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Kultur
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2/2018

"Drittes Reich"

Hitlers merkwürdige Vorliebe für den Islam

Der Historiker David Motadel hat die Allianz zwischen Nazis und Muslimen erforscht. Was trieb Hitler an?

Scherl/ Süddeutsche Zeitung/ Ullstein Bild

Deutscher Soldat, Kamelführer in Tunesien 1943: Wenig Sinn für Multikulti

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Montag, 08.01.2018   10:26 Uhr

Adolf Hitler glaubte bekanntlich an keinen Gott, sondern nur an sich selbst. Wenn er überhaupt Interesse an einer Religion zeigte, dann war es tatsächlich der Islam.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Nur der "Mohammedanismus", so erklärte er 1941 im kleinen Kreis, könne ihn "noch für den Himmel begeistern"; allein schon die Vorstellung eines von Jungfrauen "bevölkerten Paradieses... wo der Wein in Strömen fließt", sei doch viel schöner als dieser "fade christliche Himmel".

Seine Zuhörer fragten sich wahrscheinlich im Stillen, was ihr "Führer", der weder dem Alkohol noch einem ausschweifenden Sexualleben zuneigte, an diesem Paradies so attraktiv fand.

In Wirklichkeit waren es wohl eher die zahlreichen Anhänger des Islam, die Hitler so euphorisch stimmten.

Das NS-Regime, so schreibt der deutsche Historiker David Motadel in seinem spannenden Buch "Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich", habe seit 1941 erhebliche Anstrengungen unternommen, um "Muslime als Verbündete zu gewinnen und sie zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde aufzustacheln, allen voran das Britische Empire, die Sowjetunion und die Juden".

Motadels Studie beruht auf Recherchen in vielen Archiven Europas und der USA; die englische Originalausgabe wurde hochgelobt und mit Preisen ausgezeichnet. Dass sich der an der London School of Economics lehrende Historiker mit diesem Thema befasste, hat allerdings auch biografische Gründe. Motadels Vater stammt aus Iran, seine Mutter aus Deutschland.

In seinem Buch schildert er zunächst die politischen Folgen des Vormarsches deutscher Truppen in den Osten Europas und nach Nordafrika: Immer mehr Muslime gelangten unter deutschen Einfluss.

Im Zuge dessen hofften die Nazistrategen, die in der islamischen Welt verbreiteten Ressentiments gegen die Juden mobilisieren zu können. Das Auswärtige Amt lotste zu diesem Zweck diverse religiöse Führer nach Berlin, allen voran den Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini. Der "heilige Koran", so warnte der "glühende Judenhasser" (Motadel), sei "voll von Belegen jüdischer Charakterlosigkeit und für ihr tückisches, lügnerisches und betrügerisches Verhalten". In Berlin aufgezeichnete arabische Radiosendungen sowie Flugblätter, die von deutschen Flugzeugen abgeworfen wurden, verbreiteten Husseinis Tiraden in der ganzen muslimischen Welt.

Der Erfolg der NS-Propaganda hielt sich freilich in Grenzen. Abgesehen von einem Pogrom im Irak sei es während des Krieges zu "keinen größeren judenfeindlichen Aufständen" gekommen, schreibt Motadel. Im Gegenteil: Immer wieder hätten Teile der islamischen Bevölkerung in Nordafrika "offene Solidarität mit ihren jüdischen Nachbarn" gezeigt. Gemessen an der Brutalität des nationalsozialistischen Rassenwahns, war der arabische Antisemitismus geradezu harmloser Natur.

Die ideologische Kampagne scheiterte zudem an mangelnder Glaubwürdigkeit. Sosehr sich Adolf Hitler auch für die Muslime begeisterte: Seine Volksgenossen hatten mit multikulturellen Anwandlungen wenig im Sinn. "Fast jeder deutsche Soldat gibt eindeutig zu verstehen, dass er uns zu den verachtetsten Rassen der Welt zählt", klagte ein Nordafrikaner in einem Memorandum für die NS-Regierung. Man werde von den deutschen Besatzern im Maghreb immer wieder als "Nigger", "schwarze Halunken" oder gar als "Juden" beschimpft.

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David Motadel:
Für Prophet und Führer

Die islamische Welt und das Dritte Reich

Aus dem Englischen von Susanne Held und Cathrine Hornung

Klett-Cotta; 568 Seiten; gebunden; 30,00 Euro

Die Tatsache, dass nicht nur Juden, sondern auch Muslime beschnitten sind, war den meisten Deutschen unbekannt. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion erschossen Einsatzgruppen der SS neben Hunderttausenden Juden auch viele Muslime. Erst ein Erlass des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin klärte die Mördertruppe im September 1941 darüber auf, dass "die Beschneidung allein noch nicht ohne Weiteres den Beweis einer jüdischen Abstammung darstellt".

Besonders bedrückend lesen sich jene Passagen des Buches, in denen David Motadel über den Einsatz von Muslimen bei der SS und der Wehrmacht berichtet. Arabische Soldaten desertierten in großer Zahl, zumal auch auf der Gegenseite, bei den britischen Truppen in Nordafrika, viele Muslime kämpften.

Auf der Krim und auf dem Balkan hingegen erwiesen sich muslimische Einheiten als äußerst blutrünstig. Die Handschar-Division der SS massakrierte in den serbischen Gebieten Bosniens große Teile der Zivilbevölkerung. Als Hitler in einer Lagebesprechung im April 1944 darüber informiert wurde, dass die Handschar-Killer ihren Gegnern sogar manchmal mit dem Messer das Herz herausschnitten, antwortete er kurz: "Das ist Wurst", und wechselte das Thema.

Für alle Neonazis hält Motadel schließlich eine bittere Pointe bereit: Hitler, der Rassist und Nationalist, habe mit seiner Begeisterung für islamische Geistliche und Soldaten am Ende "mehr Muslime nach Deutschland gebracht, als dort je gelebt hatten".

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