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09.06.2008
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"Oktaeder des Grauens"

Mathe-Opfer in NRW erhalten zweite Chance

Von Markus Flohr und Jochen Leffers

NRW-Kultusministerin Barbara Sommer lenkt ein - und reagiert auf die Pannen beim Zentralabitur: Schüler, die praktisch unlösbare Aufgaben knacken sollten, können die Mathe-Klausur neu schreiben. Kritiker halten das Abi-Chaos für eine Zumutung.

Am Freitag wollte sie noch jeden Schüler einzeln Einspruch einlegen lassen - jetzt kommt quasi die Mathe-General-Amnestie: Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) sagte am Montag, dass alle Schüler, die beim Zentralabitur im Fach Mathematik die als zu schwierig kritisierten Aufgaben zu bearbeiten hatten, die gesamte Klausur neu schreiben dürfen. Neuer Termin für die Prüfung ist der 17. Juni 2008. Schüler, die teilnehmen wollen, müssen sich bis Freitag, 13. Juni, bei ihrer Schule melden.

Mit der neuen Klausur werden die Noten aus der ersten Prüfung ungültig. Bei einer Notendifferenz wird die Endnote neu berechnet und ein neues Abiturzeugnis ausgestellt. Die Klausurergebnisse sollen den Schulen am 23. Juni zugeleitet werden können. Für Schüler, die den Ausweichtermin aus zwingenden Gründen nicht wahrnehmen können, werde es Einzelfalllösungen geben, teilte das Ministerium mit.

"Nachschreib-Chance sofort auf den Tisch"

Ihre Kurskorrektur begründete Sommer so: "Widerspruchsverfahren, bei denen jeder Einzelfall geprüft werden müsste, wären zu zeitaufwendig. Viele Abiturienten wollen sich mit ihrem Zeugnis um einen Studienplatz bewerben. Um Härten zu vermeiden, haben wir uns zu dieser schnellen und unbürokratischen Lösung entschlossen", sagte die Ministerin. So solle "sichergestellt werden, dass noch vor Beginn der Ferien die Ergebnisse der neu geschriebenen Klausuren in die Gesamtnote im Abitur einfließen können".

Beim diesjährigen Zentralabitur an den Gymnasien und Gesamtschulen hatte es vor allem im Fach Mathematik große Probleme gegeben. Gleich reihenweise gescheitert waren Schüler an einer Textaufgabe zu Freiwürfen von Basketballer Dirk Nowitzki, die der Bonner Mathematikprofessor Peter Koepke in einem Gutachten als glatt unlösbar einstufte. Eine weitere Aufgabe zu einem Oktaeder wurde schnell als "Oktaeder des Grauens" bekannt.

Zu Pannen kam es auch in anderen Fächern. Zahlreiche Schüler protestierten, Schülervertreter forderten eine Entschuldigung, zu der die Ministerin allerdings nicht bereit war. Barbara Sommer erklärte Aufgaben trotz Fehlern für lösbar und falsche Formulierungen zu Lappalien. Beim "Oktaeder des Grauens" gab sie gar Lehrern die Schuld - denn denen hätte auffallen können, wie kompliziert die Aufgabe sei, sagte Sommer und entfachte so auch bei Fachlehrern Zorn.

Am Freitag hatte Schulministerin Sommer noch gesagt, Voraussetzung für eine zweite Chance sei, dass der Abiturient Einspruch gegen die Klausur einlege und nachweise, dass der Stoff einer Abituraufgabe nicht im Unterricht behandelt wurde. Dann werde die Schulaufsicht zum Beispiel anhand der Klassenbücher nachforschen, ob der Vorwurf berechtigt sei. Schülervertreter hatten kritisiert, dass das Verfahren zu zeitaufwendig und zu bürokratisch sei.

"Da, wo sehr viele Schülerinnen und Schüler in die Abweichungsprüfung müssen, muss die Chance zum Nachschreiben sofort auf den Tisch", sagte am Freitag auch Sigrid Beer, schulpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion. "Das Zentralabitur darf nicht zur Dauerbeschäftigung der Schulen bis weit in die Sommerpause hinein werden."

"Völliges Chaos angerichtet"

Schüler- und Lehrerverbände sowie die Opposition im nordrhein-westfälischen Landtag begrüßten jetzt, dass sich das Ministerium überhaupt bewegt. Sie halten das Wiederholungsangebot für besser als langwierige Widerspruchsverfahren und äußerten dennoch Kritik an der späten "Schadensbegrenzung". Die Landesschülervertretung NRW forderte neue Prüfungen auch für andere Abiturfächer mit fehlerhaften und zu schwierigen Aufgaben.

Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) müsse beantworten, "ob Frau Sommer als Schulministerin noch tragbar ist", sagte Ute Schäfer, Vizechefin der SPD-Landtagsfraktion. Sommer habe mit dem Zentralabitur "ein völliges Chaos angerichtet". Ihr Einlenken sei "ein Eingeständnis des Versagens" und der zusätzliche Klausurtermin kurz vor den Bewerbungsfristen für ein Studium eine enorme Belastung für die Abiturienten, die unverschuldet an der Mathematikklausur gescheitert seien.

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte die "unnötige zeitliche und nervliche Belastung für alle Beteiligten". Der Philologenverband NRW sprach von einer akzeptablen, wenn auch sehr späten Lösung. Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion Sylvia Löhrmann forderte, jetzt gehöre das Verfahren zum Zentralabitur grundsätzlich auf den Prüfstand.

Grundlage ihrer Entscheidung für die zweite Chance sei eine Stichprobe des Schulministeriums bei 52 Mathematik-Leistungskursen an Gymnasien und Gesamtschulen gewesen, berichtete Sommer. Im Vergleich zu den Klausuren der Jahrgangsstufen 12 und 13 ergebe sich im Durchschnitt eine Abweichung um gut eine halbe Note. "Solche Abweichungen nach unten in Mathematik hat es aber auch schon zu Zeiten des dezentralen Abiturs gegeben", sagte die Ministerin.

Probleme auch in Hamburg

Außer in Nordrhein-Westfalen hatte es zuletzt auch in Niedersachsen Pannen beim Abitur gegeben, außerdem bei Vergleichsarbeiten und für Hamburger Zehntklässler. Sie können ebenfalls aufatmen: Bei einer zentral gestellten Mathe-Vergleichsarbeit schrieben viele von ihnen schlechte Noten, aber der Test wird nun landesweit neu bewertet.

Bei einer ersten Auswertung der Tests hatte rund die Hälfte aller Klassen einen Schnitt zwischen 4,0 und 4,9 gemeldet. An ausgewählten Schulen seien bereits die Aufgaben aus der Wertung genommen worden, bei denen die Schüler am schlechtesten abgeschnitten haben, sagte Bildungssenatorin Christa Goetsch (GAL). Das führte im Schnitt zu einer Verbesserung um eine halbe Note, die einschließlich der mündlichen Prüfung mit 40 Prozent in die Note des Mittleren Bildungsabschlusses einfließt.

Goetsch ging offener als ihre NRW-Kollegin Sommer mit den Prüfungsproblemen um und räumte ein, die Schüler seien nicht ausreichend auf die zentral gestellten Aufgaben vorbereitet worden, außerdem seien die Fragen nicht genug getestet worden. "Grundsätzlich wird es weiterhin Vergleichsarbeiten geben, weil sie ein sinnvolles Instrument für die Erhebung des Lernstands sind", so Goetsch am Freitag.

Mit Material von dpa und ddp

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