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Wirtschaft
Ausgabe
20/2018

US-Sanktionsdrohungen

Wie deutsche Unternehmen Trumps Bannstrahl entgehen wollen

Durch die Drohung des US-Präsidenten werden Geschäfte mit Iran für deutsche Unternehmen noch schwieriger. Nun beginnt die Suche nach Auswegen.

Siemens AG

Verladung einer Siemens-Gasturbine für Iran: Dämpfer nach Goldgräberstimmung

Von und
Montag, 14.05.2018   17:48 Uhr

Das neue Atomabkommen mit Iran war gerade mal gut eine Woche alt, da reiste im Sommer 2015 eine deutsche Wirtschaftsdelegation in das bis dahin weitgehend abgeschottete Land. Sigmar Gabriel, der damalige Wirtschaftsminister, hatte Manager wie Linde-Chef Wolfgang Büchele oder den BASF-Vorstandsvorsitzenden Kurt Bock eingeladen, um an alte Zeiten anzuknüpfen, als Iran noch als eines der wichtigsten deutschen Exportländer außerhalb Europas gegolten hat.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 20/2018
Goodbye, Europe!

Die Euphorie war groß. Mindestens zehn Milliarden Euro wollten deutsche Firmen von 2018 an wieder in dem Land umsetzen. Der Tunnelbauer Herrenknecht hoffte, mit seinen Spezialbohrern zum Graben von U-Bahn- oder Abwasserschächten 5 Millionen bis 15 Millionen Euro pro Jahr einzunehmen.

Von der anfänglichen Goldgräberstimmung war schon länger kaum noch etwas zu spüren. Und die Laune dürfte weiter sinken, nachdem der US-Präsident das Atomabkommen einseitig gekündigt und neue Wirtschaftssanktionen angedroht hat.

Gerade mal knapp drei Milliarden Euro betrug der Wert deutscher Warenexporte nach Iran 2017. Auch die Ingenieure von Herrenknecht mussten sich bescheiden. Die Umsätze blieben weit hinter den Erwartungen zurück, wohl auch weil deutsche Banken sich schon bislang zieren, Projekte in Iran zu finanzieren - aus Angst vor US-Repressalien.

Bereitet Trumps Drohung, europäische Firmen abzustrafen, die weiterhin mit dem Land kooperieren, dem Geschäft nun endgültig den Garaus? Vermutlich nicht - trotz der Aufforderung des neuen US-Botschafters in Berlin an deutsche Firmen, ihre Aktivitäten in Iran sofort herunterzufahren. Mit einem deutlichen Dämpfer ist jedoch zu rechnen.


Im Video: Die blaue Linie
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Als erste Reaktion will die EU-Kommission künftig Firmen finanziell absichern, die in Iran aktiv sind. Außerdem wird über Gegenmaßnahmen nachgedacht, wie zum Beispiel daran, neuartige bilaterale Zahlungssysteme zu nutzen, um dem US-Bannstrahl zu entgehen.

Die Bundesregierung sichert bereits seit dem Sommer 2016 Geschäfte in Iran durch sogenannte Hermes-Bürgschaften ab, also staatliche Garantieerklärungen für den Fall von Zahlungsausfällen. Seither haftet der Bund für 57 Transaktionen im Wert von mehr als 900 Millionen Euro.

Stark gefährdet sind vor allem Unternehmen, die enge Geschäftsbeziehungen mit Iran und den USA aufweisen. Sie bilden bei Handelskontakten mit dem Land allerdings die Minderheit. Das haben Beamte im Bundeswirtschaftsministerium festgestellt. Nach ihren Erkenntnissen engagieren sich vor allem Firmen in Iran, die kaum Berührungspunkte mit den USA aufweisen.

Eine Ausnahme bildet Siemens. Der Konzern hat eine lange Geschichte in Iran und wollte beim Wiederaufbau der Infrastruktur mitverdienen. Allerdings ist Siemens auch in den USA stark präsent. Firmenchef Joe Kaeser wartet deshalb erst einmal ab. Er könnte einen Rückschlag locker verkraften. Die Iran-Aufträge sind gemessen am Gesamtumsatz zu vernachlässigen. Außerdem verdient der Konzern gut - auch in den USA.

Andere Unternehmen, wie der Mannheimer Industriedienstleister Bilfinger, haben ausgefeilte Strategien entwickelt, um ihr Iran-Geschäft abzusichern. Bilfinger hat in seine Verträge eine sogenannte Snap-Back-Klausel eingebaut. Der Passus erlaubt den Managern den kostenlosen Rücktritt von einem vereinbarten Geschäft, falls sich die Rechtslage ändert.

Projekte, die sich über mehrere Jahre hinziehen, nehmen Bilfinger-Chef Tom Blades und seine Leute nach Möglichkeit nicht an. Außerdem wickeln sie Zahlungen im Iran-Verkehr bevorzugt in Euro ab und meiden US-Banken.

Flugzeugbauer Airbus hat solche Ausweichmöglichkeiten nicht. Seine Geschäfte werden in der Regel in Dollar abgerechnet. Im Jahr 2016 hat er 100 Maschinen an die staatliche Fluglinie Iran Air verkauft.

Gefertigt wurde von dem Milliardenauftrag bislang allerdings nur ein einziger Jet. Die Fluggesellschaft könnte weitere Exemplare gut gebrauchen, ihre Flotte ist veraltet. Doch die Auslieferung wird nun durch das jüngste Edikt Trumps verhindert, weil die Airbusse Komponenten aus US-Produktion enthalten, für die eine amerikanische Exportlizenz benötigt wird. Die aber verweigert die Trump-Regierung.

Muss man sich Airbus-Chef Tom Enders deshalb als unglücklichen Menschen vorstellen? Eher nicht. Die Lieferzeit für Bestseller wie den A320 beträgt ohnehin mehrere Jahre. Mit der Produktion für den Iran-Auftrag hatte der Flugzeugbauer deshalb noch gar nicht begonnen.

Nun warten auch die Airbus-Manager erst mal ab. Sie hoffen auf ein neues Abkommen mit Iran und eine zweite Chance für den Großauftrag. Ein Spiel auf Zeit.

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