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04.01.2013
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Fotoserie mit Jugendlichen

Ich bin Emo, was bist du so?

Rico Scagliola & Michael Meier

Wie fühlt es sich an, heute jung zu sein? Die Schweizer Fotografen Michael Meier und Rico Scagliola zogen los, um das herauszufinden. Sie fanden selbstbewusste junge Menschen, die sich genau zu inszenieren wissen. In einem neuen Buch erzählt das Duo von der Arbeit mit Emos, Punks und Metals.

"Den Jugendlichen wird oft eine eigene Identität abgesprochen. Medien berichten über eine 'schlimme Jugendkriminalität', zudem sei die Jugend langweilig, unpolitisch, unoriginell, heißt es oft. Entgegen solcher Vorstellungen wollten wir das aktuelle jugendliche Zeitgefühl in Bildern festhalten.

Uns war schnell klar, dass wir dem heutigen jugendlichen Selbstbewusstsein nur gerecht werden, wenn wir absolut distanzlos auf die Jugendlichen zugehen. Nichts mit pickligen Teenies vor weißer Wand in unsicherer Pose.

Begonnen haben wir am Hauptbahnhof Zürich, wo sich Jugendliche aus der ganzen Deutschschweiz treffen. Wir sind hin mit der Kamera und haben eine Gruppe Emos gefragt, ob wir sie fotografieren dürfen. Die haben sofort ja gesagt. So ging das weiter.

Es gab auch Situationen, in denen wir Abstand nehmen mussten. Die Jüngsten waren knapp 12, die Ältesten 21. Zu Beginn waren wir fast jeden Tag mit ihnen unterwegs, haben sie ständig fotografiert, sind mit ihnen ausgegangen, haben uns ihre teils sehr schwierigen Probleme mit sich selbst oder der Familie angehört. Das nimmt einen auch ziemlich mit.

Das Fotografieren ist den Jugendlichen enorm wichtig. Das Wichtigste war, dass wir genau diesen Wunsch nach einem schönen Abbild erfüllen wollten, dass wir das Abbild ebenso ernst nahmen, wie wir sie ernst nahmen. Was sie von sich zeigen wollten, ging von ihnen aus.

Es gibt nicht mehr bloß das eine Ich

Die Selbstinszenierung ist für die Jugendlichen essentiell. Selbstdarstellungs-Plattformen wie Myspace und Facebook sind für sie selbstverständlich. Sie wissen, sich in Bildern zu inszenieren. Es gibt nicht mehr bloß das eine Ich, sondern ein zweites Ich im Abbild, durch welches sie ihre Wünsche und Sehnsüchte ausleben können.

Auch Mode spielt eine sinnliche Rolle, was man an ständig neuen Style-Crossovern erkennt. Sie sprechen sehr oft über Kleider und geben viel Geld für Mode aus. Die Jugendlichen bedienen sich der Kleider, sie spiegeln zwar ihr persönliches Lebensgefühl wider. Das sind jedoch Oberflächenidentitäten, die oft in schneller Folge wechseln.

Die Kids suchen sich den passenden Style aus, und wenn sie abends ausgehen, verlassen sie ihr Haus als Bild. Es gibt zwar nach wie vor die traditionellen Szenen mit ihren modischen Merkmalen wie Punks, Metals, Goths und HipHopper. Es gibt aber keine gesicherten Richtlinien darüber, wie man sich anziehen muss, um dazu zu gehören. Es mag wohl Hauptströmungen geben, aber ein Teenager kann sich heute eines Retro-Looks irgendeines Jahrzehnts bedienen, sich perfekt auf Goth stylen oder teure Designerkleider der Saison anziehen - solange der Stil passt, wird er akzeptiert.

Diese Oberflächlichkeit beunruhigt die Eltern wahrscheinlich am meisten, weil sie ihn am wenigsten nachvollziehen können. Sie suchen hinter dem Erscheinungsbild immer einen tieferen Sinn.

Wir haben in letzter Zeit eigentlich keine Anzeichen gesehen, dass sich eine neue, klar abgrenzbare Jugendkultur bildet. Es entstehen immer mehr Vermischungen von verschiedenen Stilen, und auch eine neue Jugendkultur würde wohl sehr schnell in diesen Stilmix übergehen. Es ist ein sehr spielerischer Umgang mit den modischen Merkmalen verschiedener Szenen. Fast so, als würde sich jeder den seinem eigenen Lebensgefühl entsprechenden Stil frei zusammensetzen. Wie Frankenstein, nur mit einem schöneren Ergebnis. Vieles deutet daraufhin, dass der ständige stilistische Identitätswechsel klar definierbare Trends in Zukunft verschwinden lässt.

Wie immer bei solch tiefgreifenden Veränderungen gibt es auch Anzeichen für eine eher konservative Haltung. Es gibt so verwirrend zahlreiche Möglichkeiten, sich selbst zu finden und darzustellen, dass sich einige Jugendliche in gesicherte Lebensentwürfe zurückziehen. Es gibt eine große Anzahl nicht szenegebundener Jugendlicher, die sich anzieht wie ihre Eltern, die eine Sehnsucht nach festen, dauerhaften Beziehungen hat und klare Vorstellungen davon, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Harmonie ist bei ihnen sehr groß. Sie stellen das andere Extrem dar."


Das Protokoll von Michael Meier und Rico Scagliola ist ein gekürzter und redaktionell bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Cool Aussehen. Mode & Jugendkulturen", erschienen im Archiv der Jugendkulturen Verlag.

Forum

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insgesamt 106 Beiträge
1. Schlechte Fotostrecke
spon-facebook-1378982335 04.01.2013
"Wir haben in letzter Zeit eigentlich keine Anzeichen gesehen, dass sich eine neue, klar abgrenzbare Jugendkultur bildet." - Deswegen haben wir ausschließliche Bilder aus der Emo-, und 2/3 aus der Metalszene gemacht. [...]
"Wir haben in letzter Zeit eigentlich keine Anzeichen gesehen, dass sich eine neue, klar abgrenzbare Jugendkultur bildet." - Deswegen haben wir ausschließliche Bilder aus der Emo-, und 2/3 aus der Metalszene gemacht. (Wenn überhaupt heißt es auch Metaler, nicht Metals). Vielleicht 3% der Jugendlichen sehen so aus. Warum nur auf diese Typen fokussieren? Weil das Klicks gibt?
2. Was ist denn daran selbstbewusst
tetaro 04.01.2013
... wenn man sich eine von mehreren Schubladen aussucht und dann sich dann dem entsprechenden Soziotop anpasst? Richtig selbtbewusst ist doch eher einer, der äußerlich völlig 08/15 ist, weil der dessen Selbstbild anscheinend [...]
... wenn man sich eine von mehreren Schubladen aussucht und dann sich dann dem entsprechenden Soziotop anpasst? Richtig selbtbewusst ist doch eher einer, der äußerlich völlig 08/15 ist, weil der dessen Selbstbild anscheinend keine externe Stütze braucht.
3. Was ist Sie?
anders_denker 04.01.2013
Leider erfährt man nicht welcher "Jugendkultur" die Dame angehört! Michael Meier und Rico Scagliola fotografierten Jugendliche - SPIEGEL ONLINE - SchulSPIEGEL [...]
Zitat von sysopWie fühlt es sich an, heute jung zu sein? Die Schweizer Fotografen Michael Meier und Rico Scagliola zogen los, um das herauszufinden. Sie fanden selbstbewusste junge Menschen, die sich genau zu inszenieren wissen. In einem neuen Buch erzählt das Duo von der Arbeit mit Emos, Punks und Metals. Michael Meier und Rico Scagliola fotografierten Jugendliche - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/michael-meier-und-rico-scagliola-fotografierten-jugendliche-a-872525.html)
Leider erfährt man nicht welcher "Jugendkultur" die Dame angehört! Michael Meier und Rico Scagliola fotografierten Jugendliche - SPIEGEL ONLINE - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/fotostrecke/michael-meier-und-rico-scagliola-fotografierten-jugendliche-fotostrecke-91158-3.html)
4. ...
Scheidungskind 04.01.2013
Der Mensch strebt im Äußeren nach dem, was er im Inneren entbehrt. J.W. v. Goethe
Der Mensch strebt im Äußeren nach dem, was er im Inneren entbehrt. J.W. v. Goethe
5. was ist Myspace
nörgler25 04.01.2013
Gibts Myspace überhaupt noch?
Gibts Myspace überhaupt noch?

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Zur Person

  • Rico Scagliola & Michael Meier
    Die Fotografen Michael Meier, Jahrgang 1982, und Rico Scagliola, Jahrgang 1985, haben beide an der Hochschule der Künste in Zürich studiert. Für ihr Projekt "Neue Menschen" begleiteten sie Jugendliche über einen längeren Zeitraum. Sie wollten sie so fotografieren, wie sie sich selber sehen.
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