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Politik
Ausgabe
15/2018

"En Marche"

Wie Macrons ungestüme Gefolgsleute Frankreich umkrempeln

"En Marche" hat Emmanuel Macron an die Macht gebracht, nun treibt die Bewegung radikale Reformen voran. Welche Menschen stecken dahinter?

Cyril Zannettacci/ DER SPIEGEL

Parteichef Castaner: Er klingt oft wie ein Motivationscoach

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Dienstag, 10.04.2018   17:44 Uhr

Wenn Christophe Castaner, 52, von seiner Beziehung zu Emmanuel Macron spricht, also zu demjenigen, der sich die Bewegung ausgedacht hat, an deren Spitze Castaner steht, dann sei da bei ihm auch eine "Dimension des Verliebtseins".

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 15/2018
Süßes Gift
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Besucht man den stellvertretenden Parlamentspräsidenten Sacha Houlié, 29, in seinem Büro, dauert es keine zwei Minuten, bis er die Autobiografie von Macron aus dem Regal zieht und stolz die Widmung darin vorliest: "Für Sacha, der diese Revolution an meiner Seite begonnen hat - noch vor dem ersten Tag".

Und Amélie de Montchalin, 32, Sprecherin des Finanzausschusses der Nationalversammlung, die Politikerin werden wollte, seit sie zehn Jahre alt ist, sagt, seit sie für Macron im Parlament sitze, fühle sie sich "am absolut richtigen Platz".

Seit fast einem Jahr steht Emmanuel Macron nun an der Spitze des französischen Staates, und während er durch die Welt wirbelt oder diese im Élysée empfängt, soll aus La République en marche (LREM), seiner Bewegung, eine Regierungspartei werden. Mehr noch: eine Volkspartei, von der sich möglichst viele Franzosen repräsentiert fühlen.

Macron hat mit seiner Wahl die politischen Koordinaten verschoben. Wo früher auch und vor allem Sozialisten und bürgerliche Rechte um Wähler buhlten, klafft jetzt eine Leerstelle. La République en marche will sie füllen, aber kann das gelingen? Kann man alles neu und anders machen und trotzdem die demokratische Repräsentation gewährleisten, diese wesentliche Funktion eines Parteiensystems?

Der Druck jedenfalls ist groß, fast fühlbar die Anspannung - denn ein Scheitern wäre fatal. Die politische Landschaft, wie es sie bisher gab, das Balancespiel zwischen Opposition und Regierung, liegt seit Macrons Siegeszug in Trümmern. Zumindest für den Moment ist es an ihm und seiner Bewegung, sie wieder aufzubauen. Noch eine Enttäuschung würden die Franzosen nach fünf bleiernen Jahren unter François Hollande im Élysée wohl harsch quittieren und sich weiter abwenden von allem, was Politik bedeutet.

LREM war von Anfang an ein seltsames Konstrukt: Zum einen will es eine Bürgerbewegung mit Tausenden Ortsvereinen überall im Land sein. Zugleich aber ist die Formation ausgerichtet auf eine einzige Person: Macron. Er hat sie ersonnen, hat sie erschaffen, gemeinsam mit einer Handvoll Vertrauter.

Das Ziel der Bewegung ist, so steht es in ihrer Satzung, den Willen der Franzosen wieder zum Herzstück des politischen Lebens zu machen. Das Volk, der Souverän, ein uralter Gedanke.

An diesem Samstag beginnt das nächste große Projekt, die Operation "Grande Marche pour l'Europe", der Große Marsch für Europa. Fünf Wochen lang werden die Marcheurs durch Frankreich ziehen, von Tür zu Tür, und die Franzosen zu Europa befragen: "Was bedeutet das Wort Europa für Sie?" - "Wie bereichert Europa Ihren Alltag?" - "Was, glauben Sie, läuft falsch in der Europäischen Union?"


Im Video: "Eine kuriose Formation
SPIEGEL-Korrespondentin Julia Amalia Heyer über Basisdemokratie und Wahlkampfstrategie der En-Marche-Bewegung

Foto: Polaris/laif

Es ist eine Erhebung, eine Art nationales Auditing, das da stattfinden soll und das es so schon einmal gab - als alles begann. Dieses Mal aber geht es um die Europawahl im nächsten Jahr, es ist die Reifeprüfung für Macron und seine junge Bewegung.

Was ist das für eine Partei, die sich lieber Bewegung nennt? Wer sitzt für sie im Parlament und entwirft die Gesetze? Was sind das für Menschen, die ihr Mandat ein Abenteuer nennen und ihr Land verändern wollen? Der SPIEGEL hat drei Macronisten über Wochen begleitet - für zwei von ihnen waren es die ersten Schritte als Berufspolitiker, die ersten Monate in einem öffentlichen Amt.

Noch ist die Partei Manövriermasse für diejenigen, die ihre Geschicke lenken. Noch gibt es keine Flügel-, kaum Grabenkämpfe. Nur manchmal ein leichtes Störgeräusch, kaum vernehmbar: Murren darüber, dass vor allem ein innerer Kreis, mit Zugang zum Élysée, entscheidet.

Wie alles begann

Blassblauer Himmel, lauwarme Luft, nur die Sonne ziert sich an diesem Junimorgen 2017 in Poitiers noch ein bisschen, als Sacha Houlié, 28 Jahre alt, in den TGV nach Paris steigt. Am Gleis wartet eine Handvoll Journalisten auf den schlaksigen jungen Mann mit dem Harry-Potter-Gesicht, der Fernsehsender TF1 hat ein Team geschickt. Später, in einem Innenhof der Assemblée nationale, werden die Reporter zu einer gewaltigen Traube zusammenwachsen, und es wird aussehen, als würde der Abgeordnete des 2. Wahlkreises der Vienne an seinem ersten Tag im Parlament von einem Flashmob verfolgt.

Für Houlié ist dieser Mittwoch ein besonderer Tag. Der Stürmer Valère Germain ist gerade von seinem Herzensklub Olympique Marseille verpflichtet worden, und das Palais Bourbon am linken Seine-Ufer, Sitz der französischen Nationalversammlung, empfängt seine frisch gewählten Abgeordneten. 188 Neulinge beginnen an diesem Tag, einer der jüngsten ist Sacha Houlié, Anwalt aus Poitiers.

Von 577 Abgeordneten sitzen nun 309 für Macron im Halbrund. Diese Nationalversammlung ist besser ausgebildet, jünger und weiblicher als je zuvor.

Gäbe es so etwas wie einen Archetyp der Marcheurs, käme Sacha Houlié ihm ziemlich nahe. Gemeinsam mit drei Freunden gründete er im Juni 2015 die "Jeunes avec Macron". Die Gruppe, die heute Tausende Mitglieder in ganz Frankreich zählt, hat viel zum Wahlsieg Macrons beigetragen. Houlié arbeitete damals noch als Anwalt in Paris. Macrons Drang zu verändern beeindruckte ihn.

Heute ist Houlié Vizepräsident der Nationalversammlung, mit 29 Jahren. Wenn er eine Plenarsitzung leitet, wirkt es ein wenig, als säße da ein Schülerpraktikant, der über die Redezeit bestimmt. Den Besuchern in seinem Büro muss seine Assistentin Flavie am Empfang noch seinen Namen buchstabieren.

"Houlié", sagt sie dann.

"Abgeordneter?"

"Und Vizepräsident."

Sacha Houlié sitzt in einem Kunstledersessel in der Brasserie Bourbon, einer Art Wohnzimmer der Abgeordneten, als er von den Anfängen der Bewegung erzählt. Er hat eine heiße Schokolade bestellt, seine Augen leuchten hinter der Harry-Potter-Brille, die irrwitzige Vergangenheit, dieser unwahrscheinliche Sieg Macrons und der Marcheurs scheint ihn noch immer zu faszinieren. 400.000 Mitglieder hat En Marche inzwischen, das sind mehr, als die beiden Altparteien zusammen zählen. Als virtuelle Blase bezeichnen die Gegner die Bewegung bis heute - auch, weil es nichts kostet, Mitglied zu werden.

Allerdings ist diese Blase gerade dabei, die Realität kräftig zu verändern. Sie hat den Arbeitsmarkt umgebaut und für den Abschied von fossilen Brennstoffen votiert; sie wird das System der dualen Ausbildung erneuern und die Schulpflicht für Dreijährige einführen. Sie hat die Sozialsteuer erhöht und die Vermögensteuer abgeschafft.

Zurzeit steht eine Bahnreform an und damit die Abschaffung jahrhundertealter Privilegien für die Eisenbahner, die mit monatelangen Streiks drohen. Aber anders als seine Vorgänger wirkt Macron nicht, als wollte er einknicken (siehe auch Seite 81).

Keine Partei, eine Bewegung

Auf einmal, einem Taschenspielertrick gleich, hat Christophe Castaner eine goldene Pyramide in der Hand, espressotassengroß. Er stellt sie vor sich auf die Tischplatte, kleine dramaturgische Pause: "Genau das ist es, was ich will", sagt er und dreht die Pyramide um, die Spitze zeigt nun nach unten.

Parteichef Castaner empfängt in seinem Büro in der Rue Sainte-Anne. Vier tadellos renovierte Etagen inmitten von Galerien und asiatischen Restaurants. Die Pyramide soll seine Aufgabe illustrieren. Denn Castaner ist derjenige, der den Boden - die Parteibasis - nach oben bringen und sie damit konsolidieren will. Pardon: keine Partei, eine Bewegung. Hat er es nicht eben erklärt? LREM sei keine konventionelle Partei, sei nicht auf bloßen Wahlerfolg ausgerichtet, sondern auf: Bewegung.

Cyril Zannettacci / DER SPIEGEL

Abgeordneter Houlié: "Eine Methode brauchen wir auch"

Darauf, dass etwas vorwärtsgeht. Castaner knipst ein routiniertes Lächeln an, er klingt oft wie ein Motivationscoach. Vielleicht muss das so sein, weil sich so viel geändert hat, seit Emmanuel Macron Präsident ist. Die politische Sphäre gleicht jetzt einer Wüstenei, zu deren einziger Wasserstelle En Marche Zugang hat. Die bürgerliche Rechte: zerstritten bis aufs Blut. Die Sozialisten: nach fünf Jahren Hollande zur Zwergenpartei geschrumpft. Selbst um die Radikalen, um Jean-Luc Mélenchon oder Marine Le Pen, ist es merkwürdig leise geworden.

Wie genau allerdings dieses Reservat gesichert werden soll, darüber herrscht Unklarheit. Denn die Bewegung will die Erneuerung verkörpern, muss aber trotzdem funktionieren im politischen Betrieb. Bisher war LREM ein streng hierarchisches Ding, strukturiert von oben nach unten. En Marche war nie eine Graswurzelbewegung, eher eine Art digital versierter Pfadfinderverein mit Chefscout.

Castaner war einmal ein sozialistischer Hinterbänkler. Ein Apparatschik, wie er selbst sagt. Die Widersprüche seiner Partei spiegeln sich auch in ihm selbst. Heute ist er einer der engsten Vertrauten des Präsidenten, der ihn auserwählt hat, die Partei zu führen. Keine leichte Aufgabe, denn bisher verbindet nur ein Element die rund 400.000 Mitglieder, darunter 309 Abgeordnete: Macron.

Der aber zog in den Élysée ein - und ihm gefolgt in die Regierung oder auf andere Schlüsselposten sind seine Getreuen. Nahezu alle der talentierten, fleißigen Strategen, dank derer Macron siegte. Zurück blieb eine Bewegung, die einem zu schnell gewachsenen Start-up gleicht.

Manchmal wirkt die notwendige Professionalisierung der Partei wie ein Rennen gegen die Zeit, bei dem jedes Mittel probat ist, solange es nur in möglichst knalligen Farben daherkommt. So bekommen die Mitglieder zum Beispiel Erklärfilmchen geschickt. In "Was ist eigentlich ein Rathaus?" simulieren Comic-Männchen die Rolle des Bürgermeisters.

Die "Zivilgesellschaft, die sich engagiert" wird in Onlineseminaren ausgebildet. Eine Stunde pro Woche, fünf Wochen lang. Das Rathausfilmchen gehört zur Ausbildung ebenso wie ein Quiz über die Zuständigkeit der Gebietskörperschaften. "Wer ist verantwortlich für die Grundschule?", heißt es da. Drei Antworten sind möglich. Politik als Trivial Pursuit?

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob das Früher, die alte politische Welt, wirklich viel schlechter war oder einfach weniger bunt. Weniger oberflächlich vielleicht?

Bevor Christophe Castaner zum Fixstern am macronschen Firmament wurde, war er drei Jahrzehnte lang Sozialist und Bürgermeister einer kleinen südfranzösischen Gemeinde. Macron übertrug ihm die Aufgabe, sich federführend um die Partei zu kümmern, während eines gemeinsamen Abendessens im Élysée. Es gab leises Murren über die Art und Weise, wie er ins Amt kam, ohne Gegenkandidaten und ohne Debatte. Aber kaum einer der Kritiker ließ sich mit Namen zitieren.

Castaner mag den Hype um ihn, aber er weiß, es kann damit schnell wieder vorbei sein. Politik kann nicht nur zäh, sondern auch schnelllebig sein. Castaner ist ein merkwürdiger Typ, er ist auf eine so routinierte Weise sympathisch, dass es schon wieder distanziert wirkt. In südfranzösischem Singsang referiert er darüber, was "Macronismus" für ihn bedeutet: individuelle Freiheit, aber es braucht auch Eigenverantwortung und einen Sinn fürs Kollektiv.

Die Harvard-Absolventin

Fragt man Amélie de Montchalin nach dem Geist ihrer Partei, zitiert sie John Fitzgerald Kennedy, verkürzt: "Frag, was du für dein Land tun kannst."

Cyril Zannettacci/ DER SPIEGEL

Abgeordnete de Montchalin: "Man müsste alles anders machen"

Das ist das Credo, sagt de Montchalin, Abgeordnete der Essonne südlich von Paris. Dort liegen die technischen Hochschulen der Elite. Sie habe nirgendwo sonst Abgeordnete werden wollen, "das ist das wettbewerbsfähige Frankreich, so wie es sein soll", schwärmt de Montchalin in ihrem Büro in der Assemblée. Der Raum ähnelt einem Bild aus einem dänischen Einrichtungskatalog. Wollteppich, helle Holzmöbel, Couch mit pastellfarbenen Kissen.

Es ist Ende November, gerade wird der Haushalt beschlossen, der erste unter Macron, und de Montchalin hat als Vertreterin der größten Parlamentsfraktion eine tragende Rolle. Sie sitzt im Finanzausschuss, dem vielleicht wichtigsten parlamentarischen Ausschuss. Sie hat sich in den wenigen Monaten als Abgeordnete einen exzellenten Ruf erworben; die Anerkennung kommt auch von Angehörigen anderer Parteien.

Bei der Verabschiedung des Haushalts gab es 4900 Änderungsanträge, jeder einzelne wurde im Ausschuss diskutiert. "Wir haben uns an die Regeln gehalten", sagt de Montchalin stolz; sie hätten bewiesen, dass nicht nur Politiker einen Haushalt verabschieden können, die seit Jahren und Jahrzehnten im Parlament sitzen. Ihr persönlicher Befund: "Das Prozedere im Parlament ist eher dafür ausgelegt, Reformen zu verhindern, als sie zu fördern." Eigentlich, davon ist sie überzeugt, müsste man alles anders machen.

Sie haben damit angefangen. Um den Haushalt zu verabschieden, haben sich de Montchalin und andere Abgeordnete mit Ministern und Beratern getroffen und verhandelt. Sie waren im Élysée und beim Premier, auch bei den Ökonomen im Finanzministerium. Ein Novum.

Jenseits des ständigen Drangs der Macronisten zur Kommunikation, der Facebook-Liveauftritte und der Selfies, die dauernd im Twitter-Feed aufpoppen, gibt es Menschen wie Amélie de Montchalin bei LREM, intelligent, effizient. Es ist das Verdienst von Emmanuel Macron, solche Mitstreiter für seine Politik gewonnen zu haben.

Wie Macron hat de Montchalin bei den Jesuiten gelernt. Die Älteste von sechs Kindern einer sehr katholischen Familie spricht schnell, Äußerungen ihres Gegenübers quittiert sie mit aufmerksamem Nicken. Sie schaut aufs Handy, entschuldigt sich: Das Kabinett soll umgebildet werden, sie ist im Gespräch für einen Ministerposten. Geht ihr das manchmal alles etwas zu schnell? "Nein", sagt sie. Im Gegenteil. Sie habe lange nach einem Zugang zur Politik gesucht. Bei Macron habe sie ihn gefunden: "Ihn interessiert die Methode: Wie muss man etwas machen, damit es ein Ergebnis gibt?" Sie glaubt, die Franzosen hätten ihn gewählt, weil sie endlich Ergebnisse sehen wollten. Nicht immer nur Maßnahmen, die wieder und wieder verkündet und doch nie umgesetzt würden.

Es sei das Verlangen nach Resultaten, das ihre Partei eine. Zumindest im Moment stimmt das: Der Premier tut, was sein Präsident sagt, die Parlamentsfraktion tut es auch. Noch ist LREM ein Kollektiv, das Exekutive und Legislative in seltener Eintracht umfasst.

Bürgersprechstunde in Poitiers

Sacha Houlié trägt eine Steppweste unter dem Sakko, als er sein Büro in Poitiers aufschließt, ein frisch renoviertes Ladenlokal. Bürgersprechstunde. Es ist noch früh und kalt, aber wie Macron wirkt Houlié eigentlich immer ausgeschlafen. Freitag bis Montag lebt er hier in Poitiers, Dienstag bis Donnerstag in Paris. In beide Büros lässt er sich jeweils frische weiße Hemden bringen. Was ist jetzt die Priorität für LREM, rund sechs Monate nach Mandatsbeginn? "Die Bewegung muss sich auch in der Provinz - also jenseits von Paris - verankern. Wir wollen keine professionelle Partei sein, aber eine Methode brauchen wir trotzdem."

Es klingelt, herein kommen ein Mann und eine Frau. Es soll um Palliativmedizin gehen und um Sterbehilfe, so steht es in Houliés Terminkalender, ziemlich schnell aber geht es um die Leihmutterschaft, die Gott nicht gewollt haben kann, und um künstliche Befruchtung. Zuerst nickt Houlié noch freundlich. Als sich dann beide über homosexuelle Paare auslassen, die Kinder großziehen dürften, versteinert sein Blick. "Ich kenne einige Kinder von Homosexuellen, es gibt da nicht mehr Probleme als in anderen Familien", sagt er kühl. Als die beiden weg sind, seufzt seine Assistentin, 18 Jahre alt: "Was für Riesenfaschos!"

An diesem Morgen empfängt Sacha Houlié noch einen Gesandten des Dachverbands der Gesellschaft für Urheberrecht, dessen Chef gern mit ihm essen gehen würde: "Mit Vergnügen; vielleicht im zweiten Trimester 18", antwortet Houlié freundlich.

Denis Meyer/ Hans Lucas

Parteigründer Macron 2017: Chefscout eines Pfadfindervereins

Wenige Wochen später, Mitte Januar, gibt Houlié freiwillig sein Amt des Vizepräsidenten auf und überlässt seinen Platz einem Abgeordneten einer Kleinstpartei, ein Kompromiss zugunsten des Kräfteverhältnisses zwischen LREM und der Opposition.

Es geht um Transformation

Ende Januar stellt Parteichef Christophe Castaner unter riesigen Scheinwerfern und weiß getünchtem Dachbalken seine neue Führungstruppe vor - in einem Showroom im 11. Arrondissement von Paris, in dem sonst Modeschauen stattfinden. Umjubelt zwängt er sich durch den schmalen Gang zur Bühne, bedankt sich für die "große permanente Aufmerksamkeit". Auf der Bühne spricht Castaner feierlich über das, wofür seine Bewegung steht. Es geht um Europa, das "uns schützt", und um dessen Bürger, die sich "engagieren". Es geht um die "Transformation" Frankreichs - das Wort Reform ist bei den Macronisten verpönt, vielleicht klingt es zu sehr nach jahrzehntelangen Niederlagen.

Castaner intoniert seine Sätze ohne Emphase, aber jeder einzelne klingt nach einem gut erdachten Slogan. Neben ihm auf der Bühne steht ein Flachbildschirm, der die griffigsten Formulierungen als blinkende Mantras zurück in den Raum schleudert:

"Die Lust, gemeinsam daran zu glauben."

"Es ist der gemeinsame Einsatz, der den Unterschied ausmacht."

"Ihr alle seid nützlich."

Besonders markante Schlagworte strahlen allein vom Schirm, zum Beispiel "Demut".

Wieder so ein Moment, in dem LREM weniger wie eine Partei wirkt, sondern eher wie eine Werbeagentur beim entscheidenden Pitch.

Warum auch nicht?, fragt Amélie de Montchalin. Sie findet, das Land solle grundsätzlich mehr wie ein großes Unternehmen geführt werden. Wo auch die eigene Effizienz immer wieder überprüft wird.

"Ich als Abgeordnete bin nicht dafür da, Gesetze für die Ewigkeit zu machen", sagt sie. Jedes Gesetz habe seine Halbwertszeit. Was heute passe, könne morgen passé sein.

Sie hat die besten Schulen besucht, darunter Harvard, wo sie die Gründe für die Finanzkrise erforschte und zum zweiten Mal Mutter wurde: von Zwillingen. Wo sie täglich vorbeiging an diesem Zitat von JFK, geschrieben an die Türen der Kennedy School. Eine französische Adaptation hat sie auf eine Wand ihres Wahlkreisbüros malen lassen. Ihr Job als Abgeordnete, sagt sie, verlange ihr genauso viel Energie ab wie der Harvard-Abschluss mit Zwillingsgeburt.

Alle zwei Wochen, jeweils samstags, besucht de Montchalin ihren Wahlkreis. Mehr sei nicht möglich bei so viel Arbeit, bei drei Kindern. Sie lächelt: "Jeder kann online verfolgen, was ich mache."

Einmal im Monat hält sie eine Versammlung ab zu einem Thema, das die Regierung gerade bearbeitet. De Montchalin trifft sich dann mit Vertretern der Institutionen und Vereine, sie besprechen, was für wen wichtig ist, worauf mehr Augenmerk gelenkt werden muss.

An diesem Samstag wird sie in einem Café in ihrem Wahlkreis die "Grande Marche pour l'Europe" lancieren, wird mit anderen Marcheurs an Türen klingeln und die Franzosen nach ihrer Meinung fragen. Basisarbeit, sagt de Montchalin.

Auch das gehört dazu. Diesmal im Dienst Europas, des nächsten großen Projekts Macrons.

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