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Politik
Ausgabe
1/2018

Posthume Fortpflanzung

Der Tote, der ein Mädchen zeugte

Als die kleine Shira zur Welt kam, war ihr leiblicher Vater bereits seit sieben Jahren tot. Als erster Mann weltweit hatte der ein biologisches Testament hinterlassen. Was steckt dahinter?

Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Fotos von Soldat Pozniansky und Tochter Shira: "Wenn wir über ein Leben nach dem Tod sprechen, dann ist es das"

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Mittwoch, 03.01.2018   17:22 Uhr

Als Baruch, Soldat der Reserve und Liebling seiner Mutter, im Rambam-Krankenhaus in Haifa stirbt, ist er 25 Jahre alt, Single, kinderlos. Angefangen hatte es mit einer blutenden Wunde im Mund, einen Monat später lautete die Diagnose Krebs. Zwei Jahre lang schluckte er Medikamente, durchlief Therapien. Die Haare fielen aus; die Ärzte entfernten Teile seiner Zunge. Am Ende konnte Baruch nicht mehr sprechen. Was er seinen Eltern, Julia und Wladimir, zuvor noch sagte: "Ich will, dass ihr ein Enkelkind habt. Von mir."

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Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2018
Gesundes Neues!
Bewegen, gut essen, entspannen: Der Masterplan für ein viel längeres Leben

Sieben Jahre nach seinem Tod, am 1. Dezember 2015, mitten in der Nacht, wird seine Tochter geboren, im Krankenhaus Soroka in Beer Scheva, Südisrael. 3200 Gramm Mensch, die gleichen blauen Augen wie der Vater. Ihre Mutter gibt ihr den Namen Shira, hebräisch für Poesie. Die Großmutter des Mädchens, Julia, fährt noch am selben Tag ins Krankenhaus. Sie weint, als sie Shira sieht, das Baby "vom eigenen Blut, von meinem Sohn".

Sie sagt: "Wenn wir über ein Leben nach dem Tod sprechen, dann ist es das."

Shira Malka ist nicht das erste Kind eines Toten in Israel. Rund 50 sind es bis heute, gezeugt in vitro. Sie sind die Nachkommen von Soldaten, Unfallopfern oder Kranken. Sie leben, weil die Sterbenden es sich wünschen, vor allem aber, weil deren Ehepartner oder Eltern dafür kämpfen. Der erste Fall ereignete sich 2002: Ein israelischer Soldat wurde damals im Gazastreifen von einem Scharfschützen erschossen. Seine Mutter ließ der Leiche binnen 72 Stunden Sperma entnehmen. Das Gerichtsverfahren dauerte acht Jahre. Am Ende erhielten die Eltern die Erlaubnis, das Sperma zu verwenden. Heute lebt sein Kind.

Inzwischen gibt es ein Instrument, um die Gerichtsverfahren zu vereinfachen: das "biologische Testament", in dem der Betroffene seinen Wunsch nach Nachwuchs festhält - und eingefrorene Samen oder Eizellen hinterlässt. Baruch Pozniansky war der Erste, der das tat, weltweit.

Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Kleinkind Shira: "Sie ist immer fröhlich, wie ihr Vater"

Seither haben rund 5000 junge Israelis ein biologisches Testament verfasst, darunter viele Soldaten aus Spezialeinheiten. Aber ist es richtig, Kinder von Toten zu zeugen - oder nur eine neue, gefährliche Abart der Reproduktionsmedizin? Ist den Betroffenen und den trauernden Familien damit wirklich geholfen? Und ist es legitim, ein Kind zur Welt zu bringen, das von Geburt an Halbwaise sein wird?

Julia Pozniansky, 61, sitzt in ihrem Wohnzimmer in Karmiel, einem kleinen Ort im Norden Israels. Es ist still hier, durch die Spitzenvorhänge fällt Mittagssonne. An der Wand hängt ein Foto von Baruch in Soldatenuniform. Auch am Kühlschrank kleben Bilder von ihm. Julia holt ein Album: Baruch mit seinen Freunden beim Picknick, beim Wandern in Indien, bei der Armee. Er lacht auf den meisten Bildern. Fröhlich sei er gewesen, sagt sie, beliebt bei seinen Freunden und Klassenkameraden. Sie habe sich nie Sorgen gemacht. Weil er so stark war. Bis die Krankheit kam.

Julia schreit: "Stopp! Ich will nicht daran denken, mein Herz bricht!" Ihr Mann Wladimir, der vor dem Computer sitzt, zuckt zusammen. Julia beginnt abzuspülen.

Zwei Jahre lang haben sie ihren Sohn hier gepflegt. Sein Zimmer, oben im ersten Stock des Hauses, ist noch unverändert. Die Motorradjacke, die Wladimir seinem Sohn gekauft hat, als sich Baruchs Zustand kurzzeitig verbesserte, hängt noch immer dort, unbenutzt. Baruchs letzte Nachricht, blutverschmiert, bewahren sie auf. Als es anfing, aus seinem Mund zu quellen, und kurz bevor er ohnmächtig wurde, schrieb er: "Ich liebe euch. Danke für alles. Habt keine Angst." Auf Russisch, seiner Muttersprache. Sie fanden ihn auf dem Boden liegend. Julia betritt den Raum nicht mehr.

Der Schmerz ist ihr wie ins Gesicht gestanzt. Sie will nicht mehr über ihn, sie will nur über die Sache reden. Sie sagt, sie verstehe sich als Botschafterin für all jene, die das Wertvollste im Leben verloren hätten. "Es gibt keinen Ersatz", sagt sie. Doch für sie war von Anfang an klar, dass sie ein Enkelkind wollte. Der Weg dorthin dauerte sieben Jahre. Wertvolle Zeit, die sie verloren habe. "Warum müssen wir mit unseren Kindern sterben?", fragt sie, "was hat der Staat zu intervenieren zwischen Gebärmutter und Spermium?"

Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Poznianskys Eltern Wladimir, Julia: Casting für die Mutter ihres Enkelkindes

Ohne Irit Rosenblum, Anwältin für Familienrecht, würde es Shira wohl nicht geben und auch keines der anderen postmortal gezeugten Kinder. Denn Rosenblum hat die Existenz der Kinder gegen den israelischen Staat durchgesetzt. Sie sitzt in ihrem Büro nahe dem schicken Rothschild-Boulevard in Tel Aviv, sie war einmal Scheidungsanwältin. "Ich habe Familien und Leben ruiniert", sagt sie, in ihrer Stimme klingt Abscheu vor sich selbst.

Sie stieg aus und gründete die Organisation New Family, begann ihre "Revolution". Ihre Aufgabe sieht sie seither darin, Familien zu erschaffen, auch solche jenseits der klassischen Gesellschaftsmodelle. Rosenblum hat sich für die Rechte von Alleinerziehenden, Lesben und Schwulen eingesetzt, sie hat eine zivile Form der Ehe entwickelt, die eine offizielle Partnerschaft zwischen Juden und Nichtjuden ermöglicht - in einem Land, in dem Rabbiner die alleinige Hoheit darüber besitzen, jüdische Israelis ausschließlich mit anderen Juden zu verheiraten, war das ein Akt des Widerstands.

Irit Rosenblum trägt die Haare geglättet und eine knallrote Brille. Sie redet schnell, ihre Minuten sind kostbar. 2001 ging sie noch einen Schritt weiter. Sie beschäftigte sich mit moderner Reproduktionstechnologie und kam zu dem Schluss, dass jeder Mensch auch das Recht auf Nachkommen haben müsse. Dass keiner einem anderen diese Freiheit nehmen dürfe. Das wäre Selektion. Ihr Handy klingelt, es ist die Melodie von "Mission Impossible".

In Israel, einem Land, das sich in seiner Existenz noch immer bedroht fühlt, ist Kinderkriegen Bürgerpflicht. Einem Volk, in dem sich jeder dem Tod immer ein wenig näher fühlt als in Europa, sind Nachkommen besonders wichtig. Weltweit ist Israel das Industrieland mit der höchsten Geburtenrate. Inzwischen ist ausdrücklich erwünscht, dass auch Singles oder Homosexuelle Familien gründen.

In-vitro-Fertilisation (IVF) ist üblich und wird vom Staat finanziert. Selbst die Ultraorthodoxen machen von der Methode Gebrauch. Im jüdischen Glauben beginnt das Menschsein nicht mit der Befruchtung, sondern erst mit der Geburt. Theologisch gesehen ist die Methode also unproblematisch. "Seid fruchtbar und mehret euch", Genesis, Kapitel 9, Vers 7. Egal wie.

Rosenblum beginnt, für ihre Idee der Unsterblichkeit zu kämpfen. Sie entwickelt das biologische Testament und fordert die Armee auf, eine Samenbank einzurichten. Sie übernimmt auch den Fall des im Gazastreifen erschossenen Soldaten, dessen Sperma posthum entnommen wurde. Trauernde Eltern melden sich bei ihr.

"Liebe über den Tod hinaus" heißt ein Kapitel in ihrem Buch "Der Garten Gottes". Sie erzählt darin über die Begegnung mit dem Witwer Uri, der aus den eingefrorenen Embryos seiner Frau Michal ein Baby auf die Welt bringen will. Sie fliegt mit dem Klienten und den Embryos ins Ausland, knapp 24 Stunden bevor der israelische Staat den Export von Eizellen verbietet. "Ich erschaffe Menschen", sagt sie, "ich implementiere Leben." Und so wurde sie von der Heldin der Menschenrechtsorganisationen zur Hassfigur.

"Man wirft mir vor, eine Grenze zu überschreiten, und sagt, dass man die Endlichkeit des Lebens akzeptieren soll?", fragt Rosenblum und zieht beide Augenbrauen in die Höhe, "ich sehe es anders. Wir müssen uns in unserer Vorstellungskraft und Kreativität nicht einschränken."

Nach Baruchs Tod ist es allein die Hoffnung auf ein Enkelkind von ihm, die Julia Pozniansky am Leben hält. Für die Familie hatte sie einst ihre Karriere aufgegeben. In der Sowjetunion studierte sie Physik und Mathematik. Später wanderten die Poznianskys nach Israel aus. Baruch war damals noch ein Kind.

"Wir haben uns nicht mehr sicher gefühlt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion", erzählt sie. Die Wirtschaftslage sei desaströs gewesen, antisemitische Strömungen seien damals wieder erstarkt. "Karl Marx war plötzlich der böse Jude und Lenin der böse Halbjude", sagt sie. In ihnen sei die Angst hochgekrochen. "Die Erinnerung fließt in unseren Adern, es ist eine genetisch weitergegebene Furcht." Das Land Israel aber habe sie vom ersten Moment an geliebt.

Doch dann geschieht ihnen ausgerechnet dort das größtmögliche Unglück, Baruchs Krankheit. Als Baruch sich im Endstadium befindet, hört die Familie im Fernsehen von Rosenblums Organisation. Am 4. November 2008, drei Tage vor seinem Tod, unterschreibt er das biologische Testament, vermacht seinen Eltern sein genetisches Material und bevollmächtigt sie, eine Mutter für sein Kind zu suchen.

Julia verliert keine Zeit. Mit Rosenblums Hilfe schaltet sie eine Anzeige, um eine Mutter für ihr Enkelkind zu finden. Hunderte melden sich. Es beginnt eine Art Casting. Julia hat zwei Kriterien: Die Frau soll jüdisch und zu einer In-vitro-Fertilisation bereit sein, da die Menge an verfügbarem Sperma begrenzt ist. Auch mit Lesben habe sie sich getroffen.

"Natürlich hätte ich gern eine 25-Jährige gehabt", sagt sie, "aber die kommen nicht." Insgesamt sind es etwa 20 Frauen, die meisten wollen es erst mal ohne Hormonbehandlung versuchen. Schließlich lernt sie eine Russin kennen, die mit der künstlichen Befruchtung einverstanden ist. Ein Vertrag wird aufgesetzt. Er regelt das Besuchsrecht der Großeltern und schreibt fest, dass Frau und Kind keinerlei finanzielle Ansprüche gegenüber den Poznianskys geltend machen können. Der Fall geht vor Gericht. Die Poznianskys und die potenzielle Mutter fordern vom Staat die Herausgabe des Spermas.

Julia und Wladimir müssen mit einer Sozialarbeiterin sprechen. "Aber was, wenn die Beziehung zur Mutter nicht funktioniert?", will die Sozialarbeiterin von den Poznianskys wissen, "ist Ihnen klar, dass Sie nur Großeltern sind?"

"Was, wenn Ihr Sohn irgendeine Hure nach Hause bringt, die Ihnen den Kontakt zu Ihren Enkelkindern verbietet?", fragt Julia zurück, "alles kann passieren."

Julia erklärt der Sozialarbeiterin, dass ihre Fragen lächerlich seien. Es gehe hier um ein absolutes Wunschkind.

"Wollen Sie Gott spielen? Darüber entscheiden, ob ein Kind leben darf?"

Die Poznianskys gewinnen. Richterin Hadas Goldkorn begründet ihr Urteil damit, dass Baruch ein Testament hinterlassen habe, das seinen Wunsch nach einem Nachkommen eindeutig zum Ausdruck bringt. Es ist ein Präzedenzfall.

Drei Tage später erhalten die Poznianskys einen Anruf von Rosenblum. Die potenzielle Mutter steigt aus. Sie hat einen Partner gefunden.

Julia fällt in ein schwarzes Loch. Sie kann nicht schlafen und nicht aufstehen. "Vielleicht will Gott nicht, dass wir ein Kind haben", sagt sie zu Rosenblum.

"Hören Sie auf, so zu denken", antwortet Rosenblum.

Binnen drei Wochen findet die Anwältin eine andere Frau für die Poznianskys, Ende dreißig, "europäischen Ursprungs". Die Richterin ändert den Namen im Urteil. In den Folgemonaten scheitern insgesamt sieben Versuche der In-vitro-Fertilisation. Der Frau bleibt wenig Zeit; sie braucht hochwertigeres Material. Die Poznianskys haben nur eine begrenzte Menge an Sperma, von einem Kranken. Sie trennen sich einvernehmlich von der Frau.

Julia wird danach durch eine Eizellenspende selbst noch einmal Mutter, im Alter von 55 Jahren. Doch der Drang nach einem Kind von Baruch bleibt.

An einem kühlen Tag im Januar 2013 sind Julia und Wladimir Pozniansky in einer Shoppingmall in der Küstenstadt Netanja mit einer jungen Frau verabredet. Sie haben ihr Fotoalbum mit Bildern von Baruch mitgebracht. Liat Malka trägt einen roten Mantel zum schwarzen Haar. Ihre Augen sind mandelförmig. Sie kommt aus einer marokkanischen Familie, ist 35 Jahre alt und Kindergärtnerin. "Sie war schlank, gebildet, schön und schlau. Sie war perfekt", sagt Julia.

Zwei Monate später unterschreiben sie einen Vertrag. Der Fall geht erneut vor Gericht. Ein Jahr später kann Liat mit der Hormonbehandlung beginnen.

Doch es steht nicht gut um ihre Fruchtbarkeit. Nur eine einzige Eizelle können die Ärzte ihr entnehmen. Der erste Versuch scheitert. Nach einer erneuten Hormonbehandlung gewinnen die Ärzte wieder nur eine Eizelle. Doch dann geschieht das Wunder: Liat wird schwanger.

Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Mutter Malka mit Tochter Shira: Die Idee gefiel ihr, schließlich hätte ihr Kind eine Familie

"Ich habe sie geliebt", sagt Julia.

Am israelischen Holocaust-Gedenktag 2016, einem sonnigen Januartag, wartet Irit Rosenblum bei einem Anwaltskongress im US-Bundesstaat Colorado auf ihren Auftritt. Ihr Mann ist mitgereist nach Denver, die drei gemeinsamen Kinder sind zu Hause geblieben.

Rosenblum trägt Schwarz. Sie betritt die Bühne und beginnt zu sprechen: "Ich habe mir spät die Frage gestellt, warum ich das alles mache." Sie schweigt für einen Moment. "Die Nazis haben meine Familie getötet, meine Tanten und Onkel, Cousinen und Großeltern. Sie wollten meine Generation, meine Familie, unsere ganze Existenz auslöschen. Aber es ist ihnen nicht gelungen!"

Irgendwo in ihrem Hinterkopf trage sie diese Erfahrung mit sich herum. "Auch dadurch begreife ich die ganze Bedeutung menschlicher Existenz."

Die Freiheit fortzubestehen sei ein ethisches und existenzielles Gebot. Die Möglichkeit, auch nach dem Tod noch Leben zu schaffen, im Körper eines anderen weiterzuleben.

"Der Tod ist nicht das Ende."

Die allermeisten Leute wollten Nachkommen. "Es ist ein fundamentaler Bestandteil des Strebens nach Überleben." Rosenblum bekommt Applaus, aber als sie sich wieder ins Publikum setzt, folgen ihr irritierte Blicke. Es ist ein Kongress von Anwälten, die sich auf Adoptivrecht spezialisiert haben, Vertreter eines "alten Systems", wie Rosenblum meint. Sie sitzt bei einem Wasser in der Lobby, müde, aber voller Energie.

"Das System ist völlig überfordert", sagt sie. "Verstehen Sie, wir haben Millionen von Eizellen, Spermien und Embryonen. Wir haben die Technologie, wir haben die Interessen, und wir haben das Material." Diese Möglichkeiten bedürftigen Menschen vorzuenthalten, das sei unmoralisch. Sie ohne Grenzen zu nutzen, ebenfalls.

Die Welt glaube noch immer, man könne die Realität ausblenden. Doch das sei falsch. Man habe es mit einer Geschäftswelt zu tun, einem globalen Markt, geleitet von Interessen. Diese Interessen seien Gefühle. Die Bewegung sei nicht zu stoppen. Sie spreche das nur aus.

Ärmere Länder kümmerten sich doch selten um irgendeine Menschenrechtscharta. Verwerfliches würde geschehen. Sie erinnert an jenen bekannten Fall in Thailand: Ein australisches Paar ließ von einer Leihmutter Zwillinge austragen. Das Mädchen war gesund, der Junge hatte das Downsyndrom. Das behinderte Baby ließen sie in Thailand zurück.

"Verstehen Sie, ich erschaffe nicht den Dschungel", sagt Rosenblum, "das da draußen ist schon der Dschungel. Ich will eine Ordnung schaffen."

Shira Malka, inzwischen zwei Jahre alt, hüpft vor dem Fernseher im Wohnzimmer in Aschkelon, nördlich des Gazastreifens. Sie lacht und deutet auf den Bildschirm. Ein singendes, knallgelbes Küken tanzt durch die Landschaft. Die Kleine, bei der Geburt noch schwarzhaarig, ist blond und wird immer blonder.

"Sie sieht mir ähnlich", sagt Julia Pozniansky und drückt ihr einen Kuss auf die Wange, "und sie ist immer fröhlich, wie ihr Vater." Es ist das erste Mal, dass auch Julia ein wenig fröhlicher aussieht.

Im Internet, besonders in russischen Foren, wird sie als pervers beschimpft. Sogar viele Freunde wendeten sich ab, weil sie Julias Schmerz und ihre Entscheidungen nicht ertrugen. Doch es ist ihr egal. Nichts sei falsch daran, ein Leben zu erschaffen.

"Wir verehren diese ganzen Idioten, so wie Napoleon", sagt sie, "Leute, die so vielen den Tod brachten." Anstatt jene zu preisen, die Leben schenkten. Etwa sieben Millionen Babys weltweit seien schon durch IVF auf die Welt gekommen. "Warum verehren wir nicht den Erfinder von IVF?"

Liat Malka, die Mutter, macht Kaffee und serviert Schokokuchen. Die gesamte marokkanische Großfamilie hat sich mal wieder selbst eingeladen. Für Shira ein Vergnügen, sie läuft von einem zum anderen, verteilt Spielzeug.

"Es war immer klar, dass ich ein Kind wollte", sagt Liat, "aber mit den Männern war es schwierig."

Dating sei eine ermüdende Angelegenheit. Einmal habe sie den Richtigen gefunden, doch er lebte in den USA. Sie aber habe ihre Heimat Israel nicht verlassen wollen. "Meine Schwestern und die meisten meiner Freundinnen sind verheiratet", erzählt sie, "einfacher ist das auch nicht."

Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Tochter Shira mit einem Bild ihres Vaters: Sie sagt Papa zu ihm

Von ihren Schwestern wusste sie, dass es in der Familie mehrere Frauen mit einer verfrühten Menopause gab. Also habe sie mit Anfang dreißig beschlossen, das Kinderkriegen und die Suche nach einem romantischen Partner zu entkoppeln - der könnte auch noch später kommen. Sie zog eine Samenspende in Erwägung. Doch ein Kind aufzuziehen, mit einem anonymen Vater? Sie fand das schwierig. "Ein Kind will wissen, wo es herkommt."

Auf YouTube stieß sie auf einen Fernsehbeitrag von Kanal Zwei aus dem Jahr 2009. Julia und Wladimir erzählten darin ihre Geschichte. Und Baruch war zu sehen, wie er lachte mit seinen blauen Augen, wie er tanzte mit seinen Freunden, wie er abgemagert mit nur noch Flaum auf dem Kopf durch ein Krankenhauszimmer wankte. Liat mochte ihn.

So zugewandt, so zärtlich war er mit seiner Familie. Wenn sie ihn getroffen hätte, glaubt sie, vielleicht hätte sie sich in ihn verliebt.

Und sie sah Julias Schmerz.

Die Idee gefiel ihr. Schließlich hätte ihr Kind eine Familie. Sie rief Rosenblums Organisation New Family an.

Erst als sie schwanger war, kamen die Zweifel. War es die richtige Entscheidung? Sie kannte doch diese zwei Menschen gar nicht, die da plötzlich Teil ihres Lebens sein sollten. Sie hatte sie nur dreimal getroffen. Sie waren russisch, so anders als Liats marokkanische Verwandte. Würden sie miteinander klarkommen? Sie zieht sich zurück.

Liats Leben verändert sich. Sie macht den Führerschein, zieht zu ihrer Mutter nach Aschkelon. Sie bringt das Kind zur Welt. Die Kleine hat helle Haut, helles Haar und blaue Augen. Sie sieht europäisch aus. Liat ist irritiert. Die Leute auf der Straße denken, sie sei das Kindermädchen.

Nachts träumt sie von Baruch. Jemand öffnet die Tür, Baruch kommt ins Zimmer, um sein Kind zu sehen. Ein anderes Mal erscheint er, sie streckt die Hand nach ihm aus, doch er ist so groß, dass Liat ihn nicht erreichen kann.

Manchmal, sagt Liat, mache es sie traurig, dass Shira ohne ihren Vater aufwachse. Sie selbst habe einen wunderbaren Vater gehabt. Auch er starb an Krebs, aber da war sie schon erwachsen.

"Für Shira ist die Frage nach dem Vater endgültig", sagt sie, "sie wird ihn nicht irgendwann suchen und finden."

In den Monaten nach der Geburt ändert sich Liats Beziehung zu Julia und Wladimir. Sie wird intensiver. Liat sieht, wie sehr die Poznianskys ihre Enkeltochter lieben. Sie treffen sich häufiger als nur die im Vertrag vereinbarten alle zwei Wochen. Liat übernachtet nun an den Wochenenden in dem Haus in Karmiel. Sie könne über alles reden mit Julia, sagt sie. Wladimir erinnere sie an ihren verstorbenen Vater. "Sie sind Familie geworden."

In der Wohnung stehen Fotos von Baruch. Shira nimmt eines in die Hände, tanzt damit um sich selbst und küsst Baruchs Gesicht. Sie sagt "Abba, Abba", hebräisch für "Papa".

Im Video: "Dating und Kinderkriegen entkoppelt"

Foto: Felix Rettberg / Der Spiegel

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