Schrift:
Ansicht Home:
einestages
Ausgabe
12/2018

Nachkriegsaffäre

Wie deutsche Konzerne für den BND spionierten

Geheime CIA-Dokumente verraten, wie eng Reinhard Gehlen, der Gründer des Bundesnachrichtendienstes, mit Unternehmen wie Rodenstock, Linde und AEG zusammenarbeitete.

Helmut Wesemann

Geheimdienstchef Reinhard Gehlen in Hannover 1958

Von
Mittwoch, 21.03.2018   00:58 Uhr

Ein Zufallsfund. Gut 120 Seiten, ohne Unterschrift, abgelegt in einer Akte, die der US-Geheimdienst CIA über einen Gynäkologen aus München führte. Die Amerikaner interessierten sich für den Mediziner, weil er Mitarbeiterinnen des Bundesnachrichtendienstes (BND) behandelte.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 12/2018
Todesgrüße aus Moskau
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Solche Schriftstücke finden normalerweise keine Leser, doch der Publizist und Historiker Erich Schmidt-Eenboom schaut seit Jahren CIA-Unterlagen durch, die im National Archive in Washington und im Internet einzusehen sind. Auch scheinbar uninteressante. Und zwischen Papieren aus dem Leben des Frauenarztes stieß er auf eine Studie, die Neues über die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik enthüllt.

Die Studie, "secret" gestempelt, entstand vermutlich um 1955. Sie eröffnet Einblicke in ein Kapitel westdeutscher Geheimdienstgeschichte, das der BND auch heute noch geheim halten möchte: sein Netzwerk in der alten Bundesrepublik.

Die Amerikaner allerdings forschten ihre deutschen Kollegen damals nach allen Regeln der Kunst aus: Sie hörten Telefonate ab, lasen Korrespondenz mit, werteten Mietzahlungen oder Abrechnungen aus. So kann man jetzt nachlesen, was die CIA über Pullachs Konfidenten in Unternehmen, Verbänden und Instituten wusste. Ob beim Technologieriesen Linde, bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder dem Logistiker Kühne + Nagel: Der westdeutsche Geheimdienst schleuste laut CIA in Zeiten des Wirtschaftswunders zahlreiche Agenten in Großunternehmen ein oder warb deren Mitarbeiter an.

Angestellte nutzten mal mit Wissen ihrer Chefs, mal hinter deren Rücken Geschäftsreisen zur Spionage, zweckentfremdeten Büros für Agententreffen oder tätigten Abschlüsse - weniger, um Geld zu verdienen, als eher, um Informationen zu sammeln.

Das klandestine Treiben erfasste offenbar viele Branchen: Schwerindustrie (Rheinmetall-Borsig), Versicherungen (Gerling), Lebensmittelhersteller (Bahlsen), Medizintechnik (Draeger-Werk), Banken (Süddeutsche Boden-Kredit-Bank). Hinzu kommen Dutzende Einrichtungen, in denen nach US-Erkenntnissen ebenfalls V-Leute saßen, wie das heutige Institut für Zeitgeschichte, das Rote Kreuz Bayern, der deutsche Esperanto-Bund, der Bayerische Heilbäderverband, das Büro des evangelischen Landesbischofs München, der Malteserorden oder die Wirtschaftspolitische Gesellschaft von 1947. Und die CIA-Studie sei "weit davon entfernt, vollständig zu sein", schreibt der unbekannte Autor.

Werbung für Detektei Krause im Branchenverzeichnis 1964/65

Die Amerikaner fassten ihr Wissen meist in wenigen Absätzen zusammen. Ausdrücklich hielten sie fest, ob sie über gesicherte Kenntnisse verfügten oder nur Vermutungen anstellten. Etwa über eine Kette von Detekteien in Berlin. Bei Herbert Krauses "Auskunft und Detektei Krause" in der Uhlandstraße sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass Pullach das Unternehmen kontrolliere. Die anderen hingegen seien "wohl nur in dem Maß verwickelt, in dem sie Aufträge übernehmen".

Den Angaben der Amerikaner zufolge muss manche Unternehmensgeschichte zumindest ergänzt werden. Der westdeutsche Dienst vergab Kredite und gründete Firmen, die Spione als Vertreter oder Fahrer einstellten und ihnen auf diese Weise zu einer unauffälligen Fassade verhelfen sollten. Im Fall des Gerling-Konzerns vermuten die Amerikaner sogar, dass der BND "den gesamten Kölner Bereich" kontrollierte. In Köln war der Hauptsitz des Konzerns.

Die CIA führt auch die Gloria-Filmverleih GmbH auf. Der bedeutendste Filmverleih der jungen Bundesrepublik brachte Heimatfilme wie "Grün ist die Heide" in die Kinos und war später an der Produktion der Softpornoreihe "Schulmädchenreport" beteiligt. Die CIA fand es selbst "unglaublich", aber laut ihren Unterlagen hatte Pullach das Unternehmen aus der Taufe gehoben. Die CIA-Analytiker schlussfolgerten: Wohl in keinem westlichen Land seien Geheimdienst und Wirtschaft "so eng" verbunden.

Vermutlich lag das am Status der Spionagetruppe. Die USA hatten 1946 die Organisation Gehlen (Org) ins Leben gerufen, den BND-Vorläufer. Gehlen war ein geschmeidiger Nachrichtenoffizier, der sich aus der Wehrmacht in die neue Zeit gerettet hatte. Um seine Agenten zu tarnen, benötigte er Büros, Konten, Wohnungen und Autos, die keine Rückschlüsse auf die Hintergründe erlaubten.

Üblicherweise helfen die Behörden eines Landes dem Geheimdienst bei der "Abdeckung" (Agentenjargon), doch als die Org entstand, gab es noch keine Bundesrepublik. Und nach deren Gründung 1949 dauerte es sieben Jahre, ehe aus der Org der offizielle westdeutsche Geheimdienst wurde.

Gehlen musste andere Wege wählen. Er zog ein Netz von Scheinfirmen auf, getarnt als Schuhfabrik, Tankstelle oder Drogerie. Meist bestanden sie nur aus einem Raum samt Telefon. Und er nutzte Firmen, die wirklich am Geschäftsleben teilnahmen. Seine Experten für psychologische Kriegsführung arbeiteten im Münchner Elektrounternehmen Barth & Söhnlein, Spezialisten für Polen und die Sowjetunion saßen im "Lichtbildverlag", ihre für den Balkan zuständigen Kollegen in den "Süddeutschen Industrieberatungen".

1949 schrieb Gehlen in einem Vermerk, er finanziere lieber erfolgreiche Unternehmen, statt neue zu gründen. Da sei die Chance größer, Kredite zurückzubekommen. So flossen 27.000 Mark an einen Verlag in Hameln oder 37.000 Mark an eine Glaswarenfabrik in Aalen.

Bei den Giganten der deutschen Wirtschaft setzte Gehlen auf persönliche Verbindungen. Der Berufssoldat hatte es unter Hitler zum General gebracht, das zählte in einem Land mit Millionen Veteranen. Und er verstand es, an Antikommunismus und Nationalgefühl zu appellieren. Die CIA berichtet von einem Auftritt Gehlens in Frankfurt am Main 1954. Der Spionagechef warb vor Vertretern des Elektrokonzerns AEG und anderer Großunternehmen für den Dienst und "dessen Bedürfnisse".

Allerdings schreibt die CIA auch, Eigentümer und Manager wüssten oft nicht, dass Mitarbeiter zwei Herren dienten. Beim Vorläufer der Linde AG führte Pullach einen V-Mann, und ein Tochterunternehmen wurde zur Tarnung genutzt. Beim Brillenhersteller Rodenstock war ein Org-Mitarbeiter tätig, der als Vertreter des Unternehmens nach Südamerika ging. Wer wusste davon?

Der Fall der KfW in Frankfurt immerhin ist eindeutig. Gehlen vereinbarte 1951 mit dem Kanzleramtschef, die staatliche KfW für "Cover-Zwecke" zu nutzen. Die Bank sollte rund 50 Agenten "Tarnung" bieten. Aufseiten der Bank war Otto Schniewind involviert, vor 1945 Mitglied des Widerstands, danach Mitbegründer der KfW und langjähriger Vorsitzender des Verwaltungsrats. Um dessen weitere Mitglieder zu überzeugen, bat Schniewind das Kanzleramt, ihm einen Brief mit der Bitte um Hilfe für die Org zu senden. Er sollte mit den Worten beginnen: "Einem Wunsch des Bundeskanzlers entsprechend."

Ullstein Bild

Zentrale des Gerling-Konzerns in Köln um 1955

Gehlens Unternehmertätigkeit brachte dem BND nicht viel Geld ein, glauben die Amerikaner. Auch die Spionagefertigkeiten ihrer Kollegen schätzten sie nicht besonders: Die Deutschen seien "etwas naiv". Gehlen richte Tarnbüros gern in Häusern ein, in denen seine Mitarbeiter wohnten. Ein Blick ins Melderegister reiche aus, um Bescheid zu wissen.

Zudem glichen die Namen der Tarnfirmen einander, sie hießen "Süddeutsche Warenvertriebs GmbH" oder "Südbayerische Industrieverwertungsgesellschaft". Wie die CIA ermittelte, hatte Pullach nur einen Konfidenten in der Münchner Verwaltung, der bei Einträgen ins Handelsregister half. Der Mann war für die Anfangsbuchstaben S und T verantwortlich.

In manchen Fällen lässt sich nachvollziehen, wie die Amerikaner Verdacht schöpften. 1956 hörten sie ein Telefonat zwischen einem deutschen Agenten und dessen Cousin ab, der offenbar für Kühne + Nagel arbeitete. Die Spedition sollte der "Tarnung" eines Treffens dienen. Die CIA fand zudem heraus, dass der Telefonanschluss für nächtliche Anrufe der Bonner Niederlassung des Unternehmens der privaten Nummer eines Agenten entsprach. Schließlich stellte sie fest, dass ein Mitarbeiter der Spedition Geld erhielt, dessen Spur zu einem Geheimdienstmann führte.

Nicht immer lagen die Amerikaner richtig. Der Verleger Heinrich Beck geriet in ihren Fokus, weil jemand aus der Org in Becks Privathaus in München angerufen hatte. Heinrichs Sohn Wolfgang, der langjährige Chef des Verlags C. H. Beck, berichtet jedoch, sein Elternhaus sei damals beschlagnahmt gewesen. Wer immer im Hause Beck Anrufe aus Pullach entgegennahm, Heinrich Beck kann es nicht gewesen sein.

Trotz solcher Ungenauigkeiten wird der Fund die Debatte befeuern, wie der BND mit seiner Vergangenheit umgehen sollte. Die Hardliner im Dienst wollen die Namen der V-Leute geheim halten und profitieren bislang davon, dass bislang weder Unternehmen noch Parteien oder Verbände auf Aufklärung drängen. Vermutlich ahnen sie nicht, wen sie in ihren Reihen hatten.

Schmidt-Eenbooms Entdeckung könnte das ändern. Er hat bislang nur wenige Details aus der CIA-Studie veröffentlicht. Doch im April beginnt in München die Biennale "Public Art Munich 2018". Der Künstler Franz Wanner will mit Theateraufführungen und auf anderen Wegen die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, dass die bayerische Hauptstadt voller Orte ist, die Org und BND für ihre Zwecke nutzten.

Schmidt-Eenboom hat für Wanner eine Liste mit Adressen zusammengestellt. Sie basiert auf der CIA-Studie - und ist sehr lang.

Artikel

© DER SPIEGEL 12/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP