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05.02.2013
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250.000 Jugendliche ignoriert

Regierung trickst bei Lehrstellen-Statistik

Von
dapd

Koch-Azubis: Glücklich ist meist, wer eine Lehrstelle hat

Ist der Ausbildungspakt eine Mogelpackung? Arbeitgeber, Industrielle und Minister ignorieren laut einer DGB-Studie 250.000 Jugendliche. So viele gelten offiziell als versorgt - dabei haben sie gar keine Lehrstelle.

Stefan, 18, ist sichtlich enttäuscht. Der Realschulabsolvent hat keine Lehrstelle gefunden. Jetzt kann er sich in einer mehrmonatigen Bildungsmaßnahme ein bisschen mit Computern befassen, freilich ohne Einkommen. "Eigentlich brauche ich keine Maßnahme, sondern einen richtigen Ausbildungsplatz", sagt er. "Ich will endlich Geld verdienen und meiner Freundin etwas bieten."

Obwohl der Jugendliche in dem Videobeitrag für die Bertelsmann-Stiftung also eine Lehrstelle sucht, wird er nicht unter denen auftauchen, die am Mittwoch als sogenannte unversorgte Jugendliche von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt präsentiert werden.

Dann nämlich gibt der Ausbildungspakt in Berlin die neuesten Zahlen bekannt, und schon bei der letzten Bilanz im November sah sich der Pakt im Plus: 33.000 offene Lehrstellen standen demnach nur noch 15.700 unversorgten Jugendlichen gegenüber.

Eine Formel, die Spielraum lässt

Der Ausbildungspakt heißt offiziell "Nationaler Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland 2010 - 2014". Geschlossen haben ihn die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, drei Bundesministerien, die Agentur für Arbeit und die Kultusminister der Länder. Erklärtes Ziel ist es, allen Jugendlichen Ausbildungsplätze zu bieten. Ganz genau lautet der Satz, "allen ausbildungsreifen und ausbildungswilligen Jugendlichen ein Angebot auf Ausbildung zu unterbreiten". Eine Formel, die Spielraum lässt und wohl nicht zufällig gewählt wurde.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) macht nicht mit beim Ausbildungspakt - denn als er geschmiedet wurde, verlangten die Arbeitnehmervertreter eine garantierte Zahl an Lehrstellen. Die Spitzenverbände der Wirtschaft allerdings verwiesen damals auf gesunkene Bewerberzahlen und erklärten, sie könnten nicht mehr Ausbildungsplätze versprechen als Jugendliche interessiert seien.

DGB: Statistik geschönt, Problem kleingerechnet

Jetzt kritisiert der DGB die Bilanz des Pakts als geschönt. "Klein gerechnet" sei die Zahl der unversorgten Jugendlichen, heißt eine Analyse des Gewerkschaftsbundes, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Sie zeigt: Vor der Ausbildungsbilanz des Pakts werden rund 250.000 Jugendliche quasi versteckt.

167.772 davon waren im sogenannten Übergangssystem: Das ist ein Bündel von Warteschleifen, schulischen Nachqualifizierungen und Weiterbildungen, die fast alle ohne Abschluss bleiben und in denen die Jugendlichen auch nichts verdienen. Fast 90.000 Jugendliche sind einfach aus der Statistik verschwunden - darunter befinden sich viele Zuwandererkinder oder schlicht Jugendliche, die es satt haben im Übergangssystem eine staatliche Ehrenrunde nach der anderen zu drehen.

"Die These des Nationalen Ausbildungspakts, dass es in Deutschland mehr offene Ausbildungsplätze als Bewerber gibt, ist schlicht falsch", sagt Matthias Anbuhl, Abteilungsleiter Bildung aus dem DGB-Hauptvorstand. Anbuhl hat auf Grundlage amtlicher Zahlen die Bilanz des Pakts nachgerechnet und kommt so zu ganz anderen Schlüssen: Die Zahl der Ausbildungsplätze war im vergangenen Jahr mit 551.000 auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren.

Gewerkschafter Anbuhl fordert, es müssten wenigstens jene 60.000 Jugendlichen mit in die Statistik der unversorgten Bewerber aufgenommen werden, die - wie Stefan - ausdrücklich nicht mit einer Warteposition im Übergangssystem zufrieden sind. Für die positive Bilanz aus dem vergangenen November hieße das, dass darin mindestens 40.000 Ausbildungsplätze fehlen, die die deutsche Wirtschaft als Partner im Ausbildungspakt nicht bereitstellt. "Der Nationale Pakt verschleiert bewusst die tatsächliche Lage", sagt Anbuhl. "Wir brauchen endlich eine ehrliche Ausbildungsmarktstatistik, die Jugendlichen und politischen Entscheidungsträgern die tatsächliche Lage aufzeigt."

Der Göttinger Sozialforscher Martin Baethge sagt SPIEGEL ONLINE dazu: "Wir müssen die realistische Nachfrage von Jugendlichen auf dem Ausbildungsmarkt zur Grundlage machen. Dazu gehören hunderttausende junger Menschen, die sich im Übergangssystem befinden", sagte Baethge, der den Nationalen Bildungsbericht 2012 mitverfasst hat.

"Welches Übergangssystem meinen Sie?"

Baethge bemängelt, dass die Wirtschaft in ihren wichtigsten Sektoren immer weniger Lehrstellen anbiete, besonders in der Metall- und Elektroindustrie sowie in kaufmännischen und pflegerischen Berufen. "Die Wirtschaft müsste hier deutlich über den Durst ausbilden, weil sie sonst sehenden Auges in den Fachkräftemangel gerät", sagte Baethge. Doch die Erkenntnis, dass die Zahl der Ausbildungsplätze sinkt, führte bislang bei den Vertretern des Pakts nur zu Achselzucken.

Dabei könnten die drei am Pakt beteiligten Ministerien von Annette Schavan (Bildung, CDU), Ursula von der Leyen (Arbeit, CDU) und Philipp Rösler (Wirtschaft, FDP) eigentlich wissen, was im Übergangssystem schiefläuft. Der Nationale Bildungsbericht hatte das im vergangenen Jahr genauer unter die Lupe genommen und ermittelt, dass nicht nur Jugendliche ohne Schulabschluss in die Warteschleifen geschickt werden.

Die Hälfte der Hauptschüler und ein Fünftel der Realschüler werden inzwischen in Maßnahmen geparkt. Die Folge ist, dass die deutschen Azubis im Schnitt 19,5 Jahre alt sind, wenn sie ihre Lehre beginnen. Hauptschüler sind bei Ausbildungsbeginn 19,2, Realschüler 19 Jahre alt - und das obwohl die Schulzeit für die meisten mit 17 endet. Warum? Weil viele erst ein paar Runden im Übergangssystem drehen, ehe sie einen richtigen Ausbildungsplatz bekommen.

Das Pech von Stefan und den vielen anderen Jugendlichen im Übergangssystem ist, dass man sie übersieht und unterschlägt, absichtlich oder unabsichtlich.

Forum

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insgesamt 203 Beiträge
1. Hat jemand...
derlabbecker 05.02.2013
... was anderes erwartet? Es ist Wahljahr....
Zitat von sysopIst der Ausbildungspakt eine Mogelpackung? Arbeitgeber, Industrielle und Minister ignorieren laut einer DGB-Studie 250.000 Jugendliche. So viele gelten offiziell als versorgt - dabei haben sie gar keine Lehrstelle. Ausbildungspakt: 250.000 Jugendliche kriegen keinen Ausbildungsplatz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/ausbildungspakt-250-000-jugendliche-kriegen-keinen-ausbildungsplatz-a-881445.html)
... was anderes erwartet? Es ist Wahljahr....
2. Ich stamme vermutlich auch einem anderen Jahrhundert
u.loose 05.02.2013
aber nach der Aussage des 18 jährigen Realschülers - die Qualifikation dürfte jedem klar sein - "Ich will endlich Geld verdienen und meiner Freundin etwas bieten." habe ich aufgehört zu lesen... Wo leben wir [...]
aber nach der Aussage des 18 jährigen Realschülers - die Qualifikation dürfte jedem klar sein - "Ich will endlich Geld verdienen und meiner Freundin etwas bieten." habe ich aufgehört zu lesen... Wo leben wir eigentlich? Mir verschlägt es da schlicht die Sprache....
3. Arbeitslose
Peter-Lublewski 05.02.2013
Die Regierung trickst seit Jahrzehnten bei Arbeitslosenstatistiken, warum nicht auch bei Lehrstellen?
Die Regierung trickst seit Jahrzehnten bei Arbeitslosenstatistiken, warum nicht auch bei Lehrstellen?
4. 250.000 ohne Lehrstelle dieses Jahr
mischpot 05.02.2013
dann stimmen die Statistiken der letzten Jahre auch nicht. Keine gute Nachricht.
dann stimmen die Statistiken der letzten Jahre auch nicht. Keine gute Nachricht.
5. ..wo
tennislehrer 05.02.2013
trickst diese Regierung eigentlich nicht?
trickst diese Regierung eigentlich nicht?

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Unbezahlte Überstunden
Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).

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