19.07.2012
Sportunterricht extrem
Schulfach Fliegen
Von Nina BraunSie springen über Abgründe von einem Hausdach zum nächsten, laufen scheinbar mühelos Wände hoch und landen anschließend mit einem Salto auf dem Boden. Erst sah Christian Neffgen nur ein Video davon, es faszinierte ihn, dann probierte er es vor zwei Jahren selbst, langsam tastete er sich heran. Heute ist er erfahrener Parkour-Traceure, wie die Sportler in der Szene heißen. Christian liebt und lebt den Sport.
Die Sporthalle des Pascal-Gymnasiums im rheinischen Grevenbroich, in die Christian zum Sonntagstraining kommt, erinnert eher an Zirkeltraining als an einen Trendsport: Reckstangen in drei verschiedenen Höhen, Holzkästen und klassische blaue Turnmatten. Außerdem gibt es eine Art Schwebebalken, der schräg von einem hohen Kasten auf den Boden führt. Der Unterschied zur klassischen Turnstunde: Im Hintergrund läuft HipHop. Musik, die ihren Ursprung, genau wie Parkour, in Metropolen und deren Vororten hat.
Kürzlich war Christian in den Pariser Vororten Lisses und Evry, den Geburtsorten des Sports. Einfach so, um zu trainieren und zu gucken. "Ich war im Mekka des Parkour", schwärmt der 19-jährige Schüler. In den Vororten und am "Dame du Lac", einer riesigen Betonkletterwand auf einem ehemaligen Militärübungsgelände, wurde der Sport in den achtziger Jahren geboren. In der Nähe wohnt außerdem David Belle, als Parkour-Erfinder eine Szeneberühmtheit."Wir haben in der Nähe trainiert und darauf gehofft, ihn zu treffen", sagt Christian. Leider vergeblich.
Die Sportlehrerin turnt selbst gern durchs Freie
Parkour ist nicht der einzige Trendsport, der Eingang in den Sportunterricht gefunden hat: Die Tanzstile Jumpstyle und HipHop werden mancherorts unterrichtet. Und "Skatepabst" Titus Dittmann unterrichtete kürzlich an der Uni Münster angehende Sportlehrer im Skaten. Christian findet das super: "Diese Sportarten in der Schule zu trainieren, macht Schülern Lust auf mehr Bewegung." Das sei allemal besser, als vor dem Computer rumhängen, findet er. Auch seiner Sportlehrerin gefällt die Entwicklung: Der Schulsport habe sich mehr geöffnet. So werde in den Lehrplänen heute eher auf Kompetenzen wert gelegt und weniger darauf, dass Schüler "das Rad mit perfekt gestreckten Füßen" vorführten.
Parkour ist eine moderne Variante des Turnens. Denn auch das diente ursprünglich dazu, aus eigener Kraft und Geschicklichkeit Mauern, Gräben oder Geländer zu überwinden. "Heute ist Turnen eine Sportart geworden, die auf den Wettkampf ausgerichtet ist", sagt Saskia Scholl, Christians Sportlehrerin und Parkour-Athletin in Grevenbroich. Die 29-Jährige weiß wovon sie spricht: Sie hat während ihres Sportstudiums mit Parkour begonnen und ist immer noch gern im Freien unterwegs. Turnen sei heute an zahlreiche Vorgaben gebunden. "Sobald etwas normiert wird, ist es nicht mehr frei." Beim Parkour hingegen gibt es zwar Techniken, aber weder Hierarchie noch viele Regeln.
Rund 20 junge Leute im Alter zwischen 11 und 19 Jahren in der Halle herum, weil unter der Woche kein Platz ist, trainieren sie am Sonntag. Christian hängt sich ans Reck, schwingt vor und zurück. Der 14-jährige Etienne macht es ihm nach. Vorbereitung für den sogenannten Armsprung: Vom Reck springt Etienne an einen über zwei Meter hohen, stabilen Kasten, hängt sich an eine Halterung an der Seite und zieht sich von dort hoch. Geschafft. Er freut sich, Christian lächelt ihn an.
"Vor einigen Tagen wurden wir von der Polizei festgehalten"
"Christian ist mein Vorbild", sagt Etienne. "Er hat mir alles beigebracht." Auch, dass Parkour eine Lebenseinstellung sein kann, um in vielen Lebenslagen Hindernisse zu überwinden. "Ich rede auch über persönliche Probleme", sagt Vorbild Christian, "und dann bringe ich die Situation mit Parkour in Verbindung." Nach dem Motto: "Erst denkt man, man schafft es niemals. Und dann klappt es doch."
Während Parkour als cool gilt, sind viele Schüler für das klassische Turnen nur schwer zu motivieren. Sportlehrerin Scholl hofft, durch Parkour die Kreativität zu wecken, schließlich gibt es kaum richtig oder falsch. "Ich will erreichen, dass sie Vertrauen in ihre Körper entwickeln und ihn dazu nutzen, ihre Umgebung wahrzunehmen", sagt sie. Nützlicher Nebeneffekt: Wer seinen Körper beherrscht, holt sich auch beim Outdoor-Parkour weniger Blessuren. Auch wenn es häufig gefährlich aussieht: Christian und Etienne haben sich noch nie ernsthaft verletzt, abgesehen von ein paar Abschürfungen an Knien und Schienbeinen. Auch in der AG sei noch nie etwas passiert, sagt die Sportlehrerin. Ab und zu müsse sie die Schüler nur etwas bremsen, damit sie ihre Gelenke langsam auf die Sprünge vorbereiten.
Scholl sorgt mit dafür, dass mehr Lehrer die Sportart in ihren Unterricht integrieren. Sie hat ein Parkour-Fachbuch geschrieben und wird zwei Mal monatlich von Schulen für Fortbildungen gebucht. Seit kurzem gibt es außerdem spezielle Trainingsgeräte, sogenannte "Cubes" und "Walls", mit denen der Um- und Aufbau einfacher und stabiler ist als mit den traditionellen Stapelkästen mit Rindskernleder.
In der Sporthalle will Christian jetzt "Tic Tac" springen. Breitbeinig tritt er abwechselnd gegen die beiden höchsten Kästen, als wären es Mauern in einer engen Gasse. Dann steht er oben. Sieht einfach aus. Ist aber ein Kunststück, er trainiert dafür seit zwei Jahren. "Ich denke eigentlich immer an Parkour, wenn ich unterwegs bin und probiere neue Wege aus." Die Freiheit schätzt er dabei am meisten. Nicht jeder versteht das: "Vor einigen Tagen wurden wir von der Polizei festgehalten, nachdem wir an einer Stange, Klimmzüge gemacht hatten." Eine Nachbarin hatte sie für Einbrecher gehalten.

