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11.12.2012
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Leistungsvergleich der Grundschüler

Stoppt den Reformwahn

Ein Kommentar von Jan Friedmann
dapd

Grundschülerin (Archiv): Hier können Lehrer noch in Ruhe arbeiten

Deutschlands Grundschulen stehen im internationalen Vergleich gut da, wie zwei neue Studien bestätigen. Sie profitieren davon, dass die Politiker sie in ihrem Reformeifer bisher kaum antasteten - anders als andere Schulformen.

Ein Platz im oberen Drittel, deutlich hinter der Spitzengruppe, aber mit viel Luft nach unten: In der Fußball-Bundesliga wäre das ein Tabellenrang, der für die Uefa Europa League qualifiziert. In einem internationalen Bildungsvergleich darf Deutschland eine solche Position als Erfolg werten.

Bei den jetzt vorgestellten Schulstudien Iglu und Timss 2011 wurde die Bundesrepublik ausnahmsweise einmal nicht abgewatscht: Die Grundschüler hierzulande weisen demnach solide Kenntnisse im Lesen sowie in Mathematik und in den Naturwissenschaften auf. Sie profitieren davon, dass ihre Trainer über Jahre hinweg in relativer Ruhe ihre Arbeit machen durften - ohne ständige Eingriffe aus dem Club-Management.

Denn während die Pisa-Studie Neuntklässler gegeneinander antreten lässt, standen dieses Mal die Grundschulen auf dem Prüfstand. Jene Schulform also, die Deutschlands Schulpolitiker kaum angetastet haben. Und die gerade deshalb recht gut funktioniert.

Zwar hat es auch in den Grundschulen Neuerungen gegeben, deren Ertrag fragwürdig ist: Zum Beispiel lernen fast überall die Knirpse nun schon im zarten Alter Englisch oder eine andere Fremdsprache, ohne dass davon viel hängen bleibt. Auch existieren föderal bedingte Unterschiede: In den meisten Bundesländern dauert die Grundschule vier Jahre, in Berlin hingegen sechs Jahre.

An den Grundschulen geht es vergleichsweise beschaulich zu

Doch im Vergleich zu dem Reformwahn, der in den vergangenen Jahren über die weiterführenden Schulen hereingebrochen ist, ging es bei den Jüngsten vergleichsweise beschaulich zu. Die auf acht Jahre verkürzte Schulzeit im Gymnasium, deren teilweise Rückabwicklung, die Reform der Oberstufe, das Ende der Hauptschulen: Damit müssen sich Schüler und deren Eltern erst herumschlagen, wenn die Grundschule vorbei ist.

Die Grundschulen sind vergleichsweise einfach organisiert, die Anzahl der Fächer lässt sich überschauen, die Stundentafeln sind noch nicht überfüllt. Wenn es gut läuft, halten Eltern und Lehrer engen Kontakt, fürs Backen, Basteln und die Wandertage finden sich dann ausreichend freiwillige Helfer. Über optionale Schulfächer, Schwerpunkte oder auch die Wahl der richtigen Schule müssen sich Väter und Mütter hingegen nur wenig Gedanken machen. In den meisten Städten gilt ein Sprengelprinzip, welches die der Wohnung am nächsten gelegene Schule zuweist.

Solche klaren Strukturen und Regeln entlasten. Sie machen alle Beteiligten frei für das wirklich Wichtige: dass die Lehrer ihren Job machen können, dass die einzelnen Schüler und ihre Klasse vorankommen. Die Grundschule ist deshalb im positiven Sinn eine Gemeinschaftsschule - weil hier eher ein Gemeinschaftsgefühl herrscht als im weiteren Fortgang der Schullaufbahn. Und weil hier Kinder aus Arbeiter- und Akademikerfamilien oft noch gemeinsam lernen.

Viele Risikoschüler, wenig Überflieger

Die Grundschulen deshalb als pädagogischen Ponyhof zu verherrlichen, wäre falsch. Iglu und Timss zeigen, dass zwei Leistungsgruppen Probleme haben, dort ihren Platz zu finden: die ganz Guten und die ganz Schlechten. Die ersteren finden zu wenig Anregung, die letzteren werden nicht ausreichend gefördert. Noch immer, das offenbaren die beiden Untersuchungen auch, hängt Schulerfolg zu sehr vom Elternhaus ab.

Falsch wäre es indes, aus dem Erfolg der Grundschulen einen Appell für die Gemeinschaftsschule bis zum Abitur abzuleiten. Eine solche ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Wer auch nur Ansätze davon gegen die Gymnasiallobby durchzukämpfen versucht, schafft Chaos und wird vom Wähler abgestraft.

Das musste zuletzt die inzwischen abgewählte schwarz-grüne Koalition unter Ole von Beust (CDU) in Hamburg 2010 erfahren. In einem Volksentscheid schmetterten die Hamburger Wähler das Ansinnen ab, die Grundschulzeit auf sechs Jahre zu verlängern. Sie spürten, dass die Reform vor allem sozialpolitisch motiviert war, mit ungewissem pädagogischen Ausgang. Durch längeres gemeinsames Lernen sollten die besseren Grundschüler die schwächeren mitziehen - als eine Art unbezahlter Sozialarbeiter.

Ein gesundes Misstrauen gegenüber solchen Eingriffen kann helfen, die Qualität der Grundschulen zu sichern. Wenn der Schulbetrieb gut funktioniert, ist schon viel erreicht. Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Brüche heilen. Diese Einsicht bedeutet indes nicht, reaktionär auf Bestehendem zu beharren. Nur erfordern Reformen Behutsamkeit und Sachkenntnis.

Die Inklusion behinderter Kinder in die Regelschulen ist solch ein hehres, wichtiges Projekt. Sie wird nur funktionieren, wenn zusätzliche Lehrer und Sozialpädagogen in die Klassen kommen, um sich mit diesen Kindern zu beschäftigen. Ähnliches gilt für die Nachmittagsbetreuung von Grundschülern: Dazu benötigen viele Schulen zusätzliche Räume sowie weitere Planstellen für Fachkräfte. Andernfalls drohen die Grundschulen nur zu stickigen Ganztags-Verwahranstalten zu verkommen.

Von Iglu und Timss geht deshalb der Aufruf an Politiker und Schulleiter aus, solide zu arbeiten: Greift nicht zu viel ein, und wenn ihr verändert, dann macht es richtig! Bastelt nicht zu viel an Schulstrukturen und Schuldauer herum, bindet lieber die Beteiligten ein! Oder in Abwandlung der Politiker-Weisheit, wonach die Wirtschaftslage wahlentscheidend sei: Es ist der Unterricht, Dummerchen!

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insgesamt 62 Beiträge
1. Schüler aus Arbeiter und Akademikerhaushalten
j.c78. 11.12.2012
werden laut dem Bericht in der Grundschule gemeinsam unterrichtet. Die Behauptung kann jedoch nur für den ländlichen Raum gelten! Dank der fortschreitenden Gentrifizierung der urbanen Lebensräume sitzen Kevin und Justin nur selten [...]
werden laut dem Bericht in der Grundschule gemeinsam unterrichtet. Die Behauptung kann jedoch nur für den ländlichen Raum gelten! Dank der fortschreitenden Gentrifizierung der urbanen Lebensräume sitzen Kevin und Justin nur selten neben Alexander und Marie.
2. Unbezahlte Sozialarbeiter?
annchenw 11.12.2012
"Durch längeres gemeinsames Lernen sollten die besseren Grundschüler die schwächeren mitziehen - als eine Art unbezahlter Sozialarbeiter." Der Autor sollte nicht von etwas schreiben, von dem er nichts versteht. Alle [...]
Zitat von sysopDeutschlands Grundschulen stehen im internationalen Vergleich gut da, wie zwei neue Studien bestätigen. Sie profitieren davon, dass die Politiker sie in ihrem Reformeifer bisher kaum antasteten - anders als andere Schulformen. Iglu und Timss: Kommentar zum Grundschulvergleich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/iglu-und-timss-kommentar-zum-grundschulvergleich-a-872240.html)
"Durch längeres gemeinsames Lernen sollten die besseren Grundschüler die schwächeren mitziehen - als eine Art unbezahlter Sozialarbeiter." Der Autor sollte nicht von etwas schreiben, von dem er nichts versteht. Alle Studien in diese Richtung bestätigen, dass gerade die "Besseren" von einem solchen Schülerhelfersystem profitieren!
3.
Bernhard.R 11.12.2012
Ich erinnere mich gerne an meine Schulzeit in der DDR. Wir waren 26 Schüler in der Klasse. Die Lehrer hatten 22 Stunden wöchentlich (zzgl. 2 variabler h) zu leisten. Im September d. J. wurden in Greifswald 30,4 Schüler pro Klasse [...]
Ich erinnere mich gerne an meine Schulzeit in der DDR. Wir waren 26 Schüler in der Klasse. Die Lehrer hatten 22 Stunden wöchentlich (zzgl. 2 variabler h) zu leisten. Im September d. J. wurden in Greifswald 30,4 Schüler pro Klasse eingeschult. Die Lehrer müssen 27 h/Woche rackern. Es naht aber Hoffnung: Der Minister hat reformiert. So gründlich, daß die Lehrer bald weniger arbeiten müssen. Die Linke hat`s ausgerechnet: Im Durchschnitt 9 Minuten/Woche.
4. optional
Herrvonundzu 11.12.2012
---Zitat--- weil hier Kinder aus Arbeiter- und Akademikerfamilien oft noch gemeinsam lernen. ---Zitatende--- Dieser Faktor gehört sicherlich genannt. Und zwar weil er viel zu selten genannt wird. Solange [...]
---Zitat--- weil hier Kinder aus Arbeiter- und Akademikerfamilien oft noch gemeinsam lernen. ---Zitatende--- Dieser Faktor gehört sicherlich genannt. Und zwar weil er viel zu selten genannt wird. Solange "Arbeiterfamilienkinder" ihr soziales aber auch ihr Lernverhalten von - im Schnitt schlechteren - "Arbeiterfamilienkindern" abschauen, wird es schwierig diese Diskrepanz zu lösen. Allerdings würde ich mein Kind wohl auch lieber auf die bezahlte Privatschule schicken, in der Hoffnung dass es dort eine bessere Bildung erfährt. Und damit bin ich einer von denen der eine Zweiklassengesellschaft in puncto Lernverhalten noch befeuert. Was also tun? Was muss ich tun um mich davon zu überzeugen, dass alle Kinder die gleichen Chancen benötigen, was logisch auch zu gleicher Schulbildung führt? Oder sollte ich es eher so sehen, Arbeiterfamilienkind hat eh schon verschi**en, weil es nie die Möglichkeiten eines Mittelstandkindes erfahren wird? (Gemäß dem Motto: da der Pöbel im Schnitt Pöbel bleibt, brauch ich ihm nicht im gleichen Maße zum Akademiker verhelfen, wie Kindern einer höheren sozialen Stufe?) Aber da der Mittelstand schwindet und die Einkommensschere immer größer wird, fallen die Top 100 sowieso früher oder später eh aus solchen Test (Dank privatem Unterricht, Auslandsinternat, etc.) und man hat nur noch eine Grundmasse. Hurra, hat die Zeit wieder meine Probleme gelöst.
5. Sozialpolitik auf dem Rücken der Kinder
Christian Wernecke 11.12.2012
Ich stelle mir vor, dass mein Kind, welches vielleicht einfach nur in der Schule gut ist, irgendwelche schlecht erzogenen Rotzlöffel mit nach oben ziehen soll, weil deren Eltern auf ganzer Linie versagen oder das Geld für [...]
Zitat von sysop[...] Durch längeres gemeinsames Lernen sollten die besseren Grundschüler die schwächeren mitziehen - als eine Art unbezahlter Sozialarbeiter. [...] Iglu und Timss: Kommentar zum Grundschulvergleich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/iglu-und-timss-kommentar-zum-grundschulvergleich-a-872240.html)
Ich stelle mir vor, dass mein Kind, welches vielleicht einfach nur in der Schule gut ist, irgendwelche schlecht erzogenen Rotzlöffel mit nach oben ziehen soll, weil deren Eltern auf ganzer Linie versagen oder das Geld für wichtigere Dinge ausgeben, z.B. für Zigaretten oder den nächsten iPad. *Das ist Sozialpolitik auf dem Rücken der Kinder, weil die Erwachsenen einfach zu feige sind, ihre Aufgabe als Erzieher zu Hause und in der Schule nachzukommen.* Wenn ich sehe, was auf unseren Schulen los ist, kommt mir das Grauen. Die Gleichmacher an allen Fronten sorgen für gleichen Niveau, wenn auch ganz unten. Bei uns wurde das Problem Hauptschule gelöst, indem sie einfach abgeschafft wurde, als wären die Arbeitgeber blöd und könnten ein schlechtes Zeugnis von der Sekundarschule von einem schlechten Zeugnis von der Hauptschule nicht unterscheiden, als würden lernresistente junge Leute bei einem Einstellungstest nicht genauso versagen, wie vorher auch. Bei dem Thema wird mir schlecht.

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Was sind Timss und Iglu?

  • dapd
    Bei der Timss-Untersuchung geht es um Mathematik und Naturwissenschaften, bei der Iglu-Studie um die Lesekompetenzen von Viertklässlern. Die Tests für beide Untersuchungen fanden im Frühsommer 2011 in allen 16 Bundesländern statt. Rund 4.600 Schüler an 200 zufällig ausgewählten Grund- und Förderschulen haben mitgemacht. Die Abkürzungen stehen für Trends in International Mathematics and Science Study und Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung. Außerhalb Deutschlands heißt die Studie PIRLS, Progress in International Reading Literacy Study.

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