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Ausgabe
2/2018

Uralt-Fototechnik

Das Polaroid-Comeback

Ausgerechnet die Jüngeren kaufen wieder analoge Sofortbildkameras. Was steckt hinter der Sehnsucht nach Uralt-Technik?

Getty Images

Polaroidaufnahme: Surrendes Geräusch als Teil der Kindheitserinnerung

Von
Donnerstag, 11.01.2018   00:54 Uhr

Bei der Elektronikmesse CES in Las Vegas gibt es viele spektakuläre Neuheiten zu bestaunen: ein riesiger Superfernseher, hochauflösende Brillen für Reisen in virtuelle Welten und selbstfahrende Autos. Am Rande der Leistungsschau werden in kleinerem Kreis aber auch seltsame Geräte gezeigt, die von vorgestern zu stammen scheinen.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
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Da wäre zum Beispiel eine analoge Kamera namens Reflex, finanziert über Crowdfunding und vom Aussehen angelehnt an Klassiker wie die klobige DDR-Knipse Praktica. Die Reflex verfügt über eine abnehmbare Rückwand, um den Filmwechsel zu erleichtern. Der Prototyp entstand mithilfe eines 3-D-Druckers.

Eine ambitionierte Fotografenclique aus London hat die Retrokamera entworfen, im Herbst könnte sie auf den Markt kommen. Zugegeben, das Grundprinzip ist nicht ganz neu - Rollfilmkameras gibt es seit über 100 Jahren.

Nach Jahren des Nischendaseins hofft die Analogbranche wieder auf den Massenmarkt. Elektronikkaufhäuser vertreiben Sofortbildkameras mit Namen wie Fujifilm Instax, Impossible oder Leica Sofort. Und sogar die legendäre Polaroid geht erstmals seit vielen Jahren mit einem neuen Modell an den Start - eine erstaunliche Wiederauferstehung, nachdem die Traditionsfirma 2008 Konkurs hatte anmelden müssen. Woher kommt die unerwartete Begeisterung für die Analogfotografie?

Das Bemerkenswerte daran: Die Kunden sind vor allem jung.

"Für unsere Generation sind Polaroidkameras nicht etwas Altes, sondern etwas Neues", sagt Oskar Smolokowski, 28, dessen Familie im vorigen Jahr Polaroid übernommen hat. Schon als der Wahlberliner das erste Mal eine Polaroid in Händen hielt, war er fasziniert. Sein Vater, ein polnischer Investor, half ihm, das Unternehmen zu kaufen.

Für die Älteren gehörte eine Pola früher zwingend ins Urlaubsgepäck. Das Geräusch ist Teil der Kindheitserinnerung: Kurz den Auslöser gedrückt, schon surrte die Kamera und schob einen quadratischen Plastikfilm heraus wie eine freche Zunge. Für die Jüngeren: Das Plastikfoto ist eine winzige Dunkelkammer, in der ein dünner Film aus Entwicklerpaste über die lichtempfindliche Schicht geschmiert wird. Wie von Geisterhand erscheint nach wenigen Augenblicken ein weichgezeichnetes Foto.

"Papa, wieso kann ich dein Foto nicht sofort sehen?" Das hatte die Tochter des Polaroidgründers Edwin Land ihren Vater einst im Urlaub gefragt - und damit der Legende nach die Entwicklung der Quadratbilder angestoßen. 1948 brachte der Vater seine Sofortbildkamera auf den Markt.

Bis heute gibt es eine Fangemeinde. Der Filmemacher Wim Wenders zum Beispiel benutzte die Schnappschusstechnik einst als visuelles Notizbuch bei Dreharbeiten und zeigt eine Auswahl seiner Polaroids derzeit in einer Galerie in London unter dem Titel "Instant Stories".

Ein halbes Jahrhundert lang galten die Polas als die schnellste Art, Bilder zu teilen - sozusagen Instagram unplugged. Dann übernahmen Handykameras das visuelle Gedächtnis. Und nun, nach der Durchdigitalisierung, zelebrieren Retrofans die Wiederkehr der analogen Sofortbilder wegen ihrer haptischen Sinnlichkeit.

Neue Spiegelreflexkameras wie die Reflex dürften es schwer haben, sich durchzusetzen; denn die jüngeren Käufer haben wenig Lust darauf, Filme zum Entwickeln abzugeben oder sich daheim eine Dunkelkammer einzurichten.

Die Sofortbildkameras treffen da eher den Nerv der jungen Kundschaft mit ihrer Mischung aus kinderleicht und retrochic. Allein Instax-Kameras haben im vorigen Jahr rund sieben Millionen Käufer gefunden.

Die Nachteile der Geräte nehmen die Kunden gern in Kauf. Bei Kälte und Dunkelheit werden die Instantfotos Murks? Umso besser. Die technischen Schwächen stärken sogar den Enthusiasmus der Fans.

So gibt es inzwischen eine erstaunliche Vielfalt an Sofortbildkameras. Manche beschränken sich auf greifbare Bilder, andere speichern sie auch digital, parallel zu den Plastikabzügen. Puristen rümpfen über derlei Zwitter natürlich die Nase.

Ach ja, die gute alte Zeit. Früher galt Nostalgie als ein Seelenleiden, als krankhafte Sehnsucht nach einem besseren Gestern. Doch mittlerweile wollen Psychologen durch Experimente herausgefunden haben, dass das wohlig-bittersüße Gefühl sogar das Wohlbefinden stärken kann.

Und was die Retrofirmen freut: Wer nostalgische Gefühle hegt, achtet nicht so sehr aufs Geld. So zahlen die Kunden pro Bild oft mehr als einen Euro.

Aber ist es nicht überflüssig, Papierfotos zu schießen, wenn sie am Ende in irgendwelchen Kartons verstauben? Oskar Smolokowski, der junge Polaroid-Chef, hat darauf eine Antwort. Er macht es wie viele seiner Kunden: Er fotografiert immer mal wieder Polaroidbilder mit dem Handy ab - und lädt sie dann hoch auf Instagram.


Im Video: "Greifen, schlecken, schütteln" - Polaroid-Retter Florian Kaps erzählt von seiner Mission - und der ganz und gar analogen Magie eines Polaroidfotos.

Foto: Rainer Brunnauer / Der Spiegel

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