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Wirtschaft
Ausgabe
49/2017

Geld-Spekulation

Was Anleger vom Bitcoin-Boom lernen können

Die Wertsteigerung der Kryptowährung Bitcoin erinnert an die Exzesse der New Economy. Doch die Idee ist gut - und würde wohl auch einen Crash überleben.

REUTERS
Eine Analyse von
Sonntag, 03.12.2017   15:44 Uhr

Was sind das für turbulente Zeiten für all diejenigen, die schon eine elektronische Brieftasche und ein paar Bitcoins haben. Anfang der Woche durchbrach der Kurs der virtuellen Währung erstmals die 10.000-Dollar-Marke und stieg dann scheinbar unaufhaltsam weiter, um am Mittwoch zeitweise um gut 20 Prozent nach unten zu rauschen. Die deutsche Finanzaufsicht warnt, Starökonomen wie Joseph Stiglitz fordern ein Verbot, und die aktuellen Prognosen für 2018 reichen von einem weiteren Anstieg auf 40.000 Dollar und mehr bis zum drohenden Totalverlust.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 49/2017
Verlierer an die Macht!
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Willkommen in der schwindelerregenden Welt der Kryptowährungen, deren aktuelle Rallye märchenhaft anmutende Geschichten von mühelos zugeflogenem neuem Reichtum schreibt. Wer 2011 für 100 Euro Bitcoins kaufte und sie behielt, konnte sich in dieser Woche zur Kaste der Kryptomillionäre zählen. Der neue Computergeldadel ist eine bunte Gesellschaft aus meist jüngeren Idealisten, Techies, Anarchisten und libertären Anhängern von Friedrich August von Hayek, der schon in den Siebzigern von einer Entnationalisierung des Geldes träumte. Vermögend werden gerade viele Programmierer, die sich in Bitcoin bezahlen ließen. Und Onlinekriminelle, die zu den Ersten gehörten, die die Vorzüge virtueller Währungen erkannten.

Es gab in den vergangenen Jahren schon mehrere Hypes um das Kryptogeld und immer wieder herbe Abstürze. Doch der rauschhafte Wahn dieser Woche ist ein ökonomisches Großereignis. Manche vergleichen es mit der Tulpenblase in Holland um 1635, als für eine Zwiebel zeitweise der Preis eines Hauses in Amsterdam verlangt worden war. Andere fühlen sich an die wildesten Zeiten der "New Economy" Ende der Neunzigerjahre erinnert. Damals schossen selbst Aktien junger Unternehmen durch die Decke, die fantasievolle Versprechungen machten, aber kaum Umsatz und schon gar keinen Gewinn.

Der Bitcoin-Boom wirkt noch erstaunlicher, denn der Preis der Kryptowährung ist anders als bei Aktien, die Unternehmensanteile repräsentieren, durch keinerlei realen Wert gedeckt. Die Käufer erwerben nicht mehr als einen langen Code aus Ziffern und Buchstaben. Der anonyme Bitcoin-Erfinder mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto hat sein alternatives Computergeld kurz nach der Weltfinanzkrise entwickelt: als neue Währung ohne den Einfluss von Staaten und Zentralbanken, die anonymes, schnelles und kostengünstiges Bezahlen über alle Grenzen hinweg ermöglichen sollte. Ein Geniestreich war vor allem sein Konzept eines dezentralen elektronischen Kassenbuchs, der Blockchain, in der alle Transaktionen in Blöcken auf vielen Rechnern abgespeichert werden, was das System fälschungssicher macht.

Die aktuelle Rekordjagd hat mehrere Ursachen. Bitcoin entwächst zunehmend aus der Nische der Nerds, immer neue Berichte über Höchststände machten die virtuelle Währung vom Zahlungsmittel zum Spekulationsobjekt. Selbst private Anleger sehen Bitcoins angesichts von Minizinsen und Inflationsängsten zunehmend als Alternative. Dass Japan sie im Frühjahr als offizielles Zahlungsmittel zuließ, trägt genauso zum Boom bei wie die mehr als 100 Kryptohedgefonds, die allein in diesem Jahr auf den Markt drängten. Erste Banken ermöglichen zudem den komfortablen Einstieg ganz ohne Wallet und Internetbörsen - und senken so die technischen Hürden. Nun können selbst Computerlaien leicht mitzocken.

Als Vehikel für die Kapitalflucht sind Bitcoins ebenfalls beliebt: Wenn China wie im Januar die Regeln für die Kapitalausfuhr verschärft, die türkische Lira weiter abwertet und Venezuela und Simbabwe im Chaos versinken, steigt jeweils die Nachfrage. Der Bitcoin ist zu einer Krisenwährung geworden.

Hinzu kommt eine junge, kreative Entwicklerszene, die neue Anwendungen für die Blockchain entwickelt. Ihr Startkapital sammeln diese Start-ups zunehmend nicht mehr bei Wagniskapitalfirmen ein, sondern indem sie eigene Coins ausgeben. Mit denen können ihre Investoren dann Dienste des Unternehmens bezahlen oder an dessen Gewinnen partizipieren. Bei solchen "Initial Coin Offerings" sind schon mehr als 3,5 Milliarden Dollar geflossen - zumeist in Bitcoin.

Trotz aller Warnungen und Wertschwankungen ist das Vertrauen in virtuelle Währungen zuletzt gestiegen - denn der Bitcoin hat sich bislang nicht nur von seinen Abstürzen wieder erholt. Er hat in diesem Jahr sogar zwei Abspaltungen (in Bitcoin Cash und Bitcoin Gold) überstanden. So nährt der Boom den Boom - und die Angst, einen Megatrend zu verpassen.

Käufer gehen bei den aktuellen Kursen indes immense Risiken ein: Sie müssen hoffen, jemanden zu finden, der bereit ist, irgendwann mehr für ihre Bitcoins zu zahlen. Es gibt weder eine Einlagensicherung noch eine Notenbank, die stabilisierend eingreifen könnte. Wenn die Nachfrage einbricht, große Positionen verkauft werden oder Regierungen den Bitcoin schärfer regulieren sollten, drohen neue rapide Sinkflüge.

Die Idee des Satoshi Nakamoto würde mittlerweile wohl selbst einen Crash überleben. Im Windschatten seines Bitcoins ist längst eine parallele Finanzwelt entstanden - mit mehr als 1300 aktiven Kryptowährungen. Einige könnten das Zeug haben, den Bitcoin mit seinen Schwächen als Computer-Leitwährung abzulösen, Ethereum etwa. Der "Ether"-Preis stieg in diesem Jahr denn auch prozentual noch stärker als der des Bitcoins: von unter 9 auf mehr als 400 Dollar.

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