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11.12.2012
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Leistungsvergleich der Grundschüler

Deutschland vergeudet junge Talente

Von und
Foto: DPA

Viele Risikoschüler, wenige Überflieger: Die Probleme des deutschen Bildungssystems zeigen sich schon in der Grundschule. Bei den internationalen Studien Iglu und Timss schnitt die Bundesrepublik zwar gut ab. Der Vergleich zeigt aber auch, wie ungerecht es zugeht - bei den Schwachen und den Starken.

Ja, es sind wieder Bildungsstudien vorgestellt worden. Ja, es gibt mittlerweile viele davon. Ja, ein Jahrzehnt ist seit dem Pisa-Schock verstrichen. Ja, es gab Experimente und Reformen und Förderprogramme. Braucht man also die dauernden Untersuchungen überhaupt, all die Vergleichsarbeiten und Studien? Viele Lehrer, Eltern, Schüler und manche Bildungspolitiker klagen längst über "Testeritis".

Ja, wir brauchen die Studien, davon ist Wilfried Bos überzeugt, einer der renommiertesten Bildungsforscher des Landes. Keine Studien, das wäre wie ein Alkoholiker, der seine Leberwerte nicht wissen will. Für eine vernünftige Diagnose braucht es Messwerte, das ist die Botschaft des Experten, als er die Ergebnisse der neuen Iglu- und Timss-Untersuchungen vorstellt: Demnach landen deutsche Viertklässler im internationalen Vergleich im oberen Drittel, sie können in etwa so gut lesen und rechnen wie der Schnitt der Industriestaaten und sind ähnlich fit in den Naturwissenschaften. Und sie schneiden in allen drei Disziplinen besser ab als viele EU-Länder.

Wie aber sieht die Diagnose im Detail aus? In Zeugnisnoten ausgedrückt würde das deutsche Schulsystem laut den beiden Studien (hier als pdf) wohl irgendwo zwischen "gut" und "befriedigend" landen. Allerdings offenbaren sie erneut auch entscheidende Schwachpunkte: bei den schwächsten und bei den stärksten Schülern.

Zu den Hauptproblemen gehören...

Auf allen Feldern, beim Lesen und in Mathe sowie in den Naturwissenschaften, schneidet die Bundesrepublik insgesamt aber solide ab - es gibt allerdings auch wenig Fortschritte. Denn so ähnlich hatte der Befund schon in den Vergleichsuntersuchungen von 2007 (Timss) und 2001 (Iglu) gelautet. Seither hat sich wenig geändert: Die Lesemotivation ist leicht gestiegen, die Zahl der Nichtleser hat sich leicht reduziert. Mädchen sind immer noch im Lesen besser, Jungs in Mathe. Die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern sind dabei jeweils etwas geringer geworden. Man habe unter erschwerten Bedingungen das hohe Niveau halten können, sagte Bos. 2011 seien sechs Prozent mehr Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen gewesen.

Aber mit den Fortschritten im Detail wird sich die Schulpolitik hierzulande nicht lange aufhalten müssen. Entscheidend ist, ob sie Rezepte findet, die Schwächen am oberen und unteren Ende der Leistungsskala zu beheben oder wenigstens zu verringern. Viel verspricht sich Bos vom Ausbau der Ganztagsschulen, mahnt aber auch, dass die zusätzliche Zeit pädagogisch sinnvoll genutzt werden müsse. Es bringt wenig, Kinder einfach länger im Schulgebäude zu behalten und nachmittags die Tische zur Seite zu schieben, damit Platz ist für Ballspiele.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), kündigte dann auch genau das an: einen "qualitativen Ausbau" der Ganztagsschulen, so dass die Zeit auch für gute Bildung genutzt werden könne. Die Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, Cornelia Quennet-Thielen, sagte: "Wir können noch besser werden."

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insgesamt 252 Beiträge
1. es gibt eine ganz andere Erklärung
spon-1243073990854 11.12.2012
Dieses Thema wurde hier ja auch schon oft durchgekaut: Meines Erachtens spielt der LernWILLE die entscheidende Rolle. Man kann eben entweder die Hausaufgaben machen, man kann die Hausaufgaben machen und vielleicht noch eine [...]
Dieses Thema wurde hier ja auch schon oft durchgekaut: Meines Erachtens spielt der LernWILLE die entscheidende Rolle. Man kann eben entweder die Hausaufgaben machen, man kann die Hausaufgaben machen und vielleicht noch eine Aufgabe extra oder man daddelt eben auf dem Smartphone herum. Auch deswegen schneiden vielleicht Kinder aus Akademikerfamilien im Schnitt besser ab: Dort ist man an schulischen Dingen interessiert und vertraut nicht blind darauf, dass schon alles gut wird. Es ist wirkich tragisch für Migrantenkinder. Ganztagsschulen können - gut gemacht - eben geanu diesen Mehrwert schaffen. Aber wir schaffen stattdessen ja lieber Fehlanreize mit der CSU.Herdprämie. Es gibt eine sicher eine Testeritis: Diese Bildungsforscher müssen doch alle Jahre wieder ihre Daseinsberechtigung abliefern...
2. Bewegung und Konzentration
blödföhn 11.12.2012
"Es bringt wenig, Kinder einfach länger im Schulgebäude zu behalten und nachmittags die Tische zur Seite zu schieben, damit Platz ist für Ballspiele. " Der Punkt ist eher nachdem die Kinder den halben Tag auf dem [...]
"Es bringt wenig, Kinder einfach länger im Schulgebäude zu behalten und nachmittags die Tische zur Seite zu schieben, damit Platz ist für Ballspiele. " Der Punkt ist eher nachdem die Kinder den halben Tag auf dem Hintern gesessen haben ist was anderes kaum möglich. Es gibt Pilotschulen die mit einem mehr an Bewegung deutlich bessere Erfahrungen machen. Mehr Bewegung macht die Kinder auch gesünder. Und jede Reform ist nur so gut wie die Lehrkraft die sie vermittelt das ist der Knackpunkt. Die Lehrer sollte man auch mal testen.
3. Spiegel der Gesellschaft
der-denker 11.12.2012
Der Optimismus, die Leidenschaft unzähliger Lehrer, Sozialarbeiter, Politiker, schlechthin - Menschen, den Schwachen zu helfen und eine bessere Gesellschaft zu schaffen, ist abgeschlafft. Da war mal was, noch in den 70er, [...]
Der Optimismus, die Leidenschaft unzähliger Lehrer, Sozialarbeiter, Politiker, schlechthin - Menschen, den Schwachen zu helfen und eine bessere Gesellschaft zu schaffen, ist abgeschlafft. Da war mal was, noch in den 70er, vielleicht auch ein bisschen länger. Jetzt ist nur noch Technokratie angesagt, die Schwachen werden beleidigt, oder ignoriert, und belehrt - sie sollen sich selbst optimieren. Dafür wurde ja auch von unserer kleinlich gewordenen Mittelschicht Gauck als Moralprediger inthronisiert. Weil das seine schlichte Narration ist: Dankbar soll der Arme sein für die tollen Chancen, und voller Schwung die Sache selbst in die Hand nehmen, dann wird's schon. Während unser äußerlich ach so drolliges Madamchen eiskaltes Management betreibt. Ohne das zu sehen wäre wohin das führen soll.
4. der Thread von heute morgen führte wohl nicht in die gewünschte Richtung...
labudaw 11.12.2012
die rot-grünen Übeltäter wurden mehr und mehr entlarvt.
die rot-grünen Übeltäter wurden mehr und mehr entlarvt.
5. Wieder mal ...
westerwäller 11.12.2012
...schlägt die Realität die Idelogie ... Erstmals wird zugegeben, dass leistungsstarke Schüler hier benachteiligt werden, weil die gesamte Bildungsideologie aud egalitären Zielen beruht. Dabei wird ein Geld für Projekte [...]
...schlägt die Realität die Idelogie ... Erstmals wird zugegeben, dass leistungsstarke Schüler hier benachteiligt werden, weil die gesamte Bildungsideologie aud egalitären Zielen beruht. Dabei wird ein Geld für Projekte verpulvert, die niemals zielführend sind, nur um den Vorwürfen zu entgehen, man würde bestimmten Bevölkerungsgruppen benachteiligen. So gibt es solche Stilblüten wie "Teamteaching", Frühenglisch für alle (auch für solche, die nicht mal Deutsch können), Klassen mit neun Schülern, die von einem Lehrer und einem Sozialpädagogen gemeinsam unterrichtet werden (müssen...) usw. Außer dem Effekt, dass die Stärkern jetzt benachteiligt werden, findet man bei den Schwächeren keinen Erfolg. Durch das hymnisch besungene, längere gemeinsame Lernen werden Normalschüler und Leistungsschüler behindert. Natürlich werde ich gesteinigt werden: Aber wir müssen zurückkommen zum viergliedrigen Schulsystem (Haupt-, Real-, Förderschulen und Gymnasien), jeweils mit glasklaren Anforderungen.

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Was sind Timss und Iglu?

  • dapd
    Bei der Timss-Untersuchung geht es um Mathematik und Naturwissenschaften, bei der Iglu-Studie um die Lesekompetenzen von Viertklässlern. Die Tests für beide Untersuchungen fanden im Frühsommer 2011 in allen 16 Bundesländern statt. Rund 4.600 Schüler an 200 zufällig ausgewählten Grund- und Förderschulen haben mitgemacht. Die Abkürzungen stehen für Trends in International Mathematics and Science Study und Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung. Außerhalb Deutschlands heißt die Studie PIRLS, Progress in International Reading Literacy Study.

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