13.01.2011
Fördermaßnahmen zum Berufseinstieg
"Es besteht dringend Reformbedarf"
Von Frauke Lüpke-Narberhaus
Azubis beim Schweißkurs: Auf Übergangssystem nicht verzichten, aber reformieren
Jedes Jahr landen Hunderttausende Jugendliche in Kursen zur beruflichen Qualifizierung statt in einer Ausbildung - das kostet Milliarden und ist oft das Geld nicht wert. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bertelsmann-Stiftung, für die sie bundesweit rund 500 Berufsbildungsexperten und 300 Jugendliche befragt haben.
"Es gibt sehr viele sehr gute Ansätze", sagte Andreas Krewerth, wissenschaftlicher Mitarbeiter am BIBB und Mitautor der Studie. Allerdings herrsche ein großes Chaos von Ansätzen und Akteuren. "Es besteht dringend Reformbedarf."
Im Jahr 2009 besuchten knapp 350.000 Jugendliche Maßnahmen in dem so genannten "Übergangssystem", weil sie keinen Ausbildungsplatz fanden. Berufsvorbereitende Kurse, teils mit praktischem Anteil, sollen ihre Kompetenzen steigern und ihre Chancen verbessern. Die Maßnahmen kosten nach Schätzungen von Fachleuten jährlich mehr als vier Milliarden Euro.
Wissenschaftler und Bildungspolitiker bezweifeln immer wieder den Sinn dieses Systems. Die OECD nannte es im Herbst "intransparent und unübersichtlich". Empirische Kenntnisse über Bildungswege von der Schule in die Arbeitswelt seien bisher jedoch recht lückenhaft, heißt es in der Studie. Es sei auch unklar, wie die Akteure im Bereich der Berufsbildung selbst sie beurteilen. Das sei aber wichtig zu erfahren, sagt Krewerth vom BIBB. "Wenn die Akteure die Reformen in der Praxis nicht annehmen, bringen sie nichts."
Fast alle sagen: Das Geld muss effizienter eingesetzt werden
Daher befragten das BIBB und die Bertelsmann-Stiftung 482 Berufsbildungsexperten aus Gewerkschaften, Schulen, Hochschulen und Arbeitgeberverbändenund sowie 316 Jugendliche. Die Jugendlichen absolvierten entweder eine Ausbildung oder ein Angebot im Übergangssystem.
Zunächst sollten sie das Übergangssystem allgemein einschätzen. Das Ergebnis: Die große Mehrheit der Experten und Jugendlichen stimmten der Aussage zu, dass ein Übergangssystem in Zukunft unverzichtbar sei, allerdings sollten Geld und Personal effektiver eingesetzt werden. Etwa jeder vierte empfindet das System in der heutigen Form auch als Warteschleife, in denen Jugendliche ihre Zeit verschwenden. Zudem sagen 79 Prozent der Experten, es gebe zu viele verschiedene Maßnahmen und Bildungsgänge. Den Jugendlichen hingegen gefällt die Auswahl besser: Etwa die Hälfte empfinden sie als zu groß.
Danach sollten die Befragten 18 Reformvorschläge beurteilen, wie Jugendliche beim Übergang von der Schule in die Ausbildung besser unterstützt werden können: Welche Vorschläge begrüßen? Und welche halten sie für umsetzbar? Dabei waren die Vorschläge jeweils auf ihre Kernideen reduziert.
Über mehrere Vorschläge sind sich Jugendliche und Experten einig
Jugendliche und Experten urteilten ähnlich darüber, was die besten Reformvorschläge sind. Die Fachleute versprachen sich von folgenden fünf Ideen den größten Erfolg, um Schülern den Berufseinstieg zu erleichtern:
- "Potentialanalyse und Übergangsbegleitung": Bei Hauptschülern oder Schülern vergleichbarer Schulformen wird in der 7. Klasse überprüft, inwiefern sie Schwierigkeiten haben könnten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Gefährdeten Jugendlichen wird individuell geholfen, unter anderem durch einen festen Ansprechpartner.
- "Betriebliche Praxis im Übergangssystem": Bei allen Maßnahmen und Bildungsgängen im Übergangssystem stehen betriebliche Praxisphasen im Vordergrund, damit den Teilnehmern so die betriebliche Realität vermittelt wird.
- "Externes Ausbildungsmanagement": Ein externer Ansprechpartner unterstützt jeden Betrieb bei schwierigen Ausbildungssituationen - ohne dass für den Betrieb dadurch extra Kosten anfallen.
- "Reduktion der Angebotsvielfalt im Übergangssystem": Statt zahlloser Programme und Projekte gibt es nur noch wenige Grundtypen von Maßnahmen und Bildungsgängen.
- "Schulfach Berufsorientierung": Das Fach "Berufsorientierung" ist in allen allgemeinbildenden Schulen ein Pflichtfach, das von allen Schülern über mehrere Jahre besucht wird.
Allerdings befürchten Experten, dass die Reformen viel kosten würden und daher in nächster Zeit kaum realisierbar sind.
Ausbildungssquote für Migranten fällt durch
Die Jugendlichen wählten die ersten drei Vorschläge ebenfalls auf vordere Plätze, allerdings in anderer Reihenfolge. Auf den Plätzen vier und fünf landeten bei ihnen die Reformvorschläge "Schulabschlüsse im Übergangssystem" und "Regionales Übergangsmanagement". Dabei geht es zum einen darum, dass Maßnahmen und Bildungsgänge im Übergangssystem den Erwerb eines ersten oder höherwertigen Schulabschlusses ermöglichen sollen. Und zum anderen, dass in jeder Region der Übergang von der Schule in den Beruf von einer Stelle koordiniert werden, die in kommunaler Trägerschaft liegt. Jedem Jugendlichen soll so eine passgenaue Vermittlung und Begleitung in Ausbildung und Beschäftigung gesichert werden.
Für am wenigsten geeignet hielten sowohl die Fachleute als auch die Jugendlichen den Vorschlag, eine Migrantenquote für Ausbildungsplätze einzuführen. Zudem hielten es auch nur sehr wenige Experten für erfolgversprechend, Bewerbungen zu anonymisieren. Das testen derzeit das Familienministerium und die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen in einem Pilotprojekt mit fünf Unternehmen.
Wichtig ist dem Studienautor Krewerth auch, dass sich das Angebot an alle richten müsse und nicht nur an benachteiligte Jugendliche. "Gerade Gymnasiasten fühlen sich oft besonders schlecht auf das Berufsleben vorbereitet", sagt er.
Anhand der Ergebnisse schlussfolgern die Autoren der Studie, dass eine Reform des Übergangssystems sehr vorsichtig durchgeführt werden müsse. Sie schreiben: "Wenn das Übergangssystem die unterschiedlichen Interessen der Jugendlichen abdecken soll, darf die Vielfalt der Angebote nicht zu stark eingeschränkt werden - auch wenn dies die Organisation des Systems natürlich nicht erleichtert."
Mit Material von dpa