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05.01.2013
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Mein erstes Mal

Jannis, 19, debattiert um den Weltmeistertitel

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Mathias Hamann

Sind Debattierer Nerds? Diese Frage nervt Jannis Limperg. Zu seiner ersten Debattier-WM in Berlin fuhr der 19-jährige Informatikstudent aus Freiburg, weil sich kein anderer fand. Doch dann erreichten er und sein Teampartner das Finale im Wortsport - trotz rhetorischer Schwächen.

"Vizeweltmeister im Debattieren wurde ich per Zufall. Mein Teampartner Johannes Samlenski wollte unbedingt zur WM nach Berlin fahren, aber es gab niemanden im Debattierclub Freiburg, der Lust hatte. Die Debattier-WM ist immer über Silvester, da hatten viele schon was vor. Also bin ich mitgekommen.

Drei Monate lang haben wir uns vorbereitet. Kurz vor Weihnachten sind wir noch auf ein anderes Turnier gefahren. Da haben wir gemerkt, dass wir zwar nicht brillant, aber auch nicht schlecht sind. An den ersten zwei Tagen der WM haben uns ein paar Teams ziemlich klar besiegt. Aber wird haben dabei einiges gelernt, auch von den Juroren und anderen Teilnehmern bekamen wir Tipps.

Ich debattiere zwar seitdem ich 15 bin, rhetorisch bin ich aber verglichen mit anderen Teilnehmern in Wahrheit schwach: Gestik, Sprachbilder, Stimmmodulation, daran muss ich arbeiten. Mir liegt eher die Inhaltsanalyse. Bei der WM zählen glücklicherweise vor allem Inhalt, Argumente und Logik.

Am Debattieren gefällt mir die Fairness: Keiner kennt das Thema vorher, die Positionen werden zugelost, jeder hat 15 Minuten Vorbereitungszeit und redet sieben Minuten. Unterbrechen ist verboten ebenso wie persönliche Angriffe - es zählen nur Argumente. Zudem gibt es bei der WM drei Kategorien: Eine Gruppe für englische Muttersprachler, eine für Leute mit Englisch als Zweitsprache und die dritte für Leute, die Englisch nur als Fremdsprache lernen.

Wir traten in der letzten Sektion an, da weder Johannes noch ich lange im englischsprachigen Ausland waren oder Uni-Kurse auf Englisch hatten. Das ist unser Nachteil im Vergleich zu den anderen Teams: Es dauert länger, die Argumente zu formulieren. Mir fallen präzise Ausdrücke schwer, und es nervt mich, wenn ich ärgerliche Grammatikfehler mache.

Der dritte Vorrunden-Tag war der spannendste. Die Juroren gaben keine Ergebnisse mehr bekannt, und wir konnten nur im Vergleich zu den Gegnern abschätzen, ob wir Chancen auf das Viertelfinale hatten. Die Teams für das Viertelfinale wurden bei der Silvesterparty bekanntgegeben, doch wir bekamen davon nichts mit, weil wir das Feuerwerk sehen wollten. Erst gegen 2.30 Uhr traf uns einer der Chefjurorinnen und sagte, dass wir antreten würden.

Und dann schafften wir es sogar ins Finale. Das Weiterkommen war einerseits toll, andererseits konnten wir deshalb kaum zu den Partys gehen. Schließlich mussten wir immer am nächsten Morgen fit sein. Elf Debatten brachten wir bei der WM hinter uns. Juroren und andere Debattierer gratulierten uns in den Pausen. Johannes bekam außerdem immer wieder Glückwünsche über Facebook, Twitter oder SMS. Ich selbst bin weder bei Twitter noch bei Facebook. Bei mir haben sich nur meine Eltern gemeldet.

Zum Finale ging es in den Festsaal eines Berliner Hotels, ein paar hundert Leute schauten zu. Aufgeregt war ich eigentlich nicht. Das Thema: Der Niedergang der USA als alleinige Supermacht. Unser Team musste darlegen, dass die Weltpolitik zwar eine Supermacht braucht, dass dies aber nicht die USA sein müssen.

Nach dem Finale kamen sofort Journalisten auf uns zu: Radiosender, eine Nachrichtenagentur und Tageszeitungen. Zwei Zeitungen haben wir sogar parallel Interviews gegeben. Die Fragen waren allerdings manchmal nervig. Etwa: 'Sind Debattierer Nerds?' Mich stört die implizite Annahme - wie kann etwas so Kommunikatives wie Debattieren nerdig sein? Wir reden mit anderen Leuten, ein Nerd sitzt einsam am Computer.

Johannes fragt mich manchmal, warum ich bei all dem so ruhig bleibe. Ich glaube, das liegt an meiner Persönlichkeit. Deshalb war ich auch gelassen, als wir später erfahren haben, dass wir nicht Weltmeister geworden sind. Was nun der Titel Vizeweltmeister für mich bedeutet, weiß ich nicht, es heißt aber auf jeden Fall, dass ich weiter debattiere. Ich werde nicht jedem auf die Nase binden, dass ich Vizeweltmeister bin, aber in meinen Lebenslauf schreibe ich es schon. Ob ich zur nächsten WM fahre, muss ich noch sehen. Die findet nämlich in Indien statt."

Aufgezeichnet von Mathias Hamann

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. optional
kumi-ori 05.01.2013
Ich hoffe, Herr Thierse weiß, dass die Freiburger Gelbfüßer sind und keine Schwaben. Nicht, dass der glorreichen Sieger am Endo noch von der Fusselbart-Armeefraktion mit Pflaumenkuchen gesteinigt wird.
Ich hoffe, Herr Thierse weiß, dass die Freiburger Gelbfüßer sind und keine Schwaben. Nicht, dass der glorreichen Sieger am Endo noch von der Fusselbart-Armeefraktion mit Pflaumenkuchen gesteinigt wird.
2. optional
spon-facebook-1425926487 05.01.2013
Das muss man sich mal verallgegegnwärtigen- im Finale einer WM im Debattieren. Und ich dachte immer, Frauen wären den Männern im palavern klar überlegen. Aber ähnliches dachte ich auch mal über das Kochen- dabei sind Schuhbeck, [...]
Das muss man sich mal verallgegegnwärtigen- im Finale einer WM im Debattieren. Und ich dachte immer, Frauen wären den Männern im palavern klar überlegen. Aber ähnliches dachte ich auch mal über das Kochen- dabei sind Schuhbeck, Witzimann oder Jamie Oliver klar als Männer zu identifizieren. Nun fällt also die nächste Frauen-Bastion. Bravo! :-) Hach, ich liebe die Emanzipation, die sich mehr auf fachliches Können konzentriert, statt auf archaisches Revierverhalten.
3. optional
numey 05.01.2013
ich verstehe nicht, warum die SpOn-Zensur meinen ersten Kommentar nicht durchgelassen hat? Weil die Bezeichnung "Nerd" für den jungen Mann beleidigend sein könnte? Ich sag es noch mal andersherum: Jannis IST ein Nerd, [...]
ich verstehe nicht, warum die SpOn-Zensur meinen ersten Kommentar nicht durchgelassen hat? Weil die Bezeichnung "Nerd" für den jungen Mann beleidigend sein könnte? Ich sag es noch mal andersherum: Jannis IST ein Nerd, und zwar nach der Definition, die ihm offensichtlich nicht bekannt ist. Charakteristisch für Menschen, die gerne als Nerds bezeichnet werden oder die sich selbst gerne so bezeichnen, sind ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an der Erlangung von Fach- oder Allgemeinwissen sowie auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen. Viele Nerds zeigen deutlich wenig Interesse an den vorherrschenden Jugend- oder gesellschaftlichen Trends. Im weiteren Sinn konzentrieren sich Nerds auf Spezielles, das anderen Menschen langweilig oder abstrus erscheinen kann, aber nicht muss. (Quelle: Wikipedia) Einer der bekanntesten und beliebtesten Nerds ist Wil Wheaton, der sich selbst auch als solcher bezeichnet. Nerds sind oft ausgesprochen kommunikativ (und hängen nicht sozial vereinsamt den ganzen Tag vor dem PC, wie Jannsi abwertend behauptet), nur haben Nerds oft das Problem, in ihrem regelmäßigen Umfeld keine geeigneten Ansprechpartner zu finden, mit denen sie sich über "ihre" Lieblingsthemen unterhalten können - weshalb sie auch gern und oft über das Netz Gleichgesinnte suchen und finden - aber nicht zwangsläufig müssen. Ironisch ist an dieser Geschichte, dass Jannis Debattier-Vizeweltmeister geworden ist, obwohl er mit so schwachen und haltlosen Argumenten um sich wirft. ("Ich bin kein Nerd, denn ich bin kommunikativ, aber die sind alle einsam und hocken nur vor dem PC"). Darum schrieb ich in meinem ersten Kommentar, er solle die Definition noch mal nachschlagen, ehe er sowas behauptet. Mit freundlichen Grüßen, ein Nerd.
4.
jlimperg 05.01.2013
Da Spiegel Online den Artikel in Anführungszeichen gesetzt hat, würde ich gerne darauf hinweisen, dass es sich weder um ein wörtliches Zitat noch um einen von mir verfassten Text handelt. Vielmehr wurde der Beitrag von Mathias [...]
Da Spiegel Online den Artikel in Anführungszeichen gesetzt hat, würde ich gerne darauf hinweisen, dass es sich weder um ein wörtliches Zitat noch um einen von mir verfassten Text handelt. Vielmehr wurde der Beitrag von Mathias Hamann auf der Grundlage eines Gesprächsprotokolls angefertigt und ich bekam vor der Veröffentlichung telefonisch die Gelegenheit, ihn zu redigieren. Jannis Limperg
5. Gelabere.
TS_Alien 05.01.2013
Bei der kurzen Vorbereitungszeit wird man Fachwissen zu einer gestellten Frage nicht herausfinden können. Wenn Fachwissen nicht verlangt ist, um zu diskutieren, dann ist die Frage selbst überflüssig. Und wenn man zu einer Frage [...]
Bei der kurzen Vorbereitungszeit wird man Fachwissen zu einer gestellten Frage nicht herausfinden können. Wenn Fachwissen nicht verlangt ist, um zu diskutieren, dann ist die Frage selbst überflüssig. Und wenn man zu einer Frage per Zufall die eine oder andere Position vertreten soll, dann ist die Diskussion nicht aufrichtig. So oder so bleibt es beim Gelabere. Wer macht bei solchen unsinnigen Wettbewerben eigentlich mit? Und warum muss man so oft einen Weltmeister küren, der gar keiner ist?

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Was ist Debattieren?

Der Ursprung
Der Wortsport hat seinen Ursprung in Großbritannien: 1815 entstand an der Uni Cambridge der erste Debattierclub. Debattieren breitet sich immer mehr aus; so fördert der Investor George Soros über seine Stiftung „Open Society“ den Trend. Selbst China, das Land mit nur einer Partei, erlaubt den studentischen Streit.
Die Regeln
Vier Teams treten gegeneinander an, die Positionen werden ausgelost: Zwei Teams mit je zwei Rednern sind in der Regierung, zwei in der Opposition. Sie müssen ihre Meinung vertreten, wie in einer Koalition, aber auch zeigen, dass sie das beste Team sind. Es gibt 15 Minuten Vorbereitungszeit, dann argumentieren die Teams gegeneinander, je Redner sieben Minuten.
Die Jury
Im Gegensatz zum Poetry Slam kürt nicht eine anonyme Masse den Gewinner, sondern ausgebildete Juroren notieren den Debattenverlauf und wägen am Ende die Argumentationen gegeneinander ab.

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