28.04.2012
Härtetest für Snowboard-Anfängerin
Prinzesschen auf Schussfahrt
"Get up, stand up, stand up for your rights!" Meine Snowboardlehrerin Anne- Flore Marxer baut sich vor mir auf und trällert den Bob Marley Song. Ich küsse gerade mal wieder den Schnee und weigere mich, auch nur einen Meter zu fahren. Wenn man meinen artistischen Balanceakt überhaupt als "Snowboard fahren" bezeichnen kann. Das Snowboard fährt - aber ohne mich.
Dennoch, Anne-Flore bleibt knallhart. Während ich "Get up, stand up" in den Schnee hinein nuschele, fährt sie bereits zum nächsten Abhang. Anne-Flore, 28, ist Weltmeisterin im Snowboard Freeride 2011 und ich bin für heute ihr kleiner Lehrling.
Dabei hasse ich Schnee und der Schnee hasst mich. Ich besitze keine Winterschuhe und trage auch bei Glatteis hohe Absätze. Ski und Snowboard sind mir fremd und selbst beim Schlittenfahren schaffe ich es, einen Horror-Crash zu verursachen (es tut mir immer noch leid wegen deines Schlittens, Carlotta!). Und ich habe Schiss. Muffensausen. Bammel.
Es macht mir auch nicht unbedingt Mut, dass meine Mitfahrer mich nach Strich und Faden ver...äppeln und wetten, ob ich die Abfahrt heil überstehe. Ich verfluche meine Kollegen, die mir das eingebrockt haben und robbe auf dem Bauch nach vorne zum Abhang. Seelöwenbaby im Anmarsch!
Ich sehe aus wie jemand, der weiß, was er tut
Dabei habe ich mir noch am Abend zuvor beim Zocken ein Gefühl fürs Snowboarden angeeignet. Dachte ich. Am frühen Morgen schmeiße ich mich also in volle Snowboardmontur und sehe aus wie jemand, der weiß, was er tut. Was macht man also als todesmutige Anfängerin? Einfach druff! Ich übernehme meine Konsolen-Zock-Strategie, mache irgendwas und hoffe, dass mir kein "Game over" droht. Und siehe da: Nach ein paar anfänglichen Schwierigkeiten (wo ist eigentlich vorne und wo hinten?) stehe ich tatsächlich auf dem Board und fahre ... schnell ... schneller ... unaufhaltsam. Wo ist die Bremse? Kurzerhand ziehe ich die Notbremse und lasse mich einfach auf den Hintern fallen. Autsch, Schmerz. Nachdem ich diese Prozedur an die sechs Mal wiederholt habe, beschließt Anne-Flore, meinen Knochen zuliebe mir zunächst einmal das Bremsen beizubringen.
Lektion Nummer 1: Das Snowboard waagerecht stellen, Zehen hoch, auf die Hinterkante des Snowboards stellen und so den Abhang runter hopsen. Fazit: Unmöglich. Stattdessen starte ich eine neue Trendsportart: Schnee-Planking für Fortgeschrittene. Langsam, aber sicher schwindet auch die Kraft aus meinen Armen. Verzweifelt schaue ich Anne-Flore an. Doch sie setzt nur wieder zu unserer Hymne an.
Jaja, ist ja gut, get up, stand up ... bloß wie?! Ich schaue meine Snowboardlehrerin flehend an und winsele: "Kann ich nicht auch runterlaufen und von dort aus zum Lift fahren?" Sie schüttelt den Kopf: "Wenn du jetzt die Schuhe abschnallst, dann hast du aufgegeben."
Ich lasse mir diese Option kurz durch den Kopf gehen, sehe aber nur die feixenden Gesichter der Jungs vor mir. Nicht mal eine Abfahrt hat das Prinzesschen geschafft. Pah, denkste! Ich aktiviere noch einmal alle meine Kraftreserven. Und siehe da, ich stehe tatsächlich auf der Hinterkante des Snowboards und hüpfe vorwärts ohne umzufallen. Mit schmerzenden Muskeln und einem Grinsen im Gesicht treffe ich schließlich oben am Berg auf meine Mitstreiter. Sie staunen, sie lachen, sie klatschen ab. Zur Belohnung gibts statt blöder Sprüche einen Platz in der Sonne für das Prinzesschen, das sich doch nicht ganz so blöd angestellt hat.
Fazit meines Härtetests:
Nach einem Tag auf der Piste kann ich mich kaum bewegen. Alles schmerzt und mein Snowboard muss mir jemand hinterher tragen, weil ich blöd auf meinem Ellenbogen aufgekommen bin. Tage danach plagen mich Schmerzen, die ich nicht klar als Verletzung oder doch nur Muskelkater identifizieren kann. Dennoch würde ich mich wieder auf die Piste wagen. Warum? Weil ich endlich bremsen lernen will und weil Snowboarden, wenn man es richtig kann, verdammt cool aussieht.
Von Lien Herzog für das Jugendmagazin "Spiesser"

