15.12.2008
Talente an Hauptschulen
Rendezvous mit der Nikolausformel
Von Grit Beecken, BonnAls die beiden Mathematiker kommen, riecht es nach warmen Turnschuhen. 14 Hauptschüler gucken auf die Tafel, auf die Malte Beecken, 24, nur kurz seinen Namen schreibt und sich als Mitarbeiter der Universität Bonn vorstellt. Dann quietscht Kreide über die Tafel.
"Das ist das Haus vom Niko..." Beecken bricht ab, setzt erneut an. "Das ist das Haus vom Niko..." Wieder nicht in einem Strich geschafft. "Kann einer von euch das?", fragt er.
Kerstin, 12, steht wortlos auf, geht zur Tafel und nimmt Beecken die Kreide aus der Hand. Sie malt das Haus vom Nikolaus so schnell, dass die Ecken rund ausfallen - aber sie malt es in einem Strich. Ohne Beecken eines Blickes zu würdigen, setzt sie sich wieder hin.
Es ist ruhig in der Klasse, obwohl der Freitag die Mittagszeit erreicht hat. Die Siebtklässler sind gespannt - nicht so sehr darauf, was das für Menschen sind, die da gekommen sind, sondern darauf, ob es lustig wird.
Hier geht's ums Prinzip - ein mathematisches
Die Mathematiker verteilen Zettel, darauf unzählige Striche, die sich zu Figuren und Formen verbinden. Das Haus vom Nikolaus ist dabei, ebenso wie ein Quadrat mit Kreuz darin, auch eine Ellipse schwingt sich über das Blatt. Die Schüler sollen ausprobieren, welche der Formen sie mit einem Strich zeichnen können, ohne den Stift abzusetzen: Sie begeben sich auf die Suche nach der Nikolausformel.
Es geht nicht um Geschicklichkeit, nicht um Zeichenkunst und Schönheit; hier geht es ums Prinzip - um ein mathematisches. Malte Beecken und seine Kollegin Mareike Mink wollen herausfinden, welcher Schüler Talent hat für Formen und Zahlen. Und welcher einen Sinn entwickeln kann für die Schönheit der Mathematik.
Deshalb tut Beecken so, als könne er das Haus vom Nikolaus nicht zeichnen. Beide, Beecken und Mink, arbeiten eigentlich am Hausdorff Center for Mathematics, einer Einrichtung der Uni Bonn, die im Exzellenzwettbewerb das Elite-Siegel bekommen hat.
Warum kommen sie dafür an eine Hauptschule? "Es ist unsere Aufgabe, die Besten bestens auszubilden", sagt Michael Meier. Als Chef von Beecken und Mink ist er am Hausdorff-Zentrum für die Schülerförderung zuständig. Talentierte Nachwuchs-Mathematiker finde man eben nicht nur an Gymnasien, sagt er.
Wie umgehen mit pubertierenden Schülern?
Das Schulsystem sei zu undurchlässig: Wer einmal eine Hauptschule besucht, habe es schwer, auf eine andere Schule zu wechseln - selbst wenn das Talent dafür reichen würde. Die Mathematiker der Uni Bonn wollen aber allen eine Chance geben.
Die Schüler zeichnen auf den Zetteln herum, fast alle machen mit. Wer einen Block hat, gibt den anderen Karopapier ab. Die Stifte sausen über das Papier, die Schüler murmeln: "Das geht!" - "Da fehlt immer eine Seite" - "Das geht nicht".
Eine Lehrerin spaziert durch die Reihen, kniet sich vor die Tische und begutachtet die Zeichnungen. Die beiden Mathematiker Beecken und Mink schmunzeln über den Eifer der Klasse. Sie gehen von Schüler zu Schüler, ermuntern, geben Tipps.
Bisher hatten Beecken und Mink kaum etwas zu tun mit Hauptschülern. Sie und ihre Freunde gingen aufs Gymnasium. Und auch ihre Kinder werden später das Gymnasium besuchen, glauben sie. Der Begriff "bildungsferne Schichten" fällt, als sie vor der Unterrichtsstunde darüber nachdenken, wie sie umgehen sollen mit einer siebten Hauptschulklasse und wie sie die Schüler ansprechen können.
Kerstin gibt nicht auf
Warum begeben sie sich dort hinein? Weil sich die Universität der Bevölkerung öffnen solle, sagen sie; weil Mathematik viel mehr sei als nur trockene Kurven und Formeln.
Die beiden sind nervös. Sie haben wenig Erfahrung mit einer Gruppe pubertierender Schüler. Mareike Mink hat ihre Kleidung sorgfältig ausgewählt. Sie trägt eine Nadelstreifenhose und ein türkises Hemd. Beecken hingegen ist in Jeans und unrasiert gekommen - so sitzt er schließlich auch immer im Hörsaal.
Vor Kerstin, 12, häufen sich zerknüllte Zettel. Immer wieder rast der Stift über das Papier, irgendwo hakt es, ein neues Blatt muss her. Kerstin gibt nicht auf. Manchmal verliert sie zwar kurz das Interesse und besucht ihre Freundin am Nebentisch, macht aber jedes Mal weiter.
Bei allen Schülern kippt die Stimmung schnell um, wechselt im Minutentakt zwischen "Das geht" und "Ich kriege das nicht hin". Aber irgendwann sind alle fertig und die Karozettel voll.
Und Malte Beecken hat ein Talent gefunden: Kerstin hat das mathematische Prinzip entdeckt, das Geheimnis, wann sich eine Figur zeichnen lässt, ohne den Stift abzusetzen. Man erkennt es auf den ersten Blick, wenn man es weiß.
Mathetalent mit Rechenschwäche
Es sind zwei Regeln. Erstens: Am Anfangs- und am Endpunkt einer Figur, dort wo der Stift ansetzt, und dort, wo er wieder absetzt, muss sich eine ungerade Zahl an Linien treffen - beim Haus vom Nikolaus sind es die unteren Ecken, dort treffen sich jeweils drei Linien. Zweitens: In allen anderen Punkten der Figur trifft sich eine gerade Anzahl von Linien - beim Haus vom Nikolaus in den oberen Ecken vier, in der Dachspitze zwei. Beides zusammen nennen Mathematiker ein hinreichendes Kriterium. Es ist nur ein Teil eines komplizierten Beweises, aber Kerstin hat ihn gefunden.
Eigentlich ist Kerstin nicht gut in Mathe. Ihre Lehrerin vermutet bei ihr eine Rechenschwäche. Trotzdem hat Kerstin das hinreichende Kriterium entdeckt. Zwei Jahre ältere Gymnasiasten haben dafür neulich länger gebraucht.
"Wenn euch jetzt jemand was hinmalt und fragt, ob er es in einem Strich zeichnen kann, dann müsst ihr nur noch zählen und wisst Bescheid", sagt Beecken. In seiner Welt ist diese Erkenntnis nur ein Teil eines komplizierten Beweises. Aber er ist überrascht, wie schnell Kerstin ihren Teil herausgefunden hat.
Beecken schlägt der Lehrerin vor, Kerstin in seinen Matheclub zu schicken. Dort treffen Schüler der sechsten bis dreizehnten Klassen auf Studenten, um gemeinsam "Mathe zu machen". Das könne zwar auch frustrierend werden, sei aber einen Versuch wert.
Die Autorin arbeitet bei manager-magazin.de und ist mit dem Bonner Mathematiker Malte Beecken verwandt