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Wirtschaft
Ausgabe
8/2018

Formularstreit vor dem BGH

Wie eine 80-Jährige das Sparkassen-Patriarchat bekämpft

Marlies Krämer, 80, streitet mit ihrer Sparkasse, weil sie auf Formularen "Kontoinhaber" und nicht "Kontoinhaberin" genannt wird. Nun entscheidet der Bundesgerichtshof.

DPA

Klägerin Marlies Krämer

Von
Montag, 19.02.2018   14:31 Uhr

Marlies Krämer begann zu kämpfen, weil ihr Reisepass abgelaufen war. Als sie im Rathaus einen neuen beantragen wollte, wurde sie auf dem entsprechenden Formular als "Inhaber" bezeichnet. "Ich war aber eine Inhaberin", sagt sie.

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Also verzichtete Krämer auf den Pass und begann stattdessen Unterschriften zu sammeln und für eine Änderung zu kämpfen. Mehrere Jahre lang blieb sie ohne Papiere, bis 1996 der Bundesrat nach EU-Verhandlungen beschloss, die Formulierung anzupassen. "Unterschrift der Inhaberin/des Inhabers", heißt es seitdem in allen Ausweisen.

Es war ein eher kleiner Sieg, zumindest gemessen an der Größe der Aufgabe, die sich Krämer vorgenommen hatte: Sie wollte für die Feminisierung der deutschen Sprache arbeiten. Ihre nächste Kampagne galt den meteorologischen Wetterbezeichnungen. Zusammen mit dem bekannten Wettermann Jörg Kachelmann kämpfte sie gegen die Tradition, Hochdruckgebiete immer nach Männern und Tiefdruckgebiete nach Frauen zu benennen.

Am 20. Februar dieses Jahres will sich die mittlerweile 80-jährige Saarländerin nun auf den Weg nach Karlsruhe machen, zum Bundesgerichtshof. Dort müssen die Richter in einem Rechtsstreit urteilen, den Krämer gegen die Sparkasse Saarbrücken führt. Sie erwartet, dass die Bank ihre Kundinnen in Formularen ausdrücklich in der weiblichen Form anspricht.

Bislang nämlich "schweigt die Sparkasse Frauen tot", wie Marlies Krämer sagt. Auf Formularen etwa zur Kreditaufnahme ist vom "Darlehensnehmer" oder "Kontoinhaber" die Rede, nie von der "Darlehensnehmerin". "Da werde ich zwangsweise geschlechtsumgewandelt", argumentiert Krämer.

In den beiden vorigen Instanzen hat Krämer verloren, doch sollten ihr die Karlsruher Richter nun recht geben, wäre das für die deutsche Bankenbranche ein echtes Problem: Die strittigen Vordrucke werden vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) formuliert und auch in allen anderen deutschen Sparkassen verwendet. Es geht um mehr als tausend verschiedene Formulare. Viele private Banken verwenden in ihren Verträgen und Dokumenten ebenfalls bislang nur die männliche Form.

In Deutschland sei es üblich, das Maskulinum "generisch", also neutral zu verwenden, sagt DSGV-Sprecher Stefan Marotzke. "Dies findet sich in vielen Gesetzestexten, Vertragswerken und Geschäftsbedingungen."

Aber ist es deshalb auch richtig?

In Wissenschaft und Politik werden solche Fragen rund um die deutsche Sprache seit Jahrzehnten diskutiert. Studien kamen schon mehrfach zu dem Schluss, dass Frauen sich oft gerade nicht angesprochen fühlten, wenn die maskuline Form verwendet werde. "Wer denkt denn an eine Frau, wenn es zum Beispiel heißt: der Bankdirektor?", fragt Maria Wersig, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes.

"Die deutsche Sprache ist besonders patriarchalisch aufgebaut, darüber muss diskutiert werden", sagt die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch.

Marlies Krämer fühlt sich durch die männliche Formulierung in den Sparkassenformularen "diskriminiert, diffamiert und ausgegrenzt", wie sie sagt. "Frauen stellen die Mehrheit der Bevölkerung, aber in unserer Muttersprache kommen wir nicht vor. Als gäbe es uns gar nicht. Dadurch erfahren wir Frauen gesellschaftlich eine geringere Wertschätzung als Männer."

Als Krämer aufwuchs, durften Frauen noch nicht einmal allein ein Bankkonto eröffnen. Sie selbst musste trotz guter schulischer Leistungen auf das Abitur verzichten und auf Wunsch des Vaters Verkäuferin lernen.

Später bekam sie vier Kinder und war Hausfrau, bis 1972 ihr Mann plötzlich starb, "da war das kleinste zwei Jahre alt", erinnert sich Krämer. Dieser Schicksalsschlag habe aus ihr gemacht, wer sie heute sei.

Krämer brachte die Kinder als Küchenhilfe durch, und als alle groß waren, begann sie ein Soziologiestudium und wurde politisch aktiv. Sie sei eine "engagierte Feministin", sagt Krämer. Die Sprache sei ihr dabei besonders wichtig, "weil sie das wichtigste Integrationsmittel und das höchste Kulturgut ist, das wir haben. Ich habe das verfassungsmäßige, legitime Recht und den Anspruch, als Frau in Sprache und Schrift erkennbar zu sein".

Juristin Wersig findet, Sprache sei "ein Spiegelbild gesellschaftlicher Strukturen und damit auch Ausdruck von hergebrachten Hierarchien". Bei der Sparkasse dagegen verweist man auf die Lesbarkeit der Dokumente. "Wir wollen unsere aufgrund der gesetzlichen Vorgaben ohnehin schon oft komplexen Texte nicht noch komplizierter machen", sagt DSGV-Sprecher Marotzke. "Zumal Sprachregelungen, die neben dem männlichen nur das weibliche Geschlecht aufführen, zu kurz greifen." Das Bundesverfassungsgericht habe inzwischen schon ein drittes Geschlecht anerkannt.

Rechtsanwalt Wendt Nassall, der Klägerin Krämer in Karlsruhe vertritt, findet, man solle einfach neutral von der "kreditnehmenden Partei sprechen statt vom Kreditnehmer".

Linguistin Pusch hat einen ganz anderen Vorschlag: Wenn es eine allgemeingültige Form für alle Geschlechter geben soll, dann könne man jetzt die weibliche nehmen, nachdem bislang immer die männliche galt.

Klägerin Krämer setzt diese Philosophie im Privatleben schon um. "Die weibliche Form ist die eigentlich korrekte", findet sie, "da steckt die männliche oft schon drin. Die Einwohnerin etwa beinhaltet den Einwohner sehr wohl. Umgekehrt ist es nicht so."

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