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Politik
Ausgabe
32/2017

Hamburger Attentäter

"Der Terror wird hierherkommen"

Ahmad A. stach in Hamburg wahllos auf Menschen ein, verletzte fünf und tötete einen Mann. Recherchen von SPIEGEL TV und SPIEGEL zeigen: Es gab vor der Tat viele Hinweise auf seine Radikalisierung.

SPIEGEL TV

Asylsuchender Ahmad A.: "Ich glaube an gute Werte"

Von , , , , , Andrew Moussa und
Sonntag, 06.08.2017   08:58 Uhr

Am Ende will Ahmad A. noch etwas loswerden. Eigentlich ist schon alles gesagt. Es ist seine Asylanhörung, sie läuft seit knapp 90 Minuten, und nach einer sechsjährigen Odyssee quer durch Europa muss auch ihm an diesem 29. Juli 2015 klar sein: Das alles reicht nicht, um in Deutschland Asyl zu bekommen. Aber zwei Sätze noch, vielleicht helfen sie ja. "Ich möchte auch sagen, dass ich nie Probleme gemacht habe, weder in Norwegen noch in den anderen Ländern, in denen ich war. Sie können gerne nachfragen, um sich zu vergewissern."

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Aus dem SPIEGEL

Heft 32/2017
Ende Legende.
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Zwei Jahre später ist eines gewiss: Ahmad A. ist der Mann mit dem Messer auf der Straße in Hamburg-Barmbek. Der Mann, der am Freitag vor einer Woche auf fünf Menschen einsticht und einen von ihnen umbringt. Der Islamist, der Allah preist, während er wahllos töten will, mit einer 20 Zentimeter langen Klinge, die er in einem Edeka-Laden aus der Verpackung gerissen hat. Ahmad A. ist in zwei Jahren zu einem Problem geworden. Einem tödlichen.

Sonntag, 6. August 2017 um 22.50 Uhr, RTL

Die Bluttat von Hamburg riss Deutschland aus der Sommerruhe. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, sie trauere um "das Opfer der grausamen Attacke". Erneut treffe eine "schreckliche Attacke unsere Gesellschaft", erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Den Begriff "Terroranschlag" vermieden beide. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob der in Saudi-Arabien geborene Palästinenser, der im Frühjahr 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam, ein islamistisch motivierter Terrorist ist. Oder tötete er, weil er psychisch gestört ist?

Ein Team des SPIEGEL hat die Flucht des Palästinensers aus dem Gazastreifen in die EU rekonstruiert, hat Akten gesichtet und mit Zeugen gesprochen. Fest steht, dass die Radikalisierung von Ahmad A. und sein labiler Geisteszustand den Behörden durch Hinweise und Warnungen bekannt waren. Mitarbeiter einer Beratungsstelle betreuten den Flüchtling - erklärten sich aber für überfordert. Ein Kriminalbeamter versuchte gar, ihn als Informanten für die Islamistenszene zu gewinnen.

Zuma Press/Action Press

Tatort Supermarkt: "Grausame Attacke"

Es gab viele Gespräche und Krisensitzungen, aber offenbar niemanden, der sich konsequent um den jungen Mann und seine psychischen Auffälligkeiten kümmerte. Betreuer und Behörden versäumten es, professionelle Hilfe zu holen. Kein Psychologe wurde eingeschaltet, kein Arzt.

Damit wirft der Fall des Ahmad A. ein Licht auf ein wachsendes Problem der deutschen Flüchtlingspolitik: den Umgang mit psychisch labilen Asylbewerbern. Deren Zahl wächst von Jahr zu Jahr. Studien belegen: Je länger ein Asylverfahren dauert, desto höher ist die Anfälligkeit für psychische Krankheiten. Es fehlten ausreichend Betreuungsangebote für Flüchtlinge, sagt Iris Hauth von der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Vor allem aber müssten die Betreuer in den Unterkünften geschult werden, wie sie mit diesen Problemen umgehen sollen.

Ahmad A. zeigt sich zunächst zugänglich. Dem SPIEGEL und SPIEGEL TV liegt ein unveröffentlichtes Videointerview vor, das anderthalb Jahre zurückliegt. Man sieht einen nachdenklichen Mann, der harmlos wirkt, von seinen Erwartungen und Sorgen berichtet. Von Hass keine Spur. Eher von Hoffnung auf ein besseres Leben.

SPIEGEL TV Magazin exklusiv: Was Ahmad A. über die Anschläge in Paris dachte

Foto: SPIEGEL TV

Geboren im saudi-arabischen al-Baha, im Januar 1991, zog Ahmad A. als Kind mit seiner palästinensischen Familie in den Gazastreifen, in die Flüchtlingssiedlung Dschabalia. So erzählt es Ahmad A. bei der Anhörung Ende Juli 2015 in einer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Hamburger Stadtteil Hammerbrook.

Angeblich geriet er in Gaza ins Visier der radikalislamischen Hamas. Er sei in der Jugendorganisation der rivalisierenden Palästinenserorganisation Fatah aktiv gewesen, habe Flugblätter verteilt und Reden geschwungen. Einem seiner Fatah-Mitstreiter soll die Hamas ins Bein geschossen haben. Als die Hamas ihn zum Verhör einbestellt habe, habe er Todesangst bekommen. Ende 2008 sei er mithilfe von Schleppern über Ägypten und die Türkei nach Griechenland geflohen, von wo aus er sich nach Skandinavien durchschlug.

All das hat er schon in Norwegen erzählt, wo er erfolglos Asyl beantragt hat. Um in Deutschland als Flüchtling anerkannt zu werden, müsste er etwas Neues vortragen. Doch auf Nachfragen seines Asylanhörers kann A. nichts Entscheidendes liefern. "Und alles, was Sie jetzt hier gesagt haben, haben Sie auch in Norwegen schon vorgetragen?", fragt der Beamte. "Dort habe ich das Gleiche gesagt", antwortet A.

Zudem verheddert er sich in Widersprüche. A. räumt ein, dass er trotz angeblicher Angst vor Verfolgung noch ein gutes Jahr im Gazastreifen bleiben und sein Abitur machen konnte. "Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert. Auch meine Geschwister haben studiert, wir sind alle gebildet", sagt er. Ob seine Familie denn noch Ärger mit der Hamas habe, will der Beamte wissen. "Nein, Schwierigkeiten mit der Hamas gab es keine mehr." Das einzig Neue, das ihm einfällt: Sein Elternhaus sei im Gazakrieg 2014 beschädigt worden. "Ich muss jetzt meiner Familie helfen, muss versuchen, sie dort herauszuholen."

Nach zwei Stunden und zehn Minuten scheint sein Fall klar zu sein. Alles sieht nach einer schnellen Entscheidung aus, nach einer Ablehnung des Asylbegehrens. Eine mögliche Abschiebung in die Palästinensergebiete könnte bald vorbereitet werden. Doch es passiert nichts.

Im Sommer 2015 beginnt die Hochphase der Flüchtlingskrise, Hunderttausende Migranten kommen in den folgenden Monaten nach Deutschland. Die interne Order im Bamf lautet, die vielen Fälle vom Balkan und aus Syrien vorrangig zu bearbeiten.

Schon zwei Wochen vor der Anhörung ist dem Bamf außerdem eine folgenschwere Panne unterlaufen, wie der SPIEGEL in dieser Woche enthüllte. Weil er bereits in Norwegen Asyl beantragt hatte, hätten die deutschen Behörden Ahmad A. sofort dorthin zurückschicken können. So sieht es die Dublin-Verordnung der Europäischen Union vor, an die sich auch Norwegen hält, obwohl das Land kein EU-Mitglied ist. Am 14. Juli 2015 stellt ein Beamter des Bamf einen entsprechenden Antrag. Höflich bittet er die Norweger, Ahmad A. wieder zu übernehmen. Doch die dortige Migrationsbehörde UDI antwortet den "lieben Kollegen" am nächsten Tag so rasch wie knapp: Die Frist sei abgelaufen - um einen Tag. "Wir bedauern, Sie zu informieren, dass Norwegen die oben genannte Person nicht zurückzunehmen bereit ist."

Beim Bamf landet die Akte A. in der Ablage und bleibt dort liegen. Fast eineinhalb Jahre lang.

Solange das Bundesamt aber nicht entscheidet, können auch die Hamburger Landesbehörden nicht tätig werden und sich etwa um Ersatzpapiere für eine Abschiebung kümmern. Ihnen bleibt nur, Ahmad A. in eine Flüchtlingsunterkunft einzuquartieren. Und zu warten.

Es ist eine Zeit der Unsicherheit, die ein Nährboden für psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen ist. So beschreibt es Mechthild Wenk-Ansohn. Die Psychotherapeutin arbeitet in der Ambulanz des Berliner "Zentrums Überleben", einer Einrichtung, die im Jahr rund tausend Migranten und Flüchtlinge betreut. Wer nur in der Unterkunft herumsitzt, keine Arbeit hat oder keine Kurse besuchen darf, der fühle sich schnell gedemütigt und wütend und sei anfälliger für eine psychische Krise. "Die beste Prävention", sagt die Ärztin, "ist deshalb eine klare Perspektive."

SPIEGEL TV

Anfangs scheint Ahmad A. an diese noch zu glauben. Seiner Mutter erzählt er am Telefon stolz, dass er regelmäßig zum Deutschkurs gehe. Im Januar 2016, neun Monate nach seiner Ankunft, erklärt er sich zu einem Videointerview mit dem Berliner Flüchtlingsaktivisten Christian Weißgerber bereit. Die beiden haben sich kurz zuvor in Hamburg kennengelernt, im Refugees-Welcome-Café an der Uni, wo sich A. häufiger aufhält. Der Palästinenser lädt Weißgerber in seine Containerunterkunft ein und kocht Reis mit Paprikagemüse. Auch Deniz Rau(*), 25, ist dabei, ein Jurastudent, der Ahmad im Flüchtlingscafé kennengelernt hat. Sie singen Lieder, spielen Gitarre, haben Spaß.

Wenig später fährt Ahmad A. für die Filmaufnahme mit dem Flixbus nach Berlin. Sie treffen sich in einem Kiezcafé im Prenzlauer Berg, dem "Kombinat Schmackofatzke". In dem knapp einstündigen, nie veröffentlichten Interview sehen A.s Augen müde aus. Doch was er auf Englisch in die Kamera sagt, wirkt reflektiert, offen, hoffnungsvoll. Zu dem Interview bringt er ein Buch mit, Albert Camus' Roman "Die Pest". Mit dessen Hilfe, sagt er, versuche er gerade, Deutsch zu lernen. "Es ist wirklich sehr schwer."

Im Gespräch mit dem Aktivisten erzählt Ahmad A. ausführlich von seinen gescheiterten Versuchen, in Europa Asyl zu bekommen, nicht nur in Norwegen, sondern auch in Spanien und Schweden, wo ein Bruder von ihm lebt. Er spricht über die Anschläge von Paris und die Silvesternacht von Köln. Es tue ihm leid, was dort passiert sei, sagt A., das repräsentiere die Muslime überhaupt nicht. Die Sexualstraftäter von Köln solle man bestrafen oder abschieben.

Er sei nicht gläubig, erzählt A. weiter. "Ich bin als Moslem geboren, aber bin selbst nicht religiös. Ich glaube an Werte, an gute Werte", sagt er. Er habe christliche und jüdische Freunde. "Ich hoffe auf Frieden, und ich hasse niemanden."

Eineinhalb Jahre später wird derselbe Mann wahllos auf Menschen einstechen, angeblich im Namen des Islam.

All das lässt sich damals noch nicht erahnen. Wenn man sich das Video heute ansieht, bemerkt man höchstens, dass es in A. leicht zu grollen beginnt. "Das Leben im Lager ist kompliziert", sagt er. "Es ist sehr schwierig, weil dort so viele Menschen leben." Auch das Wetter in Deutschland macht ihm zu schaffen: "Ich mag die Kälte nicht." Im Video liegt Schnee auf der Straße.

Der Filmemacher erinnert sich, wie er mit A. noch ein schönes Wochenende in Berlin verbrachte. Tagsüber sei A. ins Deutsche Historische Museum gegangen, abends hätten sie Poker gespielt und Gras geraucht. Von Fundamentalismus oder Aggressivität keine Spur.

In den Wochen danach aber erreichen den Flüchtlingsaktivisten besorgte Nachrichten von Freunden aus dem Hamburger Refugees-Café. Irgendwas stimme nicht mit Ahmad A., er habe den Kontakt zu seinen Freunden abgebrochen, auch zu Deniz Rau, dem ehrenamtlichen Helfer.

Mal ziehe sich A. nun tagelang zurück, trinke keinen Alkohol und kiffe nicht mehr. In diesen Phasen gehe er häufiger in die Moschee als sonst und beschimpfe seine muslimischen Freunde, sie würden die Regeln des Islam nicht befolgen. Dann sei er wieder ganz normal. Die Freunde sind ratlos. Ist A. nur "psychisch fertig" oder schon radikalisiert? Dass er ein Attentat planen könnte, glaubt niemand. Sie informieren deshalb nicht die Polizei, sondern bitten im Frühjahr 2016 die Hamburger Beratungsstelle Legato um Rat, die sich um Fälle von "religiös begründeter Radikalisierung" kümmert.

Auch die Heimleitung nimmt Kontakt zu Legato auf. Die Berater aber sollen sich nach Gesprächen mit A. später für überfordert erklärt haben. Er sei psychisch auffällig, man komme nicht an ihn heran. Die Beratungsstelle erklärt auf Anfrage des SPIEGEL, zu Einzelfällen äußere man sich nicht.

Die Hamburger Polizei erfährt offenbar das erste Mal im Frühjahr 2016 davon, dass sich der Flüchtling aus dem Gazastreifen in Deutschland radikalisiert. Am 1. April betritt ein besorgter Mann einen blauen Container auf der Rückseite des Hamburger Hauptbahnhofs. Gewöhnlich geht es in der Polizeidienststelle um Taschendiebstähle und Drogendelikte, nicht um Terror.

DPA

Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Langenhorn: "Das Leben im Lager ist kompliziert"

Der Mann erzählt Ähnliches, was auch den Freunden aufgefallen war. Ein Bekannter in der Flüchtlingsunterkunft Kiwittsmoor in Langenhorn rauche und trinke nicht mehr, sondern rede viel über Religion. Der Polizeibeamte fertigt einen Vermerk an. Wie sich später herausstellen wird, handelt es sich bei dem auffälligen Mann um Ahmad A. Der Polizist aber notiert einen anderen Namen: Ahmad al-Ahmad.

Der Vermerk landet beim Staatsschutz der Hamburger Polizei, doch dort kümmert sich zunächst niemand richtig um den Verdachtsfall Islamismus. Im Mai oder Juni gleicht ein Polizeibeamter den Namen mit den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft ab. Er stößt auf einen 15-jährigen Jungen, doch auf ihn kann die Beschreibung nicht passen. Damit landet der Fall bei den Akten. Und wieder passiert nichts.

Nur wenige Wochen nach dem umstrittenen Polizeieinsatz beim G-20-Gipfel stehen nun erneut der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und seine Behörden in der Kritik. Die Verkettung von Fehlern, Versehen und Versäumnissen in dem Fall lässt sich detailliert nachzeichnen. Als ein anderer Beamter des Landeskriminalamts (LKA) im Juni die Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Langenhorn besucht, weiß er nichts von dem Hinweis im Bahnhofscontainer. Der Polizist soll die Mitarbeiter des Heims im Rahmen eines "Sensibilisierungsprogramms Islamismus" schulen. Ja, es gebe da tatsächlich einen Asylbewerber, der sich merkwürdig verhalte und offenbar radikalisiert habe, erzählen die Mitarbeiter: der Palästinenser Ahmad A.

Der LKA-Mann will A. sofort sprechen. Ob er Informationen über die islamistische Szene in Hamburg mitteilen könne, will der Polizist wissen. Ahmad A. winkt ab. Der Versuch, den Flüchtling als Quelle zu rekrutieren, gelingt nicht. Um die Radikalisierung des Palästinensers oder um seine persönlichen Probleme geht es bei dem Gespräch offenbar nicht. Der Vorgang bleibt wieder liegen.

Erst als der Fall Ende August beim Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz landet, kommt Bewegung in die Angelegenheit - fast fünf Monate nach dem Besuch des Tippgebers im Polizeicontainer.

Eine Mitarbeiterin der Behörde beugt sich über die Namensliste der Asylsuchenden in dem Heim und bleibt bei Ahmad A. hängen. Den Tippgeber vom Frühjahr bittet der Verfassungsschutz noch mal um ein Gespräch. Der bestätigt diesmal den richtigen Namen und erzählt, A. habe ihn gefragt, wie man am besten nach Syrien komme. Womöglich will der Verdächtige zum "Islamischen Staat".

Der Verfassungsschutz lässt Ahmad A. bei der Bundespolizei zur Grenzfahndung ausschreiben. Wenn er das Land verlassen sollte, würde die Polizei den Nachrichtendienst alarmieren. Doch A. reist nicht aus.

Er soll nun mit den Islamismusvorwürfen konfrontiert werden, bei seinem nächsten Termin in der Ausländerbehörde. A. sei den Tränen nahe gewesen, bemerkt der Mitarbeiter des Verfassungsschutzes später in seinem Bericht. Er sei doch ein friedlicher Mensch, habe A. beteuert. Emotional sei er aufgewühlt gewesen, heißt es, Mimik und Gestik waren ebenfalls auffällig. Es sind weitere Anzeichen für eine psychisch labile Persönlichkeit.

Einen Psychologen oder Psychiater wird Ahmad A. allerdings nicht zu Gesicht bekommen, nicht im Herbst 2016, als er immer sonderbarer wirkt, und auch später nicht.

Ein Problem, das Iris Hauth von der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gut kennt. Sie ist Chefärztin einer psychiatrischen Klinik in Berlin-Pankow. In dem Bezirk lebten rund 5000 Flüchtlinge, im vergangenen Jahr seien 80 von ihnen wegen einer akuten psychischen Krise in der Klinik aufgenommen worden. In diesem Jahr sei die Zahl schon nach sechs Monaten erreicht worden. "Und das sind nur die Extremfälle", sagt Hauth. Ziel müsse es sein, schon viel früher einzuschreiten. Doch davon sei man weit entfernt. Bei vielen Betreuern fehle das Bewusstsein, viele hätten Hemmungen, sich an eine psychiatrische Einrichtung zu wenden.

Die DGPPN hat deshalb im März vergangenen Jahres in einem Positionspapier gefordert, Asylsuchende schon bei der medizinischen Erstuntersuchung auch auf psychische Auffälligkeiten hin zu testen und das Personal in den Aufnahme- und Betreuungseinrichtungen mit Schulungen zu sensibilisieren. Zunächst habe es großartige Konzepte gegeben, sagt die Ärztin, doch der Enthusiasmus sei schnell verflogen. Nur wenige seien umgesetzt worden. Wie so oft fehlte am Ende das Geld.

W. Braun/Action Press

SPD-Bürgermeister Scholz: Fehler, Versehen, Versäumnisse

Bei Ahmad A. häufen sich ab November 2016 die Anzeichen einer Radikalisierung. Ein Hinweis einer Mitarbeiterin des Flüchtlingscafés an der Hamburger Uni erreicht die Sicherheitsbehörden. Sie kennt den Palästinenser von mehreren Besuchen. Plötzlich sei Ahmad A. in einer Dschellaba in dem Café aufgetaucht, einem traditionellen arabischen Gewand. "Der Terror wird auch hierherkommen", soll er gedroht haben.

Auch im Flüchtlingsheim Kiwittsmoor verhält A. sich sonderbar. Er klopft nachts unvermittelt an die Türen von anderen Flüchtlingen und ruft "Allahu akbar": Gott ist groß.

Durchgeknallt, neben der Spur, komisch - das sind nun die Attribute, die dem jungen Asylbewerber von Betreuern und Mitbewohnern zugeschrieben werden. Aber wer soll mit ihm reden, wenn selbst Beratungsexperten nicht zu ihm vordringen? Es wird viel diskutiert, Ende 2016, Anfang 2017, aber wenig beschlossen. Die Folge: Ahmad A. bleibt auf sich gestellt. Und driftet immer weiter ab.

Der Verfassungsschutz sammelt die einzelnen Vorfälle und verfasst einen Bericht. In dem Papier vom 10. Januar 2017 ist von einer Wesensveränderung des damals 25-Jährigen die Rede. Die Verfasser empfehlen, den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt einzuschalten, um A. zu begutachten.

Doch dazu kommt es nicht. Warum beim Hamburger LKA niemand der Anregung des Verfassungsschutzes folgte, ist derzeit Gegenstand interner Untersuchungen. Im Frühjahr 2017 sollen auch der Leiter der Asylbewerberunterkunft und ein Legato-Mitarbeiter darauf gedrängt haben, die Experten des Sozialpsychiatrischen Dienstes einzuschalten.

Doch der federführende LKA-Beamte soll dies nicht für nötig gehalten haben. Nur wenn von Ahmad A. eine konkrete Gefahr für sich oder für andere ausgehe, könne der Dienst einschreiten, lautete die Einschätzung. Diese Schwelle sah der Polizist nicht überschritten. Wenn die anderen Gesprächsteilnehmer der Runde anderer Meinung seien, könnten sie von sich aus aktiv werden, soll er gesagt haben. Dazu kam es nicht, obwohl Sozialpsychiatrische Dienste auch für solche Fälle vorgesehen sind: zur Beratung psychisch Auffälliger, aber auch ihres Umfelds, selbst wenn keine akute Gefährdung vorliegt.

Die Frage, ob eine psychologische Betreuung dem Palästinenser geholfen hätte, wieder Fuß zu fassen, ihn vielleicht sogar davon abgehalten hätte, zum Messer zu greifen, lässt sich nicht seriös beantworten. Umgekehrt gilt für die Traumatherapeutin Cornelia Reher: Gar nichts zu unternehmen war von allen Möglichkeiten die schlechteste. Reher ist Vorsitzende von Segemi e.V., einem Hamburger Verein, der sich für eine bessere Betreuung für Flüchtlinge und Migranten einsetzt. Von ihrer Arbeit weiß sie, dass die allermeisten Flüchtlinge, die psychologische Betreuung brauchen, "eher depressiv und ängstlich sind und ganz bestimmt nicht aggressiv". Ist eine Person radikalisiert, hat sie laut Reher in der Regel kein Interesse mehr an einer Therapie. Für eine psychologische Intervention ist es dann zu spät.

Terrorist oder Psychotäter? Oder beides? Schon im vorigen Jahr, nach den Anschlägen von Ansbach, Würzburg und München, stellte sich die Frage, wie die Gesellschaft auf solche Täter reagieren muss.

Der Berliner Präventionsexperte Ahmad Mansour hat in seiner Arbeit mit radikalisierten jungen Männern und Frauen immer wieder festgestellt, dass psychische Krisen die Empfänglichkeit für islamistische Ideologien erhöhen. Das sei natürlich nicht nur bei Flüchtlingen der Fall, sondern auch bei vielen Deutschen, die sich etwa dem IS angeschlossen hätten.

Aber die psychische Belastung unter Flüchtlingen sei noch mal eine besondere: Traumata durch Krieg und Flucht, die Überforderung fern der Heimat, eine fremde Sprache, die Enge im Heim. All das könne bei einem kleinen Teil der Flüchtlinge eine Radikalisierung begünstigen. "Wir brauchen eine viel engere psychologische und psychiatrische Betreuung", sagt Mansour. "Polizisten und Sozialarbeiter allein reichen nicht, um das Problem zu bewältigen", sagt auch Kerstin Sischka vom "Diagnostisch-Therapeutischen Netzwerk Extremismus" in Berlin, das mit der Beratungsstelle Hayat zusammenarbeitet.

Inwieweit Ahmad A. psychisch gestört ist, wird wohl ein psychiatrischer Gutachter im Rahmen des Strafprozesses beurteilen. Nach der Festnahme zögerte die Bundesanwaltschaft zunächst, die Ermittlungen nach Karlsruhe zu ziehen. Es war nicht klar, ob überhaupt ein Haftbefehl für den Messerstecher beantragt werden sollte - oder ob man ihn besser in die forensische Abteilung einer psychiatrischen Klinik einweist.

Obwohl auch den Mitarbeitern der Ausländerbehörde im Dezember 2016 auffällt, dass Ahmad A. nervös ist und ständig auf einem Zahnholz herumkaut, erleben sie ihn bis zuletzt als höflich und kooperativ. Zu ihrer Überraschung zeigt er sich nach Ablehnung seines Asylantrags sogar bereit, freiwillig in den Gazastreifen zurückzukehren. Mit der Mutter telefoniert er einen Tag vor der Tat. "Ahmad wollte zurück", bestätigt sie dem SPIEGEL.

Bei einem Palästinenser ohne Reisepass stehen die Chancen, ihn zwangsweise in die Heimat abzuschieben, üblicherweise schlecht, in diesem und im vorigen Jahr gab es keinen einzigen Fall. Umso erstaunlicher ist es, dass A. im Februar 2017 berichtet, er selbst habe bereits Kontakt zur palästinensischen Mission aufgenommen. Kurz darauf fährt er nach Berlin, samt Fotos für die nötigen Passersatzpapiere. Wenig später melden sich die Palästinenser: Es sehe gut aus, lediglich die Fotos seien im falschen Format. Also bringt A. ein zweites Mal Bilder nach Berlin. Daraufhin stellen die Palästinenser für diesen Sommer die Papiere in Aussicht.

Auf die Idee, für Ahmad A. Abschiebehaft zu beantragen, kommt in Hamburg deshalb niemand. Es würde sich unter diesen Umständen auch kein Richter finden, der zustimmt. A.s Fall gilt als weitgehend abgeschlossen. In den Köpfen der Beamten ist er schon fast in Gaza.

Am vorvergangenen Freitag hat Ahmad A. einen Termin in der Ausländerbehörde. Er erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. Falls es bei den Papieren weiter hake, könne er sich von seinem Vater seinen Pass zuschicken lassen, bietet er an. Er wirkt ruhig. Kein stierer Blick. Kein Schweiß auf der Stirn. Kein Flackern in den Augen.

Um 15.10 Uhr reißt er an einem Regal im Edeka-Markt in Hamburg-Barmbek ein Küchenmesser aus der Packung. Ein Auszubildender räumt gerade die Reispackungen auf, als er im Gang nebenan laute Geräusche hört. Da kloppen sich zwei, denkt er, rennt hin und will schlichten.

Dann erblickt der Azubi keine zwei Meter entfernt einen Mann mit einem irren Blick und einem Messer in der Hand. Der Azubi dreht sich um, rennt weg und versteckt sich auf der Mitarbeitertoilette. Sein Kollege hinter der Fleischtheke beobachtet, wie A. auf einen Kunden zugeht und ihm ohne zu zögern das Messer in die Brust rammt. Der Mann sackt sofort zusammen, überlebt aber schwer verletzt. Ahmad A. rennt brüllend nach draußen, sein Gesicht ist nun rot vor Zorn. Vor dem Supermarkt sticht er auf weitere Passanten ein, bis ihn junge Männer mit Stühlen, Steinen und Stangen stoppen. So wie Ahmad A. haben die meisten Helfer einen Migrationshintergrund. Sie sind nun die "Helden von Barmbek".

In einer Vernehmung sagt A., er habe als "Märtyrer" sterben wollen. Kontakte zum IS oder einer anderen Terrororganisation können die Ermittler bislang nicht feststellen. Es gibt auch kein Bekenntnis des IS, wie häufig in solchen Fällen. Ahmad A. aber beharrt in seiner Vernehmung darauf: Er sei ein Terrorist. Bei der Durchsuchung seines Zimmers in der Flüchtlingsunterkunft finden die Ermittler im Spind ein selbst gemaltes Bild mit dem Siegel des Propheten, wie es der IS verwendet. Und in seinem Blut Spuren von Cannabis.


*Name geändert

insgesamt 2 Beiträge
Thunder79 06.08.2017
1. Ich denke, es macht Sinn,
darüber nachzudenken, was mit diesen Menschen los ist und warum die zu solchen Taten "getrieben" werden. Denn es sollte jedem klar sein: Jeder oder nahezu jeder Mensch kann ein Mörder sein, sei es im Krieg (lieber [...]
darüber nachzudenken, was mit diesen Menschen los ist und warum die zu solchen Taten "getrieben" werden. Denn es sollte jedem klar sein: Jeder oder nahezu jeder Mensch kann ein Mörder sein, sei es im Krieg (lieber schieße ich zuerst als mein Gegner) oder durch religiös motivierte Taten. Die meisten schieben solche Tagen gleich auf unsere Kanzlerin, sie hat ja angeblich alle ins Land geholt. Aber das ist der falsche Weg, zu hinterfragen wie man mit solchen Taten umgeht und noch wichtiger, wie man so etwas vermeiden kann. Denn die Vermischung der Kultur ist unausweichlich, wir müssen nur lernen, damit umzugehen, damit wir auch in Zukunft in Frieden leben können. Länder getrennt nach Rassen ist jedenfalls ein viel größeres Problem auf dieser viel zu kleinen Erde.
Gelbermatsch 06.08.2017
2.
Lieber SPON, ich finde es wirklich hervorragend, dass die Vorlesefunktion wieder da ist. Wenn das in Zukunft bei mehr Artikeln so ist, werde ich garantiert noch mehr SPON plus Artikel kaufen. Leider ist die Funktion in dieser Form [...]
Lieber SPON, ich finde es wirklich hervorragend, dass die Vorlesefunktion wieder da ist. Wenn das in Zukunft bei mehr Artikeln so ist, werde ich garantiert noch mehr SPON plus Artikel kaufen. Leider ist die Funktion in dieser Form noch nicht nutzbar. Es hakt ständig, auch mit gutem Wlan; man wird unvermittelt ganz aus der Aufnahme rausgeschmissen und kann dann nicht wieder an der alten Stelle weiterhören; es gibt keine Steuerungsfunktion, etc. Ich empfehle mal beim Economist zu schauen, wie die das gelöst haben.

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