09.05.2012
Schulklasse am Tropf
Junge Chinesen dopen mit Infusionen für Examen
Heute ein spontaner Test, morgen und übermorgen eine Klassenarbeit - geraten deutsche Schüler unter Prüfungsstress, helfen sich die meisten mit Maskottchen, Schokolade, Traubenzucker. In China dagegen geht es bekanntlich viel härter zu. In der Provinz Hubei hat sich eine ganze Schulklasse an den Aminosäure-Tropf gehängt, um effizienter Lernen zu können, berichtet die englischsprachige staatliche Zeitung "China Daily" auf ihrer Internetseite.
Die intravenöse Verabreichung sei bei den Schülern beliebt, ungefährlich und steigere den körperlichen Allgemeinzustand, sagte ein Verantwortlicher der Schule. Das Lerndoping an einer Oberschule in der Stadt Xiaogang soll bis zu den Hochschulzulassungsprüfungen im Juni weitergehen, die Teilnahme sei für die Schüler aber freiwillig, berichtet "China Daily".
Ziel des körperlichen Eingriffs: Die Schüler sollen besser für die Aufnahmeprüfungen an chinesischen Universitäten, den "gao kao", gerüstet sein. Die Tests finden im Sommer landesweit statt und gelten als wichtigste Prüfung im Leben junger Chinesen. Monatelang bereiten sich Millionen Schüler darauf vor, in der Schule und in Abendkursen. Und Jahr für Jahr berichten die Staatsmedien anschließend besorgt über Betrugsversuche durch Lehrer, Eltern und Schüler. Meist werden die Betrügereien mit drakonischen Strafen geahndet. Einzig das rund einwöchige "gao kao" entscheidet darüber, ob und wo ein Studienbewerber letztlich studieren darf.
"Irgendwie beruhigen sie uns"
Dass in die Venen getropfte Aminosäuren dabei wirklich helfen, ist umstritten. Eigentlich sind sie als Aufbaupräparat für Krebspatienten gedacht, werden aber auch gerne von Kraftsportlern genommen. "China Daily" zitiert mehrere Mediziner, die die Infusionen ablehnen. Ein Arzt nannte sie "weder nötig, noch sinnvoll".
Eine Schülerin berichtete der Zeitung, Schüler früherer Jahrgänge hätten auch schon solche Infusionen bekommen. Die Lehrer hätten in den Klassenzimmern Drähte für die Infusionsbeutel gespannt, damit die Aufbaumittel leichter verabreicht werden können. "Die Infusionen machen uns vielleicht nicht sofort stärker während der anstrengenden Vorbereitung, aber irgendwie beruhigen sie uns, und es fällt danach leichter, weiterzumachen."
cht/AFP

