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Mobilität
Ausgabe
49/2017

Daimler gegen Tesla

"Was sind das für Leute, die unser Auto so zurichten?"

Wie Daimler einen Tesla von Privatleuten mietete, über Rüttelstrecken jagte und ramponiert zurückgab - und dabei ein Zettelchen im Handschuhfach vergaß.

Florian Generotzky / DER SPIEGEL

Unternehmer van Rinsum, Kindlein: "Sie parken falsch"

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Sonntag, 03.12.2017   08:56 Uhr

Der Anruf kam, als Monika Kindlein und Manfred van Rinsum im Juni auf Sizilien Urlaub machten - und er machte die Ferien noch ein wenig schöner. In der Heimat im bayerischen Oettingen hat das Paar drei Elektroautos des US-Herstellers Tesla, die es verleiht. Nun war der Autovermieter Sixt am Apparat und wollte den teuersten der drei Wagen im Auftrag eines Kunden sieben Wochen am Stück mieten. Ein gutes Geschäft für die beiden. "Wir haben uns gefreut", sagt van Rinsum, "auch weil wir dachten, daraus könnte mehr entstehen."

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Heft 49/2017
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Die Freude verflog schnell. Als Sixt den Wagen zurückbrachte, war die Heckklappe verzogen, Verkleidungsteile waren mit Klebeband provisorisch wieder angebracht worden oder lagen im Fußraum, der Lack war beschädigt. Im Handschuhfach lag ein Stück Papier. "Sie parken falsch", stand darauf. Es war eine Nachricht aus dem Mercedes Benz Technology Center in Sindelfingen. Van Rinsum dämmerte, wer sein Auto wohl so zugerichtet hatte: Mitarbeiter des Daimler-Konzerns - bei Testfahrten.

Kindleins und van Rinsums Geschichte könnte ein Indiz dafür sein, wie weit sich deutsche Automobilhersteller gegenüber dem aggressiven US-Hersteller Tesla im Hintertreffen fühlen. Sie zeigt aber vor allem, welch dubioser Methoden Daimler sich im Rennen um Marktanteile für Elektroautos bedient.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Konzern sich mithilfe einer Verschleierungstaktik ein E-Fahrzeug besorgt. Schon das von der Deutschen Post selbst produzierte E-Auto, den Streetscooter, hatte sich Daimler über eine Briefkastenfirma beschafft. Auch dieses Fahrzeug jagte Daimler über seine Teststrecke.

Der Unterschied ist, dass hier nicht ein Milliardenunternehmen das andere übers Ohr haut, so wie das mit dem Streetscooter der Post der Fall war. Hier sind Frau Kindlein und Herr van Rinsum betroffen, die gerade einmal drei Teslas haben, die sie im Nebenerwerb vermieten.

Für die Anschaffung des Tesla Model X 100, eines schwarzen Boliden mit 788 PS, haben die beiden einen Kredit aufgenommen. Das Fahrzeug kostet rund 200.000 Euro - es ist der ganze Stolz der Kleinstunternehmer. "Man fragt sich schon, was das für Leute sind, die unser Auto so zurichten", sagt Kindlein.

Sie und ihr Mann sind Fans der futuristischen Automobile aus dem Silicon Valley. Die Wagen vermieten sie normalerweise nur an Kunden, die sie zuvor kennengelernt haben. Es sind Leute, die so ein Auto kaufen wollen und denen die einstündige Probefahrt bei Tesla nicht genügt. Oder Kunden, die das Fahrzeug für ihre Hochzeit buchen, für den Urlaub, für Firmenevents.

Sixt war da eine Ausnahme. Aber auch zu dem Vertreter des Vermieters bauten sie eine Beziehung auf. Ihn interessierte vor allem das Model X. Mehrfach fragte er an, ob ein Fahrzeug an einem bestimmten Termin frei sei. Welche Softwareversion es habe, auf welchem Stand es beim autonomen Fahren sei.

Van Rinsum wunderte sich. "Das sind Fragen, die stellt sonst keiner", sagt er. Er wurde misstrauisch - und wies seinen Gesprächspartner darauf hin, dass der Wagen nicht auf Teststrecken und nicht unter Extrembedingungen gefahren werden dürfe. "Das hört sich doch gut an", antwortete man ihm per Mail von Sixt - garniert mit einem Smiley. Van Rinsum hätte noch misstrauischer werden können: Die Signatur seines Gegenübers bei Sixt offenbarte bereits, mit wem er verhandelte. "Automotive Industry Relations" stand dort - van Rinsum hatte es also nicht mit einem normalen Kundenberater zu tun, sondern mit jemandem, der die Beziehungen zwischen der Autoindustrie und dem Mietwagenkonzern mitverantwortete.

Doch van Rinsum merkte das nicht. Sixt lieh sich das Fahrzeug im Juli und im August. Gefahren werden sollten über den ganzen Zeitraum nur 1500 Kilometer. Die Nutzung auf Teststrecken und das Auseinanderbauen des Fahrzeugs waren ausgeschlossen.

Wenig später schickte der Tesla Model X eine Push-Nachricht auf van Rinsums Smartphone. Es werde gerade nahe Barcelona aufgeladen, meldete er. Van Rinsum stutzte. Barcelona - das passte nicht zu den abgesprochenen 1500 Kilometern. Er begann, den Standort des Fahrzeugs zu verfolgen. Das geht, weil das Auto ständig mit dem Internet verbunden ist. Wenn man will, kann man sich auf dem Handy jederzeit Satellitenaufnahmen des aktuellen Standorts anschauen, der Tesla wird darauf mit einem roten Pfeil markiert.

Der 55-Jährige staunte nicht schlecht: Das Auto war wahrscheinlich in einem Hänger nach Spanien gefahren worden und befand sich nun auf einer Autotestbahn bei Barcelona. Die hat eine Hochgeschwindigkeitsstrecke, eine Bergstrecke und einen steinigen Offroad-Parcours. Im Sommer, so wirbt sie auf ihrer Website, sei sie besonders für Tests bei hohen Temperaturen geeignet. Das ist vor allem bei Elektroautos interessant - sie werden bei hohen Temperaturen stark belastet.

Doch van Rinsum fand noch mehr. Der Wagen landete zeitweise bei der Stuttgarter Firma Evomotiv, die als ihre Kompetenz auch "Elektromobilität" und "Autonomes Fahren" nennt und für Klienten Tests "inklusive Testaufbauten" anbietet. Zu den Kunden zählt Evomotiv nach eigenen Angaben auch Daimler.

Tatsächlich fand sich der Wagen ebenfalls auf der Teststrecke des Mercedes-Werks in Sindelfingen nahe Stuttgart. Als van Rinsum Sixt fragte, was sein Auto denn auf der Teststrecke mache, wollte sein Gesprächspartner wissen, woher er davon Kenntnis habe. Dann erklärte er, mit dem Wagen würden nur "Gleichmäßigkeitsfahrten" gemacht.

Screenshots von Tesla-Aufenthaltsorten in Sindelfingen, bei Barcelona: Steiniger Offroad-Parcours

Screenshots von van Rinsums Handy indes zeigen den Tesla auf der Rüttelstrecke, der Traktionsstrecke, der Schlechtwegstrecke und am Steigungshügel. Das Auto, so kann man schlussfolgern, wurde sehr wohl auch unter Extrembedingungen getestet.

Als Sixt den Wagen wieder bei van Rinsum und Kindlein vor die Tür stellte, waren diese geschockt. Sie fotografierten und filmten die Mängel, brachten das Auto zu einem Gutachter nach München. Dieser stellte Schäden über 15.674 Euro sowie einen Wertverlust des Autos von 2000 Euro fest - ohne Mehrwertsteuer.

Und das war nicht alles: Das Paar konnte das Auto zunächst nicht weitervermieten. Jenem Kunden, der den Wagen direkt im Anschluss gebucht hatte, mussten sie ein Ersatzfahrzeug von einer anderen Autovermietung besorgen. Kurze Zeit später ging auch noch die Antriebseinheit des Autos kaputt; wahrscheinlich, weil sie während der Tests in Sindelfingen und Spanien Extrembedingungen ausgesetzt war.

All dies sind Kosten, die zwei Menschen, die Autos im Nebenerwerb vermieten, sehr wehtun. Entsprechend wütend waren van Rinsum und Kindlein. Sie konnten darlegen, dass ihr Wagen nicht nur insgesamt 23 Tage auf Teststrecken unterwegs war, sondern dass er höchstwahrscheinlich auch auseinandergebaut und nachlässig wieder zusammengesetzt wurde. Die Schäden, die sie an ihrem Wagen sahen, führen sie auf Poller auf Slalomstrecken zurück, auf das Anbringen von Messapparaten auf dem Dach, das Auseinanderbauen.

"Was uns den Rest gegeben hat, war der Falschparkzettel vom Testgelände", sagt van Rinsum, "das hat uns einfach gezeigt: Da war es jemandem total egal, ob er entdeckt wird oder nicht." Also schrieb er Sixt eine Rechnung über die Reparaturkosten, den Nutzungsausfall, seinen Arbeitsaufwand. Er berechnete eine Vertragsstrafe von 1000 Euro pro Tag für die Nutzung auf dem Testgelände, die Reparatur der Antriebseinheit und eine Abstandszahlung für eine Verschwiegenheitserklärung. Unter dem Strich standen nun 99.392,79 Euro.

All dies schickte er auch an den Vorstand der Daimler AG. Die Rechtsabteilung des Konzerns antwortete, er könne "sich darauf verlassen", dass seine Ansprüche geprüft würden. Sixt überwies ihm die Kosten für den Gutachter, die Reparaturkosten und die Wertminderung seines Fahrzeugs - einen Bruchteil dessen, was van Rinsum dem Münchner Autovermieter in Rechnung gestellt hatte.

Die Anmietung von Fahrzeugen zu "Vergleichsfahrten ist in der Automobilbranche ein üblicher Vorgang", teilt Daimler mit. Bei Schäden springe die Versicherung ein.

Sixt hingegen hat eine andere Sicht: Dass Daimler den Wagen zu Testzwecken verwenden würde, sei "nicht besprochen worden". Es sei im Übrigen durch die eigenen Geschäftsbedingungen ausgeschlossen. Mit anderen Worten: Auch Sixt wurde offenkundig über die Spritztouren auf der Teststrecke im Dunkeln gelassen.

Das Geld für den Schaden an Kindleins und van Rinsums Tesla habe man dem Kunden - also Daimler - in Rechnung gestellt, so Sixt weiter. Zusätzliche Ansprüche seien "unbegründet".

Van Rinsum und seine Frau haben noch nicht einmal das von den beiden Konzernen gehört. Es gab auch kein Wort des Bedauerns. Die beiden könnten nun versuchen, Daimler und Sixt zu verklagen. Vielleicht könnte auch ein Staatsanwalt einem Anfangsverdacht auf Betrug nachgehen.

Doch die beiden wollen nicht. Sie wissen nicht, wie wasserdicht ihre Mietverträge sind. "Es ist doch so: Die beiden Firmen haben Rechtsabteilungen und können ein Heer von Anwälten einspannen", sagt van Rinsum. "Welche Chance hätten wir da?" Sie haben mit gutwilligen Mietern gerechnet. Und nicht mit Daimler.

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