12.09.2011
Fukushima
Das Dorf der Strahlenarbeiter
Aus Fukushima berichtet Cordula MeyerDen meisten geht es nicht darum, Japan zu retten, sondern darum, ihre Familie zu ernähren. Auch der Bauarbeiter Sasaki ist wegen des Geldes gekommen. Eine Fir-ma aus Hokkaido im Norden Japans, dort wohnt er, sprach ihn an. Als junger Mann hatte er in anderen Kraftwerken bei der Generalüberholung geholfen.
Jeden Morgen, sagt Sasaki, ziehe er im J-Village Anzug und Maske an, hinter dem Werkstor gibt es dann einen zweiten Stopp. Hier muss er eine Bleiweste anlegen, darüber einen weiteren Schutzanzug aus besonders dichtem Material, eine Schutzbrille, eine Maske, die das ganze Gesicht bedeckt, sowie drei verschiedene Paar Handschuhe übereinander. "Es ist so unerträglich heiß", sagt Sasaki. "Ich möchte die Maske am liebsten sofort herunterreißen, aber das ist nirgendwo erlaubt." Trotzdem gibt es immer wieder Berichte von Arbeitern, die die Maske abnehmen, etwa um zu rauchen.
Zuerst gibt es Besprechungen, bei denen jeder Arbeiter seine Aufgabe für den Tag erfährt. Danach fahren die Busse zum Reaktor ab. Hitoshi Sasaki darf nur eine Stunde pro Tag arbeiten, maximal 90 Minuten. Sonst bekommt er zu viel Strahlung ab. Danach geht es zurück ins J-Village und dann in seine Pension in Iwaki-Yumoto, wo er sich das Zimmer mit drei Männern teilt - insgesamt sechs Stunden ist er an einem solchen Tag unterwegs.
Sasaki ist klein, aber kräftig. Die Arme unter seinem schwarzen T-Shirt sind muskelbepackt. Sasaki erinnert sich genau, wie er Mitte August die verwüsteten Reaktorgebäude zum ersten Mal sah. "Es sieht dort viel schlimmer aus als im Fernsehen", sagt er. "Wie New York nach dem 11. September. Zerstörung überall."
Seiner Familie hat er nicht erzählt, dass er im Kraftwerk arbeitet. Er will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Er selbst sorgt sich um etwas anderes: Er braucht das Geld, knapp 100 Euro am Tag. Doch wenn es so weitergehe, könne er diesen Job nur noch ein paar Wochen machen, dann wird er das Strahlenlimit seiner Firma erreicht haben.
Tepco richtet sich im J-Village für Jahrzehnte ein. Das große Fußballstadion und einige abseits gelegene Plätze haben Arbeiter mit Kies überschüttet. Darauf stehen nun Reihe an Reihe graue Wohncontainer, immer zwei übereinander in zwei Blöcken, 40 Container pro Reihe, bis direkt an die blauen Plastiksitze auf der Tribüne.
Schutt in großen Plastiksäcken
Dahinter prangt noch die große Anzeigetafel des Stadions. Die Stadionuhr ist um 14.46 Uhr stehengeblieben. In dem Moment riss das Erdbeben die Stromversorgung weg, auch im Kraftwerk 20 Kilometer weiter. Jetzt fließt der Strom wieder, weiße Neonröhren beleuchten die Containerreihen.
In einem Raum können sich die Arbeiter Bento-Boxen holen, daneben hat Tepco einen Waschsalon mit mehr als hundert Maschinen gebaut. Direkt hinter dem Hauptgebäude des J-Village parken die Busse auf ehemaligen Fußballplätzen, auf der Tartanbahn lagert Schutt in großen Plastiksäcken.
In den Innenhof des Hauptgebäudes hat Tepco einen kleinen Laden bauen lassen, dort können die Arbeiter Zigaretten und Tee bekommen. Einige haben sich, noch in ihren Arbeitsoveralls, um die Aschenbecher versammelt und rauchen schweigend. An einer der Türen kleben Adidas-Werbung und ein Warnschild aus einer anderen Zeit: "Keine Stollenschuhe!" Ein übermüdeter Arbeiter hat sich zum Schlafen in den Flur auf den Fußboden gelegt.
Im Fenster des Atriums hängen riesige Banner von Tepco Mareeze, dem Fußballclub, der Tepco gehört. Im Zentrum des Gebäudes steht ein großer weiß-grüner Plan des J-Village. Der sollte einmal Sportlern helfen, sich zurechtzufinden. Jetzt trägt hier ein Mann in Tepco-Uniform mit rotem Filzstift die aktuellen Strahlenwerte für ein gutes Dutzend Punkte auf dem Gelände ein. Gegenüber sitzen drei Tepco-Leute vor ihrem Laptop. Bei ihnen geben die Arbeiter ihre Tagesdosimeter ab. Sie bekommen dann auf einer Art Kassenbon die Quittung über die Strahlendosis des Tages.
"Vorsicht! Kontaminiertes Material"
In den Gängen hängen große gerahmte Fotografien berühmter Momente der Fußballgeschichte. Auf einer ist der deutsche Torwart Manuel Neuer zu sehen, beim WM-Achtelfinalspiel der deutschen Mannschaft gegen England 2010.
Draußen auf einem überdachten Fußballfeld sind acht Tore einfach ineinandergestellt. An einer Latte hängt Arbeiterunterwäsche zum Trocknen. An den rohen Beton am Eingang hat jemand mit rosa Klebeband ein Schild geklebt: "Vorsicht! Kontaminiertes Material". Vier, fünf Meter hoch türmen sich da gebrauchte Schutzanzüge und Masken.
Ein gebeugter Mann in weiß-blauer Uniform führt in die hintere Ecke: Dort liegt strahlender Dreck in einer Art Gummibecken. Der Mann sagt, der Schmutz sei von Autos abgespült worden, die nahe am Reaktor gewesen seien. Jemand hat mit Klebeband Markierungen auf den Kunstrasen geklebt, wie sie sonst Sportler benutzen, um ihren Anlauf festzulegen. Nur dass Arbeiter Strahlenwerte aufs Klebeband geschrieben haben. Mit je-dem Meter, den man sich dem Becken nähert, steigen die Werte: 4,5 Mikrosievert, 7,0 und dann schließlich, einen Meter entfernt: 20 Mikrosievert.