnahme: Ab minus 30 Grad haben wir kältefrei. Das ist bisher aber noch nicht vorgekommen.

Die Kälte ist aber nicht so schlimm, wie ich gedacht habe. Unangenehm ist nur, dass die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Es ist dann ein bisschen schwer zu atmen. Deswegen binde ich mir den Schal so um Mund und Nase, dass nur noch ein Spalt für die Augen frei bleibt. Von flüssigem Make-up wurde mir auch abgeraten, damit ich mir keine Erfrierungen im Gesicht zuziehe. So überlebe ich den russischen Winter schon irgendwie.

Manchmal ist es langweilig, weil ich nicht viel rausgehen kann, aber dafür habe ich ja Hausaufgaben. Zusätzlich werde ich noch mit einer Präsentation über Vorurteile an einem Wettbewerb teilnehmen. Russen lieben jede Art von Wettbewerben. Ich rechne mir keine sonderlichen Chancen aus, aber es ist ja auch nur zur Beschäftigung.

An meiner Schule bin ich die erste Austauschschülerin und immer noch ein Star. Die Lehrer und Schüler haben keine Erfahrung und deswegen ist die Messlatte ziemlich hoch. Ich werde mit meinen Mitschülern gemessen - mit Russen. Mich freut das einerseits, zeigt es doch, dass sie mich voll angenommen haben und es mir zutrauen, dem Unterricht auf Russisch zu folgen. Andererseits lerne ich die Sprache erst seit einem halben Jahr, meine Russisch-Kenntnisse aus Deutschland beschränken sich auf zehn Volkshochschulabende.

Wenn mich hier jemand für meinen deutschen Akzent kritisiert oder ich doch nicht die erhoffte Mathe-Note bekomme, beginne ich an mir zu zweifeln. Am Anfang habe ich nur die Komplimente gehört, nach einem halben Jahr höre ich nur die Kritik. Auch wenn sie manchmal schmerzt, lerne ich durch diese Kritik am meisten. Und dafür bin ich ja hier.

Tanja Hausdorf hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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insgesamt 10 Beiträge
1. Schon witzig für xxx Deutschland
celsius234 08.02.2012
Ich bin DDR Bürger und muss mich alle drei Tage dafür entschuldigen, dass ich Russisch verstehe. Unser Problem in der B>RD liet zwischen den Ohren.
Zitat von sysopNach fünf Monaten*Russland hört Tanja Hausdorf, 17,*nur noch Kritik und kein Lob mehr -*das gefällt ihr aber.*Auch den Winter findet sie nicht schlimm, bis auf die gefrorene Nase. Deswegen bleibt sie lieber im Haus. Eine ungewöhnliche Beschäftigungstherapie vertreibt ihr dort die Langeweile. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,813849,00.html
Ich bin DDR Bürger und muss mich alle drei Tage dafür entschuldigen, dass ich Russisch verstehe. Unser Problem in der B>RD liet zwischen den Ohren.
2.
r-le 08.02.2012
Wieso müssen Sie sich "alle 3 Tage" entschuldigen, dass Sie russisch verstehen. Wo leben Sie denn? Ich spreche auch mehrere Sprachen. Wenn das mal zum Thema wird, ist es eigentlich so, dass die Leute danach [...]
Zitat von celsius234Ich bin DDR Bürger und muss mich alle drei Tage dafür entschuldigen, dass ich Russisch verstehe. Unser Problem in der B>RD liet zwischen den Ohren.
Wieso müssen Sie sich "alle 3 Tage" entschuldigen, dass Sie russisch verstehen. Wo leben Sie denn? Ich spreche auch mehrere Sprachen. Wenn das mal zum Thema wird, ist es eigentlich so, dass die Leute danach Fragen und man ist schnell im Gespräch und die sind eigentlich immer angenehm. Ich kenne auch Ex-DDR'ler die russisch sprechen, was auch ein Smalltalkthema ist. Da entschuldigt sich keiner, warum auch?
3.
a-mole 08.02.2012
die DDR gibt es nicht mehr... Sie sind wohl oder übel Bürger der BRD .. und was hat eigendlich das Austauschlog einer jungen Dame mit ihren befindlichkeiten zu tun?
Zitat von celsius234Ich bin DDR Bürger und muss mich alle drei Tage dafür entschuldigen, dass ich Russisch verstehe. Unser Problem in der B>RD liet zwischen den Ohren.
die DDR gibt es nicht mehr... Sie sind wohl oder übel Bürger der BRD .. und was hat eigendlich das Austauschlog einer jungen Dame mit ihren befindlichkeiten zu tun?
4. einige der
Mueller-Luedenscheid 08.02.2012
Bemerkungen kenne ich aus eigenem erleben in der "Nachbarstadt" Tver, Heimweh und anderes.Aber insgesamt habe ich mich sehr wohl gefühlt in Russland und freue mich schon drauf wieder dorthin gehen zu können. Schön [...]
Bemerkungen kenne ich aus eigenem erleben in der "Nachbarstadt" Tver, Heimweh und anderes.Aber insgesamt habe ich mich sehr wohl gefühlt in Russland und freue mich schon drauf wieder dorthin gehen zu können. Schön zu wissen dass es endlich auch einen Schüleraustausch gibt. Langsam wird es Normalität wie auch der deutsch-französische Schüleraustausch.
5. Schüleraustausch
duk2500 08.02.2012
Eines meiner Kinder war zum Schüleraustausch in der Ukraine, allerdings im Sommer. Das war auch für uns beim darauffolgenden Gegenbesuch eine schöne Erfahrung.
Eines meiner Kinder war zum Schüleraustausch in der Ukraine, allerdings im Sommer. Das war auch für uns beim darauffolgenden Gegenbesuch eine schöne Erfahrung.

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