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Sport
Ausgabe
48/2017

Basketball-Superstar Antetokounmpo

Der Mann, der Griechenland wieder groß macht

Mit Disziplin und eiserner Härte hat es Giannis Antetokounmpo vom Straßenverkäufer zu einem der besten Spieler der NBA gebracht. In seiner griechischen Heimat ist er ein Held, doch der Druck ist gewaltig.

Tom Pennington / AFP

Profi Antetokounmpo: "The Greek Freak"

Von
Samstag, 25.11.2017   08:17 Uhr

Jeden Morgen bekommt Giannis Antetokounmpo ein bisschen Pflege. Eine kleine Frau mit Besen wirbelt dann über den eingezäunten Basketballplatz im Herzen Sepolias, einem Viertel im Norden Athens. Sie fegt den Dreck von jenem Asphalt, auf dem Griechenlands neuer Nationalheld als buntes Graffito verewigt ist. Als Kind warf er hier seine ersten Bälle.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 48/2017
Stunde Null
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Aus der Luft betrachtet wirkt das leuchtende Kunstwerk zwischen all den grauen Betonbauten wie ein Fleckchen Hoffnung. In den für die Griechen so schwierigen Zeiten gilt ausgerechnet ein 22-jähriger Sohn nigerianischer Einwanderer als Vorbild dafür, dass es aus ärmlichen Verhältnissen einen Weg zu Ruhm und Reichtum gibt.

Giannis Antetokounmpo misst 2,11 Meter, hat Schuhgröße 49, und die Spannweite seiner Arme beträgt 2,22 Meter. Er kann den Basketball in einer Hand halten wie durchschnittlich gewachsene Menschen eine Grapefruit, mit seinen langen Beinen braucht er nur acht Schritte von einem Spielfeldende zum anderen.

In der schillernden amerikanischen Profiliga NBA, wo Antetokounmpo seit 2013 bei den Milwaukee Bucks unter Vertrag steht, haben sie ihm den Spitznamen "The Greek Freak" gegeben, griechischer Freak. Aber das weniger wegen seiner imposanten Statur oder seines fast unaussprechlichen Namens, sondern wegen seiner revolutionären Spielweise.

"Er ist ein Geschenk, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es das je geben wird", sagt Spiros Velliniatis, 48, sein Entdecker.

Antetokounmpo vereint die Ballsicherheit eines Spielmachers mit der Korbgefährlichkeit eines Flügelspielers und der Durchsetzungskraft eines Centers. Er setzt seine Teamkameraden mit klugen Pässen in Szene, blockt die Würfe seiner Gegner und kann explosionsartig auf Angriff umschalten.

Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Graffito Antetokounmpos im Athener Stadtteil Sepolia: Fleckchen Hoffnung zwischen grauen Betonbauten

Oft eilt er dann mit dem Ball über das gesamte Feld, springt schon Meter vor dem Korb ab und stopft das Leder mit voller Wucht durch den Ring. 30 Punkte erzielte der Grieche diese Saison im Schnitt pro Spiel - und gehört damit zu den erfolgreichsten Schützen der Liga.

Selbst in der mit Topspielern gespickten NBA hat es einen so vielseitigen und grazilen Riesen noch nie gegeben. Der Sportsender ESPN zählt Antetokounmpo bereits jetzt zu den Besten, nennt ihn in einer Reihe mit Größen wie LeBron James oder Stephen Curry. Kobe Bryant, Legende der Los Angeles Lakers, hält Antetokounmpo für einen Anwärter auf die Auszeichnung des wertvollsten Spielers der Saison. Bisher hat diesen Titel nur ein Europäer jemals erringen können: der Würzburger Dirk Nowitzki.

Für die Milwaukee Bucks ist Antetokounmpo eine Erlösung. Der Klub aus dem US-Staat Wisconsin zählte jahrelang zu den schlechtesten der Liga. Kaum einer wollte in Milwaukee spielen - dort, wo die Winter bitterkalt sind und der Regen durch das Dach der inzwischen 29 Jahre alten Arena tropft. Was blieb, war die Hoffnung auf ein Nachwuchstalent, das bereit ist, hart zu arbeiten.

Giannis Antetokounmpo musste schon immer arbeiten. Er ist der Sohn von Migranten, die auf der Suche nach einer besseren Zukunft 1991 illegal nach Griechenland gekommen waren. Sein kürzlich verstorbener Vater war früher Fußballspieler und später Handwerker. Seine Mutter war in ihrer Jugend Hochspringerin und putzte in Athen Häuser. Die Familie lebte in ständiger Angst, abgeschoben zu werden, zog viele Male um. Weil das Geld knapp war, mussten Giannis und sein zwei Jahre älterer Bruder Thanasis mit anpacken.

Jeden Tag nach der Schule verkauften die Kinder in den Gassen um die Akropolis Sonnenbrillen, Uhren und Videospiele. In der Weihnachtszeit sangen sie für Touristen Weihnachtslieder. Oft gingen sie hungrig zu Bett, teilten mit ihren zwei jüngeren Brüdern eine Matratze und träumten von Souflaki, gegrilltem Schweinefleisch am Spieß. Manchmal, wenn Giannis den Hunger nicht mehr aushielt, ging er los und durchwühlte Mülltonnen nach Essbarem.

Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Basketballtrainer Velliniatis

Antetokounmpo erzählte niemandem davon. Aus Scham und Stolz. Er beschreibt seine Kindheit öffentlich als glückliche Zeit. Aus seinem einstigen Umfeld in Griechenland erfährt man, dass die Realität weniger rosig war. Dass sein Vater trank und Drogen nahm. Dass die Brüder mit ihren Problemen oft allein zurechtkommen mussten.

Spiros Velliniatis, der Giannis Antetokounmpo die Chance auf ein besseres Leben gab, hat einige Jahre in Wuppertal gelebt. Der passionierte Basketballlehrer, der in seiner rechten Hand ständig ein Komboloi knetet, eine in Griechenland beliebte Perlenkette, lief selbst früher für den SSV Wuppertal auf und diente in der Bundeswehr. Als Jugendlicher wollte Velliniatis in die NBA, spielte an einer Highschool in Florida, später verkaufte er in Griechenland Öfen.

Heute holt Velliniatis Migrantenkinder von der Straße, um ihnen beim Basketball Werte fürs Leben mitzugeben. Harte Arbeit, Disziplin, Pünktlichkeit.

An einem sonnigen Tag im Oktober steht Velliniatis auf dem Basketballplatz in Sepolia und erzählt, wie er Antetokounmpo dort im Frühling 2007 entdeckte. Giannis war zu jener Zeit zwölf Jahre alt, ein dünnes Kind, das Fußballer werden wollte wie sein Vater. Auf dem Basketballplatz spielte er nur Fangen mit seinen jüngeren Brüdern.

Velliniatis hat in seiner Trainerlaufbahn viele Talente gesehen, "aber Giannis war anders", sagt er. Er habe sich trotz seiner langen Beine außergewöhnlich flink und geschmeidig bewegt, sei seinen Verfolgern im Kopf immer einen Schritt voraus gewesen. Velliniatis, so erzählt er es, habe ein Dankgebet zum Himmel geschickt. "Ich wusste sofort, dieser Junge ist etwas Besonderes", sagt er. Es klingt, als spräche er von einem Edelstein.

Velliniatis bekniete die Antetokounmpos, ihre Söhne Giannis und Thanasis zum Basketballklub Filathlitikos zu schicken, wo er damals Nachwuchstrainer war. Als Gegenleistung gab der Klub der Familie monatlich 500 Euro. Giannis mochte den Sport anfangs nicht. Er blieb nur dabei, damit die Familie überleben konnte.

Giannis verblüffte seinen neuen Mentor schon bei den ersten Übungseinheiten: Die Kinder sollten zur Kräftigung der Beine mit im 90-Grad-Winkel gebeugten Knien an der Wand hocken. Nach und nach brachen alle ein, nur Giannis ertrug das Brennen in den Oberschenkeln sieben Minuten lang. "Er wollte bei allem, was er tat, der Beste sein", sagt Velliniatis.

Velliniatis brachte Giannis Dribbeln und Werfen bei. Er zeigte ihm im Internetcafé YouTube-Videos von Magic Johnson, dem legendären Passgeber der Los Angeles Lakers, und von Allen Iverson, der es aus dem Gefängnis in die NBA geschafft hatte.

Velliniatis erklärte ihm, dass er genauso gut werden könne, wenn er sich nur genügend anstrenge. Und irgendwann habe Giannis selbst daran geglaubt. Jahre später wird Antetokounmpo sagen, dass Velliniatis für ihn wie ein zweiter Vater gewesen sei.

Es gibt einige Menschen, die dabei halfen, Giannis Antetokounmpo zu formen. Trainer, Betreuer und der grauhaarige Cafébesitzer Ioannis Tzikas, der auch Präsident eines Fanklubs der griechischen Basketballnationalmannschaft ist. Tzikas nannte Antetokounmpo immer "den Hunger auf zwei Beinen" und gab ihm morgens für die Schule Sandwiches und Äpfel mit. "Der Junge wäre sonst nicht über den Tag gekommen", sagt er. Giannis tat ihm leid.

Weil Antetokounmpo kein Geld hatte, fuhr er nach dem Unterricht meist ohne Ticket mit dem Bus in die Sporthalle von Filathlitikos, nach Zografos, im Osten Athens. Die Basketballschuhe teilte er sich mit seinem Bruder Thanasis. Sechs Stunden täglich plagte er sich, zuerst mit Hanteln, dann im Mannschaftstraining. Wenn er bei einem Testspiel verlor, schlug er aus Frust mit seiner Faust gegen die Wand. Wenn andere duschen gingen, warf Antetokounmpo noch Körbe. Abends lief er die zehn Kilometer nach Hause.

"Giannis konnte nicht erwarten, besser zu werden", sagt Grigoris Melas, der ihn in der Jugend vier Jahre lang trainierte. "Er hatte schon früh einen irre hohen Basketball-IQ." Im Alter von 16 Jahren debütierte Antetokounmpo in der Männermannschaft von Filathlitikos. Als das Team 2013 die entscheidende Partie um den Aufstieg in die erste Liga verlor, weinte Antetokounmpo bitterlich.

Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Förderer Tzikas: "Ein Geschenk"

Im Juni 2013 verpflichteten die Milwaukee Bucks den 18-Jährigen an 15. Stelle des amerikanischen Drafts - jenes Auswahlsystems, bei dem die NBA-Teams in einer festgelegten Reihenfolge entscheiden, welcher Nachwuchsspieler einen Vertrag erhält. Für den Klub war Antetokounmpo ein Risiko, ein Junge aus der zweiten griechischen Liga ohne internationale Erfahrung. Aber die Bucks glaubten an ihn. Und die griechischen Behörden inzwischen auch.

Sie hatten den in Athen geborenen Antetokounmpo am 9. Mai 2013 noch schnell zum griechischen Staatsbürger gemacht - als sicher war, dass er dem Land als sportliches Aushängeschild dienen kann. Antetokounmpo war jetzt nicht mehr der Sohn afrikanischer Migranten, die in Griechenland gern für die wirtschaftliche Misere des Landes verantwortlich gemacht werden. Er schwebte jetzt über den Dingen.

Die Milwaukee Bucks, von denen Antetokounmpo nie zuvor gehört hatte, amerikanisierten ihn zügig. Teamkollegen gingen mit ihm Hamburger essen, der Videokoordinator zeigte ihm, wie man Live-TV zurückspult, und lieh ihm einen Geländewagen mit Allradantrieb.

Antetokounmpo twitterte über seinen ersten Smoothie, schaute zum Englischlernen Eddie Murphys Komödie "Der Prinz aus Zamunda". Dann holte er seine Eltern und die jüngeren Brüder Kostas und Alexandros zu sich nach St. Francis, einem Stadtteil von Milwaukee. Sie teilten ein Apartment, wie früher in Athen.

Die NBA fühlte sich für Antetokounmpo anfangs an wie ein Schlaraffenland. Er schleppte aus der Spielerlounge Schachteln mit Kuchen und Getränken nach Hause. Als einer seiner Mitspieler ein paar Basketballschuhe in den Müll warf, fischte Antetokounmpo sie wieder heraus. "These are good shoes", die Schuhe sind doch noch gut, rief er. Die Teamkollegen lachten.

Die erste Saison war schwierig für Antetokounmpo. Als Ersatzmann erzielte er nur sieben Punkte pro Partie und wirkte in der Verteidigung oft überfordert. Ihm fehlte die Athletik, um es mit den Kraftpaketen der Liga aufnehmen zu können.

Doch die Bucks blieben geduldig, ließen ihn Gewichte stemmen, bis er hundert Kilogramm auf den Rippen hatte, zehn mehr als zuvor. Sie verordneten ihm Wurftraining, feilten an seinen Bewegungen. Antetokounmpo saugte jeden Rat auf wie ein Schwamm.

Antetokounmpo hält sich bis heute nicht mit Dingen auf, die er gut kann. Wenn er nach einem Spieltag frustriert über seine Leistung ist, stürmt er schon mal ungeduscht und voller Zorn aus der Arena, um in der Trainingshalle seine Aktionen erneut minutiös durchzuspielen. "Anders bekomme ich den Ärger nicht aus meinem Kopf", sagt er.

Bei den Bucks sorgen sie sich manchmal, dass Antetokounmpo zu hart mit sich selbst ist. Geschadet hat es bislang nicht. Seit der Grieche zum Anführer gereift ist, hat das Team wieder gute Chancen auf einem Play-off-Platz. Und Antetokounmpo taucht mit seinen spektakulären Flugeinlagen und Blocks fast wöchentlich in den Highlight-Videos der NBA auf.

In Milwaukee sind die Menschen vom Phänomen Antetokounmpo wie elektrisiert. Stolz tragen sie nun wieder das Trikot ihres Teams. "Giannis hat die Bucks wieder cool gemacht", sagt die Chefin eines Restaurants nahe der Arena. Antetokounmpo sagt: "Ich liebe Milwaukee. Ich bleibe noch 20 Jahre hier."

Für die Griechen ist Antetokounmpo die größte Sportikone, seitdem Nikos Galis das Land 1987 zum EM-Titel führte und Basketball zur nationalen Obsession machte. In den Straßen Athens weiß jeder Kellner, jeder Straßenverkäufer, wie die Milwaukee Bucks gespielt haben und wie viele Punkte Antetokounmpo erzielt hat. Sie erzählen von den Nächten, die sie sich für Liveübertragungen um die Ohren geschlagen haben. Von Töchtern, die plötzlich Basketballfans sind.

Umso größer war die Enttäuschung in Griechenland, als Antetokounmpo seine Teilnahme an der diesjährigen Europameisterschaft wegen einer Knieverletzung über Instagram und Facebook absagte - gleichzeitig aber als "NBA-Botschafter" auf Werbetour durch China zog.

Der griechische Basketballverband warf der NBA und den Milwaukee Bucks vor, die Knieprobleme nur vorgeschoben zu haben. Die Fans waren sauer, weil sie von Antetokounmpo mehr Loyalität und Taktgefühl erwartet hatten. Viele zeigten nach Deutschland. "Wenn du eine Legende werden willst, musst du so oft für dein Land spielen wie Dirk Nowitzki", sagt einer. "Das hat etwas mit Respekt und Dankbarkeit zu tun."

Auch Antetokounmpos frühere Trainer würden sich über eine Geste der Erkenntlichkeit freuen. Spiros Velliniatis, Antetokounmpos Entdecker, zahlt die Bustickets für die afrikanischen Kinder in seiner Trainingsgruppe aus eigener Tasche, die Platzgebühren für den Saisonbetrieb muss er über Spenden decken.

Antetokounmpo hat bei den Milwaukee Bucks einen Vertrag bis 2021 unterschrieben. Er garantiert ihm 100 Millionen Dollar. Seine einstigen Förderer haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er sich an seine Ursprünge erinnert.

Im Video: Griechenlands Basketball-Superstar

Foto: Nikos Pilos, pilos.nikos@gmail.com, +306944784488

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