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17.09.2008
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Schwarz-grünes Hamburg

Kulturkampf um die richtige Schule

Von Birger Menke

In Hamburg machen CDU und Grüne die Schulen zum Versuchslabor: weg mit den Hauptschulen, her mit der sechsjährigen Primarschule. Das Großexperiment steht bundesweit unter Beobachtung, der Ausgang ist ungewiss - erboste Eltern nehmen Bildungspolitik selbst in die Hand.

Der Hamburger Bildungsstreit ist im Stadtteil Barmbek-Süd offenbar noch nicht angekommen. Nur Robert Schneider ist da. Er sitzt im Gemeinschaftsraum des Barmbeker Kulturhauses, mit Laptop und Beamer aufgebaut. Der EDV-Berater ist gekommen, um den Bürgern seine Version der idealen Schule zu präsentieren: die Gemeinschaftsschule. Doch die 20 Stühle bleiben heute Abend leer. "Da hab ich wohl zu wenig plakatiert", seufzt er.

Schneider ist auf Missionsreise, er kämpft für die Initiative "Eine Schule für alle". Das Ziel: Bis Klasse 10 sollen alle Schüler gemeinsam lernen und das Abitur nach zwölf oder 13 Jahren ablegen können. Es wäre ein krasser Bruch mit dem traditionellen Schulsystem, das Kinder nach der vierten Klasse in Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler sortiert. Per Volksentscheid will die Initiative ein Gesetz erzwingen und am 19. September beginnen, dafür Unterschriften zu sammeln. Kommen binnen drei Wochen mindestens 61.000 Unterschriften zusammen, muss der Senat Hamburgs Bürger abstimmen lassen.

Vor einem Jahr stritt Christa Goetsch noch an Schneiders Seite. Sie war bei der Gründung der Initiative im Herbst 2007 dabei, auch im Wahlkampf zur Hamburger Bürgerschaft setzte sie sich als Spitzenkandidatin der Grünen für die Gemeinschaftsschule ein - während die CDU den Hamburgern den Erhalt der Gymnasien versprach.

Egalitäres contra elitäres Konzept

Heute ist Goetsch zweite Bürgermeisterin und Bildungssenatorin in der schwarz-grünen Koalition, der ersten in Deutschland auf Landesebene. Aus der Initiative ist sie ausgetreten, die Koalitionsverhandlungen zwangen sie weg von ihrem Ideal und hin zum Kompromiss.

Dass CDU und Grüne sich überhaupt zum Regierungsbündnis zusammenrauften, war ein kleines Wunder - der neue Kurs in der Schulpolitik ist ebenfalls eines. Die Koalitionäre stehen vor der heiklen Aufgabe, zwei konträre Bildungskonzepte zusammenzuführen, ohne Eltern, Schüler, Lehrer zu verprellen.

Die Grünen stehen für ein egalitäres Modell, für die gezielte Förderung sozial benachteiligter Schüler, für langen gemeinsamen Unterricht. Die CDU dagegen steht für ein traditionelles, ein eher elitäres Modell mit früher Trennung nach Leistung; sie sorgt sich mehr um den Schüler am humanistischen Gymnasium in wohlhabenden Stadtteilen wie Othmarschen oder Winterhude, weniger um den Hauptschüler im armen Wilhelmsburg.

Kann es wirklich gelingen, diese Ideen zusammenwachsen zu lassen, zu einer Schulreform aus einem Guss? Schwarz-Grün ist dazu entschlossen. "Eine kluge Stadt braucht alle Talente", lautet die Parole, die Koalition verspricht "mehr Leistung und mehr soziale Gerechtigkeit". Sie will die Schulen umkrempeln, wie es Deutschland noch nicht gesehen hat - und zwar schnell. Schon 2010 soll die Reform greifen. Die Grundzüge:

Läuft alles glatt und nach dem Zeitplan, bleibt keine Schulform wie bisher. Im Kern ist das Reformpaket ein Kompromiss aus der grünen Forderung nach gemeinsamem Lernen (Primarschule) und dem CDU-Wunsch nach Erhalt der Gymnasien, ergänzt durch die Stadtteilschulen.

Wie so oft steckt der Teufel im Detail: Das Nebeneinander unterschiedlicher Primarschulen, die mit weiterführenden Schulen kooperieren und teils auch dort ihr Domizil finden sollen, ist für viele Eltern ausgesprochen verwirrend. Da gibt es noch gewaltigen Erklärungsbedarf. Eines der stärksten Argumente der Kritiker lautet: Wenn die Primarstufe durch enge Zusammenarbeit mit Stadtteilschulen oder Gymnasien die spätere Schullaufbahn stark beeinflusst, müssen sich womöglich schon die Eltern von Vierjährigen für die richtige Schule entscheiden. Dann würden die Weichen also nicht später, sondern noch früher als bisher gestellt.

Was in den Koalitionsparteien pragmatische Zufriedenheit auslöst, stößt bei ihren Lagern auf Protest: Während Goetschs Ex-Initiative "Eine Schule für alle" sechs Jahre Primarschule nicht genug sind, fühlen die Verfechter des Gymnasiums sich von der CDU verraten - denn die trat im Wahlkampf vehement für den Erhalt des Gymnasiums ab Klasse fünf ein.

"Verstümmelung des Gymnasiums"

Wenn nicht gleich den Untergang des Abendlandes, so befürchten Goetsch-Gegner doch den Untergang des Gymnasiums klassischer Prägung. Vor allem bürgerliche Eltern warnen vor einer "Verstümmelung" oder "Austrocknung" der Gymnasien - denn die sollen nach der Schulzeitverkürzung von 13 auf 12 Jahre nun auch noch die Klassenstufen fünf und sechs verlieren.

Vom gemeinsamen Lernen in der Primarstufe werden die starken wie die schwachen Schüler profitieren, lautet das Credo von Christa Goetsch. Doch viele Eltern erwarten das Gegenteil. Da gibt es nachvollziehbare Bedenken - und da gibt es auch Eltern, die keine größere Sorge kennen als die Frage, ab wann ihr Kind endlich Griechisch und Latein lernen darf.

Prompt entstand eine zweite Initiative um den Hamburger Rechtsanwalt Walter Scheuerl. "Wir wollen lernen" heißt sie, die Mitglieder sammeln ebenfalls Unterschriften und wollen ebenfalls einen Volksentscheid erzwingen: für den Erhalt des Gymnasiums ab Klasse 5 - und für einen Stopp der schwarz-grünen Bildungspolitik. Für den Volksentscheid bereits 2009 ist die Initiative zu spät gestartet, frühestens 2010 könnte es dazu kommen.

Einen Vorteil hat "Wir wollen lernen": Die Unterstützer des Gymnasiums sind leichter zu mobilisieren, viele gehören dem einflussreichen und eloquenten Bildungsbürgertum an. Eine mächtige Lobby - im Gegensatz zu Robert Schneider und seiner Initiative "Eine Schule für alle". Dass er allein blieb an diesem Abend in Barmbek, mutmaßt Schneider, liege vielleicht auch daran, "dass viele Eltern, die eigentlich auf unserer Seite wären, die Plakate nicht lesen konnten, weil sie nicht Deutsch sprechen".

So stehen sich in Hamburg zwei Lager gegenüber: Hier die auf Chancengleichheit pochende Initiative für die Gemeinschaftsschule, dort die um das Bildungsniveau der Besten besorgte Initiative zum Erhalt des klassischen Gymnasiums. Mittendrin wirbt Schwarz-Grün um Unterstützer für eine Mammut-Schulreform - und die könnte zur Sollbruchstelle der Koalition werden.

In einer kleinen Serie beleuchtet SPIEGEL ONLINE in den nächsten Wochen die Positionen im Hamburger Bildungsstreit - die beiden Initiativen "Wir wollen lernen" und "Eine Schule für alle" und die Argumente von Schulsenatorin Christa Goetsch.

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