22.06.2012
Streit um Bildungsbericht
Republik der Abgehängten
Diktatwettbewerb: Mehr Abiturienten, mehr Studenten - und ein Heer der Abgehängten
Der Bundesbildungsbericht 2012, der an diesem Freitag in Berlin erschien, hat ein sehr geteiltes Echo ausgelöst. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), sagte, das deutsche Bildungssystem sei auf dem richtigen Reformweg. Als Beleg verwies Rabe auf die steigenden Abiturientenzahl und weniger Schulabbrecher.
Eine ähnlich positive Bilanz las Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium von Annette Schavan (CDU), aus dem Bericht. Das Dokument belege die "hohe Priorität für Bildung in Deutschland", so Quennet-Thielen. Gerade für Kinder und Jugendliche "in Risikolagen" habe sich viel verbessert.
Die Forscher, die den mehr als 350 Seiten starken Bundesbildungsbericht im Auftrag von Bund und Ländern erstellt hatten, sehen die Ergebnisse deutlich skeptischer: Sie fanden zwar heraus, dass es mehr Abiturienten und Studenten gibt als vor zwei Jahren und dass das Bildungssystem durchlässiger geworden ist. Doch zugleich gibt es eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt. Sie können nicht richtig lesen, brechen Schule oder Lehre ab und nutzen keine Weiterbildungsangebote - "eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt", fasste Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts, zusammen. "15 bis 20 Prozent der Jugendlichen befinden sich im Abstiegsstrudel", sagte Rauschenbachs Kollege Martin Baethge vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut aus Göttingen.
SPD fordert Rechtsanspruch auf Platz an einer Ganztagsschule
Neben der Kritik der Autoren geißelt auch die Opposition im Bundestag und das Deutsche Studentenwerk die Bildungsbilanz. Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, sieht die deutsche Bildungspolitik drastisch unterfinanziert. Um im Vergleich mit anderen Industrienationen auf Augenhöhe zu kommen, müssten Jahr für Jahr 20 Milliarden Euro mehr in die Bildung investiert werden.
Für mehr Chancengleichheit und Integration seien außerdem mehr Ganztagsschulen nötig, denen auch der Bundesbildungsbericht eine Schlüsselrolle zuweise. Die SPD-Fraktion will daher einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz, egal in welcher Schulform, bis zum Jahr 2020 durchsetzen. Ganztagsschulen sind in Deutschland sehr unterschiedlich häufig: Verfügt in Baden-Württemberg nur etwa jede vierte Schule über ein Ganztagsangebot, sind es in Sachsen beinahe alle Schulen.
Parteiübergreifend erregte sich die Opposition besonders über das Festhalten der Bundesregierung am Kooperationsverbot in der Schulpolitik, das dem Bund die Schulfinanzierung in den Ländern untersagt. Erneut kritisierten sie außerdem das Betreuungsgeld, ein für 2013 geplanter Zuschuss für Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kita schicken, sondern sie zu Hause betreuen. Wie bereits am Mittwoch bekannt geworden war, positionieren sich auch die hochrangigen Autoren des Bundesbildungsberichts klar gegen das als "Herdprämie" bekannt gewordene Betreuungsgeld.
Grüne: Betreuungsgeld ist "Bildungsfernhalteprämie"
Die Experten sehen durch die zusätzlichen Leistungen für das Betreuungsgeld mehrere wichtige Investitionen gefährdet: den Ausbau von Kindertagesstätten, die Einlösung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Unter-drei-Jährige sowie Verbesserungen in Kinderkrippen und Kindergärten.
Besuchten Kinder eine Kita, hätten sie in der vierten Grundschulklasse nachweislich Lernvorsprünge, so die Forscher in ihrem Bericht. Kai Gehring, Bildungsfachmann der Grünen im Bundestag, bezeichnete das Betreuungsgeld als "Bildungsfernhalteprämie, die dem Ausbau der frühkindlichen Bildung zuwider läuft". Das Betreuungsgeld ist auch in der Regierungskoalition heftig umstritten. Es gilt als Zugeständnis an die CSU und ihren Parteichef Horst Seehofer.
Doch nicht nur beim Thema Kleinkinderförderung und Schul- und Berufsausbildung erregt der Bildungsbericht Missmut. Trotz stark gestiegener Erstsemesterzahlen und derzeit 2,4 Millionen Studenten an den Hochschulen hänge "der Bildungsweg in Deutschland noch immer viel zu stark vom sozialen Hintergrund ab", kritisierte für das Deutschen Studentenwerk dessen Präsident Dieter Timmermann.
Der Bildungsbericht belege, dass 77 von 100 Kindern von Eltern mit Hochschulabschluss an eine Hochschule gehen. Unter den Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss hingegen finden sich nur 13 von 100 an einer Hochschule ein. Damit führe Hochschulbildung in Deutschland nach wie vor "zu einer Art Statusvererbung von Akademikern". Wichtig sei es aber, alle begabten, jungen Menschen aus allen sozialen Schichten an die Hochschulen zu bringen.
cht