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04.01.2013
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Streit ums Turbo-Abitur

Alles auf Anfang

DPA

G8-Abiturienten in Bayern: Ungeliebte Reifeprüfung

Viele Eltern, Schüler und Lehrer sind genervt vom Turbo-Abitur, deswegen bietet ein Bundesland nach dem anderen wieder das alte G9-Modell an. Der Andrang ist groß: Die Gymnasiasten scheinen sich danach zu sehnen, ein Jahr mehr Zeit zu haben - nicht nur im Westen.

Es sind nicht nur die vielen Meinungsumfragen, in denen Eltern dem ungeliebten Turbo-Abitur oder dem gymnasialen G8-Modell schlechte Noten ausstellen. Es ist bereits eine Abstimmung mit den Füßen - zumindest in den West-Bundesländern, in denen Eltern für ihre Kinder mittlerweile wieder zwischen dem Abitur nach zwölf oder 13 Schuljahren wählen können. Der Trend im Westen, so sagen Schulforscher übereinstimmend, geht wieder zurück in Richtung klassisches Abitur nach längerer Schulzeit.

In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen laufen die an einigen Gymnasien zunächst testweise wieder eingeführten G9-Modellzüge über. Auf Anhieb hätte man gleich die doppelte Zahl genehmigen können. Noch vor Weihnachten beschloss der Landtag in Wiesbaden für Hessen Wahlfreiheit für Schulen und Eltern ab dem nächsten Schuljahr.

In Schleswig-Holstein ist das Abitur an einzelnen Gymnasien schon längst wieder auch nach 13 Jahren möglich. Bayern plant ein "Flexibilisierungsjahr" - um angesichts der Elternrufe nach Rückkehr zur alten Schulzeit "ein wenig Dampf aus dem Kessel zu nehmen". Aufgeschreckt hatte das Ministerium in München Meldungen über zunehmenden Abi-Stress und hohen Durchfallquoten. Und an den Berliner Gymnasien mit Turbo-Abi gab es im vergangenem Jahr erstmals mehr freie Plätze als an den integrierten Schulformen - wo die Reifeprüfung unverändert erst nach 13 Schuljahren abgelegt wird.

Ende 2001 hatte die erste Pisa-Studie die Öffentlichkeit mit der Botschaft alarmiert, dass 15-Jährige in Deutschland mit ihren Schulleistungen im weltweiten Vergleich allenfalls Mittelmaß sind. Der Schock war noch nicht verhallt, da verabredeten die Ministerpräsidenten in abendlicher Runde, die Schulzeit bis zum Abitur bundesweit auf 12 Jahre zu verkürzen - wie es in der DDR vor der deutschen Einheit auch schon üblich war.

Weil die Leistungen nicht stimmten, verkürzten Politiker die Schulzeit

Die überraschten West-Kultusminister mussten sich eilig daran setzen, die Weisung ihrer Regierungschefs umzusetzen. "Welch ein absurder Beschluss, auf festgestellte Leistungsschwächen in der Mittelstufe mit einer Schulzeitverkürzung bis zum Abitur zu reagieren", kritisierte damals der Bildungsforscher Klaus Klemm.

Doch statt die Unterrichtsinhalte zu überprüfen und das Volumen zu reduzieren, wurde vielerorts die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Pflichtzahl von 265 Lehrplanstunden bis zum Abitur einfach von neun auf acht Jahre übertragen. Besonders in der kritischen Mittelstufe, wenn Jugendliche sich durch die Pubertät kämpfen, müssen sie sich nun durch mehr Stoff quälen, müssen zum Nachmittagsunterricht und haben Sieben- bis Acht-Stunden-Tage.

Die Folgen: Stress und Unmut bei den Eltern, zusätzliche Kosten für Nachhilfe. Außerschulische Aktivitäten bleiben auf der Strecke. Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum klagen, dass ihre Kinder kaum noch Zeit für Tennis, Musikunterricht, Theaterspiel oder Sport haben. Der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann sagt: "Wir wissen aus unserer jüngsten Emnid-Umfrage, dass knapp 80 Prozent der Eltern im Westen und rund 50 Prozent im Osten eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren wünschen."

Die Schulzeitverkürzung führt dazu, dass heute bisweilen gerade erst 17-jährige Abiturienten an die Uni-Türen klopfen. Zur Einschreibung brauchen sie noch die Unterschrift der Eltern, wie auch für den Mietvertrag im Studentenwohnheim. In Baden-Württemberg und auch anderswo bieten einzelne Unis für die jungen Studienanfänger zusätzliche Kurse, Vorsemester oder einjährige Propädeutika an, um das fehlende Schuljahr wieder zu kompensieren.

Die Rufe der Wirtschaft nach immer jüngeren Abiturienten und Schulabgängern verfangen bei den meisten Eltern nicht. In Bayern zum Beispiel lassen Familien nach Beobachtungen der Bildungsgewerkschaft GEW ihre Kinder bereits bei der Grundschuleinschulung mit Hilfe ärztlicher Atteste noch ein Jahr zurückstellen, "um ihnen noch ein wenig Schonraum zu bieten". In Nordrhein-Westfalen wie in Bayern mussten laut dem jüngsten Bund-Länder-Bildungsbericht vorbereitete Erlasse für eine noch frühere Einschulung wieder zurückgezogen werden. Befürchtet wurde noch mehr Widerstand der Eltern.

Bayerns Ex-Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) war nie ein Freund des Turbo-Abiturs. Spricht man ihn auf die Entwicklung heute an, dann lacht er. "Reife", so urteilt er, "hat nicht nur beim Wein auch etwas mit dem Alter zu tun."

Von Karl-Heinz Reith/dpa/otr

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insgesamt 101 Beiträge
1.
Sleeper_in_Metropolis 04.01.2013
Na endlich mal eine positive Entwicklung im Schulbetrieb.
Na endlich mal eine positive Entwicklung im Schulbetrieb.
2. Weicheier
agebel 04.01.2013
Also ich hab damals, 1997, auch das "Turbo-Abitur" nach 12 Schuljahren gemacht. Das hieß damals allerdings noch nicht "Turbo", sondern war das ganz normale Abi. Zumindest ich hab mich keineswegs vom [...]
Zitat von sysopDPAViele Eltern, Schüler und Lehrer sind genervt vom Turbo-Abitur, deswegen bietet ein Bundesland nach dem anderen wieder das alte G9-Modell an. Der Andrang ist groß: Die Gymnasiasten scheinen sich danach zu sehnen, ein Jahr mehr Zeit zu haben - nicht nur im Westen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/streit-ums-turbo-abitur-laender-kehren-teilweise-zu-g9-zurueck-a-875612.html
Also ich hab damals, 1997, auch das "Turbo-Abitur" nach 12 Schuljahren gemacht. Das hieß damals allerdings noch nicht "Turbo", sondern war das ganz normale Abi. Zumindest ich hab mich keineswegs vom "Schulstress" überfordert gefühlt und hatte damals auch noch massig Zeit für außerschulische Aktivitäten. Im Hinblick auf die Prüfungsergebnisse ging es den meisten in meiner Jahrgangsstufe ähnlich. Sicher, ein paar waren dabei, die sich gerade so durchgequält haben, aber die hätten, meiner Meinung nach, nicht auf Gymnasium gehört, sondern eher auf die Realschule, mussten sich aber dem Druck der Eltern beugen.
3.
Trouby 04.01.2013
Und dafür mussten sich einige Hunderttausend Schüler ein paar Jahre lang durch ein schlecht geplantes, schlecht durchgeführtes und von Anfang an von allen Seiten kritisiertes System quälen. Ein Armutszeugnis für unsere [...]
Und dafür mussten sich einige Hunderttausend Schüler ein paar Jahre lang durch ein schlecht geplantes, schlecht durchgeführtes und von Anfang an von allen Seiten kritisiertes System quälen. Ein Armutszeugnis für unsere Bildungspolitiker (mal wieder)!
4.
Plasmabruzzler 04.01.2013
---Zitat von Artikel--- Die Folgen: Stress und Unmut bei den Eltern, zusätzliche Kosten für Nachhilfe. ---Zitatende--- Problem dürfte hierbei die Wissensvermittlung sein und nicht die verkürzte Lernzeit. In anderen Ländern [...]
---Zitat von Artikel--- Die Folgen: Stress und Unmut bei den Eltern, zusätzliche Kosten für Nachhilfe. ---Zitatende--- Problem dürfte hierbei die Wissensvermittlung sein und nicht die verkürzte Lernzeit. In anderen Ländern geht es ja auch. Ergo gehört u. a. der Lehrplan aufgeräumt, Unterrichtsausfall minimiert und die Kinder auf eine passende Schule geschickt. ---Zitat von Artikel--- Außerschulische Aktivitäten bleiben auf der Strecke. Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum klagen, dass ihre Kinder kaum noch Zeit für Tennis, Musikunterricht, Theaterspiel oder Sport haben. ---Zitatende--- Das klingt ja eher nach Luxusproblemen und hat mir der Realität wenig zu tun. Wie hoch ist der Prozentsatz von Kindern, die denn Tennis spielen (oder gar Golf?) und Musikunterricht nehmen? Wohl eher ist hier die Zeit für den Bolzplatz gemeint. ---Zitat von Artikel--- Der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann sagt: "Wir wissen aus unserer jüngsten Emnid-Umfrage, dass knapp 80 Prozent der Eltern im Westen und rund 50 Prozent im Osten eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren wünschen." ---Zitatende--- Früher war alles besser - auch die Zukunft. Hätte man rechtzeitig eine umfassende Reform, ggf. auf Bundesebene durchgeführt, dann wäre alles halb so wild. Aber so ist es halt in Deutschland: auch bei der Bachelor/Master-Umstellung der Studiengänge hat man gepennt. Statt den Lehrplan anzupassen, hat man einfach den Stoff aus dem Diplom-Studiengang in einen Bachelor-Studiengang gepresst und ein Semester abgeschnitten. Das freut auch den Staat: ein Jahr weniger BAföG zahlen.
5. Wo ist die Gewerkschaft für Schüler und Kinder?
guteronkel 04.01.2013
Wir müssen langsam feststellen, dass die Regierungen damals dem Druck der Wirtschaft nachgegeben haben und Deutschland seine Schüler auf dem Altar der Bildung geopfert hat. Es gab von Anfang an Kritiker an diesem Turbo-Abitur. [...]
Wir müssen langsam feststellen, dass die Regierungen damals dem Druck der Wirtschaft nachgegeben haben und Deutschland seine Schüler auf dem Altar der Bildung geopfert hat. Es gab von Anfang an Kritiker an diesem Turbo-Abitur. Diese hat man aber nicht hören wollen, man sah nur die Vorteile des schnelleren, billigeren Bildungssystems. Die guten Jahre sind bald vorbei und wir werden auf einem Haufen der Tränen sitzen bleiben, den uns kriminell-dumme Bildungspolitiker (mit unserer betrügerischen Frau SChavan) eingebrockt haben. Auch die Studienkurse Master und Bachelor gehören auf den Prüfstand. Hier wurde wohl der Wirtschaft zu viel angedient und sich zu sehr verneigt. Das ist im Grunde nichts Neues, weiß man doch, dass selbst der vom Kanzler Kohl so gelobte Jungunternehmer inzwischen mehrmals Konkurs angemeldet hat und -das glaube ich gehört zu haben- auch schon im "Hotel Gitter" gewesen ist. Da ist wirklich viel glänzender Lack abgefallen von den Erfolgen der Regierung Kohl, Schröder und Murksel. Wen wundert das?

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