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Wissenschaft
Ausgabe
2/2018

Mitten in der Großstadt

Nachts, wenn die Leoparden kommen

Im indischen Mumbai leben mehrere Millionen Menschen - und 40 Leoparden, die durch die Stadt streifen und Beute jagen. Warum fordert niemand ihren Abschuss?

Nayan Khanolkar

Leopard in der Siedlung Aarey Milk Colony

Von
Mittwoch, 10.01.2018   12:46 Uhr

Durch eine Stadt mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern schleicht ein Raubtier. Lautlos betritt es die Lobby eines Wohngebäudes, das Opfer hört seinen Angreifer nicht kommen. Ein Schatten, ein Biss, ein Jaulen. Langsam schleift der Leopard seine Beute davon.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Der Hund hatte keine Chance. Eine Videokamera hat die Szene gefilmt. So einmalig die Aufnahme wirkt - sie ist es nicht. Der Leopard ist kein Fremdkörper hier. Die Einfahrten von Luxusapartments, Bürgersteige und auch diese Eingangshalle eines Wohnkomplexes, all das gehört zu seinem Revier.

Die indische Metropole Mumbai ist ein Ort der Extreme: Sie ist Indiens reichste Stadt, und sie beherbergt zugleich einen der größten Slums Asiens. Hier leben Millionen Menschen auf engstem Raum, 28.000 Menschen pro Quadratkilometer - und nirgendwo sonst in der Welt ist die Dichte an Leoparden größer.

In einer Zeit, in der Indien wächst, in der Wälder Städten weichen müssen, ist Mumbai ein guter Ort, um der Frage nachzugehen: Wie können Mensch und Raubtier miteinander auskommen? Und was kann Deutschland daraus lernen, wo mit dem Wolf auch die Wildnis zurückkehrt?

Die Antworten darauf finden sich im Norden der Stadt, in dem an einem sonnigen Morgen Hunderte Menschen im Sanjay-Gandhi-Nationalpark spazieren gehen, einer grünen Insel in der grauen Stadt. An seiner breitesten Stelle dauert es einen Tagesmarsch, den Park zu durchqueren. Es ist eine Wanderung, die in Mumbai beginnt und endet. Sie führt zwischen Bambussen hindurch, an Teakbäumen und an uralten buddhistischen Höhlen vorbei. Rohrkatzen leben hier, Mangusten und der Muntjak, auch bellender Hirsch genannt, weil er so klingt wie ein Hund. Der Nationalpark ist 30-mal so groß wie der New Yorker Central Park und 50-mal so groß wie der Berliner Tiergarten. Dies ist kein Stadtpark, sondern ein Dschungel inmitten einer der größten Städte der Welt.

Von hier stammt ein Foto, das ein kräftiges Leopardenmännchen zeigt, hinter ihm die Lichter der Stadt. Es ist ein seltsamer Anblick, weil auf dem Bild zwei Welten aufeinanderstoßen, die sich scheinbar ausschließen: die Stadt und die Wildnis.

In Wahrheit geht es den Leoparden prächtig in Mumbai. Insgesamt 40 Tiere sind hier heimisch, vor zwei Jahren waren es noch 35. Den Park umgibt eine Mauer, die aber viel zu niedrig ist, um einen Leoparden aufzuhalten. Videos zeigen, wie die Katzen leichtfüßig heraufspringen und dann lautlos in den Gassen der Stadt verschwinden.

Es ist kein Mangel, der die Tiere aus dem Park treibt; der Überfluss an Beute in der Stadt lockt sie an: streunende Hunde, verwilderte Hausschweine und Katzen. Mumbai ist ein Paradies für Leoparden, perfekte Jäger, die sich noch an fast jede Widrigkeit angepasst haben, an die eisige Kälte des Himalaja ebenso wie die Hitze der Savanne. Und die Großkatze hat gelernt, mit dem Menschen zu leben. Aber kann der Mensch das umgekehrt auch?

Nach der Jahrtausendwende griffen Leoparden in Mumbai innerhalb von zwei Jahren 24 Menschen an. Allein im Juni 2004 kam es zu 13 Attacken, 10 Menschen starben. Viele Bewohner forderten damals eine Mauer, die endlich hoch genug sein sollte, um die wilden Tiere fernzuhalten. Die Menschen wollten ins Grüne schauen, aber keinem Leoparden in der Tiefgarage begegnen. Aufgebrachte Bürger griffen Förster an, Politiker versprachen zu handeln. Das ist mehr als zehn Jahre her. Aber der Leopard ist noch immer da.

National Geographic/Getty Images

Leopard am Stadtrand von Mumbai: "Wenn Sie nachts unterwegs sind, machen Sie Lärm!"

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Einwohner von Mumbai heute vollkommen harmonisch mit ihren Leoparden zusammenlebten. Vor wenigen Monaten starb ein Zweijähriger, der Sohn eines Parkmitarbeiters; weitere Menschen wurden verletzt, bis Förster das wild gewordene Tier einfingen. Es gab viele Ängste unter den Bewohnern, aber keine Proteste mehr, niemand forderte den Abschuss der Raubtiere. Mumbai heute ist ein Lehrbeispiel für Naturschutz in Zeiten, in denen die Grenzen zwischen Stadt und Land verschwimmen.

"Nicht der Leopard muss sich ändern, sondern der Mensch", sagt die Biologin Vidya Athreya vom indischen Ableger der Wildlife Conservation Society. Als vor über zehn Jahren so viele Menschen durch Leopardenbisse starben, war sie es, die herausfand, warum - und dafür sorgte, dass es aufhörte.

Normalerweise fürchten die Raubkatzen den Menschen und wagen es nicht, ihn anzugreifen. Es sei denn, Menschen sperren sie in einen Käfig, füttern sie und entlassen sie in eine für sie fremde Umgebung. Genau das war passiert in Maharashtra, einem Bundesstaat etwa der Größe Deutschlands. Wann immer die Wildhüter irgendwo auf einen Leoparden stießen, fingen sie ihn ein und siedelten ihn in den Mumbaier Park um. Auch der Leopard, der den Sohn des Parkmitarbeiters tötete, war ein Tier, das aus Gefangenschaft gekommen war. Eingesperrtsein macht die Tiere aggressiv - und sie verlieren ihre natürliche Scheu vorm Menschen.

Athreya und ein Team engagierter Bürger überzeugten die Ranger, die Tiere in Ruhe zu lassen. Die Naturschützer und das Forstamt richteten eine Hotline ein, luden zu Infoveranstaltungen. Früher, sagt ein Mitarbeiter der Hotline, hätten Anrufer gesagt: "Da ist ein Leopard vor unserem Haus. Der muss verschwinden." Heute fragten sie: "Was soll ich tun?"

"Werfen Sie bloß keinen Müll auf die Straße", raten die Experten dann. "Das lockt die Tiere an." Oder: "Wenn Sie nachts noch draußen unterwegs sind, machen Sie Lärm, damit Sie den Leoparden nicht überraschen. Lassen Sie Kinder in den Abendstunden nicht allein auf die Straße." Wichtig ist auch, dass Frauen im Dunkeln nicht im Freien auf Toilette gehen. Wenn sie sich hinhockten, könnten Leoparden sie mit einem Beutetier verwechseln.

Seit sich die Menschen an solche Empfehlungen halten, sind die Übergriffe drastisch zurückgegangen. Es ist in Indien viel wahrscheinlicher, im Straßenverkehr zu sterben, als durch ein wildes Tier. Und dennoch bleibt ein Risiko: Ja, ein Leopard kann einen Menschen töten.

In Deutschland leben mittlerweile rund 150 erwachsene Wölfe. Manche Menschen fürchten sich davor, dass die Tiere, wenn es zu viele werden, Kinder anfallen könnten; schon heute ärgern sich Schäfer über gerissene Schafe. Politiker fordern, die Jagd auf Wölfe wieder zuzulassen.

National Geographic / Getty Images

Leopard im Sanjay-Gandhi-Nationalpark

Naturschützerin Athreya wundert sich über solche hysterischen Reaktionen. "Wir Inder haben einen Vorteil: Wir haben unsere wilden Tiere nie ausgerottet. Wir müssen nicht erst wieder lernen zu teilen."

Tatsächlich leben in Indien Löwen, Tiger, Wölfe, Nashörner und Hyänen. Es gibt Wälder, wie sie in Deutschland kaum noch existieren: wo der Jäger noch ein Tier ist. Und es gibt eine Religion, den Hinduismus, der den Menschen nicht als die Krönung der Schöpfung ansieht, im Gegenteil: Götter können Tiergestalt annehmen.

Aber Indien wandelt sich, es wird urbaner und moderner. Immer wieder kommt es zu schweren Konflikten zwischen Mensch und Tier. Und auch hier gibt es heute viele Menschen, die finden, dass Wildtiere in einen Park eingesperrt werden sollten. Nur: Wie soll das gehen? Ein Leopard kann täglich bis zu 30 Kilometer zurücklegen, die Grenzen eines Nationalparks halten ihn nicht auf. Ihn umsiedeln? Schafft nur noch mehr Probleme, wie die früheren Attacken in Mumbai gezeigt haben. Koexistenz ist die einzige Alternative.

Athreya zeigt auf eine Karte aus einer Kleinstadt im ländlichen Indien. Jeder Punkt markiert den Aufenthaltsort eines Leoparden, den sie mit Sendern verfolgt hat. Tagsüber schliefen die Tiere in den Zuckerrohrfeldern, manchmal nur wenige Meter von den Bauern entfernt; nur in der Nacht kamen die Tiere hervor, versuchten, in Hühnerställe einzudringen, oder schlichen über die Müllhalden.

Es gibt auf der Karte fast keine Stelle, an der nicht irgendwann einmal ein Leopard vorbeigekommen ist. Fünf Jahre lang hat Athreya elf Tiere verfolgt, nicht in einem Fall gab es Tote. Die Leoparden lebten wie Geister unter den Menschen. Athreya sagt, das war auch für sie selbst, geboren und aufgewachsen in Mumbai, ein Moment der Erleuchtung: "Ich fragte mich: Kann das wirklich sein?"

Athreya und viele ihrer Kollegen glauben heute, dass Mensch und Leopard friedlich miteinander leben können - vorausgesetzt, der Mensch nimmt hin, dass ihm die Stadt nicht allein gehört. Das mag für manche ein radikaler Gedanke sein. Aber es funktioniert - wie das jene Menschen zeigen, die in der Metropole noch so einfach leben wie vor 100 Jahren.

National Geographic / Getty Images

Leoparden in einem Park

Der Weg in die Aarey Milk Colony führt über eine geteerte Straße, dann biegt ein Feldweg ab. Am Ende des Wegs, inmitten eines Waldes, sitzt Sanghita auf ihrer Veranda und schält Samen aus Blütenkelchen. Hinter ihrer Hütte wachsen Papayas, Zitronen und Hirse. Man hört das Rascheln der Blätter. Auf den Balkonen der Hochhäuser in der Ferne trocknet Wäsche, Blumentöpfe sind zu erkennen. Die Stadt ist von hier aus sichtbar, aber nicht zu spüren. Aber in jene Welt voller Verkehr und Einkaufsläden, sagt Sanghita, gehe sie nie - zu laut, zu voll.

Sanghita gehört zum Stamm der Warli, einer indigenen Bevölkerungsgruppe, der es erlaubt ist, im Park zu leben und auch in der Milchkolonie, einem Gebiet mit viel Vieh. Wenn es zu Zwischenfällen kommt, dann meistens hier. Aber niemand käme auf die Idee, die Raubtiere vertreiben oder gar töten zu wollen.

Gestern erst sei etwas Schweres auf ihr Dach geprallt, sagt Sanghita. Sie hörte ihn, und sie roch ihn, wie sie behauptet. Die Hunde hätten gebellt, und auch die Kinder wussten sofort: ein Leopard. Sie klapperten mit Geschirr und den Töpfen, um ihn zu vertreiben.

Einmal schnappe der Leopard sich ein Huhn, ein anderes Mal einen Hund. Ob es ihr lieber wäre, wenn der Leopard verschwände?

Sanghita findet die Frage seltsam. Der Leopard sei hier zu Hause, so wie sie auch. Die Warli verehren Leoparden als Gottheiten und Beschützer.

Das bedeutet nicht, dass Sanghita den Leoparden nicht fürchtete. Als sie einen das erste Mal sah, rannte sie davon. Zur Abschreckung hat sie Blinklichter aufgestellt, die ihr das Forstamt gegeben hat. Sie hat das Gras um ihre Hütte geschnitten, damit der Leopard sich nicht unbemerkt anschleichen kann. Abends nimmt sie ihre Hühner und Hunde zu sich in die Hütte. Und wenn sie den Warnschrei der Affen hört, dann ruft sie ihre Kinder zu sich.

Tiere, findet Sanghita, können gefährlich sein. Aber niemals böse.


Im Video: Leopard im Klassenzimmer

Foto: REUTERS

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