Schrift:
Ansicht Home:
Politik
Ausgabe
16/2018

Interview mit Soziologin

Warum fühlen sich manche Menschen in Deutschland nicht mehr zu Hause?

Einige Deutsche fürchten, dass Zuwanderung die Republik verändert. Die Soziologin Cornelia Koppetsch erklärt die Hintergründe.

Werner Schuering

Forscherin Koppetsch: "Die Elite wirkt verlogen"

Ein Interview von
Sonntag, 15.04.2018   08:56 Uhr

Cornelia Koppetsch, 51, ist Professorin an der Technischen Universität Darmstadt und untersucht die Ängste der Mittelschicht und den Aufstieg der Rechtspopulisten.


Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 16/2018
Ist das noch mein Land?
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

SPIEGEL: Frau Koppetsch, viele Deutsche scheinen sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause zu fühlen. Warum ist das so?

Koppetsch: Wenn sich die Spielregeln einer Gesellschaft verändern, meinen viele Menschen, ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren. Sie spüren, dass ihre Ansichten und Verhaltensmuster nicht mehr zu den neuen Umständen passen, und das nimmt ihnen Vertrauen zu sich selbst und in ihre Umgebung. Am Ende fühlen sie sich in ihrem Land nicht mehr geborgen.

SPIEGEL: Was hat sich denn geändert?

Koppetsch: Zahlreiche Entwicklungen haben eine größere Zahl von Menschen spürbar verstört. Dazu gehört, dass Gemeinsinn, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und Prinzipientreue heute weniger zählen als Weltgewandtheit, unternehmerisches Geschick und Flexibilität. Das wirkt auf viele oberflächlich, und der Eindruck entsteht, dass jeder für sich allein sorgen muss.

SPIEGEL: Können Sie das konkreter an politischen Entwicklungen festmachen?

Koppetsch: Viele stoßen sich daran, dass Flüchtlinge jede Menge Beistand bekämen, ohne etwas dafür geleistet zu haben - während sie selbst sich, wie sie meinen, jeden Tag mit dem Überleben abmühen. Andere fühlen sich durch die Homo-Ehe oder das dritte Geschlecht in ihrem Weltbild angegriffen. Die Bundesrepublik war wie die DDR über Jahrzehnte ein von kleinbürgerlichem Denken geprägtes Land. Aber nun scheint eine kosmopolitische Elite lauter seltsame Angebote für alle möglichen Minderheiten zu machen. Das empfinden vor allem Angehörige der traditionellen Mittelschicht so. Sie fürchten um ihren Platz im System - und zwar nicht nur ökonomisch, sondern kulturell. Aus diesem Gefühl von Heimatlosigkeit erwachsen dann all die Kampfansagen an die etablierte Gesellschaft.

SPIEGEL: Sie sprechen von Pegida, der AfD und den Vorwürfen an die sogenannte Lügenpresse?

Koppetsch: All diese Phänomene haben ein gemeinsames Muster: Man erklärt die eigene Wahrnehmung möglichst öffentlichkeitswirksam zur Wahrheit - grenzt sich also ab, um sich seiner selbst zu vergewissern und auf diesem Weg die alte Geborgenheit zurückzuerobern.

SPIEGEL: Das kommt auch in den etablierten Parteien vor.

Koppetsch: So ist das leider. Wenn Horst Seehofer erklärt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, bedient er genau dieses Muster. Vernünftig betrachtet ist das ganze Thema ja komplett unsinnig: Deutschland ist ein säkularer Staat, es herrscht Religionsfreiheit. Aber es geht eben nicht um die Sachebene, sondern darum, Gefühle zu mobilisieren. Das ist gefährlich - genauso wie die prompte Antwort der Kanzlerin, er gehöre eben doch dazu.

SPIEGEL: Wieso gefährlich? Was hätte sie sonst sagen sollen?

Koppetsch: Die Wahrheit. Dass man erst noch herausfinden müsse, welche Anteile islamischen Glaubens und Denkens sich auf Dauer mit unserer Gesellschaft vertragen. Wir wissen ja noch nicht, welche Aspekte der Islam in all seinen Facetten mit sich bringt. Merkel und Seehofer aber haben mit emotionalen Botschaften um Zustimmung für zwei unterschiedliche Weltbilder geworben. Das stiftet in ihren politischen Lagern Gemeinschaft, deshalb machen sie es ja auch, aber es ist eine vordergründige Gemeinschaft. Am Ende bleibt die Botschaft: Jene, die uns regieren, haben in grundlegenden Fragen keinen Konsens, wie das Land aussehen soll. Das befördert das grassierende Gefühl von Heimatlosigkeit. Und das Verhalten der Intellektuellen - der Professoren, Journalisten und Pädagogen - befeuert diesen Trend dann auch noch.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Koppetsch: Diese kosmopolitische Elite verhält sich doppelbödig und wirkt dadurch verlogen. Sie propagiert Weltoffenheit und fordert eine durchlässige Gesellschaft, in der jeder dieselben Chancen hat, sie spricht von Gleichheit und Gleichberechtigung. Aber wenn jemand ihr Weltbild nicht teilt, wendet sie sich verständnislos ab und erhebt sich im Namen einer höheren Moral. Das lässt sich nach jeder Wahl in den Talkshows beobachten. Wenn dort von Protestwählern der AfD die Rede ist, klingt es oft, als handelte es sich dabei um schwer erziehbare Kinder oder Psychopathen.

SPIEGEL: Manche Beiträge von AfD-Politikern wirken ja auch reichlich irre.

Koppetsch: Aber im Kern ist das Weltbild der vermeintlich weltoffenen Elite eben häufig genauso starr wie das der Kleinbürger, auf die sie herabsieht: Sie ist davon überzeugt, dass allein ihre Werte und ihr Lebensstil allgemeingültig sein müssten. Auch ihr Bedürfnis nach einer Geborgenheit stiftenden Heimat ist oft ähnlich ausgeprägt. Und da ist diese Elite im Vorteil, weil sie sich ihre Heimat selbst erschaffen kann.

SPIEGEL: Wie soll das funktionieren? Wir führen diese ganze Debatte doch nur, weil sich Heimat nicht beliebig herstellen lässt.

Koppetsch: Diese schon. Hier geht es um die kulturelle Heimat der bessergestellten Kosmopoliten. Sie gründet auf Bildung, Hochkultur und auf einem bestimmten Lebensstil - und der ist zumindest in den Großstädten fast überall auf der Welt zu finden. Trotzdem ist es eine exklusive Heimat: Man bleibt in den schönen Stadtvierteln wegen der hohen Preise unter sich. Man sorgt dafür, dass zumindest in den Schulen der eigenen Kinder der Lernerfolg gut, das Mittagessen gesund und die Pädagogik wertvoll ist. Und mit alldem sendet man jenen, die um ihren Platz in der Gesellschaft fürchten, ein Signal: Hier bei uns, bei den weltoffenen Weltbürgern, finden Leute wie ihr auch keinen Platz. Verloren, Pech gehabt!

Artikel

© DER SPIEGEL 16/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP