09.08.2010
Tourismus
Insel ohne Insulaner
Von Jürgen DahlkampNur für den Fall, dass man Robinson Crusoe heißt, gerade angeschwemmt wurde und keine Ahnung hat, auf welche Insel. Hier drei Gründe, warum es Sylt sein könnte. Erstens: Sie kommen an einem Maklerbüro vorbei, im Schaufenster wird das angeboten, was Makler gern eine "charmante Haushälfte" nennen, also teilrenoviert, 80 Quadratmeter, am Ende der Insel. Und der Preis beträgt 1,05 Millionen Euro.
Zweitens: Auf den Straßen staut sich ungefähr eine Jahresproduktion des Porsche Cayenne, hochglanzgeleckt und selbstverständlich alle in Schwarz. Warum selbstverständlich? Weil Silber seit drei Jahren aus der Mode ist.
Und drittens: Greta Arjes. Die Greta. Sie sitzt mittags in einem Dorfgasthof namens Gretas Rauchfang, beugt sich schlecht gelaunt über einen Stoß Zettel mit Namen und knurrt in sich hinein: "Keiner sagt ab, und alle wollen draußen sitzen." Wenn man fragt, ob sie eine Minute Zeit hat, sagt die Greta von dem Rauchfang, das geht jetzt gerade überhaupt nicht. Und wann dann? In zwei Wochen.
Wenn Ihnen all das binnen zehn Minuten widerfährt, befinden Sie sich tatsächlich auf Sylt, Höhe Kampen, Straße Strönwai, und noch ein Tipp: Wenn Sie das alles nicht verstehen, wollten Sie in Wahrheit woanders angeschwemmt werden. Auf Amrum.
Es ist also mal wieder Sommer auf Sylt. Auf der Sehnsuchtsinsel der Deutschen läuft die Hochsaison, und wie jedes Jahr wird die wunderbar wogende Dünenlandschaft für Hunderttausende zur zweiten Heimat. Für die Prominenten, den Jogi Löw und den Otto Rehagel. Für die Geldadligen wie Friede Springer und die echt Adligen wie Elizabeth Herzogin in Bayern. Für die vielen Gut-genug-Verdiener, jene obere Mittelschicht aus Firmeninhabern und Geschäftsführern, Unternehmensberatern und Anwälten, die sich mit ihrem Auto mal wieder am Strönwai zeigen wollen oder vielleicht auch ihrem Auto nur mal den Strönwai. Und für die anderen, die vielen tausend, die zwar nicht an Kampen denken können, weil das Geld eher für Westerland oder Wenningstedt reicht, aber: Manchmal muss es eben Sylt sein.
"Wir bluten aus"
Nur eine Sorte Mensch, die hat hier immer seltener Platz und eine Heimat: der gebürtige Sylter. Denn immer weniger wollen, immer weniger können sich ihre eigene Insel leisten - die Einheimischen, sie sind fast zu Exoten geworden.
"Wir bluten aus" sagt Dirk Ipsen, der Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt, er klingt wie der Führer einer Gefechtskompanie, der seine Stellung gegen eine anrennende Übermacht halten soll, aber immerhin: Nach Jahrzehnten, in denen Sylts Lokalpolitiker das große Geld vom Festland wie selbstverständlich mitgenommen, die Macht des großen Geldes hingenommen haben, befällt sie jetzt zumindest das Erschrecken. Dass sie, so wie es aussieht, bald Bürgervertreter ohne Bürger sein werden. Eine Insel ohne Insulaner. Ein Robinson-Club für die angeschwemmten Fremden.
Der Schrecken hat einen Namen, fünf Buchstaben: "Grips." Steht für "Geografisches Informations- und Planungssystem Sylt". Grips soll Zahlen liefern, echte Zahlen, nicht die üblichen geschätzten, von denen hier auf Sylt jeder seine eigenen hat. Zahlen zu Touristen, zu Einheimischen. Und mit den Zahlen auch Antworten. Wo steht Sylt? Wo will es hin? Im Tourismus, als Wohnort. Alle Gemeinden haben sich als Auftraggeber für Grips zusammengetan; auf einer Insel, auf der sie sonst oft lieber gegen- als miteinander arbeiten, muss die Lage wohl ernst sein.
Wie ernst, das steht nun in einer internen Grips-Prognose, die das Bauamt der Gemeinde Sylt, zu der sieben von elf Orten gehören, für die Lage in 20 bis 30 Jahren aufgestellt hat. "Die Gesamteinwohnerschaft der Insel ist von 20.000 bis 25.000 'melderechtlichen Einwohnern' auf maximal 10.000 bis 12.000 'echte Einwohner' gesunken", prophezeien die Beamten. Und: "In keinem der elf Inselorte gibt es noch so etwas wie ein florierendes Gemeinschaftsleben." Keine "gelebte Nachbarschaft", kein "intaktes Vereinsleben". Gut möglich, dass man nicht mal mehr genug Sylter finden wird, um die Gemeinderäte zu besetzen.
Nur eine Prognose? Für viele schon längst die gefühlte Wirklichkeit. Glaubt man der amtlichen Meldestatistik, gibt es zwar noch 21.500 Sylter. Aber in Wahrheit? Richtige Sylter, die hier das ganze Jahr leben, nicht nur im Sommer und über Silvester, wenn sie ihre Zweitvilla oder Zwanzigstvilla besuchen?
Nur noch 12.000 bis 14.000 schätzt Ipsen, der Bürgervorsteher, sicher weit weniger als 21.000, glaubt auch der Marketingchef der Insel, Moritz Luft; genauere Hinweise wird Grips im kommenden Jahr liefern. Und Sven-Okke Drath, der Ortsbeiratsvorsitzende von Rantum, kann zwar keine Zahl nennen, dafür aber erzählen: wie er im Winter durch seinen Ort spaziert, wie er durch manche Straßen lange gehen muss, bis er in einem Haus endlich mal ein Licht sieht. Und dann war es doch nur der Bewegungsmelder, den er selbst ausgelöst hatte.

