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Wirtschaft
Ausgabe
11/2018

China stoppt Abfallimporte

Wohin jetzt mit unserem Müll?

Seit Beginn des Jahres importiert China keine Abfälle mehr. Nun sitzt Deutschland auf 560.000 Tonnen unrecyceltem Plastik. Doch es gibt einen Ausweg.

Jakob Boerner / DER SPIEGEL

Abfallmanager Wilcken

Von
Mittwoch, 14.03.2018   09:53 Uhr

Dass da irgendetwas auf ihn zukommen würde, war Hans-Dieter Wilcken spätestens klar, als er während des Familienurlaubs in Malaysia einen Trip zur Schildkröteninsel gebucht hatte. Auf der Fahrt dorthin musste der Bootsführer alle paar Minuten den Außenborder von Plastik befreien. "Der lachte dabei immer", sagt Wilcken. Die anderen im Boot aber wussten, dass eine Grenze erreicht war. Dass es so nicht weitergeht mit unserem Müll, nicht mal in Asien.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 11/2018
Das düstere Ich
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Hans-Dieter Wilcken hat auch außerhalb von Urlaubsreisen mit Müll zu tun. Nicht dass ihm Plastikklumpen in Schiffsschrauben bekannt gewesen wären. Das nicht. Aber als Geschäftsführer der Firma Nehlsen, eines mittelständischen Entsorgungsunternehmens mit Sitz im Bremer Hafen, sammelt Wilcken jedes Jahr 25.000 Tonnen Plastikabfälle ein. Meist Verpackungsfolien, von Discountern. Die werden zu Ballen gepresst und an Abfallmakler verkauft. 8000 Tonnen davon gehen jährlich vor allem nach China.

"Gingen", sagt Wilcken. Von seinem Fenster aus schaut er auf die Rückwand eines Stahlwerks im Hafen. "Stellen Sie sich vor, Sie rasen auf eine Wand zu. Und das mit Tempo 180. Und keine Ausfahrt in Sicht."

Der Schrecken, der Wilcken noch immer im Körper zu sitzen scheint, hatte sich eher unspektakulär angekündigt, es war eine Mitteilung des Umweltschutzministeriums der Volksrepublik China, adressiert an die Welthandelsorganisation (WTO) und datiert auf den 18. Juli 2017. In dem Schreiben, WTO 17-3880, teilte China der Welt mit, dass es nach einer dreimonatigen Übergangszeit vom 1. Januar 2018 an die Einfuhr von 24 Abfallsorten verbieten werde. Darunter unsortiertes Altpapier, metallische Schlacken und Aschen, Textilien, Plastikabfälle und Plastikschnipsel, Plastikbruch aus alten Autos, CDs, Elektroschrott und unsortierte Folien, PET-Flaschen und Bobbycars, Shampooflaschen und Kabel und, und, und.

"Ich habe alle ins Besprechungszimmer gerufen und gesagt: ,Ich bitte um Vorschläge.'" Hans-Dieter Wilcken hatte ein Problem. Und nicht nur er.

Der Brief aus China hat die Abfallbranche weltweit in den Panikmodus versetzt. In kein anderes Land ist in den vergangenen Jahren so viel Plastikabfall geliefert worden. Das meiste davon zwar nur Gewerbeabfall, nicht das liebevoll sortierte Material aus der guten alten Gelben Tonne. Aber Gewerbeabfall in Hülle und Fülle, allein 2016 elf Millionen Tonnen aus Europa. Und von der amerikanischen Westküste gehen täglich 1500 Container über den Pazifik.

Abfall ist das sechstwichtigste Exportgut der USA im chinesischen Markt. Das Verschiffen von Plastikabfall um die halbe Welt macht keinen geringen Teil des internationalen Frachtaufkommens aus.

China war, für Industrieabfall, der Gelbe Sack der Welt. Und der ist jetzt voll. Zugeschnürt, dichtgemacht.

Das WTO-Schreiben vom 18. Juli vergangenen Jahres betrifft jeden irgendwann und alles irgendwie. Es hat Auswirkung auf die Kantenschoner der Ikea-Backöfen und auf die Art, wie unser Kaffee verpackt ist. Es hat zur Folge, dass südlich von Kuala Lumpur ein Tiefwasserhafen ausgebaggert wird und in den USA der Börsenkurs von DowDuPont ansteigt.

Mit dem Schreiben hat auch zu tun, dass die chinesische Familie Deng beim deutschen Recyclingkonzern Alba eingestiegen ist und dass in Schwerin seit Januar schon 20 Delegationen aufgetaucht sind, alle aus China und alle außerordentlich interessiert an einer Wundermaschine, die Müll wieder zu Rohstoff macht.

Es hat Frachtrouten umgeleitet, Verlierer zu Gewinnern gemacht und Abteilungen des Bundesumweltministeriums gegeneinander aufgebracht. Es hat mit vielem zu tun und sehr viel mit uns.

Abfall ist kein Müll. Abfall ist ein Gut wie jedes andere, nur besser.

Abfälle sind das Paralleluniversum zur Warenwelt, ein dunkles und verborgenes, häufig übel riechendes anderes, ein Stoff, der in gewaltigen Strömen unaufhörlich um den Globus fließt, für den es Handelsagenturen gibt und Börsen, Spekulationen, Schwarzmärkte und Termingeschäfte.

Und das ist so seit dem 27. September 1994. Zu jenem Zeitpunkt erhob der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer weltweit erstmals den Abfall zur Ware, und zwar per Gesetz. Sein Kreislaufwirtschaftsgesetz erschuf eine Welt aus Grünem Punkt, Trennbehältern vor jedem Mietshaus und Parkbänken aus unschönem Material.

Es war eine Revolution, eine Wandlung, eine Transsubstantiation wie in der katholischen Messe: Aus Laib wird Leib, aus Dreck ein Sekundärrohstoff, mit dem sich handeln und viel Geld verdienen lässt. Aus Dreck wird Geld! Ein Wunder.

Ein ganzer Industriezweig ist entstanden, mit mehr als elf Milliarden Euro Umsatz allein in Deutschland.

Es gibt inzwischen einen Weltmarkt für gebrauchte PET-Flaschen, wie es einen für Weizen gibt. Auf Alibaba, dem chinesischen Ebay, wird Plastikabfall in jeder Art und Mischung angeboten, ballenweise oder per Container, "Mindestorder 1000 Tonnen", so eine aktuelle Kleinanzeige.

Man kann das "neue Seidenstraße" nennen. Man könnte auch sagen: Cloaca Maxima. Es war ein großes Abkoten in Richtung Morgenröte und kaum der Kreislauf, den sich Klaus Töpfer einmal gedacht hatte.

Das Geschäft funktionierte, weil alle Seiten etwas davon hatten. "Wir haben unseren chinesischen Geschäftspartnern den Plastikabfall ja nicht aufgedrängt", sagt Hans-Dieter Wilcken, der Mann von Nehlsen in Bremen. "Sie zahlten einfach den höchsten Preis pro Tonne."

400 Euro für die Tonne transparenter Packfolie. Fast das Doppelte von dem, was die deutschen Recycler bieten konnten. Die hatten teure Anlagen gebaut, mussten oft mangels Masse aufgeben oder ließen ihre Maschinen auf Minimalbetrieb laufen. China gründete spezielle Einkaufsagenturen in Europa, nur um Abfall aufzukaufen, zu kontrollieren und in verplombten Containern über Hongkong ins Land zu holen.

Denn China hat kein Öl, nicht in ausreichender Menge jedenfalls. Öl aber braucht man für die Herstellung jener Makromoleküle, die Polymere genannt werden, für Polyethylen, Polypropylen, PVC und PC, PVB und PET, mit einem Wort: für Plastik.

Statt sich das Rohplastik von den Chemiekonzernen im Ausland neu und teuer liefern zu lassen, kaufte sich China gebrauchtes Plastik auf dem Weltmarkt zusammen, mehr oder weniger sauber sortiert. Verarbeitete es in eigenen Fabriken zu Sekundärrohstoff, presste es zu Granulatkugeln für all die Shampooflaschen (Polypropylen), Gießkannen (Polyethylen), Joghurtbecher (Polystyrol), die Fleecejacken (PET), die Handyhüllen und Campingmöbel, all das Zeug also, was - oft in denselben Containern, in denen es als Rohstoff kam - wieder nach Deutschland verschifft wird, zum Großteil über die Terminals von Bremen, direkt unter der Nase von Hans-Dieter Wilcken.

Nach Artikel 34 f. der europäischen Abfallverbringungsverordnung darf Müll die EU verlassen, sofern er mengen- und qualitätsmäßig erfasst ist, "notifiziert", und der Abnehmer eine Lizenz zum Recyceln bekommen hat. Verboten ist nur, die Abfälle auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen zu kippen.

Dann passierte, was auch in Mietshäusern passiert: Die Disziplin an der Tonne ließ nach. Schwarze Schafe gibt es überall, und so verkam der gelieferte Abfall immer mehr zu Dreck, unsauber getrennt, mit Störstoffen durchsetzt und unverwertbar. So kam es im Februar 2013 zur Operation "Grüner Zaun", womit ein hartes Durchgreifen des chinesischen Zolls gemeint ist.

Die Kontrollen in den Importhäfen Chinas wurden schärfer: "Die Chinesen erklärten, wir wollen euren Müll nicht mehr, wir wollen guten Kunststoff", sagt Wilcken. Manche Entsorgungsfirmen mussten ganze Frachtladungen zurückholen, auf eigene Kosten.

Das war absehbar - denn Dreck gab es inzwischen genug im Land, wozu sollten die Chinesen noch welchen dazukaufen? Ohnehin bleiben von einer Tonne Altplastik, je nach Güte, bis zu 30 Prozent als unverwertbar zurück. "Spuck- und Störstoffe" hat das die Branche getauft, also Heftklammern im Altpapier, Reißverschlüsse in Textilien, PP in PE und PET in PP.

Über kleine Mengen hatte man bisher kulant hinweggesehen. Aber nicht über "große Mengen von verschmutzten Abfällen oder sogar Gefahrenstoffe", die von Jahr zu Jahr mehr untergemischt waren. So steht es schließlich in dem WTO-Brief und: "Dies verschmutzte Chinas Umwelt ernsthaft."

Es wurde ernst. Dem Grünen Zaun folgte im Frühjahr 2017 die Politik "Nationales Schwert" zur Verstärkung, um "yang laji", Müll des Auslands, zurückzuhalten. Sämtliche Recyclingfabriken in China, knapp 1800 sind es, wurden kontrolliert, jede vierte wurde vorläufig geschlossen, aufgrund von Umweltverstößen. Es gab Verhaftungen und unschöne Bilder von Tischen, an denen Kinderhände Spuck- und Störstoffe herausklaubten.

Seit Herbst vergangenen Jahres sind die Grenzen Chinas für minderwertige Plastikabfälle faktisch dicht, seit Januar auch per Gesetz verriegelt.

"Wir haben noch bis Mitte Februar, bis zum chinesischen Neujahrsfest, gewartet, ob sich da noch was ändert", sagt ein Großmakler, der auch von Nehlsen mit grob vorsortiertem Gewerbeabfall beliefert wird. "Gewöhnlich kommen dann neue Verordnungen. Aber die sind bei ihrem Beschluss geblieben. Die ziehen das wirklich durch."

Die Chinesen.

Auch die EU hatte auf eine Schonfrist von drei bis fünf Jahren gehofft, vergebens. Nicht einmal Peter Kurth konnte dagegen etwas ausrichten. Kurth ist so etwas wie ein Superfunktionär der internationalen Abfallwirtschaft, er sitzt im Präsidium der Europäischen Föderation der Entsorgungswirtschaft und im Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft. Er appellierte an die Kaufmannsehre der Chinesen, was aber keine Wirkung zeitigte. Kurth war früher einmal Finanzsenator in Berlin und weiß sich auch angesichts von Abgründen gefasst auszudrücken: "In Europa ist der Produzent verantwortlich für die spätere Entsorgung. In China gibt es dieses Prinzip nicht. Aber auch im internationalen Maßstab wäre es angebracht, die Produzentenverantwortung umzusetzen."

Das Problem, vor dem die deutsche Abfallwirtschaft steht, lässt sich ziemlich genau berechnen: Es wiegt 560.000 Tonnen. Das ist die Menge von Altkunststoffen, die 2016 nach Auskunft des Bundesumweltamts zur Verwertung nach China exportiert wurde. Das sind rund 25.000 mit Altplastik vollgestopfte Container, die jetzt irgendwohin müssen.

Und das ausgerechnet in einem Land, das sich als weltbester Müllmann versteht, wo mit philatelistischer Hingabe gesammelt und sortiert wird.

Die Branche macht, was auch der Bürger täte: Sie verfeuert den Kram. Große Entsorger wie Remondis oder die kommunalen Betriebe verfügen über eigene Müllverbrennungsanlagen, die sie jetzt - den Chinesen sei Dank - auf Volllast laufen lassen können.

Das werden sie so nicht zugeben. Aber man darf davon ausgehen, dass Peter Kurth, der Superfunktionär, die richtigen Zahlen kennt. Kurth also sagt: "Ich schätze, dass jetzt 65 bis 70 Prozent unseres Altplastiks als Ersatzbrennstoff, beispielsweise in der Zementindustrie, verwendet oder anderweitig thermisch verwertet wird."

Das wären Hunderttausende Tonnen. Vor allem wäre es das Gegenteil der Politik der Bundesregierung. Gewerbeabfall aus Kunststoff sei, so erklärt schriftlich das Ministerium, "nach Maßgabe des Kreislaufwirtschaftsgesetzes vorrangig einer stofflichen Verwertung zuzuführen, also zur Wiederverwendung und zum Recycling". Und: "Eine energetische (thermische) Verwertung wird nur in Ausnahmefällen zugelassen." Das ist der Sinn der gerade novellierten Gewerbeabfallverordnung.

Man ahnt einen gewissen Handlungsbedarf. Massenweises Verbrennen, und seien die Anlagen auch noch so modern und stubenrein, ist jedenfalls keine Lösung auf lange Sicht. Die Deutsche Umwelthilfe hält diese Entwicklung für "sehr besorgniserregend" und spricht von "Verbrennungsexzess": "Die dabei entstehenden Giftschlacken und Stäube bleiben auch nach ihrer Endlagerung für alle Zeit gefährlich", sagt ihr Abfallexperte Thomas Fischer.

Die Abfallbranche wird sich neu definieren müssen. Wenn man beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung nachfragt, was das genau heißt, bekommt man zur Antwort: "Kunststoffverpackungen müssen jetzt zeitnah in großen Mengen in Europa recycelt werden."

Es wird darum gehen, wie besser getrennt werden kann, von Konsumenten und Produzenten, und wie das Verpackungsdesign dabei helfen kann. Es wird um Quoten gehen, um Marktanteile und um neue Ideen. Dem Weltmarkt für Plastikabfälle passiert gerade das, was sonst Müllsäcken passiert. Er wird geschreddert, durchgepustet, neu sortiert und eingepreist, auf alternative Verwendung getestet.

Und genau deswegen stand am Donnerstagmorgen vergangener Woche eine Gruppe gejetlagter, aber höflicher Herren im Büro von Michael Hofmann in Schwerin.

Die Gruppe kam aus Jinan, der Stadt am Gelben Fluss. Es war bereits die 21. Delegation in diesem Jahr. Allesamt Besucher aus China, meist Kunden, aber auch Investoren.

Michael Hofmann sah vergangenes Jahr keine Wand vor sich auftauchen wie Hans-Dieter Wilcken in Bremen. Im Gegenteil. Hofmann ist seither in Goldrauschstimmung. Er sagt: "Der China-Exit ist eine Jahrhundertchance."

Jakob Boerner / DER SPIEGEL

Plastikrecycler Hofmann

Seine Firma heißt Folienveredelung Hamburg, sie versteht sich auf die besondere Kunst, aus Dreck saubere Sachen zu machen. In seinem Unternehmen landen pestende Müllballen, aus denen hier eine Katzenfuttertüte heraushängt, dort ein Joghurtdeckel mit abgelaufenem Verfallsdatum. Das ist Hofmanns Rohstoff, das interessiert die Besucher aus Fernost.

Hofmann betreibt in Schwerin eine der modernsten Anlagen zur Verarbeitung von Plastikmüll. Die Firma hat ein neuartiges Verfahren zur Reinigung stark verschmutzter Abfälle entwickelt. Seine Maschine stellt Granulate her, Kunststoff im Rohzustand, und genau das, was die chinesischen Industrien jetzt dringend brauchen.

"Statt sich ihren Rohstoff zu Hause aus unseren Abfällen herauszusuchen, kommen die Chinesen jetzt hierher und kaufen hochwertige Sekundärrohstoffe." Gebrauchsfertiges Granulat statt gepresster Plastikballen. Hofmann nimmt den Chinesen, wenn man so will, die Drecksarbeit ab.

Die Nachfrage, sagt Hofmann, sei enorm: "Wir schätzen den Bedarf der chinesischen Industrie an preiswerten Granulaten auf etwa eine Million Tonnen im Jahr. Ikea etwa lässt schon seit Jahren in China Kunststoffmassenprodukte fertigen wie Beschläge, Kantenschutzecken et cetera. Da ist durch den China-Exit natürlich eine Lücke entstanden." Hofmann erwartet noch viele Delegationen aus China in diesem Jahr.

Er erzählt, wie er seine Anlage schon in den Kongo verkauft habe, nach Plowdiw in Bulgarien, wo die Straßen prompt frei von Plastikmüll geworden seien. Er berichtet, wie überall in Europa derzeit Sortier- und Recyclinganlagen gebaut würden, in Polen, Lettland, in der Türkei und den Balkanstaaten, sehr oft mit chinesischen Investoren. Das ist im Zweifel gut für die Umwelt. Und es macht den Müllhandel rund um die Welt überflüssig.

Kenner der globalen Müllszene vermuten, dass es noch drei bis fünf Jahre dauern wird, bis China seine eigene Kreislaufwirtschaft geschlossen hat und seinen Abfall in genügender Menge recyceln kann. Bis dahin müssen die Fabriken rezykliertes Altplastik im Ausland zukaufen.

Der Bedarf an fabrikneuem Rohstoff wird dadurch allerdings nur gering vermindert. Erwartungsvoll haben die Großproduzenten von Polymeren, wie DowDuPont oder Chevron Phillips, ihre Produktion bereits deutlich hochgefahren.

Ein Sack in China ist voll. Die Folgen sind in Betrieben zu spüren und auch in den Amtsstuben, wo man sich schon mal darauf einstellt, neue Regeln für neue Herausforderungen zu schaffen. Aus dem Bundesumweltministerium in Berlin verlautet prophylaktisch: "Die Importpolitik Chinas kann durchaus als eine Chance zur Stärkung der europäischen und deutschen Entsorgungswirtschaft begriffen werden."

Den Entsorgern wird auch nicht viel anderes übrig bleiben, als ganz stark zu sein. Es ist kein Ausdruck von Zuversicht, wenn ihre Verbände jetzt nach dem Gesetzgeber rufen.

Dort, im Ministerium für Umwelt und etliches andere, hört man, dass in diesen Tagen Entwürfe, Vorlagen, Stellungnahmen durchs Haus wandern, ausgelöst durch den chinesischen Exit. Einiges aus den Schubladen wird erneut vorgelegt.

Es sind wieder gute Zeiten für Regulierer.

Es gebe, so heißt eines der zahlreichen Monita, zu viele unterschiedliche Sorten von Kunststoffverpackungen. Die gängigen Multi-Layer-Folien zum Beispiel schützen aromaecht und röstfrisch, sind hygienisch und leicht - aber schwer wieder auseinanderzufummeln. Die Folie einer Kaffeepackung kann aus zwölf Schichten bestehen. Das lässt sich nicht recyceln, nur verbrennen. Ein neues Verpackungsgesetz soll im nächsten Jahr den Sortenreichtum bei Kunststoffverpackungen einschränken.

Es bleibt die Frage: Wohin mit den Rezyklaten, mit der Schwemme von recyceltem Altplastik? Nicht gerechnet die zu erwartenden Mengen, wenn die neue Gewerbeabfallverordnung erst einmal umgesetzt ist. Danach müssen Hersteller ihren Abfall genauso trennen wie ein Haushalt, auf dem Betriebsgelände, und dann dem Recycling zuführen.

Das wird nicht alles von Michael Hofmann und seinen Kollegen nach China verkauft werden können. Da müsse, so die Leute von den Müllverbänden, eine Quote her. "Wenn zum Beispiel", sagt Peter Kurth, der Superfunktionär, "die Bundeswehr nur Kunststoffflaschen ordern würde, in denen mindestens 50 Prozent Rezyklat enthalten sind, dann würde das den Markt schon beleben."

Dafür wäre auch keine Gesetzesänderung notwendig. Verwaltungen sind heute schon frei, das ökologischste Produkt zu nehmen, auch wenn es etwas teurer ist.

Aber wie verträgt sich das mit den strengen Bauvorschriften? Wie kann man Rezyklate normieren, die, technisch bedingt, immer etwas unterschiedlich sind, je nach dem Müll, aus dem sie zusammengekocht wurden?

Es gebe noch erheblichen Klärungsbedarf, heißt es aus dem Ministerium, die Abteilung B (Bauwesen) und die Unterabteilung WR II (Kreislaufwirtschaft) hätten in diesen Fragen noch unterschiedliche Auffassungen.

Lange hatte das Land gedacht, das Abfallproblem sei gelöst. Das Schreiben an die WTO zeigt, wie kurzsichtig diese Lösung war.

Mit ebender Unterabteilung WR II hat Stephan Seibel in den kommenden Tagen einen Termin. Seibel ist ein besonderer Recycler, seine Firma Hahn-Kunststoff stellt spezielle Plastikpellets her. Er hat lange auf einen Termin im Ministerium warten müssen, der Brief aus China hat die Dinge etwas beschleunigt: "Die Wertschätzung für uns ist gewachsen", sagt er, "seit China seinen Grünen Zaun dichtgemacht hat."

Bert Bostelmann / DER SPIEGEL

Kunststoffveredler Seibel

Über Stephan Seibel wölbt sich das Dach eines ehemaligen Flugzeugbunkers. Amerikanische F-16-Kampfflieger starteten von hier 1991 zum zweiten Krieg am Golf, einer Region, aus der dann - noch so ein Kreislauf - einige der Männer vertrieben wurden, die in der Halle gerade Hanit-Bretter zu Buddelkisten sägen.

"Hanit ist ein Stoff wie Holz, nur vorteilhafter", sagt Seibel, "hält 50 Jahre, ist wasserfest, splitterfrei und muss nicht gestrichen werden."

Seine Firma hat heute Auslandsfilialen, beschäftigt in Hahn 260 Mitarbeiter im Dreischichtbetrieb. Der Umsatz steige zweistellig. Auf zwölf Hektar lagern die Bestellungen. Da sind Kabelrinnen für die U-Bahn in Riad, Palisaden für holländische Uferbefestigungen, Rammpfähle, Seniorenbänke, Koppelgeländer, Vierkantbalken und Böden für Stallungen.

"Früher hat man uns als Downcycler bezeichnet." Er könne, sagt Seibel, gegenüber den Sortieranlagen ganz anders auftreten. Nicht mehr als Bittsteller: "Zehn Jahre lang hatten wir immer Probleme mit schlecht sortiertem Rohstoff. Jetzt sagen wir denen, was wir brauchen."

Die Ballen aus Mischplastik werden gehäckselt, von Metall und Papier gereinigt und in zehn verschiedenen Mischungen zu Pellets gepresst. Daraus wird mit Druck und Hitze Hanit geformt. Der Stoff drückt sich langsam aus den Maschinen heraus, ein Vorgang, zu dem es keine ganz saubere Metapher gibt.

Erkaltet jedenfalls ist Hanit ein Material, das aufgeschnitten aussieht wie Krokantschokolade, das sich schrauben, dübeln und sägen lässt wie Buchenholz.

Wenn es jetzt auch noch so riechen würde wie ein Strandbohlenweg im Spätsommer, wäre alles bestens. Es betrübt Seibel, dass die Leute generell noch nicht auf der Höhe des Materials sind. Sie wollen ihre Kinder in Holzkästen buddeln lassen und ihre Gartenzäune so haben wie im "Landlust"-Heft. Kunststoff habe, "leider", sagt Seibel, "ein gewisses Imageproblem". Plastik hat den Ruf von Plastik, und der ist ebenso unzerstörbar wie Hanit.

Deswegen der Termin im Ministerium. Das Imageproblem muss besprochen werden. Und die Normierungsregeln für Rezyklate, weil Baumärkte sonst kein Hanit ins Sortiment aufnehmen.

Wie auch immer. Weder Stephan Seibel noch sein Kollege Michael Hofmann in Schwerin werden die anrollenden Altplastikmassen auffangen können. Es sind Nischenbetriebe, Zwerge. In Rotterdam soll eine Großanlage errichtet werden, für chemisches Recycling, wo jährlich 360.000 Tonnen Plastikabfall zu Methanol verarbeitet werden.

Aber Männer wie Seibel und Hofmann zeigen einen Ausweg auf. Es wird weiter darum gehen, Kunststoffverpackungen ökologischer zu designen oder sie am besten ganz zu vermeiden. Bis es so weit ist, werden die Deutschen ihr Verhältnis zu aufbereiteten Kunststoffen grundlegend überdenken müssen. Sie werden womöglich lernen müssen, Kunststoff schön zu finden, wie schon einmal, in den Fünfzigern. Nur dass es jetzt wiederaufbereiteter Kunststoff ist.

Es wird nicht anders gehen, denn der Plastikmüll ist hausgemacht, nicht importiert.

Und während Seibel noch auf seinen Termin im Ministerium wartet, reisen in Europa Delegationen umher, werden Memoranden unterschrieben und Hallen eingeweiht, werden Frachtrouten geändert und Businesspläne umgeschrieben. Alles wird anders, damit alles bleiben kann, so sind Systeme. Der Untergang wird wieder einmal ausbleiben.

Der Ballen Verpackungsfolie in Bremen, eingesammelt bei Lidl oder Aldi und zusammengepresst von der Firma Nehlsen, hat durch den Importstopp auch wertmäßig an Volumen eingebüßt. Statt 450 Euro die Tonne jetzt noch 200.

Nehlsens Zwischenhändler sagt, man müsse nun abwarten, wie der Markt sich entwickle. Es ist alles eine Sache des Preises, ob die Ballen zu deutschen Recyclern wandern oder in die Öfen oder erst mal auf Lager bleiben.

Mag sein, dass sich die großen Entsorger innerlich schon vom Asiengeschäft verabschiedet haben. Mag sein, dass die Abfallmengen durch den Wegfall Chinas zu groß sind, um einfach umgeleitet zu werden von Shanghai nach Kuala Lumpur. Mag alles sein.

Er habe seine Container fürs Erste noch umbuchen können. Je nach Angebotslage gehen die Ladungen nach Malaysia, Indien, Thailand, auf die Philippinen oder nach Bangladesch. Dort machen Fabriken das, was bislang in China gemacht wurde: Sie verarbeiten die grob sortierten Plastikabfälle zu Granulat. Und verkaufen es dorthin, wo die Nachfrage am größten ist.

Nach China.

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