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13.04.2011
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Mein erstes Mal

Aileen, 21, leitet ein Feriencamp

Aileen Richter: Spaß muss im Feriencamp sein, nur bitte ohne Alkohol

Als Aileen Richter, 21, zum ersten Mal ein Ferienlager begleitete, griff sie streng durch: Sie ließ Betrunkene vor der Disco ausnüchtern und sammelte Ausreißer schnell wieder ein. Am Ende der Ferien triumphierte sie aber nicht, sondern musste weinen.

"Vor dem Feriencamp war meine größte Sorge, dass ich bei den Kindern nicht ankomme. Das kenne ich schließlich selbst noch von früher: Es gab Lehrer, die fand man nett und andere, die man gar nicht ausstehen konnte.

Wir fuhren mit einem Bus 20 Stunden zum Feriencamp nach Pakostane in Kroatien. In Deutschland stiegen ständig neue Jugendliche ein und deren Eltern baten mich, gut auf sie aufzupassen. Ich hatte aber gar keine Angst, dass den Kindern was passiert. Obwohl ich natürlich eine große Verantwortung hatte: Zusammen mit einem anderen Teamer betreute ich 30 Kinder und Jugendliche.

Nur einmal bin ich wirklich ins Schleudern geraten: Ein 16-jähriges Mädchen bekam Besuch von ihrem 18-jährigen Freund. Kein Problem, aber irgendwann war sie verschwunden. Erst schaute ich auf ihrem Zimmer nach ihr, dann bekam ich Panik und lief durch die ganze Stadt, um sie zu suchen. Nachts um halb drei fand ich sie betrunken mit einer Platzwunde am Kopf, die sie sich Stunden vorher bei einem Sturz zugezogen hatte. Wir mussten sofort ins Krankenhaus, um sie nähen zu lassen. In so extremen Situationen müssen die Jugendlichen manchmal am nächsten Tag sofort auf eigene Kosten nach Hause fahren. Das Mädchen durfte bleiben, weil das Camp ohnehin bald vorbei war.

Zum Glück hatten die Kinder Respekt vor mir, obwohl oder gerade weil ich ihnen sagte: 'Bis hierhin und nicht weiter'. Ich kann mich gut durchsetzen und manchmal richtig streng sein, das habe ich durch meinen jüngeren Bruder gelernt. Natürlich muss man als Teamer auch über sich selbst lachen können: Bei dem Versuch ein am Baum hängendes Faultier zu imitieren, fiel ich herunter - das ganze Camp, Kinder und Gruppenleiter - hatten ihren Spaß und ich wurde tagelang damit aufgezogen.

Beim Abschied habe ich geweint

Mit den 16-Jährigen war es trotzdem manchmal schwierig. Beim gemeinsamen Discobesuch tranken sie ordentlich - stets in der Hoffnung, dass wir es nicht mitbekommen. Bei mir hatten sie aber kein Glück. Ich führte sie, wenn ich es gemerkt habe, richtig vor. Dafür hassten sie mich sicherlich. Ich holte den Betrunkenen vor allen anderen aus der Gruppe raus und versprach ihm: 'Wenn du gerade laufen kannst, darfst du wieder rein'. Natürlich konnte er das nicht. Er musste zwei Stunden mit mir vor der Disco sitzen und ausnüchtern, während die anderen weiter feierten. Er schämte sich so - bis zum Ende des Urlaubs trank er gar nichts mehr.

Natürlich bekomme ich nicht alles mit, was sie machen. Ich finde, in diesem Alter sollte man ruhig kleine Geheimnisse haben - gerade im Urlaub. Wenn jemand ein bisschen beschwipst ist oder sich heimlich an den Strand setzt, sage ich nichts.

Mit den 13- und 14-Jährigen klappte alles perfekt. Eine richtige Engelsgruppe. Die Kinder waren sehr anhänglich: Schwimmen gehen oder Bogenschießen ohne uns Teamer? Das ging gar nicht. Wenn es Probleme gab, kamen sie sofort zu mir. Weil es eine kleine Gruppe war, konnte ich mich ziemlich intensiv um sie kümmern. Ich merkte sofort, wenn es Spannungen in der Gruppe gab oder kleine Liebeleien.

Ich war die große Schwester für die Kinder. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen und beim Abschied weinte ich sogar. Im Fernsehen sieht man immer die verkorksten Kinder, aber 'meine' waren genau das Gegenteil. Noch heute schreiben wir uns Mails und manchen begegne ich beim Einkaufen in der Fußgängerzone. Dann sagen sie: 'Aileen, komm wir gehen zusammen shoppen.'"

Aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas

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insgesamt 9 Beiträge
1. !
manuelbaghorn 13.04.2011
Ja, dass kann ich nur bestätigen. Jeder der mal wieder über die angeblich so schlechte Jugend von heute herzieht, sollte mal selber in einer Schule Unterricht machen oder bei so einem Camp mitmachen und er wird merken, dass [...]
Zitat von sysopAls Aileen Richter, 21, zum ersten Mal ein Ferienlager begleitete, griff sie streng durch:*Sie ließ Betrunkene*vor der Disco ausnüchtern und sammelte Ausreißer schnell wieder ein. Am Ende der Ferien triumphierte sie aber nicht, sondern musste*weinen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,754882,00.html
Ja, dass kann ich nur bestätigen. Jeder der mal wieder über die angeblich so schlechte Jugend von heute herzieht, sollte mal selber in einer Schule Unterricht machen oder bei so einem Camp mitmachen und er wird merken, dass man meist das zurück kommt, was man den Kindern/Jugendlichen gibt. Also das man, wenn man positiv an die Sache rangeht absolut bereichernde Erfahrungen sammeln kann.
2. Einfach nur unverantwortilich
pennylox 13.04.2011
Ich persönlich kann es nicht verstehen, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder auf solche Freizeiten mitschicken. Bei einem Teamerschlüssel von 1 zu 15 ist es kaum zu gewährleisten seiner Aufsichtspflicht nachzukommen. Ich selber [...]
Ich persönlich kann es nicht verstehen, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder auf solche Freizeiten mitschicken. Bei einem Teamerschlüssel von 1 zu 15 ist es kaum zu gewährleisten seiner Aufsichtspflicht nachzukommen. Ich selber bin schon seit Jahren Teamerin auf Freizeiten und der Teamerschlüssel ist höchstens 1 zu 7. Ein größeres Team hat dabei auch mehr Vorteile, da die Verantwortung auf mehrere Leute verteilt wird. Leider ist der Grund warum nur so wenige Teamer eingesetzt werden das Geld. Meistens sind es gerade mal 15 Euro am Tag bei einer Arbeitszeit von 24 Stunden (!) und somit eine sehr günstige Arbeitskraft. Wie gesagt, einfach nur unverantwortlich von den Eltern und von der Organisation!
3. Selbst schlechte Erfahrungen gemacht
maria3333 13.04.2011
Vor mehr als 10 Jahren war ich selbst als Teilnehmerin auf einer Freizeit des Jugendreisen-Anbieters RUF dabei (auf dem Bild der Teamleiterin sieht man an dem Schlüsselband, dass sie bei diesem Anbieter arbeitet) und muss sagen, [...]
Vor mehr als 10 Jahren war ich selbst als Teilnehmerin auf einer Freizeit des Jugendreisen-Anbieters RUF dabei (auf dem Bild der Teamleiterin sieht man an dem Schlüsselband, dass sie bei diesem Anbieter arbeitet) und muss sagen, dass ich da sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe. Ich wurde damals massiv von anderen jugendlichen Teilnehmern mit Schlägen und Gewalt bedroht und den Teamleitern ging es vollkommen am Hintern vorbei. Die sind meistens auch noch sehr jung (wie die Leiterin, die hier schreibt, auch) und sind auf Party und Urlaub aus. Wenn es ernsten Stress gibt, sind sie darauf nicht vorbereitet und haben auch keine Lust, sich in die Auseinandersetzungen einzumischen. Erst als ich damals meine Eltern anrief und die dann wiederum im Feriencamp anriefen, stellten die Teamleiter die Jugendlichen zur Rede, die mich bedroht hatten. Ich war doch sehr enttäuscht von deren laschen Haltung und habe mich dort nicht wirklich sicher und gut betreut gefühlt.
4. Ohne finanzielle Absichten klappts besser
semil 13.04.2011
Ob ein solcher Schlüssel gerechtfertigt ist, hängt auch vom Alter der Teilnehmenden ab. Meines Erachtens sollte Geld nicht die Motivation dafür sein, sich als Betreuer zu engagieren. Inhalte und die Begeisterung etwas zu [...]
Zitat von pennyloxIch persönlich kann es nicht verstehen, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder auf solche Freizeiten mitschicken. Bei einem Teamerschlüssel von 1 zu 15 ist es kaum zu gewährleisten seiner Aufsichtspflicht nachzukommen. Ich selber bin schon seit Jahren Teamerin auf Freizeiten und der Teamerschlüssel ist höchstens 1 zu 7. Ein größeres Team hat dabei auch mehr Vorteile, da die Verantwortung auf mehrere Leute verteilt wird. Leider ist der Grund warum nur so wenige Teamer eingesetzt werden das Geld. Meistens sind es gerade mal 15 Euro am Tag bei einer Arbeitszeit von 24 Stunden (!) und somit eine sehr günstige Arbeitskraft. Wie gesagt, einfach nur unverantwortlich von den Eltern und von der Organisation!
Ob ein solcher Schlüssel gerechtfertigt ist, hängt auch vom Alter der Teilnehmenden ab. Meines Erachtens sollte Geld nicht die Motivation dafür sein, sich als Betreuer zu engagieren. Inhalte und die Begeisterung etwas zu vermitteln sollten wichtig sein. Geld sollte auch nicht die Motivation für die Organisatoren solch eine Veranstaltung sein. Dann klappt's auch mit dem Betreuungsschlüssel. So machen es die meisten Vereine und Verbände, die anerkannte Träger der Kinder- und Jugendhilfe sind.
5. Nicht alle über einen Kamm
Jano72 13.04.2011
@pennylox Da man am Namensschild sehen kann um welche Organisation es sich handelt, muß ich Dir zu diesem Artikel widersprechen (aber ich weiß was Du meinst ;-), Hier ist schon der Titel "Aileen, 21, leitet ein [...]
@pennylox Da man am Namensschild sehen kann um welche Organisation es sich handelt, muß ich Dir zu diesem Artikel widersprechen (aber ich weiß was Du meinst ;-), Hier ist schon der Titel "Aileen, 21, leitet ein Feriencamp" falsch. Da ich selbst ein paar Jahre für diesen Veranstalter gearbeitet habe kenne ich die Strukturen und in jeder Destination gibt es nicht nur die "reinen" Teamer. Hier gibt es noch Chefreiseleiter, Köche (wenn eigene Küche), usw... Sie betreute eine Gruppe von 30 Jugendlichen zu Zweit in einem Camp mit ca. 150 - 300 Jugendlichen. Das heißt es gibt noch ne ganze Menge mehr Teamer in dem Camp + das zusätzliche Langzeit- und Leitungsteam, welches im Schnitt 3 Monate konstant vor Ort ist. Daher liegt der Schlüssel bei weniger als 1:15. Auch handelt es sich hier um einen der wenigen "professionellen" Jugendreiseveranstaltern. Hier werden die Teamer speziell geschult ebenso die Leitungsteams (und das nicht an einem Nachmittag, wie es bei vielen der Fall ist, wenn nicht schon der Jugendgruppenleiterschein alleine ausreicht). Es geht hier um eine professionelle Struktur welche über einen längeren Zeitraum bestand hat. Es gibt klare Zuständigkeiten und Regeln. Daher kannst du es nicht verallgemeinern. Aber ich gebe dir recht das es viele unprofessionell betreiben mit Teamern die selbst lieber Urlaub machen wollen als sich um irgendetwas zu kümmern. Das haben die letzten Jahre ja auch die Negativschlagzeilen über Jugendcamps bewiesen. Schlecht ausgewählte und ausgebildete Betreuer werden auf Kinder und Jugendliche losgelassen. Aber lass dir sagen, nicht alle sind so! Es gibt auch gute und professionelle Veranstalter. Und das sag ich nicht nur, weil ich für diesen Verein gearbeitet habe (leider schon viel zu lange her, war eine wunderschöne und stressige Zeit). Sondern weil ich meine älteste Tochter (damals 9) auch schon mitgeschickt habe und wenn es sich ergibt, sie auch jederzeit wieder mitschicken würde. Sie hatte einen Heidenspaß und war total begeistert. Dir rate ich dich mal bei dem Veranstalter zu bewerben, dann siehst du das nicht alles so schlecht und unverantwortlich ist wie Du denkst ;-)

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