02.12.2011
Nach dem Pisa-Schock
Zehn Jahre Wirrwarr
Von Christian Füller
Grundschüler (Archiv): Das deutsche Bildungssystem produziert zu viele Risikoschüler
Am Abend bevor Goethes Erben zu Bildungsverlierern wurden, versammelte ein gewisser Andreas Schleicher drei Dutzend Journalisten in Berlin zu einem Seminar in empirischer Bildungsforschung. Gebannt folgten sie dem Herrn mit dem rotmelierten Schnäuzer, der das "Programme for International Students Assessment", koordinierte, kurz: Pisa.
Grafiken und Tabellen zeigten mit mathematischer Präzision den Abstieg einer Kulturnation. Das Leitbild der Deutschen bekam einen neuen Namen: Der Risikoschüler - kann Texte entziffern, versteht aber nicht, was drin steht.
Es war der 3. Dezember 2001. Am Tag darauf stellte die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) die Pisa-Studie vor, einen Test, der Leistungen 15-jähriger Schüler aus aller Welt vergleicht. Die Neuntklässler im Herzen Europas, die Deutschen, schnitten miserabel ab: Fast jeder Vierte 15-Jährige kann nicht sinnvoll lesen; der Abstand zwischen den Leistungen der Schulen ist nirgendwo größer als in Deutschland, die Schere zwischen guten und schlechten Schülern einer Demokratie nicht würdig.
Für die Deutschen war Pisa fortan nicht mehr eine Stadt in Italien, sondern eine Studie, die sie auf Platz 22 von 32 getesteten Nationen verbannt hatte.
Die Kultusminister schafften jedoch, was ihnen kaum jemand zugetraut hätte. Sie, die man bis dahin ungerügt als Landschildkröten verspotten konnte, ergriffen Notmaßnahmen, sofort. Noch bevor die Pisa-Nachricht komplett verstanden worden war, fasste die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) im wesentlichen drei Beschlüsse:
- Die 16 Minister einigten sich auf sieben sogenannte Handlungsfelder - von Kindergarten bis Migranten, von Sprachtests bis Unterrichtsqualität.
- Sie kündigten an, ganz fix die Lehrerbildung zu verbessern.
- Sie verbaten sich kategorisch, über Schulformen zu diskutieren. Die weltweit einmalige - von Österreich abgesehen - Aufteilung junger Bürger im Alter von zehn Jahren auf drei verschieden gute Schularten, sie durfte kein Grund für das verheerende deutsche Pisa-Ergebnis sein.
Das Land akzeptierte das Tabu weitgehend. Noch immer müssen Teilnehmer von Polit-Talkshows im Abendprogramm damit rechnen, dass man sie auffordert: Diskutieren Sie bitte nicht über die Schulformen!
Es fehlt an Sprachkompetenz - also streichen wir Fördergeld
An die sieben Handlungsfelder erinnert sich hingegen mittlerweile kaum noch jemand. Sie betrafen zwar irgendwie die richtigen Punkte: Kindertagesstätten etwa sollten zu Bildungseinrichtungen werden, Migranten besser im Sprachenlernen gefördert werden und so weiter. Allein, das Steuerungswissen, das Pisa angeblich geliefert hatte, wurde von den 16 Kultusministern sehr unterschiedlich interpretiert. Die Sprachtests zum Beispiel hießen immer anders - "Bärenstark", "Delfin" oder "Deutsch+" - und untersuchten jeweils andere Altersstufen von Kindern.
Nur eines war gleich: Die Sprachstandserhebungen waren so niederschmetternd, dass die bereitgestellten Millionen für die frühe Sprachförderung nicht ausreichten. Die Minister passten die Lerngelegenheiten also sofort den Budgets an: Nur ein Bruchteil der Sprachlosen bekam effizientes Sprachtraining.
Ähnlich lief es mit der Lehrerbildung. Nach Pisa setzten die Schulminister auf ein runderneuertes Lehrerstudium. "Dann haben wir ja schon in 30 Jahren bessere Pisa-Ergebnisse", frotzelte Andreas Schleicher. Die Kultusminister rächten sich und erklärten den weltweit geachteten "Mr. Pisa" zur Persona non grata - Schleicher durfte in seinem Heimatland eine Zeitlang keine Pisa-Studie mehr vorstellen.