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Panorama
Ausgabe
48/2017

Ärztepfusch

Wenn die sanfte Geburt plötzlich zum Drama wird

Kamen in Bayreuth Babys behindert oder tot zur Welt, weil ein Klinikarzt auf "natürliche Geburt" setzte? Ein Opfer wartet seit Jahren auf Entschädigung.

Nora Klein / DER SPIEGEL

Großeltern Kluge mit Johnny

Von
Montag, 27.11.2017   04:03 Uhr

Ingrid Kluge sitzt mit Johnny in ihrer Wohnküche und füttert ihren neunjährigen Enkel mit Babybrei. Schränke und Schubladen sind abgesperrt, der Kühlschrank ist mit einem Riegel gesichert.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 48/2017
Stunde Null
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Johnny kann weder kauen noch richtig schlucken, er könnte ersticken an einem Stück Brot. Und doch greift er nach allem, was er erreichen kann, und steckt es sich in den Mund. "Wir müssen aufpassen, 24 Stunden, rund um die Uhr", sagt Kluge.

Es ist kein einfaches Leben mit Johnny: Seine blauen Augen blicken ins Leere, er wird niemals sprechen, lesen oder schreiben lernen und immer auf dem Stand eines Kleinkindes bleiben. "Wenn es Schicksal gewesen wäre, müssten wir uns damit abfinden", sagt Kluge, 60, und streicht ihrem Enkel übers Haar. Doch Johnnys Behinderung hat wohl nichts mit Schicksal zu tun. Sie geht auf "gravierende organisatorische Mängel und Behandlungsfehler" im Bayreuther Klinikum zurück und "wäre vermeidbar gewesen" - so steht es jedenfalls in einem Gutachten der Rechtsmedizin der Uniklinik Köln, das im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bayreuth gefertigt wurde.

Bei drei Geburten haben Gutachter dem Klinikum schwere Mängel vorgehalten: Johnny und ein anderes Kind überlebten schwerstbehindert, eines starb. Die Vorwürfe gegen den für die Geburten verantwortlichen Arzt Dr. M. wurden der Staatsanwaltschaft 2013 durch eine anonyme Anzeige bekannt. Alle Ermittlungen wurden eingestellt. "Die Fehlerhaftigkeit des Arztes stellt nicht immer auch eine Straftat dar", erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Johnnys Fall war bereits verjährt, als die Anzeige erstattet wurde, ein Gericht konnte darum nicht darüber entscheiden.

Familie Kluge geht es nun wie vielen Opfern von Behandlungsfehlern: Sie müssen mit den Versicherungen um Entschädigung kämpfen, leiden nicht selten unter wirtschaftlicher Not, weil die Betreuung schwerstkranker Menschen aufwendig ist. Doch die beteiligten Ärzte haben oft nichts zu befürchten.

Johnnys Mutter Lisa war 16 Jahre alt, als sie ihren Sohn nach langen Qualen zur Welt brachte, sie lag fast 30 Stunden in den Wehen. "Mein Mann hat Dr. M. angefleht, einen Kaiserschnitt zu machen, die Lisa konnte doch nicht mehr", erinnert sich Oma Kluge.

Eine Hebamme warnte erst kürzlich in einem Schreiben an niedergelassene Frauenärzte vor den Praktiken von Dr. M.: "Seine Empfehlungen zur Geburtseinleitung entsprechen keinen uns bekannten Leitlinien." Mitarbeiter berichten, dass er ein Anhänger natürlicher Geburten sei. In einem anderen Schadensfall bei einer Geburt stellte sich laut Gutachten darum auch die Frage, "warum die Entbindung unbedingt hinausgezögert werden sollte. Was wollte man angesichts der potenziell bestehenden Risiken erreichen?"

Johnny kam fast ohne Lebenszeichen zur Welt, sein Gehirn war eine Weile nicht mit Sauerstoff versorgt worden. In einem solchen Fall müssten Kinderärzte schon im Kreißsaal stehen, um den Säugling optimal versorgen zu können. Doch bei Johnny dauerte es Minuten, bis die Fachärzte eingreifen konnten. Dass sie erst "angepiepst" werden mussten, sei ein vermeidbares organisatorisches Problem gewesen, so das Gutachten.

Überlastetes Personal, Organisationsmängel - wegen solcher Probleme geriet das Klinikum Bayreuth schon 2014 in die Kritik (SPIEGEL 32/2014). Viele Eltern in Bayreuth wählten danach für die Geburt lieber andere Krankenhäuser aus.

Seither, sagt der heutige Geschäftsführer des Klinikums Joachim Haun, habe sein Haus ernsthaft versucht, sich von Dr. M. zu trennen. Vergebens - M. erhielt eine Abmahnung und wehrte sich dagegen, inzwischen ist sie gelöscht. Immerhin konnte Haun mit einer Vereinbarung erreichen, dass der Arzt seit Mai 2015 keine Geburten mehr durchführen darf. Dr. M. sollte im Klinikum seither als Leiter der Geburtshilfe Ambulanz arbeiten.

Aber warum tauchte Dr. M. vor Kurzem wieder im internen Organigramm als Leitender Oberarzt der Geburtshilfe auf? Haun kann es nicht erklären. Ein Fehler im Sekretariat vielleicht. Und warum wurde der Fehler erst drei Monate später korrigiert? Weiß er auch nicht so recht.

Arbeitsrechtlich sei nichts zu machen, bedauert der Klinikchef: Wäre es zur Anklage gegen M. gekommen, hätte die Klinik ein außerordentliches Kündigungsrecht gehabt. "Und das hätten wir auch wahrgenommen." Dr. M. halte sich für unschuldig und bitte, in Ruhe gelassen zu werden, sagt seine Anwältin.

Ingrid Kluge und ihr Mann Andy haben sich vor neun Jahren entschieden, den Enkel aufzuziehen. Ihre Tochter Lisa sollte als Teenager erwachsen werden können, ohne ein schwerstbehindertes Kind pflegen zu müssen. Die Großmutter hofft, dass ihre Kraft noch lange reicht, Johnny zu versorgen. "Er hat doch nichts außer uns." Im vergangenen Jahr mussten sie sechsmal eine neue Matratze für den Jungen kaufen, trotz aller Inkontinenzauflagen. Monatlich geben sie mehrere Hundert Euro für Windeln und Pflegematerial aus; es dauert oft Wochen, bis die Krankenversicherung die Kosten erstattet. Immer wieder mal fehlt vorübergehend das Geld für die Miete, neulich sollte der Strom gesperrt werden.

Die Versicherung hat eine hohe Rückstellung für Johnny gebildet, ein paarmal hat sie schon Teilzahlungen geleistet. Aber es bleibt eng. Anfangs konnte das Paar morgens noch Zeitungen austragen, um Geld für die Pflegekosten zu verdienen. Doch jetzt sind sie rundum mit dem Jungen beschäftigt.

Wann immer möglich, schlägt sich Andy Kluge, ein gelernter Metzger, mit Gelegenheitsjobs durch.

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