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21.02.2012
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Jugend in Russland

"Am Bolschoi lobt uns niemand"

Sie ist 20 und Spitzenballerina am Bolschoi, doch der Preis dafür ist hoch: Angelina Woronzowa trainiert an sechs Tagen in der Woche, Partys und hochhackige Pumps sind tabu. Die junge Russin erzählt von permanenten Schmerzen - und von Natalie Portmans begrenzten Möglichkeiten.

Angelina Woronzowa, geboren am 17. Dezember 1991 in Woronesch, ist Ballerina am Bolschoi Theater in Moskau:

Natürlich kann ich mich nur an wenige der schlimmen Ereignisse aus den neunziger Jahren erinnern. Meine Eltern haben vieles von mir ferngehalten, die Schwierigkeiten haben mich nicht berührt. Ich habe vor allem Sport gemacht und getanzt.

Wenn ich an die neunziger Jahre denke, erinnere ich mich vor allem mit einer gewissen Zärtlichkeit an meinen Kindergarten in meiner Heimatstadt Woronesch in Südrussland. Dort gab es viele Feste und Veranstaltungen, und ich habe dort immer getanzt und gesungen. Ich habe dort sogar ein bisschen Karriere gemacht: Am Anfang war ich ein einfaches Rotkäppchen, später dann "Chef-Rotkäppchen".

Als Kind habe ich dort rhythmische Sportgymnastik gemacht. Aber mit elf Jahren habe ich aufgehört. Vielleicht war das eine dumme Entscheidung. Ich war sehr gut und habe Meisterschaften gewonnen.

Danach habe ich fünf Jahre lang an der Ballettschule von Woronesch studiert. Mit 16 bekam ich ein Angebot von der Moskauer Ballettakademie. Direkt im Anschluss wechselte ich ans Bolschoi. Sie haben mich sehr schnell ins Repertoire aufgenommen. Nach einem halben Jahr habe ich schon eine Hauptrolle im "Nussknacker" getanzt. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, denn ich war ja erst 18. Angst hatte ich nicht, glaube ich. Ich war sehr konzentriert.

Die Rolle der Maria ist körperlich sehr anspruchsvoll: Sie verändert sich während des Stückes sehr stark, und es ist schwer, ihre emotionale Entwicklung tanzend darzustellen. Maria durchlebt auf der Bühne ihr ganzes Leben. Man muss das durch die Bewegungen darstellen, damit das Publikum diese Veränderungen spüren kann. Als Mädchen bewegt sie sich ganz anders als später als Frau. Es gibt viele anspruchsvolle Sprünge, das kostet eine Menge Kraft.

Wir trainieren am Bolschoi sechs Tage die Woche. Für Hobbys habe ich keine Zeit. Meistens brauche ich meine Freizeit am Abend, um meine Spitzenschuhe vorzubereiten. Manchmal gucke ich einen Film oder gehe spazieren.

Manchmal vergisst man, welche Jahreszeit gerade herrscht

Ich kann abends nicht lange ausgehen und es ist auch besser, keinen Alkohol zu trinken. Und ich muss aufpassen, dass ich die richtigen Schuhe trage. Hohe Absätze gehen gar nicht, weil sich meine Sehnen verkürzen könnten.

Einen bestimmten Ernährungsplan habe ich nicht. Aber wenn du viel arbeitest, isst du automatisch weniger. Manchmal isst man wirklich sehr wenig zwischen den Proben.

Urlaub heißt für mich vor allem: Meer. Am Strand in der Sonne bekomme ich neue Kräfte. Wir sind viel auf Gastspielen unterwegs, deshalb haben wir wenig Urlaub. Aber zwei bis drei Wochen kann ich im Jahr wegfahren. Ich will dann eigentlich nur am Strand liegen und alle Batterien aufladen, meinen Muskeln und Bändern eine Erholungspause gönnen.

Ich verbringe den ganzen Tag am Theater. Schon morgens stehen die ersten Proben an. Ein perfekter Tag bedeutet für mich, dass sich Probe an Probe reiht und ich die ganze Zeit in Bewegung bin. Manchmal vergisst man sogar, welche Jahreszeit draußen gerade herrscht, denn unsere Umkleiden haben keine Fenster.

Natürlich habe ich den Ballettfilm "Black Swan" geguckt. Er hat mir gut gefallen. Aber natürlich tanzt Natalie Portman nicht besonders gut. Sie hat nicht die Proportionen fürs Ballett. Man braucht lange Arme, sie hat kurze. Aber als Schauspielerin ist sie großartig.

Mein Schwachpunkt ist mein linkes Sprunggelenk

In dem Film gibt es eine Szene: Die Truppe trainiert und der Trainer sagt: "Du bist wunderbar, wie immer." Das ist sehr unrealistisch. Ich würde mir wünschen, dass uns das auch mal jemand sagen würde. Einfach nur: "Gut gemacht". Das ist bei uns sehr selten. Wir werden fast nur kritisiert.

Natürlich gibt es am Theater Rivalitäten. Es wird viel geklatscht und getratscht. Die Truppe ist keine Familie, das kann sie auch nicht sein. Wir haben sehr viele erstklassige Solisten - und alle wollen tanzen. Es gibt einen Kampf um jede Aufführung.

Ich wohne mit meiner Mutter zusammen. Sie ist mit mir nach Moskau gezogen und unterstützt mich sehr. Mein Vater ist in Woronesch geblieben, aber ich sehe ihn relativ oft.

Mein Schwachpunkt ist mein linkes Sprunggelenk. Es schmerzt andauernd. Das linke Bein ist mein Sprungbein, die ganze Belastung liegt darauf. Deshalb bin ich immer froh, wenn ausländische Choreografen bei uns mal modernen Tanz inszenieren. Da müssen wir nicht die ganze Zeit "auf Spitze" tanzen. Aber Verletzungen begleiten einen Tänzer das ganze Leben.

Mein größter Traum? Einmal als geladener Gast auf der Bühne der Pariser Oper zu tanzen.

Aufgezeichnet von Anna Skladmann und Benjamin Bidder

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Trauriger Job.
FNagel 21.02.2012
Seelische und körperliche (Selbst-)Mißhandlung also. Das kriegen die Jungs beim Militär auch geboten. Und wozu das alles? Für die paar Tage Urlaub am Strand? Für das bißchen Ruhm, und um eines Tages auch mal der Pariser [...]
Zitat von sysopIch würde mir wünschen, dass uns das auch mal jemand sagen würde. Einfach nur: "Gut gemacht". Das ist bei uns sehr selten. Wir werden fast nur kritisiert. [...] Natürlich gibt es am Theater Rivalitäten. Es wird viel geklatscht und getratscht. Die Truppe ist keine Familie, das kann sie auch nicht sein. [...] Mein Schwachpunkt ist mein linkes Sprunggelenk. Es schmerzt andauernd. Das linke Bein ist mein Sprungbein, die ganze Belastung liegt darauf. [...] Verletzungen begleiten einen Tänzer das ganze Leben. Jugend in Russland: "Am Bolschoi lobt uns niemand" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,814366,00.html)
Seelische und körperliche (Selbst-)Mißhandlung also. Das kriegen die Jungs beim Militär auch geboten. Und wozu das alles? Für die paar Tage Urlaub am Strand? Für das bißchen Ruhm, und um eines Tages auch mal der Pariser Oberschicht einen Abend zu vertreiben? Hör auf damit, Mädchen, dafür ist Dein Leben zu schade.
2.
big t 21.02.2012
Ja.. wenn du dich schon kaputt machst, dann in einem Sport, wo man wenigstens noch was absahnt. Spiel Tennis, Gewinn mal mit Glück nen spiel gegen die Weltranglistenelite, dann wirst du in Deutschland gehyped, hoslt dir 3-4 [...]
Zitat von FNagelSeelische und körperliche (Selbst-)Mißhandlung also. Das kriegen die Jungs beim Militär auch geboten. Und wozu das alles? Für die paar Tage Urlaub am Strand? Für das bißchen Ruhm, und um eines Tages auch mal der Pariser Oberschicht einen Abend zu vertreiben? Hör auf damit, Mädchen, dafür ist Dein Leben zu schade.
Ja.. wenn du dich schon kaputt machst, dann in einem Sport, wo man wenigstens noch was absahnt. Spiel Tennis, Gewinn mal mit Glück nen spiel gegen die Weltranglistenelite, dann wirst du in Deutschland gehyped, hoslt dir 3-4 Werbeverträge ab und hängst danach alles an den Nagel, nimmst deine Milliönchen und machst dir nen Lauen oder studierst zum Spaß oder so.
3.
tanzenistkeinsport 21.02.2012
Zitat von FNagelSeelische und körperliche (Selbst-)Mißhandlung also. Das kriegen die Jungs beim Militär auch geboten. Und wozu das alles? Für die paar Tage Urlaub am Strand? Für das bißchen Ruhm, und um eines Tages auch mal der Pariser Oberschicht einen Abend zu vertreiben? Hör auf damit, Mädchen, dafür ist Dein Leben zu schade.
4. Richtig
naabaya 21.02.2012
Wahres Können ist doch heute nicht mehr gefragt, weil es kaum mehr einer richtig einschätzen kann. Beweis: Sendungen wie: D sucht den Superstar.
Zitat von FNagelSeelische und körperliche (Selbst-)Mißhandlung also. Das kriegen die Jungs beim Militär auch geboten. Und wozu das alles? Für die paar Tage Urlaub am Strand? Für das bißchen Ruhm, und um eines Tages auch mal der Pariser Oberschicht einen Abend zu vertreiben? Hör auf damit, Mädchen, dafür ist Dein Leben zu schade.
Wahres Können ist doch heute nicht mehr gefragt, weil es kaum mehr einer richtig einschätzen kann. Beweis: Sendungen wie: D sucht den Superstar.
5. Richtig.
caecilia_metella 21.02.2012
"In dem Film gibt es eine Szene: Die Truppe trainiert und der Trainer sagt: 'Du bist wunderbar, wie immer.' Das ist sehr unrealistisch. Ich würde mir wünschen, dass uns das auch mal jemand sagen würde. Einfach nur: 'Gut [...]
"In dem Film gibt es eine Szene: Die Truppe trainiert und der Trainer sagt: 'Du bist wunderbar, wie immer.' Das ist sehr unrealistisch. Ich würde mir wünschen, dass uns das auch mal jemand sagen würde. Einfach nur: 'Gut gemacht'. Das ist bei uns sehr selten. Wir werden fast nur kritisiert." Liebes Tanzmariechen, unter welchen Bedingungen oder Voraussetzungen würdest du dir das denn wünschen? Wenn ich diese Voraussetzungen oder Bedingungen kennen würde, würde ich dir helfen, die richtigen Voraussetzungen oder Bedingungen zu schaffen, damit du dir etwas wünschen kannst. Möglicherweise wäre ich dann sogar in der Lage, dir so einen Wunsch zu erfüllen.

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