17.04.2008
Sechsjährige Grundschule
Paukenschlag gegen schwarz-grünes Schulexperiment
Von Christian FüllerDieser Kontrapunkt hätte nicht präziser gesetzt werden können: Heute verkündet Schwarz-Grün in Hamburg die sechsjährige Grundschule - da sagt der Schulforscher Rainer Lehmann in der "Zeit", was er von der verlängerten Grundschule hält: nichts. In der fünften und sechsten Klasse verlieren Grundschüler zwei Jahre auf gleichaltrige Gymnasiasten. Den Beweis kann Lehmann vorerst allerdings nicht antreten - der Endbericht seiner Studie über die lange Berliner Grundschule ist nicht veröffentlicht und ein alter Zwischenbericht zeigt das Gegenteil.
Fast überall in Deutschland wird nach der vierten Klasse gesiebt und nach Schulformen sortiert, was oft zu krassen Fehlentscheidungen überforderter Lehrer führt, wie die Iglu-Studien zeigten. Was Schwarz-Grün in Hamburg einführen will, gibt es in Berlin bereits: Dort dauert die Grundschule sechs Jahre, allerdings können Schüler auch schon nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium wechseln. Das macht rund jeder zehnte. Lehmann hält die Ergebnisse der Hauptstadt-Regelung für enttäuschend. Und er ist nicht irgendwer in der deutschen Forscherszene. Kaum jemand dürfte sich besser mit den Leistungen Hamburger Schüler auskennen, denen er jahrelang den Puls fühlte.
Diesmal zitiert der Berliner Pädagogikprofessor eine Studie über die Fünft- und Sechstklässler in Berlin namens Element (die Abkürzung steht für "Erhebungen zu Lese- und Mathematikverständnis-Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin"): "Bei gleicher Ausgangslage lernen Schüler an Gymnasien weitaus mehr als an Grundschulen", sagt Lehmann im "Zeit"-Interview. "Am Ende der sechsten Klassen haben sie sich so weit abgesetzt, dass sie zwei Jahre Lernvorsprung haben."
Das neue Hamburger Modell ist verwirrend
Die Studie mit 3000 Grundschülern und 1700 Gymnasiasten, die Lehmann vorträgt, ist noch gar nicht veröffentlicht. Aber sein Fazit ist starker Tobak - für Berlin wie für Hamburg. Dort dürfte die Element-Studie die Eltern weiter gegen den Schulplan von Schwarz-Grün aufbringen, die das gemeinsame Lernen auf sechs Jahre ausdehnen wollen, was bereits Proteste ausgelöst hat. "Damit wird das einst so leistungsfähige Hamburger Gymnasium verkürzt und beschädigt", sagte Hans-Peter Meidinger, Chef des Gymnasiallehrerverbandes.
Heute wollen die künftigen Regierungspartner CDU und Grüne die verlängerte Grundschule bekannt geben. In Hamburg soll es künftig drei Spielarten geben: Eine eigenständige Grundschulvariante, die das letzte Kindergartenjahr einbezieht und daher sogar sieben Jahre dauert. Eine Drei-plus-drei-Variante mit den ersten drei Jahren an einer Grundschule, den drei Jahren danach an einer der weiterführenden Schulen. Und dann wird es Grundschulen geben, die von Anfang an am Gymnasium oder einer der künftigen Stadtteilschule angesiedelt sind.
Das Projekt "Sechs macht klug" ist kompliziert und für Eltern verwirrend, mit Lehmanns Warnruf dürfte es nicht gerade leichter zu vermitteln sein. Schon warnt die "FAZ", dass die Politik Studien wie die von Lehmann planmäßig ignoriere. "Es grenzt an Verlogenheit", heißt es da, "dem Wählervolk vorzugaukeln, dass soziale Unterschiede und Leistungsdifferenzen durch eine sechsjährige Grundschule eher ausgeglichen würden."
In Berlins Schulverwaltung ist man ziemlich genervt, dass der Schulforscher "mit einer Studie Politik macht, die er als Autor bestens kennt, die der Senator aber noch gar nicht lesen konnte". Drei Jahre lang warteten die Berliner auf das Grundschuldossier. Das Papier aber trug am vergangenen Freitag kaum den Eingangsstempel des Büros von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), da begann Lehmann bereits fröhlich Interviews zu geben. Zöllner weilt gerade mit der Bundesbildungsministerin in China. Auch Forscherkollegen sind erstaunt.