17.09.2010
Geschichte der Sexratgeber
Fingern, Fummeln, Vollzug
Von Anne HaemingEin kleiner Junge, ein kleines Mädchen, beide nackt, sitzen nebeneinander und popeln selbstvergessen in ihren Bauchnäbeln. Mini-Penis und Scheide sind nicht zu übersehen. Über dem Foto steht ein Satz, einzelne Worte sind riesengroß: "Samen", "aufgeregt", "Orgasmus" und "schön".
Anderes Bild, gleiches Jahr, anno 1974: Ein Zeitschriftencover zeigt ein junges Mädchen. Sie liegt auf einem weißen Kissen, einen Arm hinter den Kopf gezogen, den Mund leicht geöffnet schaut sie direkt in die Kamera. Man sieht die schöne Nackte bis zur Taille. "Die Mädchen und ihr Busen", so die Schlagzeile.
Die popelnden Kinder sind Teil des deutschen Aufklärungsbuchs "Zeig mal!" von Will McBride, das nackte Mädchen erschien auf der Titelseite der "Bravo". Es war das erste Cover mit barem Busen. So sah sexuelle Aufklärung damals aus.
Über 36 Jahre später nennen manche die Jugendlichen pauschal "Generation Porno" und diskutieren über die Pädophilie von Geistlichen, Lehrern und 68ern. Auf dem Cover der "Bravo" sieht man heute "Tokio Hotel", keine Nackten; und der Klassiker von McBride wurde zwischendurch als Kinderpornografie indiziert. 1990 erschien die letzte Auflage, der Verlag entschied, keine neue zu drucken.
Anfangs klärten Bücher über Sexualmoral und biologische Fakten auf
Pornografie ist im Internet heute kinderleicht zugänglich, Aufklärung funktioniert weit weniger plakativ als in den Siebzigern - aber die Bedürfnisse der Teenager sind in all den Jahrzehnten gleich geblieben. Wie spreche ich ihn an? Ist mein Penis zu kurz? Und was genau mache ich mit meiner Zunge in dem anderen Mund?
Kurz gesagt: Wie geht das?
Die Frage ist die Mutter aller Sexratgeber und Aufklärungsbücher und -filme. Doch Rat sucht eben nur, wer Rat braucht: "Es musste erst einmal ein Bewusstsein dafür entstehen, dass man ein Problem hat", sagt Franz X. Eder, Professor für Sozialgeschichte an der Universität Wien, über die Anfänge der Sexratgeber. Eders Spezialthema ist die "Kultur der Begierde".
Als Ende des 19. Jahrhunderts die Jugend erstmals als Jugend wahrgenommen wurde, wuchs auch das Bewusstsein, dass alle in diesem Lebensabschnitt besondere Bedürfnissen entwickeln: Sie wollten Ratschläge übers Untenrum. "Das Problem war lange, dass junge Menschen kaum Zugang zu sexuellem Wissen fanden", sagt Lutz Sauerteig, der als Medizinhistoriker an der britischen Durham University über die Geschichte der sexuellen Aufklärung forscht.
"Einschlägige Aufklärungsbücher gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts, doch drehte es sich in ihnen anfangs in erster Linie um Sexualmoral und biologische Fakten. Wie etwa ein Zungenkuss geht, stand da nicht." Da blieb nur die Belletristik: Die Geschichten aus dem 18. Jahrhundert von Marquis de Sade oder D. H. Lawrences schlüpfrig-konkreter Roman "Lady Chatterley's Lover", der Ende der zwanziger Jahre veröffentlich wurde.
Die Hippies sorgten für die Wende
Konkrete Anleitungen fürs Fummeln und Vollziehen sollte es erst viel später geben. Sexualität war um die Jahrhundertwende strikt auf die Zeit nach der Hochzeit beschränkt, ausgerichtet auf Familiengründung; dementsprechend hieß das wichtigste Buch damals ganz züchtig "Knigge für Verliebte". Diese Ideologie wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren abgelöst von Sexualkundeatlanten mit anatomischen Querschnitten durch schwangere Frauenkörper, der Geburtsvorgang wurde zum Hydraulikschaubild mit jeder Menge Pfeilen.
Die große Wende begann Ende der sechziger Jahre, die Maxime der freien Hippie-Liebe kam in der Gesellschaft an - und Deutschland wurde Vorreiter der Sexualaufklärung und sei damals "mit am fortschrittlichsten" gewesen, sagt Sauerteig.
Das zeigt auch die Liste einiger Veröffentlichungen, die damals kurz hintereinander erschienen: So gab die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den dreiteiligen Film "Helga - vom Werden des menschlichen Lebens" in Auftrag, der 1967 Nahaufnahmen einer bluttriefenden Plazenta, dem Mutterkuchen, an den sich der Fötus im Mutterleib schmiegt und der das ungeborene Kind ernährt zeigte. Die Bilder sorgten europaweit für Aufsehen.
Im selben Jahr veröffentlichte Martin Goldstein "Anders als bei Schmetterlingen", illustriert von der Zeichnerlegende Heinz Edelmann. Oswalt Kolle schrieb "Dein Mann, das unbekannte Wesen" und ein Jahr später kam sein Film "Die Wunder der Liebe" in die Kinos. Als sich die "Bravo" im Jahr 1969 mit einer Leserbriefe-Flaute plagen musste, löste Martin Goldstein als Dr. Jochen Sommer die moralinsauren Ratgeberonkels Dr. Vollmer und Dr. Korff ab.
"Bravo" schuf "Betriebsanleitungen für Orgasmustechnologien"
Die "Schulmädchenreport"-Reihe starteten 1970 gedruckt und auf der Leinwand. Im gleichen Jahr erschien Günter Amendts "Sexfront", das speziell für Jugendliche gedacht war. "Fick mal wieder", stand da und Amendt zeigte Detailfotos von Vaginas. Doch verboten wurde es, trotz mancher Klage, nie. 1974 erschien zum einen "Tanja und Fabian", ein bebildertes Aufklärungsbuch gedacht für Grundschulkinder, und das genannte "Zeig mal!" von Will McBride.
Die Haltung der Ratgebenden änderte sich in jenen Jahren grundlegend. Der warnende Tonfall verschwand allmählich, der erhobene Zeigefinder ebenso, fortan wurde aufmunternd beraten. Masturbieren war ok, Homosexualität auch, Sex vor der Ehe - na klar! Man durfte Lust haben, und Mädchen lernten zu sagen, wenn sie keine hatten.
Neu war auch, dass man auf einmal Fotos zu Hilfe nahm, um aufzuklären - und um zu zeigen, wie's geht. Die Ära der Handlungsanleitungen begann. "Die 'Bravo' kreierte einen Wissenskanon", sagt Lutz Sauerteig. Es seien "Betriebsanleitungen" für "Orgasmustechnologien" entstanden. Franz Eder nennt das, was sie zeigten, einen reinen "Stationenverkehr": "Das Vorspiel geht so und so, mit den Händen da und dort anfassen, dann den Penis in den Mund nehmen."
Ein Problem, das seiner Meinung nach verstärkt wird von all den Internet-Pornos, die eigentlich für erwachsene Männer gedacht sind: "Die Burschen wollen die Plots umsetzen." Das erste Erleben, findet er, sei im Prinzip nur ein Nacherleben. Auch Martin Goldstein, der ursprüngliche Doktor Sommer, war sich dieses Dilemmas bewusst: "Es ist keine Frage der Technik der einzelnen Körperteile", sagte er einmal in einem Interview, "es geht immer um eine Beziehung zwischen Menschen."
Die Aufklärung ändert sich, die Fragen bleiben
Dass bei Youporn und Co. Analverkehr und Sex zu dritt Standard sind, dass Umfragen ermitteln, wann wer das erste Mal hat und am besten auch gleich wie, habe für die Burschen einen weiteren Effekt: "Das übt natürlich Druck aus", sagt Lutz Sauerteig. "Daran kann man sich messen." Jüngst belegte eine Umfrage zur Sexualität von Teenagern allerdings, dass sich die Jugend weit braver verhält, als Mahner fürchten. Sie sind meist keusche Kuschler, die verhüten, lange mit dem ersten Mal warten und auf eine monogame, feste Partnerschaft setzen.
Und gegen den Selbstvergleich mit der Porno-Branche bringt etwa die "Bravo" auf ihrer Internetseite Bildergalerien mit echten Geschlechtsteilen ohne Spezialfrisur und Photoshop-Bereinigung in Stellung: "Penis", "Vulva" und "Brüste-Galerie" sollen Jugendlichen zeigen: Die Norm gibt es nicht, egal ob hängend oder flach, kurz oder krumm, dick oder dünn - du bist okay.
Inzwischen lässt man Jugendliche selbst über ihre Körper und Liebesprobleme schreiben, wie in der "Black Book"-Reihe eines kanadischen Jugendzentrums: Teenies schreiben hier für Teenies. Hauptsache jugendlich authentisch, mit Mösen, Schwänzen, ficken, oft in Form von Comics.
Die Themen bleiben wohl immer die selben wie noch vor einem halben Jahrhundert und die brennendsten Fragen Pubertierender sind noch immer: "Wie krieg ich endlich einen Partner?" "Schadet Selbstbefriedigung?" und, natürlich, "Ist nur ein großer Penis gut?" Das Gute im Vergleich zu früher ist, dass die Fragen heute offen beantwortet werden.
Franz X. Eder: "Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität", C.H. Beck 2009. 360 Seiten, 16,95 Euro.
Philipp Sarasin et al. (Hrsg.): "Fragen Sie Dr. Sex! Ratgeberkommunikation und die mediale Konstruktion des Sexuellen", Suhrkamp 2010. 376 Seiten, 15 Euro.
St. Stephen's Community House (Hrsg.): "Black Book for Girls. Alles über Sex und Liebe", cbt 2009. 224 Seiten, 6,95 Euro.

