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Politik
Ausgabe
22/2017

Psychologie

Wie wir uns an Terror gewöhnen

Schon wieder haben Terroristen in Europa zugeschlagen, willkürlich Menschen getötet. Was macht das mit unserer Seele? Der Psychologe Dietmar Heubrock erklärt, warum eine gewisse Ungerührtheit sinnvoll ist.

Ein Interview von
Dienstag, 06.06.2017   11:45 Uhr
Norbert Enker/ DER SPIEGEL

Dietmar Heubrock, 58, ist Direktor des Instituts für Rechtspsychologie an der Universität Bremen. Er berät deutsche Sicherheitsbehörden und forscht zu Terrorprävention und Täter-Profiling.


Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 22/2017
Erbfeinde
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

SPIEGEL: Herr Heubrock, vor einem knappen Jahr haben Sie gemutmaßt, wir würden auf die wachsende Zahl von Terroranschlägen irgendwann wie abgestumpft reagieren. Ist dieser Moment nach den Anschlägen in Manchester und London nun gekommen?

Heubrock: Wir haben uns zumindest an den Terror gewöhnt. Ein gutes Indiz dafür ist, dass wir uns zunehmend unpräzise an die Umstände der einzelnen Anschläge erinnern. Das ist beim Angriff auf das World Trade Center anders. Aber das Attentat auf "Charlie Hebdo" in Paris, der Terror in Stockholm oder die Anschläge in Brüssel unterscheiden sich, so viel individuellen Schmerz sie bedeuten, im kollektiven Gedächtnis kaum noch voneinander. Der einzelne Moment geht mit der wachsenden Fülle ähnlich gelagerter Ereignisse kognitiv unter. Und das spiegelt sich dann in unserer Emotion wider: Wir reagieren weniger aufgewühlt, weil wir uns an den Schrecken gewöhnt haben.

SPIEGEL: Bedeutet das auch, dass wir uns an die Gefahr gewöhnt haben?

Heubrock: Durchaus. Nach den ersten Attentaten wurde weitaus vehementer darüber diskutiert, ob man Großveranstaltungen auf öffentlichen Plätzen meiden solle. Viele Menschen fühlten sich derart bedroht, dass sie die Frage stellten, ob sie ihr tägliches Verhalten ändern müssten. Darüber redet heute kaum einer mehr.

SPIEGEL: Dabei steigt die Gefahr, selbst Opfer zu werden, mit jedem neuen Anschlag.

Heubrock: Trotzdem würden die meisten Deutschen mittlerweile wohl aufgewühlter auf ein schweres Erdbeben in ihrem Land reagieren als auf einen weiteren Terroranschlag. Ein Erdbeben gehört nicht zu unserer Lebenswirklichkeit, es würde in unseren Breitengraden so singulär hervorstechen wie jener erste große Terroranschlag in New York. Aber wenn bei uns die Erde regelmäßig beben würde, nähmen wir das mit der Zeit als selbstverständlich hin. Solch ein Verhalten wäre weder abgebrüht noch unmoralisch, sondern sinnvoll. Es hilft uns zu überleben. Schon rein physiologisch ist es Menschen nicht möglich, auf jedes Grauen über längere Zeit mit unverminderter Intensität zu reagieren. Das steht ein Körper nicht durch.

SPIEGEL: Was genau würde passieren?

Heubrock: Menschen halten klassische Stresssituationen nur begrenzt aus. Selbst wenn unser Leben bedroht wird und wir uns im Alarmzustand befinden, setzt nach spätestens 20 Minuten eine Erschöpfungsphase ein, in der auch körperliche Reaktionen wie Herzrasen oder Schweißausbrüche zurückgehen. Dieser Mechanismus läuft in anderen Momenten vergleichbar ab. Das Gehirn blendet bedrohliche Reize aus und verarbeitet sie nicht mehr bewusst. Wäre es anders, wären wir bald nicht mehr handlungsfähig - selbst wenn Herz und Kreislauf der Belastung standhielten. Das wissen wir aus den Krankheitsverläufen schwerkranker Patienten.

Andy Rain/ Epa /Rex/ Shutterstock

Polizisten in Manchester: "Präsenz als Anzeichen für drohende Gefahr"

SPIEGEL: Von welchen Leiden sprechen Sie?

Heubrock: Zahlreiche paranoid-schizophrene Patienten fühlen sich durchgängig auch von Kleinigkeiten wie falscher Zahnpasta oder den Strahlen einer Mikrowelle bedroht. In der Folge schüttet ihr Körper das Stresshormon Cortisol in hohen Dosen aus, und das Gehirn verändert sich derart, dass die Patienten zusätzlich an schweren Depressionen leiden. Wir wären eine handlungsunfähige Gesellschaft, wenn wir mögliche Gefahren, selbst Terror, nicht irgendwann hinnähmen.

SPIEGEL: Wenn eine gewisse Gleichgültigkeit hilfreich ist: Lässt sie sich trainieren?

Heubrock: Sicherheitskräfte versuchen das, indem sie Terrorszenarien durchspielen. So soll sich eine Routine im Umgang mit grausamen Situationen einstellen, die die Schleife aus Betroffenheit und Schock verkürzt oder sogar umgeht. Aber der Erfolg solcher Strategien ist abhängig von der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen. Unsere Fähigkeit zu Empathie ist unterschiedlich stark ausgeprägt, das beeinflusst auch das Ausmaß der Gleichgültigkeit, mit der wir auf terroristische Bedrohung reagieren.

SPIEGEL: Zahlreiche Männer und Frauen reagieren inzwischen auf harmlose Szenen mit mulmigen Gefühlen. Sie sorgen sich, wenn ein Koffer auf dem Bahnsteig herumsteht; sie werden misstrauisch, wenn ihr Sitznachbar in arabischer Schrift in sein Handy tippt. Wie passt das zu der These, wir hätten uns an die Terrorgefahr gewöhnt?

Heubrock: Entwicklungsgeschichtlich gesehen haben wir in Momenten der Gefahr zwei Handlungsalternativen: flüchten oder kämpfen. Für beide Überlebensoptionen ist das mulmige Gefühl der Bereitschaftsmodus, eine diffuse Hab-Acht-Stellung. Es wird uns trotz aller Gewöhnung immer begleiten. Paradoxerweise fühlen sich viele Menschen dann besonders mulmig, wenn Polizisten besonders viel Wert auf ihre Sicherheit zu legen scheinen. Anders als viele Politiker behaupten, deuten sie vermehrte Polizeipräsenz als Anzeichen für drohende Gefahr.

SPIEGEL: Welche negativen Folgen hat es, wenn sich eine Gesellschaft an ein Leben mit dem Terror gewöhnt?

Heubrock: Für die Opfer und deren Angehörige ist es bitter, das haben einige ja nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Dezember beklagt. Die ersten Attentate in Europa waren von Zeichen großer Anteilnahme begleitet, da gab es Blumenberge, Kerzenmeere und Millionen Einträge in den sozialen Medien. Diese öffentliche Aufmerksamkeit schmerzt Hinterbliebene einerseits, andererseits birgt sie viel tröstendes Potenzial. Der Mensch sucht in Krisensituationen die Gemeinschaft anderer, auch wenn es ihm nicht hilft, seine Lage objektiv zu verändern.

SPIEGEL: In Ländern wie Israel müssen die Menschen seit Jahrzehnten mit der dauernden Gegenwart von Terror leben. Was können wir von ihnen lernen?

Heubrock: Der Blick nach Israel zeigt, dass wir einem typischen Denkmuster des Menschen entgegenwirken müssen: Wir bilden Stereotype, um die Geschehnisse unserer Welt besser einzuordnen. Lautet ein Stereotyp, dass die Gefahr von Arabern ausgehe, wird jeder, der wie ein Araber aussieht, zu einer möglichen Bedrohung. Im Ergebnis meiden wir diese Personen. Das geschieht oft unbewusst, aber damit sickert das Stereotyp tief ins gesellschaftliche Leben ein. Wir wollen uns dem mulmigen Gefühl nicht aussetzen...

SPIEGEL: ... und ersinnen daher Vorurteile. Das ist reichlich desillusionierend.

Heubrock: Aber so funktioniert es. Und weil Attentäter mit genau diesem Verhalten kalkulieren, machen uns unsere Stereotype am Ende doch angreifbar.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Heubrock: Wir untersuchen in unserem Institut seit Langem, durch welches Verhalten Attentäter vor einer Tat auffallen. Wir geben unsere Erkenntnisse auch an Spezialeinsatzkräfte wie die GSG 9 weiter. Um Terroristen nicht in die Hände zu spielen, will ich dazu nicht genauer werden. So viel kann ich sagen: Ganz gleich, ob es sich um islamistischen oder anderen Terror handelt - das Verhalten der Täter ist weitgehend identisch, aber sehr oft anders, als die Sicherheitskräfte vermuten. Selbst Sondereinsatzkommandos beherrscht das Stereotyp, mögliche Attentäter seien in erster Linie arabisch aussehende Männer zwischen 20 und 35 Jahren, die schwarzes gegeltes Haar und einen Schnurrbart tragen. Das haben die Köpfe der Terrororganisationen erkannt und schicken nun Leute vor, mit denen wir nicht rechnen. Sie durchbrechen die Stereotype, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten, und das erschwert es uns, mögliche Attentäter rechtzeitig zu erkennen. Das 15-jährige Mädchen in Hannover war so ein Beispiel.

SPIEGEL: Sie sprechen von der Schülerin, die im Februar vorigen Jahres auf einen Polizisten einstach und vom "Islamischen Staat" beauftragt gewesen sein soll.

Heubrock: Die Terroristen bedienen sich der unterschiedlichen Täterprofile auch, weil sie dadurch maximale Aufmerksamkeit erzielen können. Sticht ein junges Mädchen auf einen Polizisten ein, verschafft ihnen das im Zweifel mehr Öffentlichkeit als eine weitere Kofferbombe. Wir empfinden jede neue Spielart des Terrors als neu konfigurierte Gefahr, an die wir uns noch nicht gewöhnt haben. Wir fühlen uns wieder schutzloser und reagieren emotionaler - bis wir uns auch an diese Variante der Bedrohung gewöhnt haben.

SPIEGEL: Sie meinen, wir seien am Ende nur durch immer grausamere Grausamkeiten zu beeindrucken?

Heubrock: Jeder Terroranschlag ist entsetzlich, und natürlich lässt sich das Leid jedes einzelnen Opfers nicht relativieren. Aber die Täter in Manchester haben mit Sicherheit einkalkuliert, dass zu den Fans der Popsängerin viele Jugendliche und Kinder zählen. Und sie wissen, dass es nach unseren Wertvorstellungen ein besonders perfides Ziel war. Diese Schraube wird sich weiter drehen, und dem werden wir kaum Einhalt gebieten können. Blicken wir noch einmal nach Israel: Die Tatsache, dass dort überall Soldatinnen und Soldaten schussbereit mit Maschinenpistolen postiert sind, führt dazu, dass kaum ein Attentäter die Tat überlebt. Terrorakte verhindert es nicht. Sie ereignen sich weiterhin in immer neuen schrecklichen Formen. Wir haben es mit einer Art Wettrüsten zu tun, und das stellt unsere Sicherheitskräfte auch vor ein erhebliches moralisches Problem.

SPIEGEL: Welche Entscheidungen kommen denn auf uns zu?

Heubrock: Es passt nicht zu unserem Weltbild, Frauen oder gar Kinder zu erschießen - final zu bekämpfen, wie es im Polizeijargon heißt. Und natürlich ist das eine zu bewahrende zivilisatorische Errungenschaft. Aber sie macht uns im Abwehrkampf gegen den Terrorismus verletzlich. Die Terroristen wissen um unsere kulturellen Hemmungen, und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Wie sollen Sicherheitskräfte auf einen Zehnjährigen reagieren, dessen Verhalten klar darauf hindeutet, dass er sich und seine Umgebung im nächsten Augenblick in die Luft sprengen wird? Zu solchen Fragen brauchen wir politische Entscheidungen und auch eine breite ethische Diskussion.

SPIEGEL: Wofür plädieren Sie?

Heubrock: Ich rate den Sicherheitsbehörden regelmäßig, Polizisten und andere Einsatzkräfte im Training auch auf Bilder von Frauen und Kindern schießen zu lassen. Ich finde selbst, dass dieser Ratschlag furchtbar klingt, und es wäre mir lieber, ich müsste ihn nicht geben. Aber bislang sind die fiktiven Gegner, anhand derer wir den Ernstfall trainieren, immer junge Männer. Und damit kommen wir im echten Leben nicht mehr weiter.

insgesamt 3 Beiträge
larsmach 06.06.2017
1.
Menschen, die in gefährlichen Städten wie Washington D.C. leben (Mordrate 18,5 - zum Vergleich London: 1,5), haben sich an die Gefahr gewöhnt. Sie haben ihr Verhalten angepasst. US Amerikaner, die in Berlin zu Besuch sind, [...]
Menschen, die in gefährlichen Städten wie Washington D.C. leben (Mordrate 18,5 - zum Vergleich London: 1,5), haben sich an die Gefahr gewöhnt. Sie haben ihr Verhalten angepasst. US Amerikaner, die in Berlin zu Besuch sind, schreiben enthusiastisch in Reiseforen, dass sie nachts "einfach so" durch die Innenstadt spaziert sind - in einigen US Städten würden sie das so unbeschwert nie tun. Daran haben sie sich gewöhnt. In dem Zusammenhang sind die Äußerungen des US Präsidenten übrigens irrwitzig: Der kritisierte den Londoner Bürgermeister für dessen Hinweis, dass es keinen Grund für Angst gebe (womit freilich die große Zahl von Polizisten im Stadtbild gemeint war). Wer in Amerikas Hauptstadt oder gar in Chicago, St. Louis oder New Orleans abends die Straße entlang spaziert, denkt an die Ratschläge der dort lebenden Menschen. Auf Fremde wirkt diese Situation bedrückend - sie sind das nicht gewöhnt.
b.pross 06.06.2017
2. Islamistischer Terror
Hans-Magnus Enzensberger sieht in einem SPON-Artikel (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,383464,00.html) aus dem Jahre 2005 über den islamistischen Terror und dessen Folgen diese Perspektive: "Das Projekt der radikalen [...]
Hans-Magnus Enzensberger sieht in einem SPON-Artikel (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,383464,00.html) aus dem Jahre 2005 über den islamistischen Terror und dessen Folgen diese Perspektive: "Das Projekt der radikalen Verlierer besteht darin, wie derzeit im Irak und in Afghanistan, den Selbstmord einer ganzen Zivilisation zu organisieren. Dass es ihnen gelingen könnte, ihren Todeskult grenzenlos zu verallgemeinern, ist allerdings nicht wahrscheinlich. Ihre Anschläge stellen ein permanentes Hintergrundrisiko dar, wie der alltägliche Unfalltod auf den Straßen, an den wir uns gewöhnt haben. Damit wird eine Weltgesellschaft, die fortwährend neue Verlierer produziert, leben müssen."
Newspeak 06.06.2017
3. ...
Warum eigentlich soll mich ein Terroranschlag, der am anderen Ende von Europa passiert, und Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe, eigentlich kümmern? Was ist Empathie und was Sensationsgier? Was echtes und was [...]
Warum eigentlich soll mich ein Terroranschlag, der am anderen Ende von Europa passiert, und Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe, eigentlich kümmern? Was ist Empathie und was Sensationsgier? Was echtes und was geheucheltes Entsetzen?

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