14.08.2008
Straßenkinder in Deutschland
Mit 17 hat man kaum noch Träume
Von Almut Steinecke"Willst du lecker Speed haben? Komm zu Papa, ich sage dir: drei Tage Film!" Peter*, 19, schaut den Typen kurz an, den alle "Papa" nennen. Der erzählt stolz von seinen Drogen und grinst Peter an. Peter hat ihn schon oft gesehen, "Versorger" nennt der sich auch - weil er die Mittel hat, die es leichter machen, das Leben zu ertragen, hier draußen, wenn auch nur für drei Tage, aber immerhin.
Peter lebt auf der Straße, in Köln. Er ist kaum erwachsen, schläft hier oder dort, wo Platz ist, wo ihn keiner sieht und keiner verjagt. Er hat keine Wohnung, kein Dach über dem Kopf. Meist ist sein Bett steinig, es gibt so viele Kanten und Ecken hier. Der Grund, auf dem er schläft, ist so hart, dass er ihn sich weichzeichnet mit ein paar Drogen, wenigstens manchmal.
An "Papa" ist er trotzdem vorbeigelaufen. Geschmissen wird heute nichts. Nur ein paar Bier hat Peter schon getrunken, am Vormittag. Es ist kurz nach 12 Uhr, Peters blaue Augen sind glasig, sein Blick ist gedrückt. Er trägt eine schwarze, halblange Hose und an den Füßen knöchelhohe Docs. Seine Lederjacke ist mit roter Sprühfarbe betupft, seine blonden Locken sind zum Zopf gebunden.
Im Moment wohnt Peter im Rheinpark, zwischen den Büschen. Seine Clique ist heute da geblieben und Peter allein losgezogen. Er schlendert am Hauptbahnhof vorbei. Peter lässt die Hektik der Stadt kalt. Für ihn ist dieser Tag wie alle Tage. Er passiert so vor sich hin. Ohne Ziele, ohne Termine. Ist es früh oder spät? Egal. Für Peter gibt es nur hell und dunkel.
Seine Vater war kriminell, seine Mutter ging auf den Strich
Mit anderthalb Jahren kam Peter ins Kinderheim. Der Vater nahm Heroin, war kriminell; die Mutter nahm Heroin, ging deshalb auf den Strich. Mit drei Jahren kam Peter in eine Pflegefamilie, zunächst für ein paar Stunden am Tag.
Peter erzählt von seiner leiblichen Mutter. "Sie hat gesagt: 'Ich besuche dich' - im Kinderheim, bei der Familie. Sie hat gesagt: 'Ich komme'. Aber dann kam sie nie." Peter hatte es ihr geglaubt, jedes Mal. Zumindest darauf gehofft, dass sie irgendwann wirklich auftaucht. Er saß am Fenster und wartete. Und wartete. Und wartete.
Jedes Mal wurde ihm wieder "schwindelig vor Enttäuschung", wenn sie wieder nicht gekommen war. Er hat seiner Mutter immer wieder von Neuem vertraut. Worauf sollte er auch sonst hoffen? Peter lernte früh, Hunger auszuhalten. Nach Nahrung. Und nach einer Umarmung.
"Ich war schon klein und dumm und naiv", sagt Peter. Er grinst schief und pustet sich eine Strähne aus der Stirn. Mit sieben Jahren wurde er von der Pflegefamilie adoptiert. Als er acht wurde, verabschiedete sich sein leiblicher Vater aus seinem Leben: "Tschüss", hat er gesagt, "wir sehen uns wieder, wenn du groß bist" - er kam ins Gefängnis, verurteilt für einen Raubüberfall.
Peter hat ihn nie wiedergesehen. Sein Vater starb direkt nach seiner Entlassung, an einer Überdosis Heroin.
