Lade Daten...
02.12.2011
Schrift:
-
+

Zehn Jahre Pisa

Die Bildungsschocker

Von Frauke Lüpke-Narberhaus

Eva, 26 - "Der Testleiter nahm alles etwas zu wichtig."

Eva Hengesbach
"Es gehe um nichts, sagte unser Klassenlehrer, als er uns von Pisa erzählte. Wir seien ausgelost worden und müssten ein paar Aufgaben lösen, erklärte er meinen vier Mitschülern und mir und machte dabei einen etwas genervten Eindruck. Heute bin ich selbst Lehrerin und weiß, wie nervig es ist, wenn ständig Schüler wegen irgendwelcher Aktionen im Unterricht fehlen.

Wir fanden das damals eigentlich ganz cool: zwei Tage keine Schule. Keiner fühlte sich unter Druck gesetzt, es würde sich schließlich nicht auf unsere Noten auswirken. Alles nur zum Spaß also - so ist es bei uns angekommen.

Mir war damals nicht klar, dass noch mehr Schulen in Deutschland mitschreiben - geschweige denn im Ausland. Ich habe mir damals keine Gedanken über Schulsysteme gemacht. Ich hatte nie Streit mit Lehrern, nie Probleme in der Schule, bin morgens hingegangen und nachmittags zurück - ohne groß darüber nachzudenken.

An unserer Schule schrieben etwa 20 Schüler mit. Jeder hatte eine Nummer und einen festen Sitzplatz. Vorne stand der Testleiter, ich vermute, es war auch ein Lehrer dabei, schon aus disziplinarischen Gründen: Ich glaube, wir hätten uns nicht gut benommen, wenn kein Lehrer dabei gewesen wäre.

FOTOSTRECKE

Schülerlotsen: Die deutschen Pisa-Experten
Der Testleiter erklärte alles sehr ausführlich. Wir durften nicht allein weiterblättern, wir mussten immer warten, bis eine bestimmt Zeit abgelaufen war, dann mussten alle gleichzeitig umblättern. Wir verstanden damals nicht, warum wir das machen sollten. Wir fanden den Testleiter komisch. Er war so akkurat und streng. Er nahm alles etwas zu wichtig, dachten wir.

Die schlechten Ergebnisse bedrückten mich

Angestrengt habe ich mich trotzdem. Allein, weil wir beim Lesen ab und zu Zeitlimits hatten, wollte ich mir selbst beweisen, dass ich es schaffe. Aber ich denke, unter richtigem Prüfungsdruck hätte ich noch etwas besser gearbeitet.

Als dann ein Jahr später die Ergebnisse rauskamen, dachte ich: Ach, hast du da nicht mitgemacht? Mich hat aber nie jemand drauf angesprochen. Meine Mitschüler wussten gar nicht, dass ich für die Ergebnisse mitverantwortlich bin.

Dass die Ergebnisse so schlecht sind, hätte ich nicht gedacht. Mich hat das bedrückt, weil ich sie auf mich persönlich bezogen habe - auch wenn es mir eigentlich nicht schwerfiel, die Aufgaben zu lösen. Unsere eigenen Ergebnisse haben wir nie erfahren. Leider.

Nach dem Test bekamen wir ein Jojo und einen Kuli, OECD und Pisa stand darauf. Der Kugelschreiber funktioniert schon lange nicht mehr, aber ich habe ihn immer noch. So vergesse ich nie, dass ich an etwas teilgenommen habe, das noch Jahre später hohe Wellen schlägt."

Eva, 26, wird bald als Lehrerin Förderschüler unterrichten, ihr Referendariat hat sie fast beendet. Sie nahm im Jahr 2000 an der Pisa-Studie teil und besuchte damals ein Gymnasium im saarländischen Homburg.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
1. Tant de bruit
AKI CHIBA 02.12.2011
Habe Lehrersleute in Japan, Korea, Frankreich und kürzlich Schweden nach PISA gefragt: Einige wussten, dass Pisa in Italien liegt. Mehr nicht. Seit 10 Jahren macht sich damit eine selbsternannte Expertenclique wichtig und [...]
Zitat von sysopDie erste Pisa-Studie schockierte Deutschland, dabei begann*für die Schüler alles eher als Spaß:*zwei Tage schulfrei, keine Noten, kein Druck.*Im SchulSPIEGEL erzählen Pisa-Veteranen aus drei Schüler-Generationen, wie sie den Test erlebten -*und welchen Spott sie ertragen mussten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,800423,00.html
Habe Lehrersleute in Japan, Korea, Frankreich und kürzlich Schweden nach PISA gefragt: Einige wussten, dass Pisa in Italien liegt. Mehr nicht. Seit 10 Jahren macht sich damit eine selbsternannte Expertenclique wichtig und kassiert ab.
2. Nicht ernst genommen
Meckermann 02.12.2011
Ich vermutre sehr stark, dass die meisten Schüler den Test nicht weiter ernst genommen und entsprechend wenig Leistung an den Tag gelegt haben. Ich hatte immer gute Noten aber für nicht Zeugnisrelevante Klausuren hätte ich [...]
Ich vermutre sehr stark, dass die meisten Schüler den Test nicht weiter ernst genommen und entsprechend wenig Leistung an den Tag gelegt haben. Ich hatte immer gute Noten aber für nicht Zeugnisrelevante Klausuren hätte ich sicher keinen Finger krumm gemacht.
3. PISA für Lehrer
Reqonquista 02.12.2011
Man sollte mal die Lehrer einem PISA Test unterziehen. Die Lernmethoden sind tw. aus dem vorletzen Jahrhundert. Man muß die Schüler nur schön zwiebeln und hart rannehmen, dann führt diese Auslese schon zu einer guten [...]
Man sollte mal die Lehrer einem PISA Test unterziehen. Die Lernmethoden sind tw. aus dem vorletzen Jahrhundert. Man muß die Schüler nur schön zwiebeln und hart rannehmen, dann führt diese Auslese schon zu einer guten Schülerschaft. Die Eltern müssen nachmittags die Defizite des Unterrichts ausgleichen und der Lehrer hat dann das Gefühl, dass er einen Super Unterricht macht, weil er sich die Lernerfolge zuschreibt. Lehrer sind überbezahlte Dienstleister und sollten diese Rolle endlich mal annehmen. Die Privilegien gehörten abgeschafft. Man strebt sich auch immer gegen Vergleichsarbeiten, weil die den Lehrer vor den Kollegen bloßstellen könnte. Und wenn die Arbeit mal schlecht ausfällt, wird einfach das gesammte Notenspektrum hochgezogen. Sonst würde der Schulleiter vielleicht stutzig werden. Alter Trick! Bitte mehr PISA und Lehrerkontrolle!
4. Oho
herecomesthebut 02.12.2011
Sowas wahnsinnig interessantes. Fakt 1: Die blöden Ossis haben getuschelt, alle disqualifizieren! Fakt 2: Wer will sowas wissen?
Sowas wahnsinnig interessantes. Fakt 1: Die blöden Ossis haben getuschelt, alle disqualifizieren! Fakt 2: Wer will sowas wissen?
5. .
yomow 02.12.2011
Ich möchte auch kurz von meinen Erfahrungen erzählen: Ich habe die Pisa Studie 2003 an einem Gymnasium in Bremen mitgeschrieben. Als vermeintlich "dümmstes" Bundesland hatte das natürlich eine besondere Brisanz. Wir [...]
Ich möchte auch kurz von meinen Erfahrungen erzählen: Ich habe die Pisa Studie 2003 an einem Gymnasium in Bremen mitgeschrieben. Als vermeintlich "dümmstes" Bundesland hatte das natürlich eine besondere Brisanz. Wir wussten alle, was der Pisa-Test ist, schließlich waren wir letzter beim 1. Test und wollten es besser machen. Es gab in diesem Test aber andere Schwerpunkte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es war glaube ich Mathe und Physik/Naturwissenschaften. Leseverständnis wurde aber auch geprüft. Ich weiß allerdings auch von einigen Mitschülern, denen das ganze ziemlich am Arsch vorbei ging. Die Gründe dafür dürften unterschiedlich gewesen sein. Es wurde nicht benotet, es gab somit keinen Druck. Vielleicht war es aber auch nur die rebellische Haltung von einigen pubertierenden Jungendlichen und insgeheim haben sie doch alles gegeben. Genau weiß ich das nicht. Meine Mitschüler sind aber ansonsten alle sehr selbstbewusst an den Test gegangen. Wir wussten, dass wir nicht die blödesten Schüler der Nation sind. Unser Gymnasium zählte damals tatsächlich mit zu den Besten in Bremen. Der Test hat einige Stunden gedauert, es gab ziemlich exakte Regeln und es wurde sich von den Lehrern und Schülern sehr genau dran gehalten: 20 Minuten für Abschnitt A, 15 für Abschnitt B usw. Blatt umdrehen auf Kommando, Stifte absetzen auf Kommando. Ich persönlich fand den Test relativ einfach. Deutlich einfacher als jede Klassenarbeit. Die Aufgaben waren völlig anders. Es ging nicht darum stumpf Mathe Aufgaben zu lösen oder Gedichte zu analysieren. Es war alles sehr logisch und "greifbar". Es geht bei den Pisa Tests wohl auch immer um Realitätsnähe und Anwendung in der Praxis. Das Problem für mich war einzig und allein der Zeitdruck. Ich weiß noch, dass ich damit öfters zu kämpfen hatte und auch das ein oder andere Mal zurückgeblättert habe, obwohl wir das nicht durften. Wir haben auch nie die Noten bekommen. Ich weiß nicht, ob die Schule eine Auswertung bekommen hat. Eine Lehrerin sagte uns mal, dass wir überdurchschnittlich abgeschnitten hätten, aber vielleicht spielt mir da mein Gedächtnis auch einen Streich und es handelte sich um etwas anderes. Wenn ich schätzen müsste, welche Note ich bekommen hätte, dann würde ich vermutlich 2+ sagen. Die erneuten schlechten Ergebnisse machten 1 Jahr später die Runde. Uns hat es schon geärgert. Wir waren damals überzeugt, dass es an den Hauptschulen und Problemvierteln lag, die uns reingerissen haben. Für jeden Gymnasiasten in Deutschland ist dieser Test ziemlich einfach, da bin ich mir sicher.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter RSS
alles zum Thema Pisa-Studien
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten