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20.06.2011
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Jugendlicher Star-Designer

Made in Kinderzimmer

Von
SPIEGEL ONLINE

Mit 17 Jahren hat Magomed Dovjenko schon für Nike, Diesel und Toyota gearbeitet, der Jung-Designer erhält fast wöchentlich neue Aufträge. "Ich will weit kommen", sagt er. Das Geld, das er verdient, landet direkt auf einem Sparbuch - ohne seine Mutter hat er darauf keinen Zugriff.

In seinem Kölner Kinderzimmer zeichnet Magomed Bilder, die später New Yorker auf ihren T-Shirts tragen. Und Mailänder und Berliner. Das Zimmer hat er kürzlich renoviert. Er strich die hellgrünen Wände weiß, nahm alle Bilder und die Gardinen mit dem Blümchenmuster ab, kaufte sich einen größeren Schreibtisch, holte den Flachbildschirm vom Schrank und hängte ihn an die Wand. Nur in seinem Bücherregal stehen immer noch Winnetou und Harry Potter neben einem Fachbuch über junge Grafikdesigner.

Seine Kunden werden das Zimmer nicht betreten, es wäre etwas zu eng auf knapp zehn Quadratmetern. Trotzdem sollte es cooler aussehen und besser zu seinen Auftraggebern passen.

Das Kinderzimmer hat sich entwickelt, genau wie sein Besitzer. Magomed Dovjenko kam 1994, da war er ein Jahr alt, mit seinen Eltern und seiner Schwester als Flüchtling aus Tschetschenien nach Deutschland. Mit acht Jahren zeichnete Magomed Comic-Figuren und verkaufte sie für 50 Cent auf dem Schulhof, heute, mit 17 Jahren, hat er eine Illustration für die Webseite des US-Rappers Jay-Z gezeichnet. Sobald sie online ist, postet Jay-Z sie auf Facebook. Er hat dort mehr als acht Millionen Fans. "Das ist viel geiler als 'Stern TV' und 'TV Total' zusammen", sagt Magomed. Dort war er im vergangenen Jahr zu Gast. "Kreativ, berühmt, erfolgreich", so kündigte Moderator Günther Jauch ihn an.

Seine Bilder hat Magomed unter anderem an Nike, Adidas, Diesel und Toyota verkauft.

Als Grafikdesigner und Illustrator arbeitet er fast nur am Computer oder an seinem Grafiktablett. Einige Bilder skizziert er auch erst auf Papier, scannt sie ein und bearbeitet sie weiter. Bis zu 30 Stunden sitzt er an einem Bild, oft sind sie sehr bunt, manche sehen aus wie Graffiti, andere erinnern an Ed Hardy. Seine Werke landen später auf T-Shirts, Schuhen, in Magazinen oder Design-Blogs. Gerade hat er das Fußballtrikot für eine weltberühmte Fußballmannschaft gestaltet.

Magomed wurde nicht entdeckt, er ließ sich entdecken

Wie viel er verdient, sagt er nicht. Manchmal bekommt er nichts, manchmal vierstellige Summen. Das Geld landet direkt auf seinem Sparbuch, an das er ohne seine Mutter nicht rankommt.

Seinen Erfolg verdankt er seinem Talent - und seinem Selbstvertrauen: Er wurde nicht entdeckt, er ließ sich entdecken. Mit 14 Jahren schrieb er rund ein Dutzend Agenturen an, die er im Internet gefunden hatte: "Ich heiße Mago und möchte für euch arbeiten." Viele haben nicht geantwortet, zweien gefiel seine Arbeit, das Alter störte sie offensichtlich nicht. Heute hat er zwei Agenten, einen in Düsseldorf, einen in London.

Claudio Soranno von der "Anja Wiroth Agency" schwärmt, Magomed könne zeichnen wie einer, der schon 40 Jahre Übung habe. Bei seinen Motiven lasse er sich aber anders inspirieren, von Jay-Z etwa und dessen Rapper-Kollegen Kanye West. Dadurch hätten seine Bilder den gewünschten "Freshness Faktor", sagt Soranno.

Magomed muss Jugendlichkeit und Coolness nicht aufspüren und nachahmen, er ist jung und cool. Das macht ihn begehrt - auch ohne Ausbildung.

Magomed hat sich verändert in letzter Zeit, er wird erwachsen. Wenn er Videoaufnahmen von sich sieht, vom letzten Jahr, schämt er sich, so wie allen Jugendlichen ziemlich viel ziemlich peinlich ist. Nur geht es bei ihm nicht um Papas Video aus dem Sommerurlaub, sondern um einen Auftritt vor rund einer halben Million Zuschauern in Stefan Raabs "TV Total". Ein Mitschnitt läuft auf seinem Computer, er sitzt davor, windet sich auf seinem Stuhl und schaut kaum hin.

"Was war dein erster Auftrag, mit dem du richtig Geld verdient hast?", fragt Raab.

"Rischtig?", fragt Magomed.

"Nee, mit dem du Geld verdient hast, nicht richtig Geld."

"Isch weiß nicht, so'n paar T-shirts für so'n unbekanntes T-Shirt-Label", sagt Magomed.

In Kunst hat er eine Eins, das ist ihm wichtig, in Mathe eine Vier, das ist egal

"Wie assich ich da noch rede", sagt er. Er arbeitet an seiner Sprache und verbessert sich, wenn er bemerkt, dass ihm wieder was durchgerutscht ist. Einige seiner Lehrer unterstützen ihn mehr, erzählt er, andere weniger. "Manchmal sind die angepisst, ähh, sorry: Manchmal sind die sauer, wenn ich die Schule vernachlässige."

Seine Mutter hat ihn gebeten, die Schule nicht schleifen zu lassen. "Hat nicht ganz geklappt", sagt Magomed und grinst. In Kunst hat er eine Eins, das ist ihm wichtig, in Mathe eine Vier, das ist egal. "In der Branche achten sie eher darauf, was man kann, und nicht, was man gelernt hat", sagt er. Den Realschulabschluss wird er trotzdem im Sommer machen.

Bei Stefan Raab trug Magomed weite Jeans, eine rote Adidas-Jacke und ein Goldkettchen. Jetzt trägt er enge Jeans, ein weißes T-Shirt, eine schwarze Strickjacke und einen Ring am kleinen Finger. Die Haare sind etwas länger und mit viel Haarspray nach hinten gestylt. Damals sah er eher aus wie ein Gangster aus Köln-Meschenich, wo er lange gewohnt hat. "Plattenbau vom Feinsten", sagt er. Heute wohnt er mit seinen Eltern in Köln-Sürth in einem Mehrfamilienhaus und sieht aus wie ein Hipster.

Mit seinen Freunden von früher hat er nicht mehr viel zu tun. Sie hätten damals manchmal was angestellt, das will er nicht mehr. "Ich arbeite nicht nur aus Spaß", sagt er. "Ich will weit kommen."

Das vergisst man schnell; denn sein Erfolg wirkt selbstverständlich, nicht erkämpft, und Magomed nicht verbissen, das macht ihn sympathisch. Er wirkt wie ein Junge, der seinen Aufstieg bestaunt. Er weiß, dass sein Erfolg wieder vorbei sein könnte. "Ich versuche, den Hype zu halten", sagt er.

Früher wollte er nach London oder Amsterdam, jetzt will er nach New York

Den Hype und sein Leben organisiert er im Internet. Bei Facebook hat Magomed mehr als 1100 Freunde, seine Klassenkameraden gehören dazu und der Fußballer Edgar Davids, für den er schon gearbeitet hat, der japanische Künstler Takashi Murakami, den er bewundert, und David Gensler, der Gründer einer großen New Yorker Agentur, der Magomed fördert.

Seine Fanseite bei Facebook gefällt 1200 Nutzern und ihm folgen 700 Personen bei Twitter. Die Zahlen hat er im Kopf, auf sie ist er stolz, sie bestätigen ihm seinen Erfolg. Er ist fast permanent bei Facebook angemeldet, bei iChat und Skype ebenfalls. Erst klingelt sein Agent aus London per Skype durch, ein paar Minuten später chattet ihn sein Kumpel Luke an, und Magomed entschuldigt sich kurz.

Luke: "Was geht ab bei dir? Ich schreib Dienstag Mathe-Abi und kann nichts. Haha, ich hab so Angst!"

Magomed: "Werde gerade interviewt von SPIEGEL ONLINE :-) Oh Mann, packst du schon!"

Luke: "Chillig, was fragen die so?"

Magomed: "Alles mögliche über Karriere, Leben etc."

Anfang Mai postete er auf seiner Pinnwand ein Foto von seinen Shirts. "Mago T-Shirt Collection wird immer größer in meinem Schrank!! Hehe :-)", schrieb er dazu. Sein Mentor David Gensler wies ihn zurecht: "Nimm wenigstens die gleichen schönen Holzbügel und hänge sie alle in der gleichen Richtung auf… Wenn du das Spiel spielen willst, spiele es gut."

Magomed hat dazu den "Gefällt mir"-Button geklickt, schließlich will er sich im Spiel mit den Großen bewähren. Die Bügel im Schrank hat er aber noch nicht ausgetauscht, vielleicht ist das auch gut so, vielleicht geht sein "Freshness-Faktor" verloren, wenn er zu sehr auf die Etablierten der Branche hört.

Damals, bei "TV Total", wollte Magomed nach der Schule nach London oder Amsterdam, um dort Design zu studieren. Jetzt will er nach New York. Vermutlich wird es klappen, so wie bislang alles geklappt hat.

Nur sein bisher größter Wunsch hat sich noch nicht erfüllt: Er will ein Album-Cover für Kanye West oder Jay-Z entwerfen. Schließlich seien die Designer, die für die beiden gearbeitet hätten, später richtig groß rausgekommen. "Das muss noch kommen", sagt er.

Forum

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insgesamt 54 Beiträge
1. Stardesigner
mauzirone 20.06.2011
Da designed er ein paar T-Shirts und wird als Stardesigner bezeichnet ;-)
Da designed er ein paar T-Shirts und wird als Stardesigner bezeichnet ;-)
2. Deutsche Sprache???
georghermann9 20.06.2011
Gewiss ein lesenswerter Artikel. Aber warum die Überschrift "Made in Kinderzimmer"? Liebe Spiegel-Redaktion: Schmerzt Sie dieses schauderhafte Kauderwelsch nicht auch selbst? Bitte bedenken Sie, wie sehr Sie das [...]
Gewiss ein lesenswerter Artikel. Aber warum die Überschrift "Made in Kinderzimmer"? Liebe Spiegel-Redaktion: Schmerzt Sie dieses schauderhafte Kauderwelsch nicht auch selbst? Bitte bedenken Sie, wie sehr Sie das allgemeine Sprachempfinden prägen. Kein Zweifel, Deutschland welkt dahin, und mit ihm seine Sprache. Aber wir sollten dies nicht noch künstlich beschleunigen.
3.
BlakesWort 20.06.2011
Ein "Star-Designer" ist er sicher nicht, da gehören einige Jahre des kontinuierlichen Erfolgs dazu. Aber Talent hat er zweifelsohne und er ist immerhin einer, dem das Internet die Tür geöffnet hat. In den Himmel heben [...]
Ein "Star-Designer" ist er sicher nicht, da gehören einige Jahre des kontinuierlichen Erfolgs dazu. Aber Talent hat er zweifelsohne und er ist immerhin einer, dem das Internet die Tür geöffnet hat. In den Himmel heben muss man einen Künstler wie ihn dennoch nicht. Es gibt eine ganze Menge Zeichner, Musiker, Sänger die über ein gewisses Talent verfügen und dafür etwas tun. Wenn er außerdem mit Kunst 1 und Mathe 4 gut durchs Leben kommen kann, dann soll er ruhig weiter an seinen Designs sitzen.
4. na klar
flower power 20.06.2011
hochgejubelt ohne background. flash und weg. zum designer reicht halt nich photoshop, illustrator, paint usw. zu beherrschen. da zählen auch technische kenntnisse, farben- und formlehre..... . ein t-shirt zu designen kann jedes [...]
hochgejubelt ohne background. flash und weg. zum designer reicht halt nich photoshop, illustrator, paint usw. zu beherrschen. da zählen auch technische kenntnisse, farben- und formlehre..... . ein t-shirt zu designen kann jedes kind, ein photo über ein tablet zu verfremden.. na ja. junge mach ne ausbildung, geh den weg und lass dich dann aus. flashen bringt niemend zu erfolg, denn später wird es dann sehr schnell einsam um dich. oder? alle nerds, rennt zum pc und bombadiert die großen life-style firmen mit euren träumen, dann schaffen wir die ausbildung doch gleich ab. warum soll man eine ausbildung, ein studium .. machne müssen, wenn es auch so genügt? euer traumjob : stardesigner - fangt mal am besten mit dem star schon an....
5. Re
bodenheim111 20.06.2011
Gute Geschichte, auf jeden Fall. Wir müssen einfach das Umfeld schaffen, in dem sich junge Leute entfalten können. Gelungene Integration in diesem Fall, wie auch die Brüder Yerli/ Crytek. Aber "Stardesigner" ist mal [...]
Gute Geschichte, auf jeden Fall. Wir müssen einfach das Umfeld schaffen, in dem sich junge Leute entfalten können. Gelungene Integration in diesem Fall, wie auch die Brüder Yerli/ Crytek. Aber "Stardesigner" ist mal wieder eine stark überzogene Aufmache.

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