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09.01.2012
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Unternehmer

Ackern bis zum Horizont

Von Steffen Winter

250 Jahre nach Katharina der Großen sind deutsche Bauern in der russischen Landwirtschaft wieder willkommen. Riesige Brachflächen locken neue Pioniere. Stefan Dürr aus dem Odenwald bewirtschaftet inzwischen 170.000 Hektar.

Wenn nur diese Straßen nicht wären. Dunkler Asphalt, vom harten Frost malträtiert, übersät mit Flicken. Der schwarze Toyota Camry schaukelt sich bedenklich auf. Alexander, der Fahrer, blickt prüfend in den Rückspiegel und gibt Vollgas. Vorbei an Lastwagen, denen man gern einen längeren Werkstattbesuch gönnen würde.

Im Fond taumelt Stefan Dürr von rechts nach links und wieder zurück. Er schaut aus dem Seitenfenster. Bäume fliegen vorbei, flache Sträucher. Dahinter schimmert weites russisches Land, die Oblast Woronesch. Dunkle Felder, kilometerlang Schwarzerde. Der Deutsche deutet auf die Schilder am Straßenrand: "EkoNiva Agro" steht da schwarz auf weiß. "Gehört alles uns", sagt er fröhlich.

Stefan Dürr, 47, der ehemalige Aktivist der bayerischen Jungbauernschaft, der in Bayreuth Landwirtschaft studierte und sich auf eine gemütliche Zukunft auf dem großväterlichen Hof im Odenwald einrichtete, ist nun Herr über 170.000 Hektar bestes russisches Agrarland.

In seinem blauen Wollpullover und den grauen Jeans sieht der Lockenkopf zwar aus wie der diensthabende Traktorist, doch seine Bilanz als Unternehmer ist atemberaubend. Der Deutsche, der die Landessprache inzwischen fast akzentfrei spricht, bestellt Felder in den Gebieten Kursk, Woronesch, Orenburg, Nowosibirsk und Kaluga. Über seine Holding Ekosem-Agrar beschäftigt er 2800 Mitarbeiter in der Landwirtschaft, hält 28.000 Rinder und erwirtschaftete zuletzt 80 Millionen Euro. In guten Jahren setzte er allein mit dem inzwischen ausgegliederten Landmaschinenhandel 200 Millionen Euro um. Die Holdingtochter EkoNiva zählt er zu den Top 30 der landwirtschaftlichen Betriebe Russlands.

Als Wessi im tiefen Osten Europas

Dürrs Erfolgsgeschichte, seine Pionierleistung als Wessi im tiefen Osten Europas, dient der russischen Regierung als Vorbild. Fast 250 Jahre nachdem Kaiserin Katharina die Große Zehntausende deutsche Siedler in ihr Reich lockte, umwirbt Russland wieder westliche Kolonisten. Sie sollen die in Teilen marode Landwirtschaft auf die Beine bringen.

Und tatsächlich hat Dürr Nachahmer angezogen. Gerade hat der westfälische Fleischbaron Clemens Tönnies ein Millioneninvestment in Dürrs Nachbarschaft angekündigt. Mit einem russischen Partner will der Deutsche zehn neue Schweinefleischbetriebe bauen, die pro Jahr 62.500 Tonnen Fleisch ausstoßen sollen. Es ist eines der größten je in Russland geplanten Projekte. Mehr als hundert Millionen Euro sollen dabei im Gebiet Woronesch investiert werden.

Der ehemalige WestLB-Banker Eckart Hohmann ist schon da. Er bestellt 400 Kilometer südlich von Moskau mit einem mecklenburgischen Partner 29 000 Hektar. Seine "Rheinland-Farm" produziert Braugerste, Saatgetreide und Weizen. "Die Russen haben uns das Land förmlich aufgedrängt", sagt Hohmann, das Geschäft sei längst profitabel. Nicht weit entfernt von der Farm bewirtschaften drei Bauern aus dem Raum Ingolstadt insgesamt 4000 Hektar. Und sie wollen expandieren.

23 Millionen Hektar fruchtbare Ackerflächen liegen ungenutzt brach

23 Millionen Hektar fruchtbare Ackerflächen liegen im Medwedew-Reich ungenutzt brach. Viele davon in der begehrten Schwarzerde-Region. Anfang der neunziger Jahre, nach dem Ende der Sowjetunion, gerieten allerorts Kolchosen in die Pleite, das Land war zu Getreideimporten gezwungen. Inzwischen hat der Kreml die Landwirtschaft zur Chefsache erklärt - und wirbt offen um westliches Know-how.

Durchaus mit Erfolg. So kehrte der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner mit glänzenden Augen von einer Besichtigungstour durch Dürrs Latifundien zurück und forderte die Bayern quasi zur Landflucht auf: "Die Russen haben gebeten, es mögen mehr bayerische Bauern kommen."

Bei Landtreff.de, einem Internetforum für Landleute, überschlugen sich unter dem Motto "Let's go East" daraufhin die Kommentare: "Auf gehts Buam", jubelte ein Bauer spontan, "hinterm Ural warten die auftauenden Permafrostböden. Macht nüber, ackern bis zum Horizont!!"

Dürrs Liaison mit dem Osten begann in einer Zeit weit vor der Netzkommunikation. Ein Maifest im bayerischen Weidenberg machte ihn zum Pionier. Beim Bier sprach ihn 1989 ein Funktionär des Deutschen Bauernverbands an. Michail Gorbatschow und Helmut Kohl hatten gerade einen Studentenaustausch vereinbart, in Bonn suchte man nun verzweifelt Freiwillige. Dürr, damals 25, sah sich vor der Wahl zwischen dem Acker seines Großvaters im Odenwald und einem Abenteuer-Trip in die Sowjetunion.

Wenig später stand er in einer Kolchose bei Moskau, zwischen 110.000 Schweinen und Ackerflächen, deren Anfang man erahnen, deren Ende man aber nicht sehen konnte; ein Praktikant aus dem Westen, der mitten in die Perestroika geschlittert war. Dem Chef des maroden Betriebs empfahl er, Raps anzubauen statt immer nur Weizen. "Choroscho", sagte der Boss, "aber erst mal nur auf 50 Hektar."

"Deutsch-Russischer agrarpolitischer Dialog"

Stefan Dürr reißt noch heute ungläubig die Augen auf, wenn er die Geschichte erzählt: "50 Hektar!" Er kannte die 14 Hektar des Familienbetriebs, die Kolchose war hingegen 5000 Hektar groß.

Der Deutsche genoss die Studentenfeten im morbid-mondänen Moskau, und nach drei Monaten fing er an, Russisch zu sprechen. Noch heute schwärmt er vom Aufbruch dieser "Wahnsinnszeit". Der Russland-Virus hatte ihn infiziert.

Dürr blieb sechs Monate lang. Zum Schluss erklärte er der russischen Agrarverwaltung, wie ostdeutsche LPG privatisiert werden. Er schleppte Russen im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums nach Brandenburg und Thüringen, kippte mit ihnen Wodka und lernte die besten Trinksprüche. Seine Rundreisen wurden zum "Deutsch-Russischen agrarpolitischen Dialog" erhoben, das Gehalt kam vom Ministerium.

Als eine Art staatlicher Konsulent breitete Dürr seine Erkenntnisse bald der Arbeitsgruppe Bodenreform des russischen Parlaments aus, der Duma. Sie unterschieden sich erheblich von denen der Marktradikalen: Ungeordnete Privatisierungen kamen für ihn nicht in Frage, Dürr fürchtete Bodenspekulanten und sorgte sich, dass auch noch die Landwirtschaft in die Hände von Oligarchen falle.

Stefan Dürr, der deutsche Schutzschild gegen das russische Oligarchentum, sitzt in der Dorfkneipe von Schutschje, 600 Kilometer südlich von Moskau. Schon 1994 hat er eine Russin geheiratet, drei seiner Kinder sind in Russland geboren. Die Straße heißt noch immer Sowjetskaja, doch das Lokal, in das er eingekehrt ist, gehört jetzt ihm. Er bewirtschaftet die 63.000 Hektar Land vor der Tür, hat 13.500 Rinder auf den Weiden und sponsert den örtlichen Kindergarten.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
1. Schön
Fritz Motzki 11.01.2012
Nützliche Völkerverständigung die auch zu Völkerbeköstigung führt.
Zitat von sysop250 Jahre nach Katharina der Großen sind deutsche Bauern in der russischen Landwirtschaft wieder willkommen. Riesige Brachflächen locken neue Pioniere. Stefan Dürr aus dem Odenwald bewirtschaftet inzwischen 170.000 Hektar. http://www.spiegel.de/0,1518,807985,00.html
Nützliche Völkerverständigung die auch zu Völkerbeköstigung führt.
2. Mein lieber Mann !
marypastor 11.01.2012
Da faellt einem nichts mehr ein. Meinen Glueckwunsch an H. Duerr.
Zitat von sysop250 Jahre nach Katharina der Großen sind deutsche Bauern in der russischen Landwirtschaft wieder willkommen. Riesige Brachflächen locken neue Pioniere. Stefan Dürr aus dem Odenwald bewirtschaftet inzwischen 170.000 Hektar. http://www.spiegel.de/0,1518,807985,00.html
Da faellt einem nichts mehr ein. Meinen Glueckwunsch an H. Duerr.
3. kein Titel
almeo 11.01.2012
Nicht schlecht, nicht schlecht! Nun habe ich beruflich absolut nichts mit der Agrarwirtschaft zu tun, aber wenn, dann scheint man ja im Osten sein Glück finden zu können. Klingt irgendwie nach einer weit sicheren [...]
Nicht schlecht, nicht schlecht! Nun habe ich beruflich absolut nichts mit der Agrarwirtschaft zu tun, aber wenn, dann scheint man ja im Osten sein Glück finden zu können. Klingt irgendwie nach einer weit sicheren Investionsmöglichkeit als die "klassischen" Werte. Naja, wobei genau genommen ja "Grund und Boden" eine klassische Wertanlage ist. Auch wenn ich über das russische Verständnis von Recht und Gesetz ja immer wieder schmunzeln muss ("über Nacht zum Bauland erklärt" Herrlich!), scheint es in diesem Riesenreich ja doch genug Platz zu geben, damit man sich wirklich etwas aufbauen kann...
4. ein Unternehmer - kein Beamtenseele
Eutighofer 11.01.2012
Alle Achtung - der Mann hätte sicher auch in Deutschland einiges bewegen können. Solche Unternehmer sind rar und sie braucht jedes Land - die Beamten kommen von allein.
Alle Achtung - der Mann hätte sicher auch in Deutschland einiges bewegen können. Solche Unternehmer sind rar und sie braucht jedes Land - die Beamten kommen von allein.
5. Frage
L_P 11.01.2012
Was tut Deutschland , um qualifizierte und motivierte Deutsche im Land zu halten? Oder qualifizierte und motivierte Deutsche aus dem Ausland zurück zu holen? Schließlich haben wir doch Fachkräftemangel. Oder?
Was tut Deutschland , um qualifizierte und motivierte Deutsche im Land zu halten? Oder qualifizierte und motivierte Deutsche aus dem Ausland zurück zu holen? Schließlich haben wir doch Fachkräftemangel. Oder?

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