19.04.2011
Bildungsstudie
Lehrer als Moralvermittler kaum gefragt
Von Birger Menke
Hauptschulklasse: Ernüchternde Selbsteinschätzung der Lehrer
Lehrer sind - außer den Eltern - die Menschen, die Kinder und Jugendliche erziehen, die ihnen beibringen, moralisch zu handeln. Soweit das Ideal.
Dass die Realität anders aussieht, legt eine neue Umfrage nahe: Zwar sind neun von zehn Lehrern der Meinung, dass es ihre Aufgabe ist, Schülern Werte zu vermitteln. Aber nur drei von zehn sagen von sich, dass das auch gelingt. An Hauptschulen sind es sogar nur knapp ein Fünftel. Hier sagen sechs von zehn Lehrern, dass die Vermittlung von Werten "außerordentlich schwer" sei.
Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat im Auftrag der Vodafone-Stiftung 536 Lehrer und 2227 repräsentativ ausgewählte Bürger zu Aufgaben und Problemen der Schulen befragt. Das Ergebnis ist, was die Selbsteinschätzung der Lehrer angeht, ernüchternd: Die Hälfte ist der Meinung, dass sie nur wenig bis keinen Einfluss auf die Schüler haben.
Stellt sich die Frage: Wer dann? Sieben von zehn Lehrern gaben an, dass Medien und der Freundeskreis einen großen Einfluss auf die Schüler hätten.
Die Eltern sind es dagegen eher nicht, nur drei von zehn Lehrern sagen, dass Väter und Mütter einen sehr großen Einfluss auf die Kinder und Jugendlichen haben. Vier von fünf Lehrern gaben an, dass sie von Eltern den Eindruck haben, sie seien mit der Erziehung überfordert. Ebensoviele meinen, dass Eltern zu wenig darauf achten, was ihre Kinder in ihrer Freizeit machen. Und knapp drei Viertel sagen, dass Eltern oft zu wenig Zeit für ihre Kinder haben.
Die Unterschiede sind allerdings je nach Schulart groß: Hauptschullehrer äußerten deutlich häufiger, Eltern würden sich zu wenig für die schulischen Leistungen ihrer Kinder interessieren (drei Viertel), als Lehrer an Gymnasien (ein Viertel). Allerdings gaben selbst Letztere nur zu einem Drittel an, dass die Eltern ihre Schüler "fördern und unterstützen, wo immer sie können".
Die Eltern sehen die Lehrer in Sachen Persönlichkeitsbildung kaum weniger kritisch: Nur ein Drittel der befragten Bürger, deren Kinder zur Schule gehen, sehen ein Bemühen der Lehrer, dass die Schüler ein Selbstbewusstsein entwicken. Noch weniger Eltern trauen der Schule zu, ihren Kindern Höflichkeit und Manieren beizubringen: Nur ein Viertel meint, dass dies vermittelt wird.
Individuelle Förderung: Gewollt, aber nur schwer umsetzbar
Die Reformbemühungen in den Ländern könnten allerdings den Einfluss der Lehrer auf ihre Schüler steigern. Ist es doch inzwischen Common Sense, dass Unterricht individueller werden muss, dass mehr auf den einzelnen Schüler eingegangen werden soll. Doch auch hier scheint die Kluft zwischen Ideal und Realität groß zu sein: Zwei Drittel der Lehrer gaben an, dass die Förderung einzelner Schüler nur eingeschränkt möglich sei, die Lernplanvorgaben seien zu straff. Nur jeder vierte Lehrer meinte, dass an seiner Schule Kinder gezielt gefördert würden.
Eine Kluft auch zwischen Schulbehörden und Lehrern: Die Pädagogen sind zu zwei Dritteln der Meinung, dass die Vorgaben im Schulalltag nur schwer umzusetzen seien. Sechs von zehn Lehrern plädierten dafür, den Schulen mehr Freiheit zu geben, etwa bei der Gestaltung der Lehrpläne oder der Besetzung von Stellen.
Die besten schulpolitischen Rahmenbedingungen herrschen den Lehrern zufolge in Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg und Sachsen.
Der Trend geht zum Zentralismus
Ein Stimmungsbild, dass sich immer wieder aus Umfragen ergibt, bestätigt auch die Allensbach-Umfrage: Knapp zwei Drittel der Lehrer meinen, dass Bildungspolitik Sache des Bundes sein und nicht der Kulturhoheit der Ländern unterliegen sollte.
Dazu gehört auch, dass Lehrer und die befragten Bürger einheitliche Abschlussprüfungen fordern: Rund drei Viertel wünschen sich das. Breite Unterstützung gibt es zudem für die Ausweitung von Ganztagsangeboten an Schulen.
Ein interessantes und zugleich betrübliches Ergebnis ergab die Frage nach den Chancen der Schüler: Im Jahr 2000 meinte noch die Hälfte der Lehrer an Hauptschulen, dass die Situation ihrer Schüler eher schlechter ist, als in der Vergangenheit. In der aktuellen Umfrage waren es zehn Prozentpunkte mehr: Sechs von zehn Lehrern sagten, dass ihre Schüler eher weniger Chancen hätten, als früher.
Das umgekehrte Bild ergab die Befragung von Gymnasiallehrern: Vor elf Jahren meinten noch rund 40 Prozent, dass die Situation ihrer Schüler schlechter sei, heute sind es nur noch 25 Prozent. Fast die Hälfte sagten, dass ihre Schüler heute bessere Chancen hätten, als früher.
Die große Mehrheit der Lehrer denkt offenbar nicht darüber nach, welche Chancen sich für sie selbst andernorts auftun könnten: Drei von vier Pädagogen gaben an, dass sie sich wieder für den Lehrerberuf entscheiden würden.